Alles richtig, trotzdem nicht alles gut: Wenn Menschen, sich von Berichterstattung übergangen fühlen Matthias Kalle Minden. Vom Erfolgsschriftsteller Stephen King gibt es den verblüffenden Ratschlag an Autoren, sie sollten von der Arbeit erzählen, darüber würden Menschen immer gerne lesen wollen. Jegliche Arbeit sei geeignet, um davon zu berichten. Wenn Sie die heutige Kolumne langweilig finden sollten, geben Sie nicht mir die Schuld, sondern Stephen King. Also. Eine Leserin des MT wandte sich vor einigen Wochen an die Chefredaktion, weil sie mit einem Text, in dem es unter anderem auch um ein Geschäft ging, das sie betreibt, nicht einverstanden war. Sie schrieb eine Mail, der Chefredakteur schrieb eine zurück, so ging das zunächst hin und her, beide Seiten verstanden einander auch irgendwie - doch so ganz zusammen kamen sie doch nicht. Beim Lesen des Mailverlaufs hatte ich das Gefühl, dass beide Seiten irgendwie recht haben, aber ich wusste nicht genau, warum. Meistens hat es gute Gründe, wenn der eine einen Text gut findet und die andere nicht Das klingt jetzt vielleicht ein wenig schräg, aber wenn einer einen Text gut findet und eine andere nicht, dann gibt es für diese zwei Meinungen meistens gute Gründe. Mein Job besteht aber zum Glück nicht darin, einen Text im MT gut oder schlecht zu finden - sondern darin, zu verstehen, warum Leserinnen oder Leser einen Text im MT nicht gut finden. Und wenn sie ihn nicht gut finden, weil der Autor oder die Redaktion einen Fehler gemacht haben, dann rede ich mit dem Autor oder der Redaktion darüber. In diesem Fall telefonierte ich mit der Leserin. Ich werde von diesem Telefonat nicht in Details berichten, weil ich das versprochen habe. Aber das Gespräch, das eine Stunde dauerte, war respektvoll, lehrreich, stellenweise witzig, immer interessant und auf eine befriedigende Art unbefriedigend. Manchmal stimmt zwar alles, aber es bleibt trotzdem ein schlechtes Bauchgefühl Das klingt jetzt schon wieder schräg, aber ich versuche das mal zu erklären. Im Text gab es nicht einen Fehler, alle Fakten stimmten. Die Leserin mochte die Überschrift nicht. Die sind oft Geschmacksache, aber in dem Fall hatten die Leserin und ich den gleichen Geschmack. Aber während des Gesprächs habe ich verstanden, worum es der Leserin tatsächlich ging. Zum einen fand sie, dass sich die Redaktion zur sehr auf das Geschehen in der Innenstadt konzentrieren würde. Das sei ein zu enger Blick auf die Stadt, manche Stadtteile würden in der Zeitung nur sehr selten oder gar nicht vorkommen. Hier handelt es sich um ein schwer in den Griff zu bekommendes Problem der Auswahl und der Gewichtung, mit dem sich Redaktionen immer auseinandersetzen müssen. Und zwar in dem Wissen, dass man es niemals jedem Leser recht machen kann (ich hätte zum Beispiel gerne eine tägliche Seite über Stemmer, aber die will ja schon in Hahlen keiner mehr lesen). Sich gesehen zu fühlen, ist bedeutend Zum anderen - und das hat mit dem zu engen Blick zu tun - fühlte sich die Leserin nicht ausreichend gesehen. Es ging ja in dem Text auch um ihr Geschäft, aber sie kam in dem Text nicht als handelnde Person vor, sie blieb sozusagen unsichtbar. Und diese Unsichtbarkeit verletzt die Menschen - obwohl sie nicht beabsichtigt ist, sondern im Tagesgeschäft einer Lokalzeitung eben manchmal passiert. Der Druckschluss naht, die Fakten müssen stimmen, die Geschichte ist rund. Darüber hinaus wird dann mitunter vergessen, dass hinter den Fakten, hinter den Geschichten, Menschen stehen, die sich übergangen fühlen, wenn über sie geschrieben wird, ohne mit ihnen zu sprechen, ohne sie zu einer handelnden Person zu machen. So werden aus Menschen dann Personen, mit denen etwas geschieht. Ich denke, das ist eine Art der Machtlosigkeit, die manche fühlen, über die berichtet wird. Man fühlt sich ausgeliefert, falsch verstanden - selbst dann, wenn alles stimmt. Nach dem Telefonat habe ich ein Gesprächsprotokoll angefertigt und daraufhin den Chefredakteur informiert. Dann hatte ich Feierabend. Das war es, und das tut mir ein bisschen leid, denn es gibt vielleicht spannendere Berufe als die des Ombudsmannes, wahrscheinlich meinte Stephen King eher so was wie Vampirjäger, Exorzist oder Geheimagent im Weltraum. Aber ich wette, die interessieren sich überhaupt nicht für die Sorgen und Nöte der MT-Leserinnen und Leser.

Alles richtig, trotzdem nicht alles gut: Wenn Menschen, sich von Berichterstattung übergangen fühlen

Matthias_Kalle © JONAS HOLTHAUS PHOTOGRAPHY
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Minden. Vom Erfolgsschriftsteller Stephen King gibt es den verblüffenden Ratschlag an Autoren, sie sollten von der Arbeit erzählen, darüber würden Menschen immer gerne lesen wollen. Jegliche Arbeit sei geeignet, um davon zu berichten. Wenn Sie die heutige Kolumne langweilig finden sollten, geben Sie nicht mir die Schuld, sondern Stephen King.

Also. Eine Leserin des MT wandte sich vor einigen Wochen an die Chefredaktion, weil sie mit einem Text, in dem es unter anderem auch um ein Geschäft ging, das sie betreibt, nicht einverstanden war. Sie schrieb eine Mail, der Chefredakteur schrieb eine zurück, so ging das zunächst hin und her, beide Seiten verstanden einander auch irgendwie - doch so ganz zusammen kamen sie doch nicht. Beim Lesen des Mailverlaufs hatte ich das Gefühl, dass beide Seiten irgendwie recht haben, aber ich wusste nicht genau, warum.

Meistens hat es gute Gründe, wenn der eine einen Text gut findet und die andere nicht

Das klingt jetzt vielleicht ein wenig schräg, aber wenn einer einen Text gut findet und eine andere nicht, dann gibt es für diese zwei Meinungen meistens gute Gründe. Mein Job besteht aber zum Glück nicht darin, einen Text im MT gut oder schlecht zu finden - sondern darin, zu verstehen, warum Leserinnen oder Leser einen Text im MT nicht gut finden. Und wenn sie ihn nicht gut finden, weil der Autor oder die Redaktion einen Fehler gemacht haben, dann rede ich mit dem Autor oder der Redaktion darüber.

Benjamin Piel

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Jeden Donnerstag von unserem Chefredakteur Benjamin Piel

In diesem Fall telefonierte ich mit der Leserin. Ich werde von diesem Telefonat nicht in Details berichten, weil ich das versprochen habe. Aber das Gespräch, das eine Stunde dauerte, war respektvoll, lehrreich, stellenweise witzig, immer interessant und auf eine befriedigende Art unbefriedigend.

Manchmal stimmt zwar alles, aber es bleibt trotzdem ein schlechtes Bauchgefühl

Das klingt jetzt schon wieder schräg, aber ich versuche das mal zu erklären. Im Text gab es nicht einen Fehler, alle Fakten stimmten. Die Leserin mochte die Überschrift nicht. Die sind oft Geschmacksache, aber in dem Fall hatten die Leserin und ich den gleichen Geschmack. Aber während des Gesprächs habe ich verstanden, worum es der Leserin tatsächlich ging. Zum einen fand sie, dass sich die Redaktion zur sehr auf das Geschehen in der Innenstadt konzentrieren würde. Das sei ein zu enger Blick auf die Stadt, manche Stadtteile würden in der Zeitung nur sehr selten oder gar nicht vorkommen. Hier handelt es sich um ein schwer in den Griff zu bekommendes Problem der Auswahl und der Gewichtung, mit dem sich Redaktionen immer auseinandersetzen müssen. Und zwar in dem Wissen, dass man es niemals jedem Leser recht machen kann (ich hätte zum Beispiel gerne eine tägliche Seite über Stemmer, aber die will ja schon in Hahlen keiner mehr lesen).

Sich gesehen zu fühlen, ist bedeutend

Zum anderen - und das hat mit dem zu engen Blick zu tun - fühlte sich die Leserin nicht ausreichend gesehen. Es ging ja in dem Text auch um ihr Geschäft, aber sie kam in dem Text nicht als handelnde Person vor, sie blieb sozusagen unsichtbar. Und diese Unsichtbarkeit verletzt die Menschen - obwohl sie nicht beabsichtigt ist, sondern im Tagesgeschäft einer Lokalzeitung eben manchmal passiert. Der Druckschluss naht, die Fakten müssen stimmen, die Geschichte ist rund. Darüber hinaus wird dann mitunter vergessen, dass hinter den Fakten, hinter den Geschichten, Menschen stehen, die sich übergangen fühlen, wenn über sie geschrieben wird, ohne mit ihnen zu sprechen, ohne sie zu einer handelnden Person zu machen. So werden aus Menschen dann Personen, mit denen etwas geschieht. Ich denke, das ist eine Art der Machtlosigkeit, die manche fühlen, über die berichtet wird. Man fühlt sich ausgeliefert, falsch verstanden - selbst dann, wenn alles stimmt.

Nach dem Telefonat habe ich ein Gesprächsprotokoll angefertigt und daraufhin den Chefredakteur informiert. Dann hatte ich Feierabend.

Das war es, und das tut mir ein bisschen leid, denn es gibt vielleicht spannendere Berufe als die des Ombudsmannes, wahrscheinlich meinte Stephen King eher so was wie Vampirjäger, Exorzist oder Geheimagent im Weltraum. Aber ich wette, die interessieren sich überhaupt nicht für die Sorgen und Nöte der MT-Leserinnen und Leser.

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