2G, 3G oder einfach dreist? Wie die Regeln in der Praxis funktionieren Lea Oetjen,Patrick Schwemling Minden. Glück gehabt. Das Wetter spielt mit. Ein ungemütlicher Tag. Der Himmel ist fast so farblos wie so viele Hausfassaden ringsum. Immer wieder fängt es an zu regnen. Es dürfte überhaupt nicht auffallen, statt auf der Terrasse viel lieber im Inneren des Restaurants sitzen zu wollen. Dort, wo in Nordrhein-Westfalen die 3G-Regelung gilt. Wo nur jemand Platz nehmen darf, der genesen, geimpft oder getestet ist – und das auch strikt kontrolliert wird. So zumindest die Theorie. Ein Test des Mindener Tageblatts hat nun aber ergeben, dass die Realität ein wenig anders aussieht. Während der Regen an diesem Tag also zunehmend mehr wird, wird das Vertrauen in eine coronafreie Gastronomie immer weniger. „Schön, dass Sie da sind. Setzen Sie sich doch schon einmal.“ Die Kellnerin eines Restaurants in Minden ist gerade dabei, Speisekarten zu sortieren. Sie lächelt aufmerksam, zeigt auf die freien Tische im Inneren des Lokals. „Sind Sie geimpft, getestet oder genesen?“, fragt sie, streicht sich dabei eine braune Locke aus dem Gesicht. Auf energisches Nicken folgt zwar die freundliche Bitte, die entsprechenden Nachweise sehen zu dürfen. Statt sich den Impfausweis aber genauer anzuschauen, wirft die Kellnerin nur einen flüchtigen Blick auf die Handys. Deshalb fällt ihr nicht auf, dass etwas nicht stimmt. So ist das eine Dokument nur abfotografiert – sogar ziemlich offensichtlich. Auf dem anderen Nachweis, der von einem Mann vorgezeigt wird, steht in Großbuchstaben der Name einer Frau. Beides bleibt unbemerkt. „Sehr schön. Darf es für Sie schon etwas zu trinken sein?“, fragt die Kellnerin indes. Die unangenehme Antwort, die sich an diesem Nachmittag mehrfach wiederholt: „Nein, danke. Wir müssen aber reden.“ In allen neun getesteten Gastronomie-Betrieben in Minden bleibt der Schwindel nämlich unentdeckt. Zweifel werden nicht laut. Nicht einmal im Ansatz. In zwei Lokalen musste der 3G-Nachweis sogar gar nicht erst erbracht werden. Wieso klappt das so einfach? Mit den Tatsachen konfrontiert, findet eine Kellnerin ziemlich deutliche Worte: „Ach, es nervt einfach nur noch. Die Gäste haben auch keinen Bock auf sowas.“ Die Frau versucht ihren Fehler zwar etwas herunterzuspielen. Es ist allerdings kaum zu übersehen, wie ertappt sie sich fühlt. „Wissen Sie, wir haben es in der Branche momentan echt schwer.“ Sobald bei Kontrollen etwa nach einem Personalausweis gefragt werde, „unterstellen uns manche Gäste, dass wir ihnen misstrauen“, schildert die Kellnerin ein Problem, das in Zeiten von Google Maps, Facebook, Tripadvisor und Co noch schwerwiegender ist, als ohnehin schon. Restaurants würden immer mehr von guten Bewertungen und Weiterempfehlungen leben. „Wenn unsere Gäste dann durch die Kontrollen schon vor dem Essen schlechte Laune haben, schmeckt es mit Sicherheit nicht ansatzweise so gut wie sonst“, ist die erfahrene Servicekraft überzeugt. Zumal es zu Stoßzeiten auch personell nicht machbar sei, alle Kundinnen und Kunden vernünftig zu kontrollieren. „Dafür müssten wir einen extra Mitarbeiter abstellen und das ist nicht drin“, betont die Frau, ehe sie sich umdreht und kurz auf ein gebasteltes Stop-Schild am Eingang des Restaurants zeigt. „Schauen Sie mal: Da steht doch unmissverständlich drauf, dass man vorne warten soll, oder? Das wird vom Großteil der Menschen aber trotzdem ignoriert“, berichtet die Kellnerin und schüttelt den Kopf. Die Situation sei herausfordernd und kräftezehrend. Obwohl die Regeln bekannt sind, müsse mit manchen Gästen immer wieder diskutiert werden. „Dass wir da ja absolut nichts für können, ist denen dann auch egal. Aber naja, was sollen wir machen? Es gibt halt Menschen, die aus Prinzip schon mal gegen alles sind.“ In einem langen Gespräch redet sich die Frau ihren ganzen Frust der vergangenen Monate von der Seele. Die Fassade der so freundlichen und gut gelaunten Kellnerin bröckelt. Und das ist gar nicht negativ gemeint. Vielmehr kommt mit jedem Satz mehr ein Mensch zum Vorschein, der seit mehr als einem Jahr unter den pandemiebedingten Einschränkungen und Regeln leidet. „Der Allgemeinzustand ist momentan einfach nicht so toll.“ Die Unterhaltungen mit ihren Kolleginnen und Kollgen in den anderen gastronomischen Betrieben der Stadt sind zwar längst nicht so tiefgründig, die Inhalte aber ähnlich. „Wir sind froh, dass wir wieder arbeiten können. So viele Menschen sind inzwischen geimpft. Ja, da wird man mit der Zeit einfach nachlässiger“, offenbart eine Kellnerin. Eine andere verweist auf stichprobenartige Kontrollen von Ausweisdokumenten. „Wir können nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass jeder Gast uns hintergeht“, setzt sie auf ein Grundvertrauen in die Kundschaft. Sehr viel deutlicher wird ein Kollege eines anderes Betriebs: „Es gibt Menschen, die kommen mit falschen Papieren über die Grenze. So verarschen die unsere Polizei und das ganze Land. Was sollen wir dann als Servicekräfte erst gegen sowas ausrichten?“, fragt er und betont, dass trotzdem jeder Einzelne in der Branche stets sein Bestes gebe. In den Gesprächen wird neben der Unsicherheit der Angestellten vor allem eins deutlich: die Unzufriedenheit mit der Arbeit des Ordnungsamts. Ausnahmslos geben alle befragten Servicekräfte an, dass es kaum noch Kontrollen durch die Behörde gebe. „Das Ordnungsamt macht viel zu wenig, die kontrollieren quasi nie“, meint eine Kellnerin. Eine andere erzählt, dass die Prüfungsstelle in diesem Jahr noch zu keiner einzigen Kontrolle in ihrem Restaurant vor Ort gewesen sei. Ein anderer gastronomischer Betrieb sei „immer nur direkt nach dem Lockdown“ kontrolliert worden. Man habe sich quasi die Uhr danach stellen können – auch wenn man für den Fall der Fälle immer ein reines Gewissen habe. „Wir machen das, was für uns möglich ist. Bei Stammgästen, weiß man irgendwann, dass sie einen Impfnachweis haben. Trotzdem weisen wir sie darauf hin, dass sie ihn für eine mögliche Kontrolle griffbereit haben müssen. Vergessen sie ihn, dann ist der Eintritt nicht möglich.“ Die Aussagen der Gastronomie-Mitarbeiter machen hellhörig: Ist etwa auch das Ordnungsamt im Laufe der Pandemie nachlässiger geworden? Ein Vorwurf, den die Behörde mit Nachdruck von sich weist. „Es werden regelmäßig Überprüfungen hinsichtlich der Einhaltung der Coronaschutzverordnung durchgeführt“, versichert Stadt-Pressesprecherin Susann Lewerenz. Obwohl in der MT-Anfrage gezielt nach der Häufigkeit der Gastro-Kontrollen gefragt wird, nennt sie jedoch keine konkreten Zahlen. Vielmehr verweist sie auf Schwerpunkte in der Arbeit des Ordnungsamts, die je nach Erforderlichkeit gesetzt werden müssten. Ein Fokus hätte dabei zuletzt bei der Überwachung der vom Kreis-Gesundheitsamt angeordneten Quarantäne gelegen. „Zeitweise waren hunderte Personen zu kontrollieren. Damit waren täglich zwei Mitarbeitende allein beschäftigt“, erklärt die Pressesprecherin. Dennoch sei auch immer wieder überprüft worden, ob etwa in Restaurants die Regeln eingehalten werden. „Diese Kontrollen reichen von unbemerkten Beobachtungen, über stichprobenartige Überprüfungen einzelner Besucher sowie Kunden bis hin zur Kontrolle aller anwesenden Personen“, zählt Lewerenz auf. Gefälschte Impfausweise oder Nachweise seien dabei bisher nicht aufgefallen. Andreas Grillemeier, Kreisvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Minden-Lübbecke, weiß um die Probleme in Bezug auf die Kontrollen. Der Gastronom von der Gaststätte Winkelhausen in Rothenuffeln spricht in dem Zusammenhang von Fingerspitzengefühl und Vertrauensbasis. „Die Ausweispflicht war umstritten, aber wir dürfen es stichpunktmäßig kontrollieren– und tun das auch“, erklärt der Hiller. Er ist sich aber auch darüber bewusst, dass es immer möglich sei, Dinge zu manipulieren oder mit falschen Nachweisen oder Ausweisen Essen zu gehen. „Wir – und sicherlich auch die meisten meiner Kollegen und Kolleginnen – erfüllen unseren Auftrag jedoch nach bestem Wissen und Gewissen“, stellt Grillemeier klar. Das sei allerdings auch eine gewisse Gratwanderung: „Wir wollen unseren Gästen die möglichst höchste Sicherheit bieten, sie zeitgleich aber auch nicht vergraulen.“ In den meisten Fällen gelinge dies auch, gerade weil sich die Gäste nahezu ausschließlich sehr kooperativ verhalten würden. Er zeigt zwar Verständnis dafür, dass die Kontrollen – sowohl beim Personal, als auch bei den Gästen – nicht der beliebteste Part seien. „Aber sie sind unumgänglich und es hat alles seinen Sinn und Zweck“, findet Grillemeier. In diesem Zusammenhang merkt er jedoch an, dass es „keine lückenlose Quote“ geben würde und hier und da immer Personen durchkommen würden – wenn sie es darauf anlegen sollten. Aus Sicht des Gastronomen habe sich der obligatorische Blick auf die Nachweise inzwischen schon in den Arbeitsalltag integriert: „Das ist nichts Außergewöhnliches mehr, man schaut schon deutlich geschulter hin, als es vielleicht noch zu Beginn der Fall war.“ Dabei sollte laut Grillemeier direkt auffallen, wenn etwas nicht stimmen kann. „Wenn plötzlich eine Frau mit dem Nachweis eines Mannes vor einem steht, dann fällt das ja sofort auf“, merkt er an – auch wenn dieser Test ganz anders ausgefallen ist. Gäste, die partout keinen Nachweis vorzeigen wollen, kämen glücklicherweise selten vor: „Zwei bis drei Prozent wollen Reaktionen, Stress und Ärger provozieren, wie es auch im Einzelhandel der Fall ist“, berichtet der Dehoga-Kreisvorsitzende. Dabei sei das Vorgehen auch eindeutig. „Wer keinen Nachweis vorbringen kann oder will, der muss wieder fahren“, erklärt Grillemeier. Gerade erst vor einigen Tagen habe sich ein ähnlich gelagerter Fall in seinem Restaurant ereignet. „Der Gast hatte einen Nachweis, ihn allerdings vergessen. Er kam dann zurück und alles war in Ordnung.“ Überhaupt habe er die Erfahrung gemacht, dass die Gäste zum Teil schon auf die Kontrollen warten würden. „Man merkt direkt, dass sie entspannter sind und die letzte Unsicherheit ablegen, weil sie wissen, dass das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich ist.“

2G, 3G oder einfach dreist? Wie die Regeln in der Praxis funktionieren

Gastronomie-Betriebe, zumindest die Teil des 3G-Tests des Mindener Tageblatts waren, haben nur das Innere des gelben Heftchens kontrolliert. Der Blick auf die Front – also auf die Daten der Person – hätte so manchen Schwindel aufgedeckt. Symbolfoto: Imago Images © imago images/SEPA.Media

Minden. Glück gehabt. Das Wetter spielt mit. Ein ungemütlicher Tag. Der Himmel ist fast so farblos wie so viele Hausfassaden ringsum. Immer wieder fängt es an zu regnen. Es dürfte überhaupt nicht auffallen, statt auf der Terrasse viel lieber im Inneren des Restaurants sitzen zu wollen. Dort, wo in Nordrhein-Westfalen die 3G-Regelung gilt. Wo nur jemand Platz nehmen darf, der genesen, geimpft oder getestet ist – und das auch strikt kontrolliert wird. So zumindest die Theorie. Ein Test des Mindener Tageblatts hat nun aber ergeben, dass die Realität ein wenig anders aussieht. Während der Regen an diesem Tag also zunehmend mehr wird, wird das Vertrauen in eine coronafreie Gastronomie immer weniger.

„Schön, dass Sie da sind. Setzen Sie sich doch schon einmal.“ Die Kellnerin eines Restaurants in Minden ist gerade dabei, Speisekarten zu sortieren. Sie lächelt aufmerksam, zeigt auf die freien Tische im Inneren des Lokals. „Sind Sie geimpft, getestet oder genesen?“, fragt sie, streicht sich dabei eine braune Locke aus dem Gesicht. Auf energisches Nicken folgt zwar die freundliche Bitte, die entsprechenden Nachweise sehen zu dürfen. Statt sich den Impfausweis aber genauer anzuschauen, wirft die Kellnerin nur einen flüchtigen Blick auf die Handys. Deshalb fällt ihr nicht auf, dass etwas nicht stimmt. So ist das eine Dokument nur abfotografiert – sogar ziemlich offensichtlich. Auf dem anderen Nachweis, der von einem Mann vorgezeigt wird, steht in Großbuchstaben der Name einer Frau. Beides bleibt unbemerkt. „Sehr schön. Darf es für Sie schon etwas zu trinken sein?“, fragt die Kellnerin indes. Die unangenehme Antwort, die sich an diesem Nachmittag mehrfach wiederholt: „Nein, danke. Wir müssen aber reden.“

In allen neun getesteten Gastronomie-Betrieben in Minden bleibt der Schwindel nämlich unentdeckt. Zweifel werden nicht laut. Nicht einmal im Ansatz. In zwei Lokalen musste der 3G-Nachweis sogar gar nicht erst erbracht werden. Wieso klappt das so einfach?


Mit den Tatsachen konfrontiert, findet eine Kellnerin ziemlich deutliche Worte: „Ach, es nervt einfach nur noch. Die Gäste haben auch keinen Bock auf sowas.“ Die Frau versucht ihren Fehler zwar etwas herunterzuspielen. Es ist allerdings kaum zu übersehen, wie ertappt sie sich fühlt. „Wissen Sie, wir haben es in der Branche momentan echt schwer.“ Sobald bei Kontrollen etwa nach einem Personalausweis gefragt werde, „unterstellen uns manche Gäste, dass wir ihnen misstrauen“, schildert die Kellnerin ein Problem, das in Zeiten von Google Maps, Facebook, Tripadvisor und Co noch schwerwiegender ist, als ohnehin schon. Restaurants würden immer mehr von guten Bewertungen und Weiterempfehlungen leben. „Wenn unsere Gäste dann durch die Kontrollen schon vor dem Essen schlechte Laune haben, schmeckt es mit Sicherheit nicht ansatzweise so gut wie sonst“, ist die erfahrene Servicekraft überzeugt.

Zumal es zu Stoßzeiten auch personell nicht machbar sei, alle Kundinnen und Kunden vernünftig zu kontrollieren. „Dafür müssten wir einen extra Mitarbeiter abstellen und das ist nicht drin“, betont die Frau, ehe sie sich umdreht und kurz auf ein gebasteltes Stop-Schild am Eingang des Restaurants zeigt. „Schauen Sie mal: Da steht doch unmissverständlich drauf, dass man vorne warten soll, oder? Das wird vom Großteil der Menschen aber trotzdem ignoriert“, berichtet die Kellnerin und schüttelt den Kopf.

Die Situation sei herausfordernd und kräftezehrend. Obwohl die Regeln bekannt sind, müsse mit manchen Gästen immer wieder diskutiert werden. „Dass wir da ja absolut nichts für können, ist denen dann auch egal. Aber naja, was sollen wir machen? Es gibt halt Menschen, die aus Prinzip schon mal gegen alles sind.“

In einem langen Gespräch redet sich die Frau ihren ganzen Frust der vergangenen Monate von der Seele. Die Fassade der so freundlichen und gut gelaunten Kellnerin bröckelt. Und das ist gar nicht negativ gemeint. Vielmehr kommt mit jedem Satz mehr ein Mensch zum Vorschein, der seit mehr als einem Jahr unter den pandemiebedingten Einschränkungen und Regeln leidet. „Der Allgemeinzustand ist momentan einfach nicht so toll.“

Die Unterhaltungen mit ihren Kolleginnen und Kollgen in den anderen gastronomischen Betrieben der Stadt sind zwar längst nicht so tiefgründig, die Inhalte aber ähnlich. „Wir sind froh, dass wir wieder arbeiten können. So viele Menschen sind inzwischen geimpft. Ja, da wird man mit der Zeit einfach nachlässiger“, offenbart eine Kellnerin.

Eine andere verweist auf stichprobenartige Kontrollen von Ausweisdokumenten. „Wir können nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass jeder Gast uns hintergeht“, setzt sie auf ein Grundvertrauen in die Kundschaft. Sehr viel deutlicher wird ein Kollege eines anderes Betriebs: „Es gibt Menschen, die kommen mit falschen Papieren über die Grenze. So verarschen die unsere Polizei und das ganze Land. Was sollen wir dann als Servicekräfte erst gegen sowas ausrichten?“, fragt er und betont, dass trotzdem jeder Einzelne in der Branche stets sein Bestes gebe.

In den Gesprächen wird neben der Unsicherheit der Angestellten vor allem eins deutlich: die Unzufriedenheit mit der Arbeit des Ordnungsamts. Ausnahmslos geben alle befragten Servicekräfte an, dass es kaum noch Kontrollen durch die Behörde gebe. „Das Ordnungsamt macht viel zu wenig, die kontrollieren quasi nie“, meint eine Kellnerin.

Eine andere erzählt, dass die Prüfungsstelle in diesem Jahr noch zu keiner einzigen Kontrolle in ihrem Restaurant vor Ort gewesen sei. Ein anderer gastronomischer Betrieb sei „immer nur direkt nach dem Lockdown“ kontrolliert worden. Man habe sich quasi die Uhr danach stellen können – auch wenn man für den Fall der Fälle immer ein reines Gewissen habe. „Wir machen das, was für uns möglich ist. Bei Stammgästen, weiß man irgendwann, dass sie einen Impfnachweis haben. Trotzdem weisen wir sie darauf hin, dass sie ihn für eine mögliche Kontrolle griffbereit haben müssen. Vergessen sie ihn, dann ist der Eintritt nicht möglich.“

Die Aussagen der Gastronomie-Mitarbeiter machen hellhörig: Ist etwa auch das Ordnungsamt im Laufe der Pandemie nachlässiger geworden? Ein Vorwurf, den die Behörde mit Nachdruck von sich weist. „Es werden regelmäßig Überprüfungen hinsichtlich der Einhaltung der Coronaschutzverordnung durchgeführt“, versichert Stadt-Pressesprecherin Susann Lewerenz. Obwohl in der MT-Anfrage gezielt nach der Häufigkeit der Gastro-Kontrollen gefragt wird, nennt sie jedoch keine konkreten Zahlen. Vielmehr verweist sie auf Schwerpunkte in der Arbeit des Ordnungsamts, die je nach Erforderlichkeit gesetzt werden müssten. Ein Fokus hätte dabei zuletzt bei der Überwachung der vom Kreis-Gesundheitsamt angeordneten Quarantäne gelegen. „Zeitweise waren hunderte Personen zu kontrollieren. Damit waren täglich zwei Mitarbeitende allein beschäftigt“, erklärt die Pressesprecherin.

Dennoch sei auch immer wieder überprüft worden, ob etwa in Restaurants die Regeln eingehalten werden. „Diese Kontrollen reichen von unbemerkten Beobachtungen, über stichprobenartige Überprüfungen einzelner Besucher sowie Kunden bis hin zur Kontrolle aller anwesenden Personen“, zählt Lewerenz auf. Gefälschte Impfausweise oder Nachweise seien dabei bisher nicht aufgefallen.

Andreas Grillemeier, Kreisvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Minden-Lübbecke, weiß um die Probleme in Bezug auf die Kontrollen. Der Gastronom von der Gaststätte Winkelhausen in Rothenuffeln spricht in dem Zusammenhang von Fingerspitzengefühl und Vertrauensbasis. „Die Ausweispflicht war umstritten, aber wir dürfen es stichpunktmäßig kontrollieren– und tun das auch“, erklärt der Hiller. Er ist sich aber auch darüber bewusst, dass es immer möglich sei, Dinge zu manipulieren oder mit falschen Nachweisen oder Ausweisen Essen zu gehen.

„Wir – und sicherlich auch die meisten meiner Kollegen und Kolleginnen – erfüllen unseren Auftrag jedoch nach bestem Wissen und Gewissen“, stellt Grillemeier klar. Das sei allerdings auch eine gewisse Gratwanderung: „Wir wollen unseren Gästen die möglichst höchste Sicherheit bieten, sie zeitgleich aber auch nicht vergraulen.“ In den meisten Fällen gelinge dies auch, gerade weil sich die Gäste nahezu ausschließlich sehr kooperativ verhalten würden.

Er zeigt zwar Verständnis dafür, dass die Kontrollen – sowohl beim Personal, als auch bei den Gästen – nicht der beliebteste Part seien. „Aber sie sind unumgänglich und es hat alles seinen Sinn und Zweck“, findet Grillemeier. In diesem Zusammenhang merkt er jedoch an, dass es „keine lückenlose Quote“ geben würde und hier und da immer Personen durchkommen würden – wenn sie es darauf anlegen sollten.

Aus Sicht des Gastronomen habe sich der obligatorische Blick auf die Nachweise inzwischen schon in den Arbeitsalltag integriert: „Das ist nichts Außergewöhnliches mehr, man schaut schon deutlich geschulter hin, als es vielleicht noch zu Beginn der Fall war.“ Dabei sollte laut Grillemeier direkt auffallen, wenn etwas nicht stimmen kann. „Wenn plötzlich eine Frau mit dem Nachweis eines Mannes vor einem steht, dann fällt das ja sofort auf“, merkt er an – auch wenn dieser Test ganz anders ausgefallen ist.

Gäste, die partout keinen Nachweis vorzeigen wollen, kämen glücklicherweise selten vor: „Zwei bis drei Prozent wollen Reaktionen, Stress und Ärger provozieren, wie es auch im Einzelhandel der Fall ist“, berichtet der Dehoga-Kreisvorsitzende. Dabei sei das Vorgehen auch eindeutig. „Wer keinen Nachweis vorbringen kann oder will, der muss wieder fahren“, erklärt Grillemeier. Gerade erst vor einigen Tagen habe sich ein ähnlich gelagerter Fall in seinem Restaurant ereignet. „Der Gast hatte einen Nachweis, ihn allerdings vergessen. Er kam dann zurück und alles war in Ordnung.“

Überhaupt habe er die Erfahrung gemacht, dass die Gäste zum Teil schon auf die Kontrollen warten würden. „Man merkt direkt, dass sie entspannter sind und die letzte Unsicherheit ablegen, weil sie wissen, dass das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich ist.“

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