Immer nur auf Wahlkampftour: Von Adenauer bis Merkel kommen viele Regierungschefs nach Minden

Von Jürgen Langenkämper

Ins Goldene Buch trägt sich kein Kanzler ein

In Rednerpose: Willy Brandt sprach im Juli 1961 auf dem Kleinen Domhof vor 2500 Mindenern. MT-Foto (Archiv): Eva Kramer
In Rednerpose: Willy Brandt sprach im Juli 1961 auf dem Kleinen Domhof vor 2500 Mindenern. MT-Foto (Archiv): Eva Kramer

Auch die beiden Erben Adenauers im Palais Schaumburg, Ludwig Erhard (1897-1977) und Kurt Georg Kiesinger (1904-1988), gaben sich beim Fabrikanten Horst Bentz die Wahlkampfklinke in die Hand und nutzten die Räumlichkeiten der Melitta-Werke für Wahlkampfauftritte. Der frühere Wirtschaftsminister Erhard kam 1965 gewissermaßen an eine alte Wirkungsstätte zurück. Denn er hatte schon in der Nachkriegszeit "als Vertreter der Wirtschaftsverwaltung in der amerikanischen Zone beim Wirtschaftsamt in der britischen Zone, das in den Melitta-Werken untergebracht war", häufiger konferiert (MT vom 4. Februar 1972 zum 75. Geburtstag). Sein Wahlkampfauftritt vor mehr als 3000 Zuhörern, der "mehrfach Pfiffe und andere Missfallenskundgebungen" in der "Papierhalle des Neubaues an der Artilleriestraße" hervorrief (MT vom 11. September 1965), verhalf auch dem CDU-Kandidaten Martin Horstmeier (*1929) zu seinem ersten Einzug in den Bundestag über die Landesliste.

Information
Adenauer auf Abstellgleis
In der Nacht auf den 13. Februar 1955 weilte erstmals ein Kanzler der noch jungen Bundesrepublik auf dem heutigen Mindener Stadtgebiet - über Nacht und unbemerkt und südlich der Stadt. Das MT berichtete in der Dienstagausgabe vom 15. Februar darüber. Hier der Artikel unter dem Titel "Dr. Adenauer übernachtete in Häverstädt":

"Von der Bevölkerung unbemerkt traf in der Nacht zum Sonntag um 22.53 Uhr ein Sonderzug mit Bundeskanzler Dr. A d e n a u e r , von Hannover kommend, in Minden ein und wurde auf dem Gleis der Erzbahn in Häverstädt, etwa 20 Meter vom Bahnhof entfernt, abgestellt, wo der Bundeskanzler die Nacht verbrachte. Um 8.05 Uhr fuhr der Sonderzug nach Hamm weiter.

Bereits 24 Stunden vorher wurden die Polizeidienststellen vertraulich davon unterrichtet, daß der Bundeskanzler, der das Wochenende bekanntlich zu mehreren Reden nutzte, in seinem Sonderzug auf dem Abstellgleis bei Häverstädt zu übernachten gedenke.

Die Sicherung hatte zunächst die Bahnpolizei mit 10 Beamten übernommen. Dazu kamen noch 30 Beamte der Schutzpolizei und drei Kriminalbeamte, die in Ablösungen den Schlaf des Bundeskanzlers hüteten.

Bundeskanzler Dr. Adenauer, begleitet von zahlreichen hohen Ministerialbeamten, hatte nach dem Eintreffen in Häverstädt zunächst eine Konferenz, aber bald wurden die Fenster der drei Wagen des Sonderzuges dunkel, der in wenigen Stunden bei dem starken Schneegestöber eingeschneit war.

Während dieser Zeit hatte die Polizei in einem größeren Umkreis des gesamten Geländes Sicherungsposten bezogen."

800 Gäste und 400 Werksangehörige empfingen Kanzler Kiesinger für seinen Auftritt im Melitta-Casino. "Horst Bentz empfahl seinen Mitarbeitern, am 28. September kein Risiko einzugehen und auf Sicherheit zu setzen." (MT vom 17. September 1969). Doch knapp verfehlte die CDU die absolute Mehrheit, und der Schwabe musste seinen Hut als Regierungschef nehmen.

Nicht im Bundestagswahlkampf, sondern zur Landtagswahl kam 1975 Bundeskanzler Helmut Schmidt (*1918) nach Minden, um dem Abgeordneten und SPD-Unterbezirksvorsitzenden Hans Rohe (1931-2003) den Rücken zu stärken (MT vom 17. April 1975). Schmidts CDU-Herausforderer Helmut Kohl (*1930) machte im Jahr darauf in Minden in der überfüllten Doppelaula Wahlkampf (MT vom 4. September 1976). Da hatte ihm sein großer parteiinterner CSU-Widersacher Franz-Josef Strauß bereits die Show gestohlen - vor mehr als 4000 Leuten im Freischießen-Ratszelt auf Kanzlers Weide (MT vom 2. Juli 1976). Und SPD-Alt-Kanzler Brandt wollten gar 6000 Leute auf dem Großen Domhof sehen (MT vom 14. September 1976).

Zum Wahlkampf für Lothar Ibrügger (*1944) kam Brandt auch 1983 (MT vom 5. Februar) und 1990 (MT vom 27. Oktober) an die Weser. 1987 reiste Ministerpräsident Johannes Rau (1931-2006) als SPD-Kanzlerkandidat mit vom Wahlkampf heiserer Stimme an (MT vom 8. Januar). 1994 kam der ebenso gegen Kanzler Kohl erfolglose SPD-Spitzenkandidat Rudolf Scharping (*1947) (MT vom 29. August). Kohl selbst kam nie wieder nach Minden, wohl aber im Ruhestand nach Stemwede (MT vom 7. Mai 2005), als Friedhelm Ortgies (*1950) für die CDU für den Landtag kandidierte.

Erst zum Ausscheiden des SPD-Abgeordneten Ibrügger hin zog mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (*1954) die Frontfrau der CDU für Steffen Kampeter (*1963) in Minden in den Wahlkampf (MT vom 11. September 2009) - und sie tut es am Donnerstag wieder.

Frank-Walter Steinmeier (*1956) und Peer Steinbrück (*1947) rührten als Spitzenleute für den SPD-Kandidaten Achim Post (*1959) jeweils in Porta Westfalica die Wahlkampftrommel (MT vom 24. August 2009 und vom 21. August 2013). Auch Alt-Kanzler Gerhard Schröder zog außerhalb Mindens, im Zelt auf dem Blasheimer Markt, ins Feld (MT vom 7. September 2009).

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Immer nur auf Wahlkampftour: Von Adenauer bis Merkel kommen viele Regierungschefs nach MindenIns Goldene Buch trägt sich kein Kanzler einVon Jürgen LangenkämperMinden (mt). Viele Bundeskanzler sind seit Adenauers Zeiten schon nach Minden gekommen. Im Goldenen Buch der Stadt hat sich noch keiner verewigt. Der Grund: "Die Satzung der Stadt für Ehrungen und Auszeichnungen schließt einen Eintrag von Personen aus, die wegen eines Wahlkampfauftritts in Minden sind", sagt Pressesprecherin Susann Lewerenz.Somit hilft kein Blick ins Goldene Buch, um zu ermitteln, wann Kanzler von Adenauer bis Merkel nach Minden gekommen sind. Auch die Parteizentralen von CDU und SPD haben über die Jahrzehnte nicht sorgfältig Buch geführt und jeweils die Besuche und Auftritte ihrer Wahlkampflokomotiven nicht aufgelistet.Doch die örtliche Presse hat bei den Stippvisiten der Regierungschefs ihrer Chronistenpflicht genügt - und mehr als das: Große Berichte in mehreren Ausgaben waren die Aufenthalte von Adenauer, Erhard & Co. dem Mindener Tageblatt wert, und auch die Wahlkampfabstecher ihrer jeweiligen Herausforderer finden sich im digitalen Archiv seit 1949 wieder.Vielleicht ist die erste Stippvisite des 85-jährigen Rhöndorfers in seinem letzten Wahlkampf - von vieren von 1949 bis 1961 - indirekt seinem jungen Herausforderer, Willy Brandt (1913-1992), zu verdanken. Denn zur Unterstützung des direkt gewählten SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Paul Bleiß (1904-1996) bereiste der Regierende Bürgermeister von Berlin im offenen Wagen den Kreis und die Stadt Minden im Juli 1961 - knapp einen Monat vor dem Bau der Mauer. Brandt sprach, über Petershagen und Todtenhausen kommend, vor 2500 Menschen auf dem Kleinen Domhof - dort, wo seit 1978 das neue Rathaus steht. "Schinken und Steinhäger, typisch für Westfalen, waren das Geschenk der Stadt Minden für den Gast aus Berlin", hieß es im Bericht (MT vom 17. Juli 1961). Anschließend ging es zu Kundgebungen in der Goethe-Freilichtbühne in Porta und im Kurpark in Bad Oeynhausen weiter.Keine zwei Monate später kam Konrad Adenauer (1876-1967) in die "soeben fertiggestellte größte Fabrikhalle der Stadt Minden". 6000 Zuhörer füllten die 2700 Quadratmeter große Halle der Melitta-Werke an der Ringstraße. Angereist war der Kanzler mit drei Hubschraubern von Wunstorf aus, 23 in- und ausländische Journalisten im Tross. Auch Landesinnenminister und Landesvorsitzender Josef Hermann Dufhues (1908-1971) sprach, um den CDU-Abgeordneten Heinrich Wehking (1899-1984) zu unterstützen. "Für die auswärtigen Journalisten aber war mit ,Kanzlers Weide` das Stichwort gefallen, das sie ergötzte", wie das MT schrieb (12. September 1961). Denn die Berichterstatter fragten mehrere Mindener nach der Herkunft des Namens für das Gelände, wo die Hubschrauber gelandet waren. Den Lesern wurde aus gegebenem Anlass ins Gedächtnis gerufen, dass die Stadtweide 270 Jahre zuvor an den brandenburgisch-preußischen Kanzler von Danckelmann verkauft und 1725 durch die Stadt von seinen Erben zurückgekauft worden war.Auch die beiden Erben Adenauers im Palais Schaumburg, Ludwig Erhard (1897-1977) und Kurt Georg Kiesinger (1904-1988), gaben sich beim Fabrikanten Horst Bentz die Wahlkampfklinke in die Hand und nutzten die Räumlichkeiten der Melitta-Werke für Wahlkampfauftritte. Der frühere Wirtschaftsminister Erhard kam 1965 gewissermaßen an eine alte Wirkungsstätte zurück. Denn er hatte schon in der Nachkriegszeit "als Vertreter der Wirtschaftsverwaltung in der amerikanischen Zone beim Wirtschaftsamt in der britischen Zone, das in den Melitta-Werken untergebracht war", häufiger konferiert (MT vom 4. Februar 1972 zum 75. Geburtstag). Sein Wahlkampfauftritt vor mehr als 3000 Zuhörern, der "mehrfach Pfiffe und andere Missfallenskundgebungen" in der "Papierhalle des Neubaues an der Artilleriestraße" hervorrief (MT vom 11. September 1965), verhalf auch dem CDU-Kandidaten Martin Horstmeier (*1929) zu seinem ersten Einzug in den Bundestag über die Landesliste.800 Gäste und 400 Werksangehörige empfingen Kanzler Kiesinger für seinen Auftritt im Melitta-Casino. "Horst Bentz empfahl seinen Mitarbeitern, am 28. September kein Risiko einzugehen und auf Sicherheit zu setzen." (MT vom 17. September 1969). Doch knapp verfehlte die CDU die absolute Mehrheit, und der Schwabe musste seinen Hut als Regierungschef nehmen.Nicht im Bundestagswahlkampf, sondern zur Landtagswahl kam 1975 Bundeskanzler Helmut Schmidt (*1918) nach Minden, um dem Abgeordneten und SPD-Unterbezirksvorsitzenden Hans Rohe (1931-2003) den Rücken zu stärken (MT vom 17. April 1975). Schmidts CDU-Herausforderer Helmut Kohl (*1930) machte im Jahr darauf in Minden in der überfüllten Doppelaula Wahlkampf (MT vom 4. September 1976). Da hatte ihm sein großer parteiinterner CSU-Widersacher Franz-Josef Strauß bereits die Show gestohlen - vor mehr als 4000 Leuten im Freischießen-Ratszelt auf Kanzlers Weide (MT vom 2. Juli 1976). Und SPD-Alt-Kanzler Brandt wollten gar 6000 Leute auf dem Großen Domhof sehen (MT vom 14. September 1976).Zum Wahlkampf für Lothar Ibrügger (*1944) kam Brandt auch 1983 (MT vom 5. Februar) und 1990 (MT vom 27. Oktober) an die Weser. 1987 reiste Ministerpräsident Johannes Rau (1931-2006) als SPD-Kanzlerkandidat mit vom Wahlkampf heiserer Stimme an (MT vom 8. Januar). 1994 kam der ebenso gegen Kanzler Kohl erfolglose SPD-Spitzenkandidat Rudolf Scharping (*1947) (MT vom 29. August). Kohl selbst kam nie wieder nach Minden, wohl aber im Ruhestand nach Stemwede (MT vom 7. Mai 2005), als Friedhelm Ortgies (*1950) für die CDU für den Landtag kandidierte.Erst zum Ausscheiden des SPD-Abgeordneten Ibrügger hin zog mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (*1954) die Frontfrau der CDU für Steffen Kampeter (*1963) in Minden in den Wahlkampf (MT vom 11. September 2009) - und sie tut es am Donnerstag wieder.Frank-Walter Steinmeier (*1956) und Peer Steinbrück (*1947) rührten als Spitzenleute für den SPD-Kandidaten Achim Post (*1959) jeweils in Porta Westfalica die Wahlkampftrommel (MT vom 24. August 2009 und vom 21. August 2013). Auch Alt-Kanzler Gerhard Schröder zog außerhalb Mindens, im Zelt auf dem Blasheimer Markt, ins Feld (MT vom 7. September 2009).