Als Mindens Zukunft aufs Wasser kam - Ausstellung erinnert an Industriehafen vor 100 Jahren Jürgen Langenkämper Minden (mt). Mit dem Bau des Mittellandkanals haben Mindens Stadtväter große Hoffnungen für die weitere wirtschaftliche Entwicklung verbunden. Damit die Schifffahrt nicht nur an der Stadt vorbeiging, sondern sich Gewerbe ansiedelte, wurde 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, der Industriehafen II in Betrieb genommen. An die Eröffnung des Hafenbeckens vor hundert Jahren erinnert das Mindener Museum mit der Ausstellung „Menschen, Schiffe, Maloche. Lebenswelt - Arbeitswelt. Geschichten der Mindener Häfen“, die am Samstag eröffnet wird.Eine große Karte klebt bis zum Ende der Ausstellung am 9. Juli auf dem Fußboden im großen Museumssaal. Sie zeigt den Lageplan der Stadt Minden mit Gebäuden, Eisenbahntrassen, Weser, Mittellandkanal - und eben Häfen, wie viele Bürger es kennen. Oder auch nicht, denn Museumsleiter Philipp Koch sagt: „Viele Mindener kennen ihre Häfen gar nicht richtig.“ Und die Irreführung fing schon vor hundert Jahren an. „Der Industriehafen II wurde nämlich vor dem Industriehafen I gebaut, der erst 1962 in Betrieb genommen wurde“, wie der Historiker weiß.Die Wenigsten wissen denn auch wohl, dass das Hafengebiet nach dem Willen der Stadtväter ursprünglich auf dem linken Weserufer südlich der Stadt angesiedelt werden sollte. Die gravierenden Auswirkungen der Vorschläge der Handelskammer von 1909 sind beim Blick auf dem Fußboden zu erkennen.Aber auch der Blick an die Wände lohnt sich. Denn dort sind viele historische Ansichten der Stadt, der Weser und ihrer Veränderungen im 19. und 20. Jahrhundert zu sehen. „Wir verfügen über eine große Sammlung von Grafiken aus der Zeit“, sagt Philipp Koch. Denn Minden war als zweitgrößte Stadt in Westfalen und Regierungssitz zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Motiv.Ihre Ortskenntnis testen und erweitern können Besucher schon gleich am Eingang bei einem Drohnenflug über das Wasserstraßenkreuz und das Hafengebiet. Die atemberaubenden Ansichten steigern die Lust, die Terra incognita vor der eigenen Haustür zu entdecken.Nicht nur Kinder können eine kleine Auswahl der Güter, die in den Häfen umgeschlagen wurden, an einer sensorischen Station ertasten und riechen. „Speziell für Kinder gibt es unterschiedliche Angebote für verschiedene Altersgruppen, für Kitas, Schulen und Familie, bis hin zum Kindergeburtstag rund um Schiffe“, sagt Museumspädagogin Kristin Saretzki.Ein Bereich für den geplanten Regioport gibt einen Ausblick auf die mögliche weitere Entwicklung der Kanalhäfen nach den ersten hundert Jahren. „Dabei kommt auch die Bürgerinitiative gegen den Regioport zu Wort“, ist der Leiter des städtischen Museums um Neutralität in der Darstellung bemüht.Neben dem historischen Pfad im Hauptsaal sind die Exponate im Kaminzimmer thematisch-technisch aufgebaut. Gezeigt wird in der Signaltechnik neben Lampen und Leuchten der Schiffer ein alter Fernschreiber, wie ihn die in Minden ansässige Oberweser-Privatschiffer-Vereinigung (OPV) verwendete - quasi ein analoger Vorläufer von E-Mails und Internet.Größtes Einzelexponat ist ein Beiboot der ursprünglich in Vlotho beheimateten Werft Büsching & Rosemeyer, die sich 1936 auf dem Gelände der ehemaligen Mewag - Mindener Eisenbetonwerft - im Industriehafen ansiedelte. „Der Firmengründer soll mehrere solcher Boote beim Skat verspielt haben“, erzählt Philipp Koch eine Anekdote. Das Portrait Heinrich Rosemeyers (1880-1949) hängt über dem Beiboot.Ein noch größeres Ausstellungsstück, einen Reifen eines Reachstackers aus dem Containerhafen, hätten die Ausstellungsmacher nicht durch die Tür bekommen - „zu schwer, zu gefährlich“, sagt Koch, der das Risiko nicht eingehen wollte und mit einem kleineren Reifen vorliebnahm. Auch ein historischer Taucheranzug überragt den Museologen.Unterstützt wurde der Museumsmann bei der Vorbereitung nicht nur vom eigenen Team, sondern von sechs Studentinnen der Universität Bielefeld. Gemeinsam mit dem Geschichtsdozenten Dr. Jürgen Büschenfeld und Philipp Koch erarbeiteten sie über zwei Semester verschiedene Thema, angefangen von der Entfestigung Mindens und Planungen über Umschlags- und Transporttechniken bis hin zu Binnenschiffern und Hafenarbeitern sowie zu neuerer Stadtentwicklung am alten Weserhafen, dem Güterbahnhof und dem Regioport im Spannungsfeld zwischen Freizeit, Tourismus, Logistik und Kommunikation. „Dafür haben wir Archive besucht und unsere Texte abgesprochen“, sagt Lena Böschemeyer. „Wir mussten vom Schreiben klassischer Texte in Hausarbeiten weg hin zu knappen, prägnanten Bannertexten“, ergänzt Pia Bargel. Christina Fußner unterstreicht den Erkenntnisgewinn durch die berufsorientierte Arbeit. „Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass es am Ende beim Aufbau so knapp wird“, staunt Janina Schrader. Doch das kennen Museumsleute nicht anders.Die Eröffnung beginnt am Samstag, 18. Februar, um 16 Uhr. Dazu ist der Eintritt frei.

Als Mindens Zukunft aufs Wasser kam - Ausstellung erinnert an Industriehafen vor 100 Jahren

Entree: Die Besucher stoßen auf eine große Schiffsschraube, die sie sonst kaum zu sehen bekommen.

Minden (mt). Mit dem Bau des Mittellandkanals haben Mindens Stadtväter große Hoffnungen für die weitere wirtschaftliche Entwicklung verbunden. Damit die Schifffahrt nicht nur an der Stadt vorbeiging, sondern sich Gewerbe ansiedelte, wurde 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, der Industriehafen II in Betrieb genommen. An die Eröffnung des Hafenbeckens vor hundert Jahren erinnert das Mindener Museum mit der Ausstellung „Menschen, Schiffe, Maloche. Lebenswelt - Arbeitswelt. Geschichten der Mindener Häfen“, die am Samstag eröffnet wird.

Eine große Karte klebt bis zum Ende der Ausstellung am 9. Juli auf dem Fußboden im großen Museumssaal. Sie zeigt den Lageplan der Stadt Minden mit Gebäuden, Eisenbahntrassen, Weser, Mittellandkanal - und eben Häfen, wie viele Bürger es kennen. Oder auch nicht, denn Museumsleiter Philipp Koch sagt: „Viele Mindener kennen ihre Häfen gar nicht richtig.“ Und die Irreführung fing schon vor hundert Jahren an. „Der Industriehafen II wurde nämlich vor dem Industriehafen I gebaut, der erst 1962 in Betrieb genommen wurde“, wie der Historiker weiß.

Umschlag: In Säcken und Tonnen wurden Güter umgeschlagen. Im Hintergrund ist eine Eissäge zu sehen.
Umschlag: In Säcken und Tonnen wurden Güter umgeschlagen. Im Hintergrund ist eine Eissäge zu sehen.

Die Wenigsten wissen denn auch wohl, dass das Hafengebiet nach dem Willen der Stadtväter ursprünglich auf dem linken Weserufer südlich der Stadt angesiedelt werden sollte. Die gravierenden Auswirkungen der Vorschläge der Handelskammer von 1909 sind beim Blick auf dem Fußboden zu erkennen.

Aber auch der Blick an die Wände lohnt sich. Denn dort sind viele historische Ansichten der Stadt, der Weser und ihrer Veränderungen im 19. und 20. Jahrhundert zu sehen. „Wir verfügen über eine große Sammlung von Grafiken aus der Zeit“, sagt Philipp Koch. Denn Minden war als zweitgrößte Stadt in Westfalen und Regierungssitz zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Motiv.

Arbeit unter Wasser: Philipp Koch mit einem Taucheranzug.
Arbeit unter Wasser: Philipp Koch mit einem Taucheranzug.

Ihre Ortskenntnis testen und erweitern können Besucher schon gleich am Eingang bei einem Drohnenflug über das Wasserstraßenkreuz und das Hafengebiet. Die atemberaubenden Ansichten steigern die Lust, die Terra incognita vor der eigenen Haustür zu entdecken.

Nicht nur Kinder können eine kleine Auswahl der Güter, die in den Häfen umgeschlagen wurden, an einer sensorischen Station ertasten und riechen. „Speziell für Kinder gibt es unterschiedliche Angebote für verschiedene Altersgruppen, für Kitas, Schulen und Familie, bis hin zum Kindergeburtstag rund um Schiffe“, sagt Museumspädagogin Kristin Saretzki.

Entree: Die Besucher stoßen auf eine große Schiffsschraube, die sie sonst kaum zu sehen bekommen.
Entree: Die Besucher stoßen auf eine große Schiffsschraube, die sie sonst kaum zu sehen bekommen.

Ein Bereich für den geplanten Regioport gibt einen Ausblick auf die mögliche weitere Entwicklung der Kanalhäfen nach den ersten hundert Jahren. „Dabei kommt auch die Bürgerinitiative gegen den Regioport zu Wort“, ist der Leiter des städtischen Museums um Neutralität in der Darstellung bemüht.

Neben dem historischen Pfad im Hauptsaal sind die Exponate im Kaminzimmer thematisch-technisch aufgebaut. Gezeigt wird in der Signaltechnik neben Lampen und Leuchten der Schiffer ein alter Fernschreiber, wie ihn die in Minden ansässige Oberweser-Privatschiffer-Vereinigung (OPV) verwendete - quasi ein analoger Vorläufer von E-Mails und Internet.

Vorläufer von E-Mails: Pia Bargel (von links) und Lena Böschemeyer schauen einen alten Fernschreiber an.
Vorläufer von E-Mails: Pia Bargel (von links) und Lena Böschemeyer schauen einen alten Fernschreiber an.

Größtes Einzelexponat ist ein Beiboot der ursprünglich in Vlotho beheimateten Werft Büsching & Rosemeyer, die sich 1936 auf dem Gelände der ehemaligen Mewag - Mindener Eisenbetonwerft - im Industriehafen ansiedelte. „Der Firmengründer soll mehrere solcher Boote beim Skat verspielt haben“, erzählt Philipp Koch eine Anekdote. Das Portrait Heinrich Rosemeyers (1880-1949) hängt über dem Beiboot.

Ein noch größeres Ausstellungsstück, einen Reifen eines Reachstackers aus dem Containerhafen, hätten die Ausstellungsmacher nicht durch die Tür bekommen - „zu schwer, zu gefährlich“, sagt Koch, der das Risiko nicht eingehen wollte und mit einem kleineren Reifen vorliebnahm. Auch ein historischer Taucheranzug überragt den Museologen.

Unterstützt wurde der Museumsmann bei der Vorbereitung nicht nur vom eigenen Team, sondern von sechs Studentinnen der Universität Bielefeld. Gemeinsam mit dem Geschichtsdozenten Dr. Jürgen Büschenfeld und Philipp Koch erarbeiteten sie über zwei Semester verschiedene Thema, angefangen von der Entfestigung Mindens und Planungen über Umschlags- und Transporttechniken bis hin zu Binnenschiffern und Hafenarbeitern sowie zu neuerer Stadtentwicklung am alten Weserhafen, dem Güterbahnhof und dem Regioport im Spannungsfeld zwischen Freizeit, Tourismus, Logistik und Kommunikation. „Dafür haben wir Archive besucht und unsere Texte abgesprochen“, sagt Lena Böschemeyer. „Wir mussten vom Schreiben klassischer Texte in Hausarbeiten weg hin zu knappen, prägnanten Bannertexten“, ergänzt Pia Bargel. Christina Fußner unterstreicht den Erkenntnisgewinn durch die berufsorientierte Arbeit. „Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass es am Ende beim Aufbau so knapp wird“, staunt Janina Schrader. Doch das kennen Museumsleute nicht anders.

Die Eröffnung beginnt am Samstag, 18. Februar, um 16 Uhr. Dazu ist der Eintritt frei.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden