„Akut gefährdet“: Viele Faktoren tragen zur Zerstörung des Glacis bei Monika Jäger Minden. Wenn nichts getan wird, geht das Glacis über kurz oder lang kaputt: Diese Botschaft war am Ende für alle klar, die sich in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Grüngürtel um die Stadt befasst haben. Nicht nur, dass grundsätzlich ein Pflegekonzept her muss. Auch der Baum- und Strauchbestand ist so, wie er ist, nicht zukunftsfähig, und die Art der Nutzungen behindert sich oft gegenseitig. Und so hat der Ausschuss für Bauen, Umwelt und Verkehr jetzt dem Rat – der kommenden Donnerstag tagt – empfohlen, das Pflege- und Entwicklungskonzept Glacis zu verabschieden. Auf dessen Basis soll dann das Glacis Stück für Stück verändert und angepasst werden. 7,3 Millionen Euro wird das bis 2027 kosten. Die Bezirksregierung hat eine Förderung von 80 Prozent in Aussicht gestellt, damit würden für Minden knapp 1,5 Millionen Euro bleiben. Wenn alles fertig ist, wird der Unterhalt jährlich rund 374.000 Euro benötigen. Die Bezirksregierung habe deutlich gemacht, dass sie es für beispielhaft halte, wie in Minden angesichts des Klimawandels mit solch einer Parkanlage umgegangen werden soll, erklärte Bau-Beigeordneter Lars Bursian im Ausschuss. Das Landschaftsarchitekturbüro Ehrig & Partner hat das Pflege- und Entwicklungskonzept erstellt und urteilt: „Die Mindener Glacis-Promenade ist ein bundesweit einmaliges Zeugnis und das Markenzeichen der Stadt." Doch das aktuelle Fazit der Gartenfachleute ist bitter: „Die Mindener Glacisanlage ist akut gefährdet", schreiben sie in ihrer Präsentation. So entwickelte sich das Glacis bis heute Wohl jeder in Minden weiß, dass der Grüngürtel auf der Freifläche vor den ehemaligen Festungswällen entstanden ist. Weniger werden wissen, dass die Gestaltung dieser Anlage seither immer wieder Thema war, und das schon seit vielen Jahrzehnten. Nach Auflösung der Festung 1873 erwarb die Stadt die Flächen, weil die „Glaciswaldung" als „durchaus notwendig" für die „gesundheitlichen Verhältnisse" angesehen wurde. Der wild gewachsene Grüngürtel hatte ursprünglich in Friedenszeiten die Festung vor unerwünschten Blicken von außen verstecken und im Falle einer Belagerung feindliche Truppen daran hindern sollen, sich hier festzusetzen, so Ehrig & Partner. Schon 1891 beispielsweise forderten Garten-Gutachter eine Auslichtung: „Es ist sehr zu bedauern, dass 18 Jahre seit Schleifung der Festung verflossen sind, ohne daß etwas Zweckmäßiges geschehen ist", hieß es damals. Immer wieder finden sich aber auch Belege, dass die Stadt auf Kosten dieses Areals sparte. 1933 flossen Gelder vermutlich stattdessen in den Ausbau des Weserstadions. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Unterhaltung stark reduziert und 1942 ganz eingestellt. Erst 1953 begannen die Wiederaufbauarbeiten. 1973 gab es Umbauten und Umgestaltung unter anderem am Weserglacis. Und ab 1990 war die Pflege „besonders durch Kürzung der Haushaltsmittel geprägt". Seit 2017 stehen die Anlagen unter Denkmalschutz. Was die Bürger in den Workshops lernten Ein Steuerungskreis aus Politik, Stadtplanung, Natur- und Landschaftsschützern begleitete die Entwicklung des Konzepts über zehn Monate. Dazu gab es vier öffentliche Veranstaltungen mit Bürgern. Während zur ersten rund 130 Personen kamen, waren es später rund 50, laut Ehrig & Partner ein eher „vorwiegend interessegeleiteter Personenkreis" als ein echter Querschnitt durch die Mindener Bevölkerung. Schritt für Schritt erarbeiteten die Teilnehmenden die Erkenntnis, dass zum einen dringend am Glacis gearbeitet werden muss, zum anderen hier verschiedene Nutzungsinteressen gegeneinanderstoßen. Ihnen sei klar geworden, dass daher Prioritäten gesetzt werden müssen. Denkmäler, Toiletten, Spielplätze und Sport Unter anderem wünschten sich die Bürger eine Aufwertung der preußischen Denkmäler – besonders das Schwichow-Denkmal stand wegen seines schlechten Standortes hier im Fokus. Parallele Wege – etwa im Weser- und im Königsglacis – könnten wegfallen. Ferner wünschten sich Bürger bessere Beleuchtung an einzelnen Stellen. Barrierefreiheit, bestimmte Sichtachsen, Trennen verschiedener Nutzungsbereiche – all das gehört zu den Zielen, die künftig umgesetzt werden sollen. Wichtig war auch in vielen Diskussionen das Thema öffentliche Toiletten. Dieses sprachen Politiker auch im Ausschuss erneut an. Die Hinweise von Bursian dazu waren nicht für alle zufriedenstellend. Der Bau-Beigeordnete erklärte, dass zum einen sowieso insgesamt über Toiletten in Minden geredet werden müsse. Zum anderen wären im Glacis entsprechende Anlagen sehr teuer und stünden auch in Gefahr, immer wieder zerstört und beschädigt zu werden. Unklar wäre auch, wo diese sein sollten. Die alte Anlage am Marienglacis, die früher genutzt werden konnte, entspricht heutigen Bedürfnissen nicht mehr – zum Beispiel ist sie nicht barrierefrei und kann auch nicht entsprechend umgestaltet werden. Die Ziele der Entwicklung Nach Vorstellungen der Landschaftsplaner sollten sowohl der Festungscharakter als auch der Stil eines Waldparks erhalten werden. Das kann Konsequenzen haben. Denn wenn das Glacis als zusammenhängender Ring betrachtet wird, sind diesem die Straßen, die es queren, unterzuordnen. „Dieser Perspektivwechsel wird zu einer stärkeren Identifizierung Mindens mit seinem Glacis beitragen und den Markenwert Mindens als historische, preußische Festungsstadt fördern." Wie genau das funktionieren kann – beispielsweise mit anderem Straßenpflaster, keinen Parkbuchten und Bushaltestellen – muss noch geklärt werden. Und als Waldpark wird das Glacis eng am Bestand entlang entwickelt und soll einen Wechsel von Hochwald und Mischwald bieten. Um Baumkrankheiten und Klimawandel zu begegnen, sollen hier aber Bäume gepflanzt werden, die resistenter sind als die bestehenden. Aktive und ruhige Bereiche werden sich abwechseln. Dazu sollten der schnelle Radverkehr von Fußgängern getrennt verlaufen oder Spielplätze und Sportbereiche von jenen mit vielen Bänken zum Ausruhen getrennt sein. Hier bietet es sich laut Ehrig & Partner an, verschiedene Teile des Glacis für unterschiedliche Nutzungen auszuweisen – basierend auf dem, wie die Situation auch jetzt schon ist. Zeitplan In sechs verschiedenen Abschnitten sollen nach und nach alle Bereiche angefasst werden (siehe Karte links). Auch ein komplexes Kontrollsystem wird eingerichtet um zu prüfen, wie die jeweiligen Maßnahmen greifen. Besonders umstritten ist dabei noch die Laubentnahme. Hierfür soll es im Fischerglacis eine Testfläche geben, die Ergebnisse sind 2025 zu erwarten. zu prüfen ist hier, ob so tatsächlich eine Überdüngung so verhindert werden kann. Wenn der Rat am Donnerstag dafür entscheidet, wird die Umsetzung angegangen – und damit ein weiterer Baustein für das Integrierte Entwicklungskonzept für die Innenstadt gesetzt. Grüngütel mit Zukunft Ein Kommentar von Monika Jäger 40 Prozent der Workshop-Teilnehmer wollten anfangs, dass das Glacis einfach so bleibt, wie es ist. Doch im Laufe des Prozesses wurde allen klar, dass das nicht geht. Die Bestandsanalyse machte das klar. Ziele wie Artenvielfalt und Strukturreichtum können so, wie der Grüngürtel um die Stadt jetzt ist, nicht erreicht werden. Der Bestand an alten Bäumen ist durch Überdüngung und Zuwucherung gefährdet und Störungen verkraftet das ganze System überhaupt nicht gut. Nichts tun hieße, das Glacis langsam sterben zu lassen. Und darum ist es richtig, jetzt in großem Stil aktiv zu werden. Auch, wenn sich manch einer von uns dann vielleicht von Liebgewonnenem trennen und das gute, alte Glacis noch mal neu kennen lernen muss. Der Klimawandel hätte sowieso Handlungszwang gebracht. Also kann es nur gut sein, frühzeitig und zielgerichtet vorzugehen.

„Akut gefährdet“: Viele Faktoren tragen zur Zerstörung des Glacis bei

„Bundesweit einmaliges Zeugnis und das Markenzeichen der Stadt“: das Glacis. © MT-Foto: Alex Lehn

Minden. Wenn nichts getan wird, geht das Glacis über kurz oder lang kaputt: Diese Botschaft war am Ende für alle klar, die sich in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Grüngürtel um die Stadt befasst haben. Nicht nur, dass grundsätzlich ein Pflegekonzept her muss. Auch der Baum- und Strauchbestand ist so, wie er ist, nicht zukunftsfähig, und die Art der Nutzungen behindert sich oft gegenseitig.

Und so hat der Ausschuss für Bauen, Umwelt und Verkehr jetzt dem Rat – der kommenden Donnerstag tagt – empfohlen, das Pflege- und Entwicklungskonzept Glacis zu verabschieden. Auf dessen Basis soll dann das Glacis Stück für Stück verändert und angepasst werden.

7,3 Millionen Euro wird das bis 2027 kosten. Die Bezirksregierung hat eine Förderung von 80 Prozent in Aussicht gestellt, damit würden für Minden knapp 1,5 Millionen Euro bleiben. Wenn alles fertig ist, wird der Unterhalt jährlich rund 374.000 Euro benötigen.

Die Bezirksregierung habe deutlich gemacht, dass sie es für beispielhaft halte, wie in Minden angesichts des Klimawandels mit solch einer Parkanlage umgegangen werden soll, erklärte Bau-Beigeordneter Lars Bursian im Ausschuss. Das Landschaftsarchitekturbüro Ehrig & Partner hat das Pflege- und Entwicklungskonzept erstellt und urteilt: „Die Mindener Glacis-Promenade ist ein bundesweit einmaliges Zeugnis und das Markenzeichen der Stadt." Doch das aktuelle Fazit der Gartenfachleute ist bitter: „Die Mindener Glacisanlage ist akut gefährdet", schreiben sie in ihrer Präsentation.

So entwickelte sich das Glacis bis heute

Wohl jeder in Minden weiß, dass der Grüngürtel auf der Freifläche vor den ehemaligen Festungswällen entstanden ist. Weniger werden wissen, dass die Gestaltung dieser Anlage seither immer wieder Thema war, und das schon seit vielen Jahrzehnten. Nach Auflösung der Festung 1873 erwarb die Stadt die Flächen, weil die „Glaciswaldung" als „durchaus notwendig" für die „gesundheitlichen Verhältnisse" angesehen wurde.

Der wild gewachsene Grüngürtel hatte ursprünglich in Friedenszeiten die Festung vor unerwünschten Blicken von außen verstecken und im Falle einer Belagerung feindliche Truppen daran hindern sollen, sich hier festzusetzen, so Ehrig & Partner. Schon 1891 beispielsweise forderten Garten-Gutachter eine Auslichtung: „Es ist sehr zu bedauern, dass 18 Jahre seit Schleifung der Festung verflossen sind, ohne daß etwas Zweckmäßiges geschehen ist", hieß es damals. Immer wieder finden sich aber auch Belege, dass die Stadt auf Kosten dieses Areals sparte. 1933 flossen Gelder vermutlich stattdessen in den Ausbau des Weserstadions. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Unterhaltung stark reduziert und 1942 ganz eingestellt. Erst 1953 begannen die Wiederaufbauarbeiten. 1973 gab es Umbauten und Umgestaltung unter anderem am Weserglacis. Und ab 1990 war die Pflege „besonders durch Kürzung der Haushaltsmittel geprägt". Seit 2017 stehen die Anlagen unter Denkmalschutz.

Was die Bürger in den Workshops lernten

Ein Steuerungskreis aus Politik, Stadtplanung, Natur- und Landschaftsschützern begleitete die Entwicklung des Konzepts über zehn Monate. Dazu gab es vier öffentliche Veranstaltungen mit Bürgern. Während zur ersten rund 130 Personen kamen, waren es später rund 50, laut Ehrig & Partner ein eher „vorwiegend interessegeleiteter Personenkreis" als ein echter Querschnitt durch die Mindener Bevölkerung. Schritt für Schritt erarbeiteten die Teilnehmenden die Erkenntnis, dass zum einen dringend am Glacis gearbeitet werden muss, zum anderen hier verschiedene Nutzungsinteressen gegeneinanderstoßen. Ihnen sei klar geworden, dass daher Prioritäten gesetzt werden müssen.

Denkmäler, Toiletten, Spielplätze und Sport

Unter anderem wünschten sich die Bürger eine Aufwertung der preußischen Denkmäler – besonders das Schwichow-Denkmal stand wegen seines schlechten Standortes hier im Fokus. Parallele Wege – etwa im Weser- und im Königsglacis – könnten wegfallen. Ferner wünschten sich Bürger bessere Beleuchtung an einzelnen Stellen.

Barrierefreiheit, bestimmte Sichtachsen, Trennen verschiedener Nutzungsbereiche – all das gehört zu den Zielen, die künftig umgesetzt werden sollen. Wichtig war auch in vielen Diskussionen das Thema öffentliche Toiletten. Dieses sprachen Politiker auch im Ausschuss erneut an. Die Hinweise von Bursian dazu waren nicht für alle zufriedenstellend. Der Bau-Beigeordnete erklärte, dass zum einen sowieso insgesamt über Toiletten in Minden geredet werden müsse. Zum anderen wären im Glacis entsprechende Anlagen sehr teuer und stünden auch in Gefahr, immer wieder zerstört und beschädigt zu werden. Unklar wäre auch, wo diese sein sollten.

Die alte Anlage am Marienglacis, die früher genutzt werden konnte, entspricht heutigen Bedürfnissen nicht mehr – zum Beispiel ist sie nicht barrierefrei und kann auch nicht entsprechend umgestaltet werden.

Die Ziele der Entwicklung

Nach Vorstellungen der Landschaftsplaner sollten sowohl der Festungscharakter als auch der Stil eines Waldparks erhalten werden. Das kann Konsequenzen haben. Denn wenn das Glacis als zusammenhängender Ring betrachtet wird, sind diesem die Straßen, die es queren, unterzuordnen. „Dieser Perspektivwechsel wird zu einer stärkeren Identifizierung Mindens mit seinem Glacis beitragen und den Markenwert Mindens als historische, preußische Festungsstadt fördern." Wie genau das funktionieren kann – beispielsweise mit anderem Straßenpflaster, keinen Parkbuchten und Bushaltestellen – muss noch geklärt werden.

Und als Waldpark wird das Glacis eng am Bestand entlang entwickelt und soll einen Wechsel von Hochwald und Mischwald bieten. Um Baumkrankheiten und Klimawandel zu begegnen, sollen hier aber Bäume gepflanzt werden, die resistenter sind als die bestehenden.

Aktive und ruhige Bereiche werden sich abwechseln. Dazu sollten der schnelle Radverkehr von Fußgängern getrennt verlaufen oder Spielplätze und Sportbereiche von jenen mit vielen Bänken zum Ausruhen getrennt sein. Hier bietet es sich laut Ehrig & Partner an, verschiedene Teile des Glacis für unterschiedliche Nutzungen auszuweisen – basierend auf dem, wie die Situation auch jetzt schon ist.

Zeitplan

In sechs verschiedenen Abschnitten sollen nach und nach alle Bereiche angefasst werden (siehe Karte links). Auch ein komplexes Kontrollsystem wird eingerichtet um zu prüfen, wie die jeweiligen Maßnahmen greifen.

Besonders umstritten ist dabei noch die Laubentnahme. Hierfür soll es im Fischerglacis eine Testfläche geben, die Ergebnisse sind 2025 zu erwarten. zu prüfen ist hier, ob so tatsächlich eine Überdüngung so verhindert werden kann.

Wenn der Rat am Donnerstag dafür entscheidet, wird die Umsetzung angegangen – und damit ein weiterer Baustein für das Integrierte Entwicklungskonzept für die Innenstadt gesetzt.

Grüngütel mit Zukunft

Ein Kommentar von Monika Jäger

40 Prozent der Workshop-Teilnehmer wollten anfangs, dass das Glacis einfach so bleibt, wie es ist. Doch im Laufe des Prozesses wurde allen klar, dass das nicht geht. Die Bestandsanalyse machte das klar. Ziele wie Artenvielfalt und Strukturreichtum können so, wie der Grüngürtel um die Stadt jetzt ist, nicht erreicht werden. Der Bestand an alten Bäumen ist durch Überdüngung und Zuwucherung gefährdet und Störungen verkraftet das ganze System überhaupt nicht gut. Nichts tun hieße, das Glacis langsam sterben zu lassen. Und darum ist es richtig, jetzt in großem Stil aktiv zu werden. Auch, wenn sich manch einer von uns dann vielleicht von Liebgewonnenem trennen und das gute, alte Glacis noch mal neu kennen lernen muss. Der Klimawandel hätte sowieso Handlungszwang gebracht. Also kann es nur gut sein, frühzeitig und zielgerichtet vorzugehen.

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