An vorderster Front: Die Intensivstation in der Corona-Pandemie Anja Peper Minden. „Früher“, sagt die Oberärztin, „da haben wir auf der Intensivstation eher ein Leben in der Nische geführt.“ Kaum jemand wollte so genau wissen, was dort passiert, wo es um lebensbedrohliche Erkrankungen geht, wo Patienten 24 Stunden an Monitoren überwacht werden. Das Wort Intensivstation löst bei vielen Menschen Urängste aus: „Da will ich nicht hin!“, ist ein Reflex. Jetzt in der Corona-Pandemie steht die Intensivstation voll im Fokus: Wie ist die Lage? Die Corona-Fallzahlen steigen – und auch die Zahl an Menschen, die schwer an dem Virus erkranken. Dr. Iris Barndt ist Oberärztin der Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin am Johannes Wesling Klinikum. Ihre Kollegin Kathrin Tofahrn arbeitet als Fachkrankenpflegerin für Intensivpflege und Anästhesie. Gerade hatten sie und ihre Kollegen ein Erfolgserlebnis: Eine Covid-19-Patientin, weit über 80 Jahre alt, konnte die Intensivstation weitgehend genesen wieder verlassen. Es gibt also schöne Überraschungen in ihrem Alltag, der gerade anstrengender ist als sonst. Bei Tätigkeiten an den Beatmungsgeräten, beim Legen und Wechsel von Infusionen und beim Spritzen von Medikamenten ist extreme Vorsicht geboten. Das Umziehen kostet viel Zeit. Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Patient, vielleicht 90 Kilogramm schwer, muss auf den Bauch gedreht werden. Das ist alleine nicht zu schaffen. Beim Umlagern darf keiner der Schläuche verloren gehen. Also legen drei oder sogar vier Kollegen die Schutzausrüstung an: Handschuhe, Kittel, Mundschutz, Haube – das volle Programm. Sollten sie nach Betreten des Patientenzimmers feststellen, dass auch nur ein für die Behandlung erforderliches Teil fehlt, muss jemand zurück und sich erneut umziehen. Der Alltag schlaucht. Darum sind Pflegerinnen wie Kathrin Tofahrn darauf bedacht, so wenig wie möglich zwischen den Stationen zu wechseln. Corona-Patienten haben die Intensivstationen nicht für sich alleine. Auch Schlaganfälle, Herzinfarkte oder frisch Operierte liegen hier. Die größte Sorge derzeit: Es gibt zwar Notfall-Reserve-Betten im JWK, aber kein Notfall-Reserve-Personal. Die Idee, dass sich die Mühlenkreiskliniken als Verbund gegenseitig Personal ausleihen könnten, ist nicht realisierbar. Denn an den Standorten in Lübbecke oder Bad Oeynhausen ist das Personal ebenfalls knapp: „An irgendeiner Stelle ist die Tischdecke immer zu kurz“, sagt Oberärztin Dr. Iris Barndt, die auch die Dienstpläne macht. Es gab schon vor der Pandemie Personalmangel, besonders bei hoch qualifizierten Intensivkräften. „Das rächt sich jetzt.“ Tritt ein Quarantäne-Fall auf, muss sie irgendwie die Löcher im Dienstplan stopfen. Jetzt ist es noch so, dass jemand mit positivem Coronatest nicht arbeiten darf. Das könnte sich noch ändern, falls der oder die Betreffende ohne Symptome bleibt. Im Augenblick planen hier alle von einem Tag auf den anderen.Was positiv ist: Seit März hat das medizinische Personal viel gelernt über Corona. „Wir wissen jetzt, wie Schwerkranke von Cortison oder Remdesivir profitieren. Blutverdünnende Mittel helfen gegen Thrombosen oder Lungenembolien. Wir achten auch darauf, die Patienten nicht zu früh an die künstliche Beatmung zu nehmen, denn das kann sich auch nachteilig auswirken.“ Täglich treffen sich Ärzte und Pflegende, um ganz direkt am Beispiel der eigenen Patienten die kritischen Punkte zu besprechen und „up to date zu bleiben“. Es geht darum, neue Forschungsergebnisse in den Kontext zu bringen. Wie das Coronavirus die Lunge schädigen kann, lässt sich mit Tapetenkleister in einem Schwamm vergleichen. Das ist ein Bild, das dem nahekommt, womit sich die Mediziner gerade täglich beschäftigen. Bilder von hoffnungslos überfüllten Intensivstationen im Ausland und von Patienten, die auf Klinikfluren liegen: Das alles hat sich tief ins kollektive Gedächtnis gegraben. Der Kollaps des Systems – davor haben die Menschen Angst. Nicht zum ersten Mal sagt die Oberärztin jetzt: „Wir haben hier ein ganz anderes Gesundheitssystem als zum Beispiel in Italien. Wir haben mehr Intensivbetten. Und wir Norddeutsche halten grundsätzlich mehr Abstand.“ Unterm Strich: „Von einer Triage-Situation sind wir noch weit entfernt.“ Wer auf der Intensivstation arbeitet, ist seit Jahren geübt im Umgang mit kritischen Keimen. Und Routine trägt ein Stück weit durch die Krise: „Es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu behalten.“ Inzwischen werden Mitarbeiter aus sensiblen Bereichen wie der Intensivstation einmal pro Woche selber auf Covid-19 getestet: Das ist Bestimmung der nationalen Teststrategie, die für die Herbst- und Wintersaison 2020/21 angepasst wurde. Hintergrund: Dynamische Lage

An vorderster Front: Die Intensivstation in der Corona-Pandemie

Zutritt verboten: Die Intensivstationen sind die Hotspots der Corona-Pandemie. Ärzte wie Axel Klatt müssen sich täglich neu auf die dynamische Lage einstellen. Foto: privat/MKK © privat/MKK

Minden. „Früher“, sagt die Oberärztin, „da haben wir auf der Intensivstation eher ein Leben in der Nische geführt.“ Kaum jemand wollte so genau wissen, was dort passiert, wo es um lebensbedrohliche Erkrankungen geht, wo Patienten 24 Stunden an Monitoren überwacht werden. Das Wort Intensivstation löst bei vielen Menschen Urängste aus: „Da will ich nicht hin!“, ist ein Reflex. Jetzt in der Corona-Pandemie steht die Intensivstation voll im Fokus: Wie ist die Lage?

Die Corona-Fallzahlen steigen – und auch die Zahl an Menschen, die schwer an dem Virus erkranken. Dr. Iris Barndt ist Oberärztin der Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin am Johannes Wesling Klinikum. Ihre Kollegin Kathrin Tofahrn arbeitet als Fachkrankenpflegerin für Intensivpflege und Anästhesie. Gerade hatten sie und ihre Kollegen ein Erfolgserlebnis: Eine Covid-19-Patientin, weit über 80 Jahre alt, konnte die Intensivstation weitgehend genesen wieder verlassen. Es gibt also schöne Überraschungen in ihrem Alltag, der gerade anstrengender ist als sonst. Bei Tätigkeiten an den Beatmungsgeräten, beim Legen und Wechsel von Infusionen und beim Spritzen von Medikamenten ist extreme Vorsicht geboten. Das Umziehen kostet viel Zeit.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Patient, vielleicht 90 Kilogramm schwer, muss auf den Bauch gedreht werden. Das ist alleine nicht zu schaffen. Beim Umlagern darf keiner der Schläuche verloren gehen. Also legen drei oder sogar vier Kollegen die Schutzausrüstung an: Handschuhe, Kittel, Mundschutz, Haube – das volle Programm. Sollten sie nach Betreten des Patientenzimmers feststellen, dass auch nur ein für die Behandlung erforderliches Teil fehlt, muss jemand zurück und sich erneut umziehen. Der Alltag schlaucht. Darum sind Pflegerinnen wie Kathrin Tofahrn darauf bedacht, so wenig wie möglich zwischen den Stationen zu wechseln. Corona-Patienten haben die Intensivstationen nicht für sich alleine. Auch Schlaganfälle, Herzinfarkte oder frisch Operierte liegen hier.

Die größte Sorge derzeit: Es gibt zwar Notfall-Reserve-Betten im JWK, aber kein Notfall-Reserve-Personal. Die Idee, dass sich die Mühlenkreiskliniken als Verbund gegenseitig Personal ausleihen könnten, ist nicht realisierbar. Denn an den Standorten in Lübbecke oder Bad Oeynhausen ist das Personal ebenfalls knapp: „An irgendeiner Stelle ist die Tischdecke immer zu kurz“, sagt Oberärztin Dr. Iris Barndt, die auch die Dienstpläne macht. Es gab schon vor der Pandemie Personalmangel, besonders bei hoch qualifizierten Intensivkräften. „Das rächt sich jetzt.“ Tritt ein Quarantäne-Fall auf, muss sie irgendwie die Löcher im Dienstplan stopfen. Jetzt ist es noch so, dass jemand mit positivem Coronatest nicht arbeiten darf. Das könnte sich noch ändern, falls der oder die Betreffende ohne Symptome bleibt. Im Augenblick planen hier alle von einem Tag auf den anderen.Was positiv ist: Seit März hat das medizinische Personal viel gelernt über Corona. „Wir wissen jetzt, wie Schwerkranke von Cortison oder Remdesivir profitieren. Blutverdünnende Mittel helfen gegen Thrombosen oder Lungenembolien. Wir achten auch darauf, die Patienten nicht zu früh an die künstliche Beatmung zu nehmen, denn das kann sich auch nachteilig auswirken.“

Täglich treffen sich Ärzte und Pflegende, um ganz direkt am Beispiel der eigenen Patienten die kritischen Punkte zu besprechen und „up to date zu bleiben“. Es geht darum, neue Forschungsergebnisse in den Kontext zu bringen. Wie das Coronavirus die Lunge schädigen kann, lässt sich mit Tapetenkleister in einem Schwamm vergleichen. Das ist ein Bild, das dem nahekommt, womit sich die Mediziner gerade täglich beschäftigen.

Bilder von hoffnungslos überfüllten Intensivstationen im Ausland und von Patienten, die auf Klinikfluren liegen: Das alles hat sich tief ins kollektive Gedächtnis gegraben. Der Kollaps des Systems – davor haben die Menschen Angst. Nicht zum ersten Mal sagt die Oberärztin jetzt: „Wir haben hier ein ganz anderes Gesundheitssystem als zum Beispiel in Italien. Wir haben mehr Intensivbetten. Und wir Norddeutsche halten grundsätzlich mehr Abstand.“ Unterm Strich: „Von einer Triage-Situation sind wir noch weit entfernt.“ Wer auf der Intensivstation arbeitet, ist seit Jahren geübt im Umgang mit kritischen Keimen. Und Routine trägt ein Stück weit durch die Krise: „Es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu behalten.“ Inzwischen werden Mitarbeiter aus sensiblen Bereichen wie der Intensivstation einmal pro Woche selber auf Covid-19 getestet: Das ist Bestimmung der nationalen Teststrategie, die für die Herbst- und Wintersaison 2020/21 angepasst wurde.

Hintergrund: Dynamische Lage

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