Gedanken in der Krise: Die Entdeckung der Langsamkeit

Oliver Plöger

Guck mal woanders hin, steh mal auf, recke dich! Die alten Büroregeln machen auch im Homeoffice Sinn. Hier sorgten sie dafür, dass mir die fast schon vergessenen Fotoalben in den Blick fielen. Ich habe hier an meinem Schreibtisch nämlich ein kleines Regal, in dem jene Bücher stehen, in die ich früher mit großer Freude selbst fotografierte Bilder eingeklebt habe. Vom Urlaub am Faaker See oder auf Lanzarote oder noch älter, als ich noch Haare auf dem Kopf hatte. Oder einen Helm bei der Bundeswehr. Neulich habe ich – natürlich nach Feierabend – eines dieser Fotoalben hervorgezogen und geblättert. Lustig: Um die Hochglanz-Bilder zu schützen, gab es eine Art Butterbrotpapier, das zwischen die Kartonseiten geheftet war.

Nein, ich wünsche mir die alten Zeiten nicht zurück, fand die Erinnerung aber schön: an den 50. Geburtstag meiner Mutter (heute ist sie 80), an meine Freunde aus der Schulzeit (wo seid ihr eigentlich?) und an die Ex-Freundin (ich war ziemlich blöd damals). Und dann war er da, dieser Wunsch, irgendetwas greifbares aus jener Zeit zurückzuholen. Und ja, es war mein altes Fotohobby. Damals hatte ich es nicht so genannt, heute schon: analoges Fotografieren. Ich kannte ja nichts anderes.

Und da kam es mir zupass, dass mein Vater (heute ist er 83) nichts so ohne weiteres wegschmeißt. Zwei Kameras waren noch da, zu Hause in Vlotho, wo ich aufgewachsen bin: eine Pentax Espio 120 Mi aus den Neunzigern, in der noch ein belichteter Film steckte, dann eine Pentax ME Super, die in den Achtzigern schon ziemlich modern war, weil man den Verschluss per Elektronik steuern konnte. Hier war kein Film mehr drin, und ich stellte fest, dass ich mir ein teures Renaissance-Hobby ausgesucht hatte: Denn wie selbstverständlich kaufte ich ein paar Kleinbildfilme in Schwarz-Weiß, um der Zeitreise noch eins draufzusetzen. Und gab den alten Film von der Espio in die Entwicklung.

Dass ich das in späteren Berufsjahren mal selbst gemacht habe – oder besser machen musste–, ist mir in unschöner Erinnerung geblieben. Den beißenden Geruch der Chemikalien habe ich noch in der Nase, sogar Farbfilme haben wir in der „Brühe“entwickelt. Ob die Profis einen Film aus den Neunzigern noch in sichtbare Fotos umwanden können? Ich war gespannt und habe dreimal nachgefragt, ob der Film denn nun endlich da ist. Im Beruf könnte ich mir heute nicht mehr vorstellen, auf die Entwicklung zu warten, auch wenn es im eigenen Labor natürlich schneller ging. Online hat keine Geduld.

Doch Zeit ist ein Gewinn, sie lässt Raum fürs Bewusstsein: fürs Motiv, die Kamera, diesen Augenblick. Der Zeitraffer wirkt wie Balsam, und das alles mit einer Technik, bei der man die Chance hat, sie wirklich zu verstehen und die eben nicht in Pixeln geschrieben wird.

Und so habe ich mich diese Woche auf den Weg gemacht und Schwarz-Weißbilder fotografiert. Von meiner Familie, von der Schachtschleuse, von der Weser. Den Film gebe ich Montag ins Labor. Alles gut, oder fast alles, denn ein Negativerlebnis hatte ich bereits: Der alte Film aus den Neunzigern war nicht bis zum Fotostadium zu entwickeln, auf dem maroden Material sind nur Schemen zu erkennen.. Da hatte ich es wohl mit der Langsamkeit übertrieben. Nun denn: Die neuen Fotos, die bestimmt super werden, klebe ich ins Fotoalbum und stelle es ins Regal.

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Gedanken in der Krise: Die Entdeckung der LangsamkeitOliver PlögerGuck mal woanders hin, steh mal auf, recke dich! Die alten Büroregeln machen auch im Homeoffice Sinn. Hier sorgten sie dafür, dass mir die fast schon vergessenen Fotoalben in den Blick fielen. Ich habe hier an meinem Schreibtisch nämlich ein kleines Regal, in dem jene Bücher stehen, in die ich früher mit großer Freude selbst fotografierte Bilder eingeklebt habe. Vom Urlaub am Faaker See oder auf Lanzarote oder noch älter, als ich noch Haare auf dem Kopf hatte. Oder einen Helm bei der Bundeswehr. Neulich habe ich – natürlich nach Feierabend – eines dieser Fotoalben hervorgezogen und geblättert. Lustig: Um die Hochglanz-Bilder zu schützen, gab es eine Art Butterbrotpapier, das zwischen die Kartonseiten geheftet war. Nein, ich wünsche mir die alten Zeiten nicht zurück, fand die Erinnerung aber schön: an den 50. Geburtstag meiner Mutter (heute ist sie 80), an meine Freunde aus der Schulzeit (wo seid ihr eigentlich?) und an die Ex-Freundin (ich war ziemlich blöd damals). Und dann war er da, dieser Wunsch, irgendetwas greifbares aus jener Zeit zurückzuholen. Und ja, es war mein altes Fotohobby. Damals hatte ich es nicht so genannt, heute schon: analoges Fotografieren. Ich kannte ja nichts anderes. Und da kam es mir zupass, dass mein Vater (heute ist er 83) nichts so ohne weiteres wegschmeißt. Zwei Kameras waren noch da, zu Hause in Vlotho, wo ich aufgewachsen bin: eine Pentax Espio 120 Mi aus den Neunzigern, in der noch ein belichteter Film steckte, dann eine Pentax ME Super, die in den Achtzigern schon ziemlich modern war, weil man den Verschluss per Elektronik steuern konnte. Hier war kein Film mehr drin, und ich stellte fest, dass ich mir ein teures Renaissance-Hobby ausgesucht hatte: Denn wie selbstverständlich kaufte ich ein paar Kleinbildfilme in Schwarz-Weiß, um der Zeitreise noch eins draufzusetzen. Und gab den alten Film von der Espio in die Entwicklung. Dass ich das in späteren Berufsjahren mal selbst gemacht habe – oder besser machen musste–, ist mir in unschöner Erinnerung geblieben. Den beißenden Geruch der Chemikalien habe ich noch in der Nase, sogar Farbfilme haben wir in der „Brühe“entwickelt. Ob die Profis einen Film aus den Neunzigern noch in sichtbare Fotos umwanden können? Ich war gespannt und habe dreimal nachgefragt, ob der Film denn nun endlich da ist. Im Beruf könnte ich mir heute nicht mehr vorstellen, auf die Entwicklung zu warten, auch wenn es im eigenen Labor natürlich schneller ging. Online hat keine Geduld. Doch Zeit ist ein Gewinn, sie lässt Raum fürs Bewusstsein: fürs Motiv, die Kamera, diesen Augenblick. Der Zeitraffer wirkt wie Balsam, und das alles mit einer Technik, bei der man die Chance hat, sie wirklich zu verstehen und die eben nicht in Pixeln geschrieben wird. Und so habe ich mich diese Woche auf den Weg gemacht und Schwarz-Weißbilder fotografiert. Von meiner Familie, von der Schachtschleuse, von der Weser. Den Film gebe ich Montag ins Labor. Alles gut, oder fast alles, denn ein Negativerlebnis hatte ich bereits: Der alte Film aus den Neunzigern war nicht bis zum Fotostadium zu entwickeln, auf dem maroden Material sind nur Schemen zu erkennen.. Da hatte ich es wohl mit der Langsamkeit übertrieben. Nun denn: Die neuen Fotos, die bestimmt super werden, klebe ich ins Fotoalbum und stelle es ins Regal.