„An Verkehrsregeln hält sich kaum jemand“ - Fotograf Harald Wiese über seine ungewöhnlichen Erfahrungen in Vietnam Michael Lorenz Minden. Der Mindener Fotograf und Filmer Harald Wiese hat mit dem Buch „Seven Years of Vietnam“ ein beeindruckendes Werk vorgelegt. Im Interview spricht Wiese über die Entstehungsgeschichte des Buches, über Vietnam und über seine Liebe zu Land und Leuten. Herr Wiese, was war die Initialzündung zu diesem Buch? Ich war im Rahmen einer TV-Dokumentation im Jahr 2007 erstmals in Vietnam. Da habe ich mich in das Land verliebt. Irgendwann hatten wir so viel Material zusammen, dass ich erst dachte: Wir machen einen Film. Der zweite Gedanke war dann das Buch. Was war das für eine TV-Dokumentation? Ich war mit dem Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgen Dr. Werner Engelke aus dem Johannes-Wesling-Klinikum, der auch für die gemeinnützige Hilfsorganisation Deviemed arbeitet, in Vietnam. Die Doku haben wir für Stern-TV gedreht, das damals noch von Günther Jauch moderiert wurde. Es ging um den Zusammenhang zwischen „Agent Orange“, jenem „Entlaubungsmittel“, welches die Amerikaner im Vietnamkrieg eingesetzt hatten, und der Häufigkeit einer Fehlbildung, der sogenannten Mund-, Kiefer-, Gaumenspalte. Besteht ein Zusammenhang? Tatsächlich tritt diese Fehlbildung in den Gegenden, in denen das Zeug versprüht wurde, signifikant häufiger auf als in anderen Landstrichen. Das Problem ist: Es kann bis heute kein Beweis geführt werden, dass das tatsächlich an der eingesetzten Chemikalie liegt. Was hat Sie an Vietnam so gepackt? Zum einen natürlich diese völlig andere Lebensart, dieses Gewusel überall, dieses ganz andere Klima, aber das hatte ich ja erwartet. Aber, die Menschen sind dort unfassbar zugänglich, freundlich, hilfsbereit und einfallsreich. Wie haben Sie kommuniziert? Ich hatte einen Fahrer namens Tuan, der konnte Englisch. Wie sind die Amerikaner, die damals das Agent-Orange versprühten, eigentlich im Land angesehen? Nicht so schlecht, wie man es sich hierzulande vorstellt. Zum einen lassen die jede Menge Geld dort, zum anderen wurden die Amerikaner ja im Vietnamkrieg mehr oder weniger besiegt. Die Amis machen aber einen Fehler: Für Operationen der besagten Spaltenbehandlungen (Cleft) und andere medizinische Hilfsleistungen schicken sie keine Ärzte, sondern oft Studenten zum „Üben“ nach Vietnam. Das kostet sie Sympathiepunkte. Der Staat heißt offiziell Sozialistische Republik Vietnam. Wie stark ist der Sozialismus im Alltagsleben zu spüren? Kaum. Zwar haben die Kommunisten seit 1976 im ganzen Land das Sagen, aber insgesamt ist Vietnam eher westlich geprägt. Die Städte sind ziemlich modern und zum Teil sehr bunt. Die Menschen sind sehr einfallsreich und ignorieren die Kommunisten so weit es geht. Hanoi in Norden des Landes ist die Hauptstadt, Ho-Chi-Minh-City, das frühere Saigon, im Süden des Landes, die Wirtschaftsmetropole. Viele Ihrer Fotomotive fanden Sie in der zentralvietnamesischen Hauptstadt Da-Nang. Was macht diese Stadt aus? Da-Nang ist faszinierend. Es liegt nahe des mystischen Wolkenpasses, der die natürliche Grenze zwischen Nord- und Südvietnam darstellt und der im Krieg entscheidende strategische Bedeutung hatte. Im Süden Vietnams ist der Sonnenuntergang aufgrund der Äquator-Nähe eine Sache von Minuten, in Da-Nang merkt man das nicht so sehr, nicht umsonst sagt man „Die leuchtende Stadt“. Es ist ähnlich bunt beleuchtet wie Las Vegas. Die Drachenbrücke oder die Han-Fluss-Brücke bieten im Dunkeln faszinierende Lichtspiele mit Reflexionen im Fluss. Wenn man auf Bildern den Straßenverkehr in Vietnam anschaut, denkt sich der Mitteleuropäer: Komplett irre. Beschreiben sie das doch mal. Komplett irre trifft es ganz gut, doch der Irrsinn hat Methode. Zwar gibt es dort Verkehrsregeln, aber an die hält sich kaum jemand. Der Vietnamese sucht sich grundsätzlich den kürzesten Weg. Besucher aus dem Westen, die noch nie da waren, bekommen regelmäßig Zustände, wenn sie in Vietnams Städten unterwegs sind, und denken ständig: Gleich knallt es. Tut es aber nicht. Die passen gut aufeinander auf. Man darf nur nicht den Fehler machen, vor lauter Angst auf die Bremse zu treten. Dann ist die Gefahr groß, dass es doch knallt. Haben Sie selbst als Fahrer an diesem Verkehr teilgenommen? Oh ja, relativ oft sogar, und zwar mit dem Moped, was in Vietnam mit etwa 90 Prozent das Hauptverkehrsmittel ist. Es ist schwer vorstellbar, aber es macht sogar Spaß, dort mit dem Motorbike oder einem Motorroller herum zu brausen, wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat. Auf ihren Bildern tragen viele Menschen Masken. Es scheint, als hätten Sie viele Fotos erst nach dem Corona-Ausbruch geschossen? So scheint es, aber das ist weit gefehlt. Hauptsächlich Frauen tragen tagsüber Masken und auch Handschuhe, die den gesamten Unterarm bedeckten. Die Vietnamesinnen wollen ihre weiße Haut bewahren, die gilt dort als vornehm und als Schönheitsideal. Viele Vietnamesinnen gehen gerne schwimmen, aber erst nach 17 Uhr, wenn die Sonne weg ist. Ihr Buch ist relativ groß und schwer, es macht durchaus was her. Wie hat es sich angefühlt, als Sie es zum ersten Mal in den Händen hielten? Sensationell.

„An Verkehrsregeln hält sich kaum jemand“ - Fotograf Harald Wiese über seine ungewöhnlichen Erfahrungen in Vietnam

Fasziniert von Vietnam: Harald Wiese. Foto: Michael Lorenz © Michael Lorenz

Minden. Der Mindener Fotograf und Filmer Harald Wiese hat mit dem Buch „Seven Years of Vietnam“ ein beeindruckendes Werk vorgelegt. Im Interview spricht Wiese über die Entstehungsgeschichte des Buches, über Vietnam und über seine Liebe zu Land und Leuten.

Herr Wiese, was war die Initialzündung zu diesem Buch?

Ich war im Rahmen einer TV-Dokumentation im Jahr 2007 erstmals in Vietnam. Da habe ich mich in das Land verliebt. Irgendwann hatten wir so viel Material zusammen, dass ich erst dachte: Wir machen einen Film. Der zweite Gedanke war dann das Buch.

Der Mindener Filmer und Fotograf schildert in dem Buch seine Eindrücke, die er in sieben Jahren dort gewonnen hat. Foto: Michael Lorenz - © Michael Lorenz
Der Mindener Filmer und Fotograf schildert in dem Buch seine Eindrücke, die er in sieben Jahren dort gewonnen hat. Foto: Michael Lorenz - © Michael Lorenz

Was war das für eine TV-Dokumentation?

Ich war mit dem Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgen Dr. Werner Engelke aus dem Johannes-Wesling-Klinikum, der auch für die gemeinnützige Hilfsorganisation Deviemed arbeitet, in Vietnam. Die Doku haben wir für Stern-TV gedreht, das damals noch von Günther Jauch moderiert wurde. Es ging um den Zusammenhang zwischen „Agent Orange“, jenem „Entlaubungsmittel“, welches die Amerikaner im Vietnamkrieg eingesetzt hatten, und der Häufigkeit einer Fehlbildung, der sogenannten Mund-, Kiefer-, Gaumenspalte.

Besteht ein Zusammenhang?

Tatsächlich tritt diese Fehlbildung in den Gegenden, in denen das Zeug versprüht wurde, signifikant häufiger auf als in anderen Landstrichen. Das Problem ist: Es kann bis heute kein Beweis geführt werden, dass das tatsächlich an der eingesetzten Chemikalie liegt.

Was hat Sie an Vietnam so gepackt?

Zum einen natürlich diese völlig andere Lebensart, dieses Gewusel überall, dieses ganz andere Klima, aber das hatte ich ja erwartet. Aber, die Menschen sind dort unfassbar zugänglich, freundlich, hilfsbereit und einfallsreich.

Wie haben Sie kommuniziert?

Ich hatte einen Fahrer namens Tuan, der konnte Englisch.

Wie sind die Amerikaner, die damals das Agent-Orange versprühten, eigentlich im Land angesehen?

Nicht so schlecht, wie man es sich hierzulande vorstellt. Zum einen lassen die jede Menge Geld dort, zum anderen wurden die Amerikaner ja im Vietnamkrieg mehr oder weniger besiegt. Die Amis machen aber einen Fehler: Für Operationen der besagten Spaltenbehandlungen (Cleft) und andere medizinische Hilfsleistungen schicken sie keine Ärzte, sondern oft Studenten zum „Üben“ nach Vietnam. Das kostet sie Sympathiepunkte.

Der Staat heißt offiziell Sozialistische Republik Vietnam. Wie stark ist der Sozialismus im Alltagsleben zu spüren?

Kaum. Zwar haben die Kommunisten seit 1976 im ganzen Land das Sagen, aber insgesamt ist Vietnam eher westlich geprägt. Die Städte sind ziemlich modern und zum Teil sehr bunt. Die Menschen sind sehr einfallsreich und ignorieren die Kommunisten so weit es geht.

Hanoi in Norden des Landes ist die Hauptstadt, Ho-Chi-Minh-City, das frühere Saigon, im Süden des Landes, die Wirtschaftsmetropole. Viele Ihrer Fotomotive fanden Sie in der zentralvietnamesischen Hauptstadt Da-Nang. Was macht diese Stadt aus?

Da-Nang ist faszinierend. Es liegt nahe des mystischen Wolkenpasses, der die natürliche Grenze zwischen Nord- und Südvietnam darstellt und der im Krieg entscheidende strategische Bedeutung hatte. Im Süden Vietnams ist der Sonnenuntergang aufgrund der Äquator-Nähe eine Sache von Minuten, in Da-Nang merkt man das nicht so sehr, nicht umsonst sagt man „Die leuchtende Stadt“. Es ist ähnlich bunt beleuchtet wie Las Vegas. Die Drachenbrücke oder die Han-Fluss-Brücke bieten im Dunkeln faszinierende Lichtspiele mit Reflexionen im Fluss.

Wenn man auf Bildern den Straßenverkehr in Vietnam anschaut, denkt sich der Mitteleuropäer: Komplett irre. Beschreiben sie das doch mal.

Komplett irre trifft es ganz gut, doch der Irrsinn hat Methode. Zwar gibt es dort Verkehrsregeln, aber an die hält sich kaum jemand. Der Vietnamese sucht sich grundsätzlich den kürzesten Weg. Besucher aus dem Westen, die noch nie da waren, bekommen regelmäßig Zustände, wenn sie in Vietnams Städten unterwegs sind, und denken ständig: Gleich knallt es. Tut es aber nicht. Die passen gut aufeinander auf. Man darf nur nicht den Fehler machen, vor lauter Angst auf die Bremse zu treten. Dann ist die Gefahr groß, dass es doch knallt.

Haben Sie selbst als Fahrer an diesem Verkehr teilgenommen?

Oh ja, relativ oft sogar, und zwar mit dem Moped, was in Vietnam mit etwa 90 Prozent das Hauptverkehrsmittel ist. Es ist schwer vorstellbar, aber es macht sogar Spaß, dort mit dem Motorbike oder einem Motorroller herum zu brausen, wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat.

Auf ihren Bildern tragen viele Menschen Masken. Es scheint, als hätten Sie viele Fotos erst nach dem Corona-Ausbruch geschossen?

So scheint es, aber das ist weit gefehlt. Hauptsächlich Frauen tragen tagsüber Masken und auch Handschuhe, die den gesamten Unterarm bedeckten. Die Vietnamesinnen wollen ihre weiße Haut bewahren, die gilt dort als vornehm und als Schönheitsideal. Viele Vietnamesinnen gehen gerne schwimmen, aber erst nach 17 Uhr, wenn die Sonne weg ist.

Ihr Buch ist relativ groß und schwer, es macht durchaus was her. Wie hat es sich angefühlt, als Sie es zum ersten Mal in den Händen hielten?

Sensationell.

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