„Alles dicht machen“ - das sind Meinungen aus Minden Lea Oetjen Minden. Seit Tagen spricht ganz Deutschland über 53 Videos. In diesen kurzen Clips haben bekannte Schauspieler ironisch Kritik an der Corona-Politik und den Medien geäußert. „Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz“, fordert etwa Tatort-Star Ulrich Tukur voller Sarkasmus. Die Kampagne unter dem Motto „Alles dicht machen“ hat die volle Bandbreite an Reaktionen hervorgerufen. Einige befürworten, dass bekannte Gesichter auf die Situation der Branche aufmerksam machen. Andere kritisieren die Sequenzen als geschmacklos und undifferenziert. Die Meinung aus der Region könnte auch kaum unterschiedlicher sein. So kann zum Beispiel Jonte Volkmann die Kritik an der Kampagne nur zu gut verstehen. Der 30-Jährige ist in Minden geboren und seit einigen Jahren festes Ensemblemitglied am Nordharzer Städtebundtheater. Er sagt: „Nach einer so langen Zeit sind wir alle müde und sehnen uns nach Normalität, das geht auch mir so. Aber deshalb sollte man nicht die Realität aus den Augen verlieren. Es sind bis heute bundesweit mehr als 80.000 Menschen an und mit Covid-19 verstorben. Die Maßnahmen sind alles andere als zu heftig, eher im Gegenteil.“ Immer mehr – vor allem junge – Menschen würden auf Intensivstationen liegen und gegen das Virus kämpfen. „Diese Kampagne verhöhnt diese leidenden Menschen, verhöhnt Angehörige von mehr als 80.000 Verstorbenen, verhöhnt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die täglich gegen das Virus kämpfen und sich um die Erkrankten kümmern. Für mich ist keine andere Sicht auf diese Kampagne möglich: Ich verurteile sie scharf!“, findet Volkmann deutliche Worte. Die „Alles dicht machen“-Herangehensweise – voller Zynismus und Satire – sei für eine Thematik wie die Pandemie nicht legitim. „Wir brauchen keine Spaltung, wir brauchen ein Miteinander. Wir müssen diese Pandemie ernstnehmen und nicht aus Müdigkeit verzweifeln und uns anfeinden. Denn dadurch stärken wir nur Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker, Coronaverharmloserinnen und Coronaverharmloser sowie -leugnerinnen und -leugner. Und das kann doch wirklich niemand wollen.“ Anders über die Aktion denkt Andrea Krauledat. Die Intendantin des Mindener Stadttheaters fragt: „Was darf Kunst?“ Sie glaubt, dass sich die bekannten, beteiligten Schauspieler wie Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur und Co. als Sprachrohr für ihre Kollegen gesehen haben. „Das ist doch im Kern der Sinn der Aktion. Keiner von denen ist meiner Kenntnis nach ein Querdenker. Sie wollten auf die momentane, schwierige Lage auch der Kulturschaffenden im Land aufmerksam machen – und das wird ja nun auch heftig diskutiert“, betont Krauledat. Sie versuche, den Antrieb hinter der Aktion zu sehen. „Es ist eine Kritik an der Handhabung unter anderem der Politik. Und soll zeigen, wie sich Kulturschaffende momentan fühlen. Viele haben die vergangenen Monate irgendwo zwischen Depressionen und Existenzangst um ihre Familien erlebt. Komplett ohne Perspektive – und das mittlerweile seit über einem Jahr“, bedauert Krauledat. Die Umsetzung der Kampagne findet sie dennoch diskutabel. „Etwas mit Ironie und Sarkasmus anzugehen, ist ja immer so eine Sache. Das sollte man können und ist in einer Pandemie in dieser Form schwierig“, sagt die Intendantin. Schlimm findet sie aber auch die Reaktionen auf „Alles dicht machen“. Einige Beteiligte erhielten sogar Androhung von Berufsverbot oder Morddrohungen. „Darüber bin ich echt erschüttert. In dieser stark polarisierten Debatte gibt es kaum Raum mehr für legitime Kritik, ohne gleich in eine Ecke gestellt zu werden. Nur noch Schwarz-Weiß-Denken.“

„Alles dicht machen“ - das sind Meinungen aus Minden

Jan Josef Liefers ist eines der bekannten Gesichtern der Kampagne. Foto: Eventpress Kugler via Imago-images © imago images/Eventpress

Minden. Seit Tagen spricht ganz Deutschland über 53 Videos. In diesen kurzen Clips haben bekannte Schauspieler ironisch Kritik an der Corona-Politik und den Medien geäußert. „Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz“, fordert etwa Tatort-Star Ulrich Tukur voller Sarkasmus. Die Kampagne unter dem Motto „Alles dicht machen“ hat die volle Bandbreite an Reaktionen hervorgerufen.

Einige befürworten, dass bekannte Gesichter auf die Situation der Branche aufmerksam machen. Andere kritisieren die Sequenzen als geschmacklos und undifferenziert. Die Meinung aus der Region könnte auch kaum unterschiedlicher sein.

So kann zum Beispiel Jonte Volkmann die Kritik an der Kampagne nur zu gut verstehen. Der 30-Jährige ist in Minden geboren und seit einigen Jahren festes Ensemblemitglied am Nordharzer Städtebundtheater. Er sagt: „Nach einer so langen Zeit sind wir alle müde und sehnen uns nach Normalität, das geht auch mir so. Aber deshalb sollte man nicht die Realität aus den Augen verlieren. Es sind bis heute bundesweit mehr als 80.000 Menschen an und mit Covid-19 verstorben. Die Maßnahmen sind alles andere als zu heftig, eher im Gegenteil.“


Immer mehr – vor allem junge – Menschen würden auf Intensivstationen liegen und gegen das Virus kämpfen. „Diese Kampagne verhöhnt diese leidenden Menschen, verhöhnt Angehörige von mehr als 80.000 Verstorbenen, verhöhnt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die täglich gegen das Virus kämpfen und sich um die Erkrankten kümmern. Für mich ist keine andere Sicht auf diese Kampagne möglich: Ich verurteile sie scharf!“, findet Volkmann deutliche Worte.

Jan Josef Liefers ist eines der bekannten Gesichtern der Kampagne.

Foto: Eventpress Kugler - © imago images/Eventpress
Jan Josef Liefers ist eines der bekannten Gesichtern der Kampagne.
Foto: Eventpress Kugler - © imago images/Eventpress

Die „Alles dicht machen“-Herangehensweise – voller Zynismus und Satire – sei für eine Thematik wie die Pandemie nicht legitim. „Wir brauchen keine Spaltung, wir brauchen ein Miteinander. Wir müssen diese Pandemie ernstnehmen und nicht aus Müdigkeit verzweifeln und uns anfeinden. Denn dadurch stärken wir nur Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker, Coronaverharmloserinnen und Coronaverharmloser sowie -leugnerinnen und -leugner. Und das kann doch wirklich niemand wollen.“

Anders über die Aktion denkt Andrea Krauledat. Die Intendantin des Mindener Stadttheaters fragt: „Was darf Kunst?“ Sie glaubt, dass sich die bekannten, beteiligten Schauspieler wie Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur und Co. als Sprachrohr für ihre Kollegen gesehen haben. „Das ist doch im Kern der Sinn der Aktion. Keiner von denen ist meiner Kenntnis nach ein Querdenker. Sie wollten auf die momentane, schwierige Lage auch der Kulturschaffenden im Land aufmerksam machen – und das wird ja nun auch heftig diskutiert“, betont Krauledat. Sie versuche, den Antrieb hinter der Aktion zu sehen. „Es ist eine Kritik an der Handhabung unter anderem der Politik. Und soll zeigen, wie sich Kulturschaffende momentan fühlen. Viele haben die vergangenen Monate irgendwo zwischen Depressionen und Existenzangst um ihre Familien erlebt. Komplett ohne Perspektive – und das mittlerweile seit über einem Jahr“, bedauert Krauledat. Die Umsetzung der Kampagne findet sie dennoch diskutabel. „Etwas mit Ironie und Sarkasmus anzugehen, ist ja immer so eine Sache. Das sollte man können und ist in einer Pandemie in dieser Form schwierig“, sagt die Intendantin. Schlimm findet sie aber auch die Reaktionen auf „Alles dicht machen“. Einige Beteiligte erhielten sogar Androhung von Berufsverbot oder Morddrohungen. „Darüber bin ich echt erschüttert. In dieser stark polarisierten Debatte gibt es kaum Raum mehr für legitime Kritik, ohne gleich in eine Ecke gestellt zu werden. Nur noch Schwarz-Weiß-Denken.“

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden