Altes Haus mit neuem Inhalt: Preußenmuseum geht nach sieben Jahren wieder an den Start Ursula Koch Minden. Das LWL-Preußenmuseum hat sich drastisch verwandelt. In Regenbogen-Farben präsentiert sich die Wand entlang des Gangs durch den Sonderausstellungsbereich im Obergeschoss. Nach annähernd sieben Jahren Pause öffnen sich am Freitag zum ersten Mal wieder die Türen der ehemaligen Defensionskaserne am Simeonsplatz für Besucher. Dann ist allerdings noch nicht die neue Dauerausstellung zu sehen, sondern die Sonderausstellung „Jüdisch? Preußisch? Oder was?“, einem von insgesamt 24 Beiträgen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) zum Festjahr „#2021JLID – Jüdisches Leben in Deutschland“. Nicht Geschichtswissen abbilden, sondern einen Bezug zur Gegenwart herstellen. Das ist es, was das LWL-Preußenmuseum in Zukunft leisten will, formuliert LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger. „Die Ausstellung schaut zwar zurück auf das 18. und 19. Jahrhundert. Dabei stellt sie aber Fragen nach Zugehörigkeiten von sozialen Gruppen zu einer Gesellschaft, nach Herkunft, Diversität und Identität, aber auch nach Grenzen und Ausgrenzungsmechanismen. Fragen also, die auch heute hochgradig relevant sind“, ergänzt LWL-Direktor Matthias Löb. „Miteinander reden ist die beste Vorsorge gegen Antisemitismus“, sagt der LWL-Direktor. Das Festjahr habe sehr viele Gespräche mit den jüdischen Gemeinden in Gang gebracht, diesen Schwung möchte er mit in die Zukunft nehmen. In der Tat hat sich die Ausstellungsgestaltung gegenüber der, wie sie die Besucher aus dem bisherigen Preußenmuseum kannten, drastisch verändert. Kurze Einführungstexte, jeweils ein „Leitexponat“ und ein zentrales Bildmotiv, dazu eine „Möglichkeitswand“, mit kurzen Texten, die etwas mehr in die Tiefe gehen. Das ist das Grundgerüst, in dem die zehn Räume zu zehn zentralen Fragen gestaltet sind. „Es gibt keine Notwendigkeit einer Chronologie. Jeder kann die Ausstellung so benutzen, wie er es möchte. Lassen Sie Ihre Gedanken spielen“, fordert Museumsleiterin Dr. Sylvia Necker auf. Einen so genannten Intro-Raum gibt es hinter dem Eingang aber doch. Dort werden die zehn Stichworte und Fragen, die jeweils einem Raum zugeordnet sind, abwechselnd eingeblendet. Die weißen Stühle – alles Spenden von Mindenern – können Besucher für den Gang durch die Ausstellung mitnehmen. „Heißt bleiben, angekommen zu sein?“ Danach fragt der Raum, der mit dem Stichwort „Ankommen“ gekennzeichnet ist. In den Räumen „Reden“ und „Verwaltung“ können die Besucher selber Teil der Ausstellung werden. Im ersten Fall können sie mittels Overhead-Projekte einen Kommentar hinterlassen. Ganz hinten ist ein Raum mit fünf Schreibtischen, ähnlich einer Amtsstube eingerichtet, in dem sie in Aktenordnern mehr Informationen zu einzelnen Themen finden. Mit den Exponaten stellt das Museum Bezüge zur Region her. Zum Stichwort „Kämpfen“ ist der Uniformrock von Sally Strauss ausgestellt, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Er war als Mitglied des Infanterie-Regiments Nr. 15 in Minden stationiert. „Sein Enkel hat uns Jacke und Mütze als Leihgabe zur Verfügung gestellt“, erläutert Necker. Dahinter prangt die großformatige Abbildung eines Exponates aus dem Mindener Museum: Ein Gedenktuch an den jüdischen Feldgottesdienst vor Metz 1870. Es zeigt Soldaten in Uniform, Pickelhaube und jüdischem Gebetsmantel zum Versöhnungstag „Jom Kippur“ im Deutsch-Französischen Krieg. „Auf die Details kommt es an. Darum haben wir uns für die Vergrößerung entschieden“, erläutert die Museumsleiterin. Das Originaltuch misst nur 68 mal 68 Zentimeter. Unter dem Stichwort „Hoffen“ geht es um den jüdischen Alltag in Preußen und die Hoffnung auf gesellschaftliche Anerkennung. Jüdisches Traditionsbewusstsein und repräsentatives Möbeldesign vereinen sich in einem jüdischen Besteckschrank einer Familie aus Petershagen, den die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge zur Verfügung gestellt hat. Er dient der sorgfältigen Trennung der verschiedenen Besteckteile nach den rituellen Glaubensgrundsätzen. Das großformatige Foto dahinter zeigt allerdings eine jüdische Familie aus Hamburg, weil von den Besitzern des Besteckschranks keine Fotografien überliefert sind. Zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung im LWL-Preußenmuseum mochte Rüschoff-Parzinger mit Verweis auf die gegenwärtige Materialknappheit kein Datum nennen. Sie stellte aber in Aussicht, dass das LWL-Preußenmuseum in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres wieder vollständig zugänglich ist. Die Ausstellung ist bis zum 11. September 2022, dienstags bis sonntags, von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Sie wird begleitet von einem Blog jp-pmm.lwl.org. Es gibt ein Begleitheft und im nächsten Jahr ein wissenschaftliches Essayheft. Für den Besuch gilt die 2G-Regelung.

Altes Haus mit neuem Inhalt: Preußenmuseum geht nach sieben Jahren wieder an den Start

Der Uniformrock des Mindeners Sally Strauss ist eines der lokalen Exponate in der Ausstelllung „Jüdisch? Preußisch? Oder was?“ MT-Foto: Alex Lehn

Minden. Das LWL-Preußenmuseum hat sich drastisch verwandelt. In Regenbogen-Farben präsentiert sich die Wand entlang des Gangs durch den Sonderausstellungsbereich im Obergeschoss. Nach annähernd sieben Jahren Pause öffnen sich am Freitag zum ersten Mal wieder die Türen der ehemaligen Defensionskaserne am Simeonsplatz für Besucher. Dann ist allerdings noch nicht die neue Dauerausstellung zu sehen, sondern die Sonderausstellung „Jüdisch? Preußisch? Oder was?“, einem von insgesamt 24 Beiträgen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) zum Festjahr „#2021JLID – Jüdisches Leben in Deutschland“.

Nicht Geschichtswissen abbilden, sondern einen Bezug zur Gegenwart herstellen. Das ist es, was das LWL-Preußenmuseum in Zukunft leisten will, formuliert LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger. „Die Ausstellung schaut zwar zurück auf das 18. und 19. Jahrhundert. Dabei stellt sie aber Fragen nach Zugehörigkeiten von sozialen Gruppen zu einer Gesellschaft, nach Herkunft, Diversität und Identität, aber auch nach Grenzen und Ausgrenzungsmechanismen. Fragen also, die auch heute hochgradig relevant sind“, ergänzt LWL-Direktor Matthias Löb. „Miteinander reden ist die beste Vorsorge gegen Antisemitismus“, sagt der LWL-Direktor. Das Festjahr habe sehr viele Gespräche mit den jüdischen Gemeinden in Gang gebracht, diesen Schwung möchte er mit in die Zukunft nehmen.

In der Tat hat sich die Ausstellungsgestaltung gegenüber der, wie sie die Besucher aus dem bisherigen Preußenmuseum kannten, drastisch verändert. Kurze Einführungstexte, jeweils ein „Leitexponat“ und ein zentrales Bildmotiv, dazu eine „Möglichkeitswand“, mit kurzen Texten, die etwas mehr in die Tiefe gehen. Das ist das Grundgerüst, in dem die zehn Räume zu zehn zentralen Fragen gestaltet sind. „Es gibt keine Notwendigkeit einer Chronologie. Jeder kann die Ausstellung so benutzen, wie er es möchte. Lassen Sie Ihre Gedanken spielen“, fordert Museumsleiterin Dr. Sylvia Necker auf.

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Patrick Schwemmling

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Einen so genannten Intro-Raum gibt es hinter dem Eingang aber doch. Dort werden die zehn Stichworte und Fragen, die jeweils einem Raum zugeordnet sind, abwechselnd eingeblendet. Die weißen Stühle – alles Spenden von Mindenern – können Besucher für den Gang durch die Ausstellung mitnehmen. „Heißt bleiben, angekommen zu sein?“ Danach fragt der Raum, der mit dem Stichwort „Ankommen“ gekennzeichnet ist. In den Räumen „Reden“ und „Verwaltung“ können die Besucher selber Teil der Ausstellung werden. Im ersten Fall können sie mittels Overhead-Projekte einen Kommentar hinterlassen. Ganz hinten ist ein Raum mit fünf Schreibtischen, ähnlich einer Amtsstube eingerichtet, in dem sie in Aktenordnern mehr Informationen zu einzelnen Themen finden.

Mit den Exponaten stellt das Museum Bezüge zur Region her. Zum Stichwort „Kämpfen“ ist der Uniformrock von Sally Strauss ausgestellt, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Er war als Mitglied des Infanterie-Regiments Nr. 15 in Minden stationiert. „Sein Enkel hat uns Jacke und Mütze als Leihgabe zur Verfügung gestellt“, erläutert Necker. Dahinter prangt die großformatige Abbildung eines Exponates aus dem Mindener Museum: Ein Gedenktuch an den jüdischen Feldgottesdienst vor Metz 1870. Es zeigt Soldaten in Uniform, Pickelhaube und jüdischem Gebetsmantel zum Versöhnungstag „Jom Kippur“ im Deutsch-Französischen Krieg. „Auf die Details kommt es an. Darum haben wir uns für die Vergrößerung entschieden“, erläutert die Museumsleiterin. Das Originaltuch misst nur 68 mal 68 Zentimeter.

Unter dem Stichwort „Hoffen“ geht es um den jüdischen Alltag in Preußen und die Hoffnung auf gesellschaftliche Anerkennung. Jüdisches Traditionsbewusstsein und repräsentatives Möbeldesign vereinen sich in einem jüdischen Besteckschrank einer Familie aus Petershagen, den die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge zur Verfügung gestellt hat. Er dient der sorgfältigen Trennung der verschiedenen Besteckteile nach den rituellen Glaubensgrundsätzen. Das großformatige Foto dahinter zeigt allerdings eine jüdische Familie aus Hamburg, weil von den Besitzern des Besteckschranks keine Fotografien überliefert sind.

Zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung im LWL-Preußenmuseum mochte Rüschoff-Parzinger mit Verweis auf die gegenwärtige Materialknappheit kein Datum nennen. Sie stellte aber in Aussicht, dass das LWL-Preußenmuseum in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres wieder vollständig zugänglich ist.

Die Ausstellung ist bis zum 11. September 2022, dienstags bis sonntags, von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Sie wird begleitet von einem Blog jp-pmm.lwl.org. Es gibt ein Begleitheft und im nächsten Jahr ein wissenschaftliches Essayheft. Für den Besuch gilt die 2G-Regelung.

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