250 Atomkraftgegner simulieren atomare Katastrophe Zwei Jahre nach Fukushima / "Wir simulieren den Ernstfall" Von Carsten Korfesmeyer Minden (cko). An die großen Zeiten der Anti-Atomkraft-Demos haben die rund 250 Teilnehmer nicht anknüpfen können, dennoch: Am Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Fukushima stellten die Kernkraftgegner auch in Minden klar, dass sie nukleare Risiken nach wie vor sehen - und fürchten. Mehrere Aktionen laufen am vergangenen Samstag im Stadtgebiet. Sie alle haben das Ziel, auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam zu machen. Und die Art, wie das geschieht, erinnert zumindest ansatzweise noch an die 1980er-Jahre, als es Millionen von Menschen auf die Straßen zog.So stoppen die Teilnehmer der Umweltgruppe "Greenfairplanet" an der "Birne" mehrere Autos, um sie symbolisch mit Sprühflaschen von der Radioaktivität zu befreien. Radfahrer oder Fußgänger erhalten Jodtabletten (Bonbons), die vor der Strahlenwirkung schützen sollen."Wir simulieren den Ernstfall", sagt Franz Schulte-Schulenberg, der mit seiner Tochter Pia die Demo besucht. Er zieht einen Wagen mit zwei Koffern hinter sich her - und will sinnbildlich die Stadt verlassen. "Wir flüchten", so der Lehrer.An anderen Stellen geht es ähnlich spektakulär zu. Mitglieder der Gruppe Attac sind mit Geigerzählern und Schutzanzügen unterwegs; auf der Weser fährt ein Boot mit selbst gebasteltem "Atommüll" und immer wieder trifft man in der Stadt auf Aktivisten, die mit Flaggen oder Transparenten den sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie fordern. Gefühlter Höhepunkt ist gegen 13 Uhr die Menschenkette am Wesertor. Mehrere Minuten wird der Verkehr angehalten.Sticker, Aufkleber oder Infostände: Die Demonstranten wollen, dass mit der Atomenergie sofort Schluss gemacht wird. Der vom Bundestag über alle Parteigrenzen hinweg beschlossene Atomausstieg bis 2022 geht den (meisten) Teilnehmern nicht weit genug. "Acht Kernkraftwerke sind zwar abgeschaltet, aber neun noch am Netz", sagt Andreas Greiner von der Gruppe "Ausgestrahlt" in seiner Rede auf der Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz. Der 21-Jährige hält die Ankündigung des kompletten Ausstiegs für halbherzig. Der Hamburger befürchtet, dass die Politik mit der Zeit einknickt - und eine Laufzeitverlängerung beschließen werde.Auch Elisabeth Schmelzer (Greenfairplanet) kündigt an, weiter auf die Straße gehen zu wollen. Die Angst vor der Atomenergie wird auch in den musikalischen Beiträgen deutlich. So stellt Bluesmusiker "Wolle" unter anderem die Folgen eines Reaktorunfalls heraus - und wirft der Politik Tatenlosigkeit vor.Dass kritische Töne nicht ausbleiben, versteht sich. "Man kann doch nicht von heute auf morgen aussteigen. Das muss doch vorbereitet werden, denn sonst explodieren die Strompreise", sagt ein Mindener, der nicht genannt werden möchte. Ähnlich äußern sich auch andere Passanten, die aber den geplanten Ausstieg aus der Kernkraft sowie das Engagement der Demo-Teilnehmer grundsätzlich sehr begrüßen.Mit einer Schweigeminute um 14.20 Uhr - dem Zeitpunkt, als 2011 die Katastrophe in Fukushima begann, wird der unzähligen Opfer gedacht. Es ist aber auch ein mahnendes Signal, dass Reaktorkatastrophen auch bei uns passieren können. Der Name des Kraftwerks Grohnde fällt häufiger. Als sich die Demo wenig später auflöst, ziehen die Veranstalter eine zufriedene Bilanz - auch wenn die große Resonanz ausgeblieben ist. Und vielleicht zeigt gerade das, dass sie schon viel erreicht haben?Fotostrecke auf MT-Online.

250 Atomkraftgegner simulieren atomare Katastrophe

Minden (cko). An die großen Zeiten der Anti-Atomkraft-Demos haben die rund 250 Teilnehmer nicht anknüpfen können, dennoch: Am Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Fukushima stellten die Kernkraftgegner auch in Minden klar, dass sie nukleare Risiken nach wie vor sehen - und fürchten.

"Strahlenmessung" an Koffern.
"Strahlenmessung" an Koffern.

Mehrere Aktionen laufen am vergangenen Samstag im Stadtgebiet. Sie alle haben das Ziel, auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam zu machen. Und die Art, wie das geschieht, erinnert zumindest ansatzweise noch an die 1980er-Jahre, als es Millionen von Menschen auf die Straßen zog.

Schutzanzüge und Gasmasken waren bei den Demonstrationen und Aktionen allgegenwärtig. Fotos (3): Carsten Korfesmeyer
Schutzanzüge und Gasmasken waren bei den Demonstrationen und Aktionen allgegenwärtig. Fotos (3): Carsten Korfesmeyer

So stoppen die Teilnehmer der Umweltgruppe "Greenfairplanet" an der "Birne" mehrere Autos, um sie symbolisch mit Sprühflaschen von der Radioaktivität zu befreien. Radfahrer oder Fußgänger erhalten Jodtabletten (Bonbons), die vor der Strahlenwirkung schützen sollen.

"Wir simulieren den Ernstfall", sagt Franz Schulte-Schulenberg, der mit seiner Tochter Pia die Demo besucht. Er zieht einen Wagen mit zwei Koffern hinter sich her - und will sinnbildlich die Stadt verlassen. "Wir flüchten", so der Lehrer.

An anderen Stellen geht es ähnlich spektakulär zu. Mitglieder der Gruppe Attac sind mit Geigerzählern und Schutzanzügen unterwegs; auf der Weser fährt ein Boot mit selbst gebasteltem "Atommüll" und immer wieder trifft man in der Stadt auf Aktivisten, die mit Flaggen oder Transparenten den sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie fordern. Gefühlter Höhepunkt ist gegen 13 Uhr die Menschenkette am Wesertor. Mehrere Minuten wird der Verkehr angehalten.

Sticker, Aufkleber oder Infostände: Die Demonstranten wollen, dass mit der Atomenergie sofort Schluss gemacht wird. Der vom Bundestag über alle Parteigrenzen hinweg beschlossene Atomausstieg bis 2022 geht den (meisten) Teilnehmern nicht weit genug. "Acht Kernkraftwerke sind zwar abgeschaltet, aber neun noch am Netz", sagt Andreas Greiner von der Gruppe "Ausgestrahlt" in seiner Rede auf der Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz. Der 21-Jährige hält die Ankündigung des kompletten Ausstiegs für halbherzig. Der Hamburger befürchtet, dass die Politik mit der Zeit einknickt - und eine Laufzeitverlängerung beschließen werde.

Auch Elisabeth Schmelzer (Greenfairplanet) kündigt an, weiter auf die Straße gehen zu wollen. Die Angst vor der Atomenergie wird auch in den musikalischen Beiträgen deutlich. So stellt Bluesmusiker "Wolle" unter anderem die Folgen eines Reaktorunfalls heraus - und wirft der Politik Tatenlosigkeit vor.

Dass kritische Töne nicht ausbleiben, versteht sich. "Man kann doch nicht von heute auf morgen aussteigen. Das muss doch vorbereitet werden, denn sonst explodieren die Strompreise", sagt ein Mindener, der nicht genannt werden möchte. Ähnlich äußern sich auch andere Passanten, die aber den geplanten Ausstieg aus der Kernkraft sowie das Engagement der Demo-Teilnehmer grundsätzlich sehr begrüßen.

Mit einer Schweigeminute um 14.20 Uhr - dem Zeitpunkt, als 2011 die Katastrophe in Fukushima begann, wird der unzähligen Opfer gedacht. Es ist aber auch ein mahnendes Signal, dass Reaktorkatastrophen auch bei uns passieren können. Der Name des Kraftwerks Grohnde fällt häufiger. Als sich die Demo wenig später auflöst, ziehen die Veranstalter eine zufriedene Bilanz - auch wenn die große Resonanz ausgeblieben ist. Und vielleicht zeigt gerade das, dass sie schon viel erreicht haben?

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