Gedanken zum Sonntag: Glaube, Vernunft und Vergebung

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Um einem populären Missverständnis vorzubeugen: Glaube und Vernunft schließen sich nicht aus. Verschwörungstheorien wurden mit Glauben verglichen. Das beleidigt m. E. den Glauben. Aus Vernunftgründen oder sogenannten Gottesbeweisen wird zwar kein Glaube an Gott entstehen, aber wer glaubt, kann durchaus sehr vernünftig denken und handeln. Vernunft, die um ihre Grenzen weiß, wird sogar selbstkritisch die Bedingtheit des Wissens und jeder Wissenschaft erkennen. Deshalb steht die Naturwissenschaft nicht über dem Glauben, auch nicht umgekehrt. Auch erübrigt ein naturwissenschaftliches Weltbild nicht den Glauben an Gott, weil es keinen beweisbaren Grund gegen Gottes Existenz gibt. Vielmehr spricht sogar aus Vernunftgründen einiges für die Grundannahme, dass es Gott gibt, weil dann mehr Sinn im Leben entdeckt werden kann, unter anderem auch die heilsame Wirkung von Vergebung. Alle Aspekte der komplexen Wirklichkeit zu erkennen, wird keinem Menschen allein gelingen. Deshalb ist das Erkennen des Notwendigen auch eine Gratwanderung, ein Prozess.

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In der aktuellen Diskussion um die Bewertung von politischen Schutzmaßnahmen mit all ihren unangenehmen Einschränkungen kam ein altes Zitat von Hannah Arendt in Erinnerung: Der „erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so zu umzugehen, als handle es sich um bloße Meinungen. – Ich finde, umgekehrt gilt das erst recht, die meisten Leute gehen mit ihren Meinungen um, als wären es Tatsachen.“

Momentan tun Besonnenheit, Nachdenklichkeit und Demut gut statt Besserwisserei. Da das Corona-Virus tödlich wirken kann, gerade bei gesundheitlich Schwächeren, wäre es zynisch, die Gefahr billigend in Kauf zu nehmen und fahrlässig zu handeln. Aus christlicher Sicht, nicht aus einer untertänigen Haltung, halte ich es zurzeit für geboten, den politischen Entscheidungsträgern in ihrer Vorsicht den Rücken zu stärken. Wir können es in den USA sehen, wie vielen Zehntausenden es den Tod bringt, wenn die Gefahr des Virus falsch eingeschätzt wird. Wäre es nicht ein russisches Roulette, wenn wir uns ohne Schutzmaßnahmen in Betrieb, Schule oder öffentlichem Raum bewegen müssten und so den Verlust von Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen in Kauf nehmen sollten?

Der Glaube an Gott schützt vor Selbstbezogenheit und Egoismus, weil er mich in den Rahmen der verantwortungsvollen Beziehung zu Gott und meinen Mitmenschen stellt. Indem ich mich mit meinen Anliegen an Gott wende, beziehe ich den Nächsten mit ein und bitte auch für ihn. „Erhöre mein Gebet“ (Exaudi) heißt der morgige Sonntag.

Jürgen Tiemann, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Minden

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Gedanken zum Sonntag: Glaube, Vernunft und VergebungUm einem populären Missverständnis vorzubeugen: Glaube und Vernunft schließen sich nicht aus. Verschwörungstheorien wurden mit Glauben verglichen. Das beleidigt m. E. den Glauben. Aus Vernunftgründen oder sogenannten Gottesbeweisen wird zwar kein Glaube an Gott entstehen, aber wer glaubt, kann durchaus sehr vernünftig denken und handeln. Vernunft, die um ihre Grenzen weiß, wird sogar selbstkritisch die Bedingtheit des Wissens und jeder Wissenschaft erkennen. Deshalb steht die Naturwissenschaft nicht über dem Glauben, auch nicht umgekehrt. Auch erübrigt ein naturwissenschaftliches Weltbild nicht den Glauben an Gott, weil es keinen beweisbaren Grund gegen Gottes Existenz gibt. Vielmehr spricht sogar aus Vernunftgründen einiges für die Grundannahme, dass es Gott gibt, weil dann mehr Sinn im Leben entdeckt werden kann, unter anderem auch die heilsame Wirkung von Vergebung. Alle Aspekte der komplexen Wirklichkeit zu erkennen, wird keinem Menschen allein gelingen. Deshalb ist das Erkennen des Notwendigen auch eine Gratwanderung, ein Prozess. In der aktuellen Diskussion um die Bewertung von politischen Schutzmaßnahmen mit all ihren unangenehmen Einschränkungen kam ein altes Zitat von Hannah Arendt in Erinnerung: Der „erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so zu umzugehen, als handle es sich um bloße Meinungen. – Ich finde, umgekehrt gilt das erst recht, die meisten Leute gehen mit ihren Meinungen um, als wären es Tatsachen.“ Momentan tun Besonnenheit, Nachdenklichkeit und Demut gut statt Besserwisserei. Da das Corona-Virus tödlich wirken kann, gerade bei gesundheitlich Schwächeren, wäre es zynisch, die Gefahr billigend in Kauf zu nehmen und fahrlässig zu handeln. Aus christlicher Sicht, nicht aus einer untertänigen Haltung, halte ich es zurzeit für geboten, den politischen Entscheidungsträgern in ihrer Vorsicht den Rücken zu stärken. Wir können es in den USA sehen, wie vielen Zehntausenden es den Tod bringt, wenn die Gefahr des Virus falsch eingeschätzt wird. Wäre es nicht ein russisches Roulette, wenn wir uns ohne Schutzmaßnahmen in Betrieb, Schule oder öffentlichem Raum bewegen müssten und so den Verlust von Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen in Kauf nehmen sollten? Der Glaube an Gott schützt vor Selbstbezogenheit und Egoismus, weil er mich in den Rahmen der verantwortungsvollen Beziehung zu Gott und meinen Mitmenschen stellt. Indem ich mich mit meinen Anliegen an Gott wende, beziehe ich den Nächsten mit ein und bitte auch für ihn. „Erhöre mein Gebet“ (Exaudi) heißt der morgige Sonntag. Jürgen Tiemann, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Minden