Standpunkt zum Thema Corona-Skepsis: Zurück zum Dialog

Benjamin Piel

Es ist einfach, sich über jemanden lustig zu machen. Wenn Menschen auf sogenannten Hygiene-Demos Bill Gates als Impf-Satan geißeln oder meinen, sich gegen eine angeblich heraufziehende Diktatur zur Wehr setzen zu müssen, ist nichts leichter, als sich darüber zu erheben. Und ja, es fällt bei mancher Aussage schwer, nicht zu lachen oder sich an den Kopf zu fassen.

Mir geht es auch so. Aber was ist das für eine Arroganz? Was nützt es, sie auszuleben? Besser wäre es, miteinander zu reden. Denn sonst entstehen zwei Fronten. Auf der einen Seite die regierungstreuen Verteidiger aller Anti-Corona-Maßnahmen, auf der anderen Seite jene, die vom Gegenteil überzeugt sind. Wenn beide Seiten nicht miteinander sprechen, ist das Ergebnis eine gespaltene Gesellschaft. Deren beide Teile stehen sich dann auf einem Konfliktfeld gegenüber. Das kann nicht gut enden.

Und in Wahrheit ist es ja auch viel komplizierter. Denn wenn ich einige der Menschen sehe, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren, dann schaue ich in ängstliche Gesichter. Diese Angst ist mehr als nur ein Gefühl. Sie ist faktisch nachvollziehbar angesichts einer aufziehenden Wirtschaftskrise, die sich gewaschen hat. Wer heute schon am Existenzminimum lebt, spürt, dass da etwas Mächtiges auf ihn zurollt.

Die Politik hat es seit Jahren nicht geschafft, die eklatant ungleiche Verteilung von Vermögen in Deutschland zu stoppen. Das hatte schon immer Folgen, aber nun werden sie offenbar. Einige Menschen sind der Krise schonungsloser ausgeliefert als andere. Der Glaube an die Wirkmächtigkeit politischen Handelns ist ausgerechnet bei jenen verständlicherweise kleiner. Und die soziale Ungleichheit – man denke auch an die in Deutschland ausgeprägte Schieflage beim Zugang zur Bildung – führt zu einer Gesellschaft, die sich einer Krise nicht geschlossen entgegenstellen kann.

Allein wegen dieser drei Faktoren ist es unangebracht, alle Protestierenden der Lächerlichkeit preiszugeben oder wahlweise als radikal abzustempeln. Was im Umkehrschluss übrigens nicht heißt, dass es keine Gefahr wäre, wenn es politischen Radikalen und irren Verschwörungsmystikern gelingt, die Hilfesuchenden an sich zu binden. Doch gerade weil das eine Gefahr ist, muss Dialog her zwischen den beiden Seiten. Es hilft nicht, die Ängstlichen und die Wölfe der Verführung gleichzusetzen.

Sauber zu trennen – das könnte ein Weg sein. Wenn wir unterscheiden zwischen Schutzsuchenden und Scharfmachern, zwischen ernstzunehmender Sorge um die Grundrechte und puren Hassbotschaften. Dann könnte ein Zurück zum Dialog gelingen, den wir dringend nötig haben.

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Standpunkt zum Thema Corona-Skepsis: Zurück zum DialogBenjamin PielEs ist einfach, sich über jemanden lustig zu machen. Wenn Menschen auf sogenannten Hygiene-Demos Bill Gates als Impf-Satan geißeln oder meinen, sich gegen eine angeblich heraufziehende Diktatur zur Wehr setzen zu müssen, ist nichts leichter, als sich darüber zu erheben. Und ja, es fällt bei mancher Aussage schwer, nicht zu lachen oder sich an den Kopf zu fassen. Mir geht es auch so. Aber was ist das für eine Arroganz? Was nützt es, sie auszuleben? Besser wäre es, miteinander zu reden. Denn sonst entstehen zwei Fronten. Auf der einen Seite die regierungstreuen Verteidiger aller Anti-Corona-Maßnahmen, auf der anderen Seite jene, die vom Gegenteil überzeugt sind. Wenn beide Seiten nicht miteinander sprechen, ist das Ergebnis eine gespaltene Gesellschaft. Deren beide Teile stehen sich dann auf einem Konfliktfeld gegenüber. Das kann nicht gut enden. Und in Wahrheit ist es ja auch viel komplizierter. Denn wenn ich einige der Menschen sehe, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren, dann schaue ich in ängstliche Gesichter. Diese Angst ist mehr als nur ein Gefühl. Sie ist faktisch nachvollziehbar angesichts einer aufziehenden Wirtschaftskrise, die sich gewaschen hat. Wer heute schon am Existenzminimum lebt, spürt, dass da etwas Mächtiges auf ihn zurollt. Die Politik hat es seit Jahren nicht geschafft, die eklatant ungleiche Verteilung von Vermögen in Deutschland zu stoppen. Das hatte schon immer Folgen, aber nun werden sie offenbar. Einige Menschen sind der Krise schonungsloser ausgeliefert als andere. Der Glaube an die Wirkmächtigkeit politischen Handelns ist ausgerechnet bei jenen verständlicherweise kleiner. Und die soziale Ungleichheit – man denke auch an die in Deutschland ausgeprägte Schieflage beim Zugang zur Bildung – führt zu einer Gesellschaft, die sich einer Krise nicht geschlossen entgegenstellen kann. Allein wegen dieser drei Faktoren ist es unangebracht, alle Protestierenden der Lächerlichkeit preiszugeben oder wahlweise als radikal abzustempeln. Was im Umkehrschluss übrigens nicht heißt, dass es keine Gefahr wäre, wenn es politischen Radikalen und irren Verschwörungsmystikern gelingt, die Hilfesuchenden an sich zu binden. Doch gerade weil das eine Gefahr ist, muss Dialog her zwischen den beiden Seiten. Es hilft nicht, die Ängstlichen und die Wölfe der Verführung gleichzusetzen. Sauber zu trennen – das könnte ein Weg sein. Wenn wir unterscheiden zwischen Schutzsuchenden und Scharfmachern, zwischen ernstzunehmender Sorge um die Grundrechte und puren Hassbotschaften. Dann könnte ein Zurück zum Dialog gelingen, den wir dringend nötig haben.