Minden

"Jetzt kommt der Berühmte" - Mindener Phantom-Opfer erneut im Fernsehen

Stefan Koch

Erst am Montag hatte Heinrich Traue (rechts) wieder Besuch vom Fernsehen. Björn Scheffler will einen Beitrag für SAT.1 drehen. MT- - © Foto: Stefan Koch
Erst am Montag hatte Heinrich Traue (rechts) wieder Besuch vom Fernsehen. Björn Scheffler will einen Beitrag für SAT.1 drehen. MT- (© Foto: Stefan Koch)

Minden. „Ich will mein Ich zurück“, sagt Heinrich Traue. Als der frühpensionierte Berufskraftfahrer im Dezember 2016 zum ersten Mal die Folgen des Diebstahls seiner Identität zu spüren bekam, wusste er noch nicht, dass damit sein Leben ein anderes werden sollte. Ein Betrüger hatte unter seinem Namen ein paar Herrenschuhe bestellt. Doch das war nur der Anfang. Mahnschreiben und Inkassoforderungen für Waren und Dienstleistungen aller Art, vor allem aber Krankenhausrechnung, lagen von nun an regelmäßig im Briefkasten des heute 61-Jährigen in Minden. Lange Zeit blieb der Täter, der unter Traues Namen seine außergewöhnliche Karriere als Kreditwarenbetrüger fortsetzte, für die Polizei nur ein Phantom. Nach jahrelangen Ermittlungen und einer spektakulären Justizpanne verurteilte das Wuppertaler Amtsgericht im vergangenen Jahr den 55-jährigen Vorbestraften zu einer Haftstrafe von vier Jahren. Doch damit endete der Alptraum von Traue nicht. Seinen Alltag bestimmen weiterhin die Forderungen von unter seinem Namen geprellten Firmen und das Interesse der Medien an ihm als dem Opfer des Kriminellen.

„Am Wochenende riefen meine Freunde und Bekannten bei mir an, weil SAT.1 über Facebook nach mir suchte“, sagt Traue. „Das war nicht schön.“ Schon viermal hatte er vor Kameras des WDR und des Aktenzeichen XY-Specials „Vorsicht, Betrug“ gestanden, um zu erzählen, wie ihn der Missbrauch seines Namens aus der Bahn geworfen hatte. Sender in Baden-Baden und Köln wollen ihn auch noch zum Live-Auftritt einladen. Und am Montag stellte dann Björn Scheffler von der Produktionsfirma Westcom seine Kamera in Traues bescheidener Wohnung nicht weit von der Ringstraße gelegen auf, um Material für einen Beitrag über Betrüger und ihre Opfer für SAT.1 zu drehen. Erneut zeigte Traue die vielen Presseberichte über ihn vor, öffnete seinen Koffer mit den 600 Seiten Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft gegen den Täter. Wann der Beitrag gesendet wird, ist noch nicht entschieden.

„Er sagte zu mir, dass ich vor der Kamera wie ein Profi wirke“, so Traue, dem das Medieninteresse immer noch fremd ist. Nachdem er die üblichen Fragen beantwortet habe, seien sie noch für eine Aufnahme an den Briefkasten gegangen. „Als ich den aufmachte, lag schon wieder Post drin.“ Es handelte sich ein Schreiben eines Inkassobüros aus Dormagen mit dem Text „Eilt, bitte sofort bearbeiten“ und einer Bitte um Rückruf, ohne dass weitere Gründe für diese Zustellung angegeben waren. So führte Traue vor laufender Kamera vor, was er seit Jahren schon in solchen Fällen macht – ans Telefon gehen und versuchen, die Sache aufzuklären. Am Montag lief nur ein Anrufbeantworter.

Im Juni hat Traue dann den nächsten Termin, der zu seinem früheren Leben nicht passt. Eine Gerichtsvollzieherin des Amtsgerichtes Minden hat sich bei dem lebenslang solide gebliebenen Mindener angemeldet, weil ein Vollstreckungstitel gegen ihn vorliegt. Es gibt Forderungen einer Dating-Hotline in Höhe von 1.700 Euro, für die der Mindener aufkommen soll. „Natürlich weiß die Gerichtsvollzieherin, dass ich nichts dafür kann und sie hat auch meinen Fall in der XY-Sendung im Fernsehen gesehen“, sagt Traue. Es ginge in dem Gespräch nur darum, den Fall zu erörtern und das Verfahren zu verändern. Der 61-Jährige denkt, dass das nicht der letzte Termin dieser Art sein werde, denn die Serie an Forderungen von Versandunternehmen und Dienstleistern reist nicht ab. Und auch mit weiteren Medienbesuchen muss er rechnen. „Als Scheffler am Montag mit seinen Dreharbeiten fertig war, fragte er noch, ob schon RTL bei mir war“, sagt Traue. Dann meinte er, dass die auch noch kämen.

Wie es ist, zur öffentlichen Person zu werden? „Im Supermarkt sagt die Kassiererin auch schon, ´jetzt kommt der Berühmte´.“ Aber berühmt wolle er nicht sein. „Ich will einfach mein Ich zurück haben“, drückt Traue in seinen Worten sein Gefühl aus, das gewohnte Leben verloren zu haben. Er glaube auch nicht, dass er wieder dahin zurückkehren könne, da er immer noch für all die Rechnungen in Anspruch genommen werde, die der Inhaftierte schon vor Jahren verursacht hatte und deren Ende nicht absehbar sei. „Mein Ich werde ich wohl nicht wiederbekommen – ich nehme wahrscheinlich das Ganze mit ins Grab.“

Alle Berichte zum Thema "Phantom" finden Sie hier.

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Minden"Jetzt kommt der Berühmte" - Mindener Phantom-Opfer erneut im FernsehenStefan KochMinden. „Ich will mein Ich zurück“, sagt Heinrich Traue. Als der frühpensionierte Berufskraftfahrer im Dezember 2016 zum ersten Mal die Folgen des Diebstahls seiner Identität zu spüren bekam, wusste er noch nicht, dass damit sein Leben ein anderes werden sollte. Ein Betrüger hatte unter seinem Namen ein paar Herrenschuhe bestellt. Doch das war nur der Anfang. Mahnschreiben und Inkassoforderungen für Waren und Dienstleistungen aller Art, vor allem aber Krankenhausrechnung, lagen von nun an regelmäßig im Briefkasten des heute 61-Jährigen in Minden. Lange Zeit blieb der Täter, der unter Traues Namen seine außergewöhnliche Karriere als Kreditwarenbetrüger fortsetzte, für die Polizei nur ein Phantom. Nach jahrelangen Ermittlungen und einer spektakulären Justizpanne verurteilte das Wuppertaler Amtsgericht im vergangenen Jahr den 55-jährigen Vorbestraften zu einer Haftstrafe von vier Jahren. Doch damit endete der Alptraum von Traue nicht. Seinen Alltag bestimmen weiterhin die Forderungen von unter seinem Namen geprellten Firmen und das Interesse der Medien an ihm als dem Opfer des Kriminellen. „Am Wochenende riefen meine Freunde und Bekannten bei mir an, weil SAT.1 über Facebook nach mir suchte“, sagt Traue. „Das war nicht schön.“ Schon viermal hatte er vor Kameras des WDR und des Aktenzeichen XY-Specials „Vorsicht, Betrug“ gestanden, um zu erzählen, wie ihn der Missbrauch seines Namens aus der Bahn geworfen hatte. Sender in Baden-Baden und Köln wollen ihn auch noch zum Live-Auftritt einladen. Und am Montag stellte dann Björn Scheffler von der Produktionsfirma Westcom seine Kamera in Traues bescheidener Wohnung nicht weit von der Ringstraße gelegen auf, um Material für einen Beitrag über Betrüger und ihre Opfer für SAT.1 zu drehen. Erneut zeigte Traue die vielen Presseberichte über ihn vor, öffnete seinen Koffer mit den 600 Seiten Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft gegen den Täter. Wann der Beitrag gesendet wird, ist noch nicht entschieden. „Er sagte zu mir, dass ich vor der Kamera wie ein Profi wirke“, so Traue, dem das Medieninteresse immer noch fremd ist. Nachdem er die üblichen Fragen beantwortet habe, seien sie noch für eine Aufnahme an den Briefkasten gegangen. „Als ich den aufmachte, lag schon wieder Post drin.“ Es handelte sich ein Schreiben eines Inkassobüros aus Dormagen mit dem Text „Eilt, bitte sofort bearbeiten“ und einer Bitte um Rückruf, ohne dass weitere Gründe für diese Zustellung angegeben waren. So führte Traue vor laufender Kamera vor, was er seit Jahren schon in solchen Fällen macht – ans Telefon gehen und versuchen, die Sache aufzuklären. Am Montag lief nur ein Anrufbeantworter. Im Juni hat Traue dann den nächsten Termin, der zu seinem früheren Leben nicht passt. Eine Gerichtsvollzieherin des Amtsgerichtes Minden hat sich bei dem lebenslang solide gebliebenen Mindener angemeldet, weil ein Vollstreckungstitel gegen ihn vorliegt. Es gibt Forderungen einer Dating-Hotline in Höhe von 1.700 Euro, für die der Mindener aufkommen soll. „Natürlich weiß die Gerichtsvollzieherin, dass ich nichts dafür kann und sie hat auch meinen Fall in der XY-Sendung im Fernsehen gesehen“, sagt Traue. Es ginge in dem Gespräch nur darum, den Fall zu erörtern und das Verfahren zu verändern. Der 61-Jährige denkt, dass das nicht der letzte Termin dieser Art sein werde, denn die Serie an Forderungen von Versandunternehmen und Dienstleistern reist nicht ab. Und auch mit weiteren Medienbesuchen muss er rechnen. „Als Scheffler am Montag mit seinen Dreharbeiten fertig war, fragte er noch, ob schon RTL bei mir war“, sagt Traue. Dann meinte er, dass die auch noch kämen. Wie es ist, zur öffentlichen Person zu werden? „Im Supermarkt sagt die Kassiererin auch schon, ´jetzt kommt der Berühmte´.“ Aber berühmt wolle er nicht sein. „Ich will einfach mein Ich zurück haben“, drückt Traue in seinen Worten sein Gefühl aus, das gewohnte Leben verloren zu haben. Er glaube auch nicht, dass er wieder dahin zurückkehren könne, da er immer noch für all die Rechnungen in Anspruch genommen werde, die der Inhaftierte schon vor Jahren verursacht hatte und deren Ende nicht absehbar sei. „Mein Ich werde ich wohl nicht wiederbekommen – ich nehme wahrscheinlich das Ganze mit ins Grab.“ Alle Berichte zum Thema "Phantom" finden Sie hier.