MT-THEMA: Palliativnetzwerk

Gemeinsam bis zum letzten Atemzug

veröffentlicht

Christa (60) und Reinhard Watermann (65) begleiteten ihre schwerkranke Mutter in den letzten Wochen ihres Lebens

Minden (jr). Zu Hause Sterben: Das ist der Wunsch vieler Menschen. Die Geschwister Watermann berichten im Gespräch mit MT-Mitarbeiter Jörg Reinhardt, wie sie diese Zeit erlebt haben und was dabei geholfen hat.

Gemeinsam bis zum letzten Atemzug - © MINDEN
Gemeinsam bis zum letzten Atemzug (© MINDEN)

Erzählen sie von Ihrer Mutter Sophie und ihrer Krankengeschichte.

Reinhard Watermann: Der körperliche Verfall meiner Mutter begann schleppend. Nach einem halben Jahr Rückenschmerzen und regelmäßigen Besuchen beim Hausarzt ohne eine klare Diagnose bekam sie eine Einweisung in das Klinikum Minden. In der Geriatrie wurde sie fürsorglich betreut und konnte das erste Mal seit Langem wieder durchschlafen, da eine Schmerztherapie begonnen wurde. Am Ende stand dann fest: Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Christa Watermann: Eine zeitliche Perspektive konnten die Ärzte nicht geben. Das Klinikum durfte bei der Entlassung nur für einen Tag Medikamente mitgeben und hat auf den behandelnden Hausarzt verwiesen. Dieser war zu der Zeit im Urlaub, sodass meine Mutter sich am Tag der Entlassung einen neuen Hausarzt suchen musste.

Gemeinsamkeit bis zuletzt: Dabei hilft das Palliativnetzwerk. - © Foto: Archiv (dpa)
Gemeinsamkeit bis zuletzt: Dabei hilft das Palliativnetzwerk. (© Foto: Archiv (dpa))

Reinhard Watermann: Meine Mutter hatte Anfang 2011 eine notarielle Patientenverfügung abgeschlossen. Sie hatte den klaren Wunsch, zu Hause im Kreis ihrer Familie zu sterben.

Wie ging es dann weiter?

Reinhard Watermann: Durch eine Empfehlung sind wir auf eine besondere hausärztliche Gemeinschaftspraxis gestoßen. Beim ersten Besuch hat sich der Arzt viel Zeit genommen, um meine Mutter kennenzulernen und die Möglichkeiten der Schmerztherapie zu besprechen. Nach diesem ersten Gespräch, bei dem es darum ging, wie ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht werden kann, war meine Mutter voller Vertrauen zu ihrem Arzt und fühlte sich gut aufgehoben.

Wie bekamen Sie Kontakt zum Palliativnetzwerk?

Reinhard Watermann: Das Krankenhaus hat uns informiert, dass es einen Rechtsanspruch auf ambulante Palliativversorgung gibt, aber dass meine Mutter auch jederzeit bei akuten Problemen wieder das Klinikum aufsuchen kann. Die Patientenkoordinatorin Dorothea Dieker war hier und hat mit uns alle Dinge besprochen. Wir haben auch eine Notfallnummer bekommen, für den Fall, dass es akute Probleme gibt und wir den behandelnden Arzt nicht erreichen können.

Wie haben Sie die Pflege und Begleitung Ihrer Mutter erlebt?

Reinhard Watermann: Ich habe 19 Jahre zusammen mit meiner Mutter in einem Haushalt gelebt und wir waren sehr vertraut miteinander. Für mich war es kein Problem, sie zu pflegen. Auch die Mitarbeiter des Pflegedienstes waren sehr fürsorglich.

Christa Watermann: Ich hatte am Anfang Angst, beim Pflegen etwas falsch zu machen, meiner Mutter zum Beispiel beim Aufrichten im Bett durch falsche Handgriffe Schmerzen zuzufügen. Aber das Gefühl war schnell weg, denn die Anleitungen und Hilfestellungen des Pflegedienstes haben mir Sicherheit gegeben.

Reinhard Watermann: Die Ärzte und Pflegekräfte waren in der ganzen Zeit wichtige Ansprechpartner. Wir mussten auch schon mal nachts um drei Uhr anrufen - das war nie ein Problem, ganz im Gegenteil: So war es uns möglich, unsere Mutter bis zu ihrem Tod zu Hause zu begleiten.

Was war für sie persönlich besonders wichtig?

Reinhard Watermann: Es gab auch schöne Momente in der Zeit. Das Pflegebett stand im Wohnzimmer, so war unsere Mutter immer mittendrin. Uns allen war bewusst, dass es ein endgültiger Abschied war, aber wir haben trotzdem gemeinsam gelacht und diese kostbaren Momente genossen.

Christa Watermann: Für mich waren zwei Sachen ganz wichtig: Die noch verbleibende Zeit mit meiner Mutter gemeinsam in ihrem Zuhause zu verbringen und dafür zu sorgen, dass sie keine Schmerzen haben muss. Es war der Wunsch unserer Mutter, zu Hause zu sterben, und so haben wir das umgesetzt. Wir konnten ihr damit ein wenig von dem zurückgeben, was sie uns gegeben hat.

Reinhard Watermann: Es war ein Abschiedsprozess, wie er früher zu Hause üblich war. Es ist gut, dass es dafür Beratung und Unterstützung gibt, wie wir sie vom Palliativnetzwerk bekommen haben.

Was würden Sie Angehörigen raten, die in eine ähnliche Situation kommen?

Christa Watermann: Ich würde es jederzeit wieder genauso machen. Aber jeder muss für sich herausfinden, ob er sich zutraut, diesen Weg zu gehen.

Reinhard Watermann: Uns hat sehr geholfen, dass mein Bruder, meine Schwägerin und die Schwestern meiner Mutter immer zur Stelle waren, wenn uns berufliche und andere Verpflichtungen gebunden haben.

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MT-THEMA: PalliativnetzwerkGemeinsam bis zum letzten AtemzugChrista (60) und Reinhard Watermann (65) begleiteten ihre schwerkranke Mutter in den letzten Wochen ihres LebensMinden (jr). Zu Hause Sterben: Das ist der Wunsch vieler Menschen. Die Geschwister Watermann berichten im Gespräch mit MT-Mitarbeiter Jörg Reinhardt, wie sie diese Zeit erlebt haben und was dabei geholfen hat.Erzählen sie von Ihrer Mutter Sophie und ihrer Krankengeschichte.Reinhard Watermann: Der körperliche Verfall meiner Mutter begann schleppend. Nach einem halben Jahr Rückenschmerzen und regelmäßigen Besuchen beim Hausarzt ohne eine klare Diagnose bekam sie eine Einweisung in das Klinikum Minden. In der Geriatrie wurde sie fürsorglich betreut und konnte das erste Mal seit Langem wieder durchschlafen, da eine Schmerztherapie begonnen wurde. Am Ende stand dann fest: Bauchspeicheldrüsenkrebs.Christa Watermann: Eine zeitliche Perspektive konnten die Ärzte nicht geben. Das Klinikum durfte bei der Entlassung nur für einen Tag Medikamente mitgeben und hat auf den behandelnden Hausarzt verwiesen. Dieser war zu der Zeit im Urlaub, sodass meine Mutter sich am Tag der Entlassung einen neuen Hausarzt suchen musste.Reinhard Watermann: Meine Mutter hatte Anfang 2011 eine notarielle Patientenverfügung abgeschlossen. Sie hatte den klaren Wunsch, zu Hause im Kreis ihrer Familie zu sterben.Wie ging es dann weiter?Reinhard Watermann: Durch eine Empfehlung sind wir auf eine besondere hausärztliche Gemeinschaftspraxis gestoßen. Beim ersten Besuch hat sich der Arzt viel Zeit genommen, um meine Mutter kennenzulernen und die Möglichkeiten der Schmerztherapie zu besprechen. Nach diesem ersten Gespräch, bei dem es darum ging, wie ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht werden kann, war meine Mutter voller Vertrauen zu ihrem Arzt und fühlte sich gut aufgehoben.Wie bekamen Sie Kontakt zum Palliativnetzwerk?Reinhard Watermann: Das Krankenhaus hat uns informiert, dass es einen Rechtsanspruch auf ambulante Palliativversorgung gibt, aber dass meine Mutter auch jederzeit bei akuten Problemen wieder das Klinikum aufsuchen kann. Die Patientenkoordinatorin Dorothea Dieker war hier und hat mit uns alle Dinge besprochen. Wir haben auch eine Notfallnummer bekommen, für den Fall, dass es akute Probleme gibt und wir den behandelnden Arzt nicht erreichen können.Wie haben Sie die Pflege und Begleitung Ihrer Mutter erlebt?Reinhard Watermann: Ich habe 19 Jahre zusammen mit meiner Mutter in einem Haushalt gelebt und wir waren sehr vertraut miteinander. Für mich war es kein Problem, sie zu pflegen. Auch die Mitarbeiter des Pflegedienstes waren sehr fürsorglich.Christa Watermann: Ich hatte am Anfang Angst, beim Pflegen etwas falsch zu machen, meiner Mutter zum Beispiel beim Aufrichten im Bett durch falsche Handgriffe Schmerzen zuzufügen. Aber das Gefühl war schnell weg, denn die Anleitungen und Hilfestellungen des Pflegedienstes haben mir Sicherheit gegeben.Reinhard Watermann: Die Ärzte und Pflegekräfte waren in der ganzen Zeit wichtige Ansprechpartner. Wir mussten auch schon mal nachts um drei Uhr anrufen - das war nie ein Problem, ganz im Gegenteil: So war es uns möglich, unsere Mutter bis zu ihrem Tod zu Hause zu begleiten.Was war für sie persönlich besonders wichtig?Reinhard Watermann: Es gab auch schöne Momente in der Zeit. Das Pflegebett stand im Wohnzimmer, so war unsere Mutter immer mittendrin. Uns allen war bewusst, dass es ein endgültiger Abschied war, aber wir haben trotzdem gemeinsam gelacht und diese kostbaren Momente genossen.Christa Watermann: Für mich waren zwei Sachen ganz wichtig: Die noch verbleibende Zeit mit meiner Mutter gemeinsam in ihrem Zuhause zu verbringen und dafür zu sorgen, dass sie keine Schmerzen haben muss. Es war der Wunsch unserer Mutter, zu Hause zu sterben, und so haben wir das umgesetzt. Wir konnten ihr damit ein wenig von dem zurückgeben, was sie uns gegeben hat.Reinhard Watermann: Es war ein Abschiedsprozess, wie er früher zu Hause üblich war. Es ist gut, dass es dafür Beratung und Unterstützung gibt, wie wir sie vom Palliativnetzwerk bekommen haben.Was würden Sie Angehörigen raten, die in eine ähnliche Situation kommen?Christa Watermann: Ich würde es jederzeit wieder genauso machen. Aber jeder muss für sich herausfinden, ob er sich zutraut, diesen Weg zu gehen.Reinhard Watermann: Uns hat sehr geholfen, dass mein Bruder, meine Schwägerin und die Schwestern meiner Mutter immer zur Stelle waren, wenn uns berufliche und andere Verpflichtungen gebunden haben.