75 Jahre Kriegende: Fünfjährige verliert ihre Freundin bei Bombentreffer auf das Nachbarhaus Robert Kauffeld Minden. „Weshalb damals Krieg war, konnten wir nicht verstehen – es war eine schreckliche Zeit mit Leid und Entbehrungen“, so enden die Aufzeichnungen, in denen die 1939 geborene Ilse Backsmeier eindrucksvoll beschreibt, wie sie als Kind die Sinnlosigkeit eines Krieges erfuhr, wie sie selbst leiden musste und erlebte, wie geliebte Menschen, Freunde und Nachbarn in Not und Verzweiflung litten und sogar ihr Leben verloren. Gerade mal drei Wochen vor Kriegsausbruch geboren, erlebte Ilse Lipps, wie sie damals hieß, zunächst noch eine glückliche Kindheit mit ihren Eltern und ihrer um 16 Monate älteren Schwester Martha in der Waterloostraße und später unweit davon im Haus Dankerser Straße 20. Der Vater, im Ersten Weltkrieg schwerkriegsbeschädigt, war bei der Reichsbahn beschäftigt. Als Hausverwalter übernahm er es, den Kellergang als Luftschutzraum herzurichten. „Dicke Holzbalken, es waren zurechtgeschnittene Baumstämme, stützten die Decke ab“, so beschreibt Ilse Backsmeier den Raum, der Schutz bieten sollte. „Zwischen den Stützen hatte er für mich und meine Schwester ein Notbett mit Brettern und Kissen errichtet.“ Immer wieder heulten die Sirenen. „Schon beim ersten Ton standen wir vor Schreck stocksteif im Bett“, so beschreibt sie die Angst, die sie schon als kleines Kind hatte. Oftmals sei der Strom abgeschaltet worden, Petroleumlampen mussten etwas Licht spenden. Auch am 6. Dezember 1944 war es wieder so. Es war Nikolaustag. Die Mutter wollte den Kindern eine Freude bereiten und hatte Marzipan-Kartoffeln zubereitet. Die erforderlichen Mandeln gab es nicht, man nahm ersatzweise Gries und fügte, um den typischen Geschmack zumindest ansatzweise zu erzeugen, ein paar Tropfen Bittermandelöl hinzu. Doch die Freude währte nicht lange. Es gab Vollalarm. Der Vater hatte Bereitschaftsdienst bei der Bahn. Wie gewohnt suchten die Mutter mit ihren beiden Töchtern und eine im Obergeschoss wohnhafte Frau den Keller auf. Was dann geschah, beschreibt Ilse Backsmeier wie folgt: „Bomben fielen. Wir saßen im Kellergang, zogen die Beine an und warfen uns Decken über die Köpfe. Glassplitter flogen um uns herum, die Haustür kam die Kellertreppe herunter gesegelt. Immer wieder dieses schreckliche Donnern einschlagender Bomben. Und dann: Totenstille. Noch heute habe ich vor Augen, wie dreckverschmierte Soldaten hereinstürzten, sich Forken und Schaufeln holten, um Verletzte und Tote zu bergen.“ Sie hatten überlebt, doch das Dach ihres Hauses war abgedeckt, kein Fenster war heil geblieben. Überall Glassplitter. Der Küchenschrank mit allem Geschirr war umgekippt. Es war alles verwüstet. Und dann erfuhren sie auch von dem schrecklichen Schicksal ihrer Nachbarn. Das Haus Nr. 22 hatte einen Volltreffer bekommen. Alle waren ums Leben gekommen: Frau Dallmeyer, fünf Kinder, vier Großeltern und ein Hausmädchen. Mit den Kindern hatte Ilse Backsmeier immer gespielt. Kaum vorstellbar die seelische Belastung eines kleinen Mädchens. Und kaum vorstellbar auch das Leid des Familienvaters, als der an der Front die Nachricht bekam. Die Erkenntnis, nach dem bevorstehenden Ende des Krieges zu Hause nichts mehr anzutreffen, weder Frau und Kinder noch Eltern, weder Wohnung noch persönliches Eigentum, führte ihn dazu, sich zu erschießen. Bei dem Bombenangriff, der wohl die Bahnanlagen treffen sollte, wurden zahlreiche Häuser auf dem rechten Weserufer zerstört, es gab viele Tote. Aber es wurde auch über ein kleines Wunder berichtet. Ein Haus an der Dombrede hatte einen Volltreffer bekommen und war total eingestürzt. Rettungsmannschaften – es waren russische Kriegsgefangene – vernahmen unter den Trümmern das Weinen eines Kindes. Man hatte den kleinen Jungen mit seinem Bettchen in ein Regal gelegt, das nicht zerstört wurde. Alle Bewohner starben, nur er wurde gerettet. Die Wohnung war nicht mehr bewohnbar. „Mein Vater brachte dann meine Schwester und mich in einem Eisenbahn-Kinderheim in Schieder unter“, so berichtet Ilse Backsmeier weiter. „Unsere Mutter hatte die Toten identifizieren müssen, bekam einen Nervenzusammenbruch und fand eine Bleibe im Mütterheim Schieder.“ Ilse und ihre Schwester litten unter der Trennung von ihren Eltern. Wenn die Schwestern das Nachtgebet gesprochen und gemeinsam das Lied „Guten Abend, gute Nacht“ gesungen worden war, „weinten wir uns gemeinsam in den Schlaf“, so erinnert sie sich. Im Kinderheim brach Scharlach aus, und Ilse und ihre Schwester mussten diese schwere Krankheit im Krankenhaus in Detmold überstehen, bis sie schließlich Ende Februar 1944 in das von den Eltern in Nammen gemietete Zimmer umziehen konnten, das notdürftig mit beschädigten Möbeln aus der früheren Wohnung ausgestattet wurde. „Und dann kam der 6. April 1945“, so berichtet die damals an Lungenentzündung schwer erkrankte Ilse, die selbst nicht einmal mehr gehen konnte. „Alle Bewohner mussten in das Bergwerk, weil die amerikanischen Truppen sich näherten. Etwa eine Woche schliefen wir dort auf Stroh. Bei mir ging es um Leben und Tod, trotzdem bin ich langsam wieder genesen.“ An ein besonderes Ereignis kann sie sich noch erinnern, das sie so beschreibt: „Ich habe heute noch das mehrmalige Rufen des Namens Else in den Ohren. Was ich damals noch nicht wusste: So hieß die Frau, die mit Hilfe mehrerer Frauen ihr Baby unter Tage bekam und ohnmächtig geworden war.“ So lagen Tod und neues Leben dicht bei einander. Es waren Eindrücke, die sicherlich Narben in der Seele eines jungen Menschen zurückgelassen haben. Sie überstanden die Zeit unter Tage und mussten feststellen, dass ihre Wohnung in Nammen ausgeraubt worden war und das Haus, in dem sie wohnten, einen Einschuss bekommen und im Obergeschoss nicht mehr bewohnbar war. Ilse sah auf dem Rasen vor dem Haus Uniformen liegen, die, wie man erzählte, von jungen Bückeburger Musikschülern stammten, von denen viele beim befohlenen „Kampf bis zum letzten Blutstropfen“ gefallen wären. Der Vater richtete die Wohnung in der Dankerser Straße notdürftig her, und sie konnten wieder einziehen. Eine schreckliche Zeit lag hinter ihnen. Ilse Backsmeier fasst ihre Erinnerungen so zusammen: „Der Zweite Weltkrieg hat unsere Kindheit geprägt. Ich hoffe, dass unsere Nachkommen nie so etwas erleben müssen“.

75 Jahre Kriegende: Fünfjährige verliert ihre Freundin bei Bombentreffer auf das Nachbarhaus

Beim Bombenangriff auf das rechte Weserufer starben viele Menschen. Wie
durch ein Wunder überlebte ein kleiner Junge in diesen Trümmern an der
Dombrede.

Minden. „Weshalb damals Krieg war, konnten wir nicht verstehen – es war eine schreckliche Zeit mit Leid und Entbehrungen“, so enden die Aufzeichnungen, in denen die 1939 geborene Ilse Backsmeier eindrucksvoll beschreibt, wie sie als Kind die Sinnlosigkeit eines Krieges erfuhr, wie sie selbst leiden musste und erlebte, wie geliebte Menschen, Freunde und Nachbarn in Not und Verzweiflung litten und sogar ihr Leben verloren.

Gerade mal drei Wochen vor Kriegsausbruch geboren, erlebte Ilse Lipps, wie sie damals hieß, zunächst noch eine glückliche Kindheit mit ihren Eltern und ihrer um 16 Monate älteren Schwester Martha in der Waterloostraße und später unweit davon im Haus Dankerser Straße 20. Der Vater, im Ersten Weltkrieg schwerkriegsbeschädigt, war bei der Reichsbahn beschäftigt. Als Hausverwalter übernahm er es, den Kellergang als Luftschutzraum herzurichten. „Dicke Holzbalken, es waren zurechtgeschnittene Baumstämme, stützten die Decke ab“, so beschreibt Ilse Backsmeier den Raum, der Schutz bieten sollte. „Zwischen den Stützen hatte er für mich und meine Schwester ein Notbett mit Brettern und Kissen errichtet.“ Immer wieder heulten die Sirenen. „Schon beim ersten Ton standen wir vor Schreck stocksteif im Bett“, so beschreibt sie die Angst, die sie schon als kleines Kind hatte. Oftmals sei der Strom abgeschaltet worden, Petroleumlampen mussten etwas Licht spenden.

Ilse Backmeier hat den dicken Schneeball erklommen, auf den sie und ihre

Schwester Martha recht stolz sind. Die Bewohner der Häuser im

Hintergrund sind bei dem Bombenangriff zu Tode gekommen. - © Repro Robert Kauffeld
Ilse Backmeier hat den dicken Schneeball erklommen, auf den sie und ihre
Schwester Martha recht stolz sind. Die Bewohner der Häuser im
Hintergrund sind bei dem Bombenangriff zu Tode gekommen. - © Repro Robert Kauffeld

Auch am 6. Dezember 1944 war es wieder so. Es war Nikolaustag. Die Mutter wollte den Kindern eine Freude bereiten und hatte Marzipan-Kartoffeln zubereitet. Die erforderlichen Mandeln gab es nicht, man nahm ersatzweise Gries und fügte, um den typischen Geschmack zumindest ansatzweise zu erzeugen, ein paar Tropfen Bittermandelöl hinzu. Doch die Freude währte nicht lange. Es gab Vollalarm. Der Vater hatte Bereitschaftsdienst bei der Bahn. Wie gewohnt suchten die Mutter mit ihren beiden Töchtern und eine im Obergeschoss wohnhafte Frau den Keller auf. Was dann geschah, beschreibt Ilse Backsmeier wie folgt:

Fröhliche Kinderspiele im Winter 1943/44: Ilse Backsmeier und ihre Schwester schippen fleißig Schnee. Ihre Freundin Hildegard Dallmeyer (links) kam ums Leben, als ihr Haus (im Hintergrund) einen Volltreffer bekam. Foto: pr - © Repro Robert Kauffeld
Fröhliche Kinderspiele im Winter 1943/44: Ilse Backsmeier und ihre Schwester schippen fleißig Schnee. Ihre Freundin Hildegard Dallmeyer (links) kam ums Leben, als ihr Haus (im Hintergrund) einen Volltreffer bekam. Foto: pr - © Repro Robert Kauffeld

„Bomben fielen. Wir saßen im Kellergang, zogen die Beine an und warfen uns Decken über die Köpfe. Glassplitter flogen um uns herum, die Haustür kam die Kellertreppe herunter gesegelt. Immer wieder dieses schreckliche Donnern einschlagender Bomben. Und dann: Totenstille. Noch heute habe ich vor Augen, wie dreckverschmierte Soldaten hereinstürzten, sich Forken und Schaufeln holten, um Verletzte und Tote zu bergen.“

Sie hatten überlebt, doch das Dach ihres Hauses war abgedeckt, kein Fenster war heil geblieben. Überall Glassplitter. Der Küchenschrank mit allem Geschirr war umgekippt. Es war alles verwüstet. Und dann erfuhren sie auch von dem schrecklichen Schicksal ihrer Nachbarn. Das Haus Nr. 22 hatte einen Volltreffer bekommen. Alle waren ums Leben gekommen: Frau Dallmeyer, fünf Kinder, vier Großeltern und ein Hausmädchen. Mit den Kindern hatte Ilse Backsmeier immer gespielt. Kaum vorstellbar die seelische Belastung eines kleinen Mädchens. Und kaum vorstellbar auch das Leid des Familienvaters, als der an der Front die Nachricht bekam. Die Erkenntnis, nach dem bevorstehenden Ende des Krieges zu Hause nichts mehr anzutreffen, weder Frau und Kinder noch Eltern, weder Wohnung noch persönliches Eigentum, führte ihn dazu, sich zu erschießen.

Bei dem Bombenangriff, der wohl die Bahnanlagen treffen sollte, wurden zahlreiche Häuser auf dem rechten Weserufer zerstört, es gab viele Tote. Aber es wurde auch über ein kleines Wunder berichtet. Ein Haus an der Dombrede hatte einen Volltreffer bekommen und war total eingestürzt. Rettungsmannschaften – es waren russische Kriegsgefangene – vernahmen unter den Trümmern das Weinen eines Kindes. Man hatte den kleinen Jungen mit seinem Bettchen in ein Regal gelegt, das nicht zerstört wurde. Alle Bewohner starben, nur er wurde gerettet. Die Wohnung war nicht mehr bewohnbar.

„Mein Vater brachte dann meine Schwester und mich in einem Eisenbahn-Kinderheim in Schieder unter“, so berichtet Ilse Backsmeier weiter. „Unsere Mutter hatte die Toten identifizieren müssen, bekam einen Nervenzusammenbruch und fand eine Bleibe im Mütterheim Schieder.“ Ilse und ihre Schwester litten unter der Trennung von ihren Eltern. Wenn die Schwestern das Nachtgebet gesprochen und gemeinsam das Lied „Guten Abend, gute Nacht“ gesungen worden war, „weinten wir uns gemeinsam in den Schlaf“, so erinnert sie sich. Im Kinderheim brach Scharlach aus, und Ilse und ihre Schwester mussten diese schwere Krankheit im Krankenhaus in Detmold überstehen, bis sie schließlich Ende Februar 1944 in das von den Eltern in Nammen gemietete Zimmer umziehen konnten, das notdürftig mit beschädigten Möbeln aus der früheren Wohnung ausgestattet wurde.

„Und dann kam der 6. April 1945“, so berichtet die damals an Lungenentzündung schwer erkrankte Ilse, die selbst nicht einmal mehr gehen konnte. „Alle Bewohner mussten in das Bergwerk, weil die amerikanischen Truppen sich näherten. Etwa eine Woche schliefen wir dort auf Stroh. Bei mir ging es um Leben und Tod, trotzdem bin ich langsam wieder genesen.“

An ein besonderes Ereignis kann sie sich noch erinnern, das sie so beschreibt: „Ich habe heute noch das mehrmalige Rufen des Namens Else in den Ohren. Was ich damals noch nicht wusste: So hieß die Frau, die mit Hilfe mehrerer Frauen ihr Baby unter Tage bekam und ohnmächtig geworden war.“ So lagen Tod und neues Leben dicht bei einander. Es waren Eindrücke, die sicherlich Narben in der Seele eines jungen Menschen zurückgelassen haben.

Sie überstanden die Zeit unter Tage und mussten feststellen, dass ihre Wohnung in Nammen ausgeraubt worden war und das Haus, in dem sie wohnten, einen Einschuss bekommen und im Obergeschoss nicht mehr bewohnbar war. Ilse sah auf dem Rasen vor dem Haus Uniformen liegen, die, wie man erzählte, von jungen Bückeburger Musikschülern stammten, von denen viele beim befohlenen „Kampf bis zum letzten Blutstropfen“ gefallen wären.

Der Vater richtete die Wohnung in der Dankerser Straße notdürftig her, und sie konnten wieder einziehen. Eine schreckliche Zeit lag hinter ihnen. Ilse Backsmeier fasst ihre Erinnerungen so zusammen: „Der Zweite Weltkrieg hat unsere Kindheit geprägt. Ich hoffe, dass unsere Nachkommen nie so etwas erleben müssen“.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden