„Alle denken gleich an Gastronomie“: Das sagt ein Stadtforscher zur Entwicklung der Mindener Innenstadt Monika Jäger Minden. Stefan Kruse hat Innenstädte zu seinem Beruf gemacht. Mit seiner Agentur „Junker und Kruse Stadtforschung Planung" berät er Kommunen in ganz Deutschland. Für Minden erarbeitet er zurzeit ein Einzelhandelskonzept. Dabei geht es auch – aber nicht nur – um die City. Mit dem MT sprach er darüber, wie wichtig es ist, ein Bild von der Zukunft zu haben, über Mut und den langen Atem der Planer. Sie kennen Minden seit der Einzelhandelsuntersuchung von 1997/1998. Was haben Sie gedacht, als Sie die Stadt jetzt wiedergesehen haben? Ein erster Eindruck: Die Grundstruktur hat nicht gelitten, und es ist gut, dass das damals diskutierte Einkaufszentrum mitten in der Stadt nicht gekommen ist. Die Obermarktpassage war damals auch schon ein gewisses Problem. Minden hat immer noch stark frequentierte Bereiche wie Scharn und Bäckerstraße, und das nimmt nach außen hin deutlich ab. Genauer ansehen muss ich mir noch, was am Markt passiert ist. Da scheint auf den ersten Blick weniger los zu sein als früher. Sie sehen bei Ihrer Analyse aber nicht nur auf das Zentrum. Es ist wichtig, auf die ganze Stadt und auch auf das Umland zu blicken. Wenn sich beispielsweise im Bereich des Porta-Marktes direkt vor den Toren der Stadt etwas tut, wird das perspektivisch Druck auslösen. Dann wird es in Minden mehr Ladenvermieter geben, die ihre Immobilien umnutzen wollen – und das nicht nur in der Innenstadt. Aber nicht alle Standorte werden auf lange Sicht wieder mit Einzelhandel besetzt werden können, und die spannende Frage ist: Was kommt danach. Was sollte denn danach kommen? Reflexartig denken alle immer gleich an Gastronomie, Motto „Essen ist das neue Einkaufen". Ich frage mich aber: Wer soll das alles essen, wenn sich da alle drauf stürzen? Gastronomie ist zudem sehr stark von Fluktuation betroffen. Darum glaube ich nicht, dass Gastronomie der entscheidende Faktor sein kann. Sondern was? Wohnen? Arbeiten? Ja, Wohnraum auch direkt neben der Fußgängerzone wird ein entscheidendes Thema sein, um wieder Frequenz in die Innenstädte zu bringen. Da muss man natürlich auf die Konflikte achten: Bewohner brauchen Ruheräume und Rückzugsräume. Beim Arbeiten gibt es erste Ansätze, wo auch größere Unternehmen innenstadtnah zum Beispiel Co-Working-Spaces einrichten. Wer in der Innenstadt wohnt, hat aber doch andere Erwartungen als jemand, der mal tagsüber oder abends für Shoppen oder Essen hingeht. Darum sind die Bereiche neben den Fußgängerzonen wichtig. Wir haben das in Krefeld beispielsweise durch Cluster-Bildung beschrieben: Der Einzelhandel wird sich zurückziehen, den sollte man konzentrieren. Wir brauchen zudem einen Bereich für die Abendgestaltung mit Gastronomie und Kultur, und dann auch Bereiche fürs Wohnen. Da gibt es dann wieder besondere Anforderungen, etwa beim Verkehr. Denn nicht jeder möchte aufs Auto verzichten. Gibt es da eher Unterstützung oder eher Gegenwind? So etwas greift tief in die Morphologien – in die Bilder – von Innenstädten ein. Wenn man beispielsweise an junge Familien denkt, braucht man Spielmöglichkeiten, Grünräume, Aufenthaltsgelegenheiten. Infrastrukturen für Bildung und Erziehung. Mobilität. Das, was dabei herauskommt, ist möglicherweise am Ende ganz anders als das Bild von Innenstadt, das wir heute haben. So etwas sind dann sehr lange Veränderungsprozesse - aber wenn man sich dem stellt, kann es gelingen. Auch wenn es sehr konfliktbehaftet ist, weil die Erwartungen verschiedenster Nutzer abgeglichen werden müssen. Wenn sich der Handel weiter zurückzieht – und das wird er tun-, öffnet er auch sehr große Räume wie ehemalige Kaufhäuser und nicht nur die kleinen Geschäfte. Da kann die Umnutzung dann schon auch schwierig sein. Sprechen wir über Leerstand. Wie viel gibt es in Minden? Das sind Zahlen, die wir mit dem Gesamtkonzept vorlegen werden. Was empfehlen Sie dagegen? Wichtig ist Flexibilität. Zum Beispiel Pop-Up-Stores: Der Versuch, Neuem die Möglichkeit zu geben, sich für gewisse Zeit einfach mal auszuprobieren. In kleineren Städten gibt es in Randbereichen auch erste Versuche mit Wohnen im Erdgeschoss dort, wo ehemalige Handelslagen waren. Hier muss dann in der Regel aber erst der Bebauungsplan geändert werden, um die Erdgeschosszone wieder zu beleben. Daraus folgt dann auch, dass rundum umgenutzt werden muss – beispielsweise für mehr Grün. Wie schnell geht das? Eher nicht schnell. Für viele Städte ist das auch ein Strategiewechsel. Das braucht viele Gespräche und Überzeugungsarbeit und ein gemeinsames Bild von der Stadt, an dem alle mitarbeiten und für das es auch Bürgerbeteiligung gibt. Manchmal muss man da schon dicke Bretter bohren. Wenn ich mehr Wohnen will, beispielsweise, muss ich vieles mitbedenken: Wie gestalte ich Verkehr, Parken, Freiräume? Nun gehören die Mindener Innenstadt-Häuser ja nicht alle Mindenern, sondern sind auch Anlageobjekte für Gesellschaften. Wie überzeugen Sie eine Erbengemeinschaft in Australien, zugunsten der Innenstadtentwicklung auf Mieteinnahmen zu verzichten? Das ist exakt der neuralgische Punkt bei all diesen Prozessen. Eigentümer müssen von vornherein mit ins Boot. Man muss schauen, wie die Eigentümerstruktur aussieht und versuchen, alle einzubeziehen. Im Grunde haben sie doch alle ein finanzielles Interesse, und man muss denen zeigen, dass sie auch einen Benefit davon haben. Mit einem Leerstand verdient niemand Geld. Das muss aber von ganz oben von der Stadtspitze kommen. Brauchen Städte mehr Handlungsmöglichkeiten? Manchmal wünsche ich mir schon, dass gewisse gesetzliche Grundlagen verändert würden, um absolute Verhinderer einzufangen. Aber Eigentum ist ein hohes Gut in Deutschland und mit gutem Grund auch grundgesetzlich verankert. Wird Ihr Konzept, wenn es fertig ist, ein Rezept für eine funktionierende Innenstadt sein? Wir analysieren erst einmal, wie die gesamte Stadt aussieht: Wo ist der Einzelhandel, wie viel ist da, wie ist er aufgestellt, wie verteilt er sich? Das ist die Basis. Dann schauen wir auf den Hintergrund: Bevölkerungsentwicklung, Corona-Folgen, Online-Handel. Und das projizieren wir in die Zukunft und fragen: Was braucht eine Stadt wie Minden, damit sie ein funktionierender Einzelhandelsstandort sein kann. Nach den Sommerferien wollen wir das der Politik vorstellen. Und danach erst wird es darum gehen, mit Politik und Bürgern gemeinsam ein konkretes Bild der Innenstadt für 2030 oder 2040 zu entwickeln. Nehmen wir an, dieses Bild liegt vor und ist politisch und mit der Bürgerschaft abgestimmt. Was dann? Wir brauchen nicht nur ein gemeinsames Bild davon, wo es hingehen soll, sondern vor allem auch eine Person, die das Bild von der Innenstadt konstant und als Ganzes weiterentwickelt. Nicht das Bild von der Einkaufs-Innenstadt oder der Verkehrs-Innenstadt oder der familiengerechten Stadt – ein Gesamtbild: Wie sieht meine Stadt 2030 und 2040 aus, wie komme ich dahin und was brauche ich dafür? Das ist eine Idee, an der dann über die Jahrzehnte gearbeitet werden kann, Teilbereich für Teilbereich. Innenstädte müssen sich ändern. Aber das wird ein sehr langer Prozess.

„Alle denken gleich an Gastronomie“: Das sagt ein Stadtforscher zur Entwicklung der Mindener Innenstadt

Um Leerstände zu füllen, denken viele sofort an Gastronomie. Die kann aber nicht der entscheidende Faktor sein, findet Stadtforscher Stefan Kruse. MT-Foto (Archiv): Nina Könemann © Könemann,Nina

Minden. Stefan Kruse hat Innenstädte zu seinem Beruf gemacht. Mit seiner Agentur „Junker und Kruse Stadtforschung Planung" berät er Kommunen in ganz Deutschland. Für Minden erarbeitet er zurzeit ein Einzelhandelskonzept. Dabei geht es auch – aber nicht nur – um die City. Mit dem MT sprach er darüber, wie wichtig es ist, ein Bild von der Zukunft zu haben, über Mut und den langen Atem der Planer.

Sie kennen Minden seit der Einzelhandelsuntersuchung von 1997/1998. Was haben Sie gedacht, als Sie die Stadt jetzt wiedergesehen haben?

Ein erster Eindruck: Die Grundstruktur hat nicht gelitten, und es ist gut, dass das damals diskutierte Einkaufszentrum mitten in der Stadt nicht gekommen ist. Die Obermarktpassage war damals auch schon ein gewisses Problem. Minden hat immer noch stark frequentierte Bereiche wie Scharn und Bäckerstraße, und das nimmt nach außen hin deutlich ab. Genauer ansehen muss ich mir noch, was am Markt passiert ist. Da scheint auf den ersten Blick weniger los zu sein als früher.


Sie sehen bei Ihrer Analyse aber nicht nur auf das Zentrum.

Es ist wichtig, auf die ganze Stadt und auch auf das Umland zu blicken. Wenn sich beispielsweise im Bereich des Porta-Marktes direkt vor den Toren der Stadt etwas tut, wird das perspektivisch Druck auslösen. Dann wird es in Minden mehr Ladenvermieter geben, die ihre Immobilien umnutzen wollen – und das nicht nur in der Innenstadt. Aber nicht alle Standorte werden auf lange Sicht wieder mit Einzelhandel besetzt werden können, und die spannende Frage ist: Was kommt danach.

Stefan Kruse von Junker und Kruse Stadtforschung Planung.

Foto: Jan Federmann - © Jan Federmann
Stefan Kruse von Junker und Kruse Stadtforschung Planung.
Foto: Jan Federmann - © Jan Federmann

Was sollte denn danach kommen?

Reflexartig denken alle immer gleich an Gastronomie, Motto „Essen ist das neue Einkaufen". Ich frage mich aber: Wer soll das alles essen, wenn sich da alle drauf stürzen? Gastronomie ist zudem sehr stark von Fluktuation betroffen. Darum glaube ich nicht, dass Gastronomie der entscheidende Faktor sein kann.

Sondern was? Wohnen? Arbeiten?

Ja, Wohnraum auch direkt neben der Fußgängerzone wird ein entscheidendes Thema sein, um wieder Frequenz in die Innenstädte zu bringen. Da muss man natürlich auf die Konflikte achten: Bewohner brauchen Ruheräume und Rückzugsräume. Beim Arbeiten gibt es erste Ansätze, wo auch größere Unternehmen innenstadtnah zum Beispiel Co-Working-Spaces einrichten.

Wer in der Innenstadt wohnt, hat aber doch andere Erwartungen als jemand, der mal tagsüber oder abends für Shoppen oder Essen hingeht.

Darum sind die Bereiche neben den Fußgängerzonen wichtig. Wir haben das in Krefeld beispielsweise durch Cluster-Bildung beschrieben: Der Einzelhandel wird sich zurückziehen, den sollte man konzentrieren. Wir brauchen zudem einen Bereich für die Abendgestaltung mit Gastronomie und Kultur, und dann auch Bereiche fürs Wohnen. Da gibt es dann wieder besondere Anforderungen, etwa beim Verkehr. Denn nicht jeder möchte aufs Auto verzichten.

Gibt es da eher Unterstützung oder eher Gegenwind?

So etwas greift tief in die Morphologien – in die Bilder – von Innenstädten ein. Wenn man beispielsweise an junge Familien denkt, braucht man Spielmöglichkeiten, Grünräume, Aufenthaltsgelegenheiten. Infrastrukturen für Bildung und Erziehung. Mobilität. Das, was dabei herauskommt, ist möglicherweise am Ende ganz anders als das Bild von Innenstadt, das wir heute haben. So etwas sind dann sehr lange Veränderungsprozesse - aber wenn man sich dem stellt, kann es gelingen. Auch wenn es sehr konfliktbehaftet ist, weil die Erwartungen verschiedenster Nutzer abgeglichen werden müssen. Wenn sich der Handel weiter zurückzieht – und das wird er tun-, öffnet er auch sehr große Räume wie ehemalige Kaufhäuser und nicht nur die kleinen Geschäfte. Da kann die Umnutzung dann schon auch schwierig sein.

Sprechen wir über Leerstand. Wie viel gibt es in Minden?

Das sind Zahlen, die wir mit dem Gesamtkonzept vorlegen werden.

Was empfehlen Sie dagegen?

Wichtig ist Flexibilität. Zum Beispiel Pop-Up-Stores: Der Versuch, Neuem die Möglichkeit zu geben, sich für gewisse Zeit einfach mal auszuprobieren. In kleineren Städten gibt es in Randbereichen auch erste Versuche mit Wohnen im Erdgeschoss dort, wo ehemalige Handelslagen waren. Hier muss dann in der Regel aber erst der Bebauungsplan geändert werden, um die Erdgeschosszone wieder zu beleben. Daraus folgt dann auch, dass rundum umgenutzt werden muss – beispielsweise für mehr Grün.

Wie schnell geht das?

Eher nicht schnell. Für viele Städte ist das auch ein Strategiewechsel. Das braucht viele Gespräche und Überzeugungsarbeit und ein gemeinsames Bild von der Stadt, an dem alle mitarbeiten und für das es auch Bürgerbeteiligung gibt. Manchmal muss man da schon dicke Bretter bohren. Wenn ich mehr Wohnen will, beispielsweise, muss ich vieles mitbedenken: Wie gestalte ich Verkehr, Parken, Freiräume?

Nun gehören die Mindener Innenstadt-Häuser ja nicht alle Mindenern, sondern sind auch Anlageobjekte für Gesellschaften. Wie überzeugen Sie eine Erbengemeinschaft in Australien, zugunsten der Innenstadtentwicklung auf Mieteinnahmen zu verzichten?

Das ist exakt der neuralgische Punkt bei all diesen Prozessen. Eigentümer müssen von vornherein mit ins Boot. Man muss schauen, wie die Eigentümerstruktur aussieht und versuchen, alle einzubeziehen. Im Grunde haben sie doch alle ein finanzielles Interesse, und man muss denen zeigen, dass sie auch einen Benefit davon haben. Mit einem Leerstand verdient niemand Geld. Das muss aber von ganz oben von der Stadtspitze kommen.

Brauchen Städte mehr Handlungsmöglichkeiten?

Manchmal wünsche ich mir schon, dass gewisse gesetzliche Grundlagen verändert würden, um absolute Verhinderer einzufangen. Aber Eigentum ist ein hohes Gut in Deutschland und mit gutem Grund auch grundgesetzlich verankert.

Wird Ihr Konzept, wenn es fertig ist, ein Rezept für eine funktionierende Innenstadt sein?

Wir analysieren erst einmal, wie die gesamte Stadt aussieht: Wo ist der Einzelhandel, wie viel ist da, wie ist er aufgestellt, wie verteilt er sich? Das ist die Basis. Dann schauen wir auf den Hintergrund: Bevölkerungsentwicklung, Corona-Folgen, Online-Handel. Und das projizieren wir in die Zukunft und fragen: Was braucht eine Stadt wie Minden, damit sie ein funktionierender Einzelhandelsstandort sein kann. Nach den Sommerferien wollen wir das der Politik vorstellen. Und danach erst wird es darum gehen, mit Politik und Bürgern gemeinsam ein konkretes Bild der Innenstadt für 2030 oder 2040 zu entwickeln.

Nehmen wir an, dieses Bild liegt vor und ist politisch und mit der Bürgerschaft abgestimmt. Was dann?

Wir brauchen nicht nur ein gemeinsames Bild davon, wo es hingehen soll, sondern vor allem auch eine Person, die das Bild von der Innenstadt konstant und als Ganzes weiterentwickelt. Nicht das Bild von der Einkaufs-Innenstadt oder der Verkehrs-Innenstadt oder der familiengerechten Stadt – ein Gesamtbild: Wie sieht meine Stadt 2030 und 2040 aus, wie komme ich dahin und was brauche ich dafür? Das ist eine Idee, an der dann über die Jahrzehnte gearbeitet werden kann, Teilbereich für Teilbereich. Innenstädte müssen sich ändern. Aber das wird ein sehr langer Prozess.

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