Gedanken zur Krise: Qual am Regal

Thomas Lieske

Maske auf und rein. Meine Brillengläser beschlagen sofort. Das Gesicht wird feucht, ein unangenehmer Geruch von nassem Stoff dringt in meine Nase. Das Atmen fällt schwer. Verdammt schwer. Der Stoff zieht sich beim Einatmen an meinen Mund. Und die verbrauchte Atemluft hat – gefühlt – keine Chance, zu entweichen, bevor ich sie wieder einatme. Ich habe noch nicht einmal den Laden betreten, da würde ich mir die Maske am liebsten schon wieder runterreißen und nach Hause gehen.

Der Grat zwischen Ruhe bewahren und Panikattacke ist schmal. Sehr schmal. Ich brauche einen Moment, um mich zu sammeln, mich zu konzentrieren. Erst auf meine Atmung, dann auf das, was ich eigentlich vor hab: einkaufen. Ich schwitze, dazu ein leichtes Ziehen an der Schläfe. Ein unangenehmes Gefühl. So macht das Einkaufen keinen Spaß. Nein, es ist die reinste Qual. Seit der Maskenpflicht reduziere ich die Zeit im Supermarkt und in anderen Geschäften auf das Nötigste. Fünf, höchstens zehn Minuten halte ich es hinter der Maske aus. Dann wird es unerträglich. Irgendwie beruhigend zu sehen, dass es auch anderen so geht. Beruhigend zu sehen, dass auch andere kurz die Maske nach vorne ziehen, um nur einen Zug frischer Atemluft zu nehmen. Einen erlösenden Zug.

Er reicht für die nächsten drei Regale. Vielleicht. Das kommt darauf an, wie schnell ich voran komme. Denn Abstand halten zu anderen Kunden heißt im Zweifel auch: einen Umweg nehmen. Ich vermisse das Gefühl vom entspannten Bummel durch die Geschäfte. Vom Schlendern durch die Supermarktregale. Vom entspannten Einkaufen nach Feierabend, bei dem Zeit bleibt, beim Einkaufswagenschieben zu überlegen, was es denn heute mal Leckeres zu essen geben soll.

Jetzt ist alles anders. Der Einkaufszettel ist geschrieben. Die Route durch die Regale ist minuziös geplant. Erst das Obst, dann die Milchprodukte und zum Schluss die Wasserkiste. Oder die dringend benötigte neue Hose – für Inspiration im Laden ist jetzt keine Zeit. Die Maske drückt. Die Farbe überlege ich mir vorher, die Größe weiß ich ungefähr. Und wo sie liegen könnte, das frage ich gleich einen Verkäufer. Bloß keine Zeit vertrödeln.

Den Wettlauf gegen die Zeit gewinnt eigentlich jedes Mal die Maske. Mit jedem schnellen Schritt fällt das Atmen schwerer. Der Stoff lässt sich kurz vor der Kasse gefühlt schon auswringen. Und dann das: eine lange Schlange. Völlig abgehetzt stehe ich mehr als zehn Meter entfernt von der erlösenden Kasse. Ich schnaufe. Es dauert, und ich habe Zeit, meine Konzentration zu sammeln. Nachzudenken. Über den Sinn dieser völlig durchnässten Maske. Über dieses nervende Ding vor meinem Mund und meiner Nase. Über dieses Ding, das ... ja, das mich gerade tatsächlich vor der Niesattacke eines vorbeilaufenden Kunden geschützt hat. Ich merke, wie die Tröpfchen auf den Stoff prallen, wie der Windzug an meinem Kopf vorbeizieht. Das meiste ist in seinem Ellenbogen hängen geblieben. Der Rest in meiner Maske. Dem rettenden Stoff, der mir bis eben beinahe den letzten Nerv geraubt hätte.

Der Autor ist erreichbar unter Thomas.Lieske@MT.de

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Gedanken zur Krise: Qual am RegalThomas LieskeMaske auf und rein. Meine Brillengläser beschlagen sofort. Das Gesicht wird feucht, ein unangenehmer Geruch von nassem Stoff dringt in meine Nase. Das Atmen fällt schwer. Verdammt schwer. Der Stoff zieht sich beim Einatmen an meinen Mund. Und die verbrauchte Atemluft hat – gefühlt – keine Chance, zu entweichen, bevor ich sie wieder einatme. Ich habe noch nicht einmal den Laden betreten, da würde ich mir die Maske am liebsten schon wieder runterreißen und nach Hause gehen. Der Grat zwischen Ruhe bewahren und Panikattacke ist schmal. Sehr schmal. Ich brauche einen Moment, um mich zu sammeln, mich zu konzentrieren. Erst auf meine Atmung, dann auf das, was ich eigentlich vor hab: einkaufen. Ich schwitze, dazu ein leichtes Ziehen an der Schläfe. Ein unangenehmes Gefühl. So macht das Einkaufen keinen Spaß. Nein, es ist die reinste Qual. Seit der Maskenpflicht reduziere ich die Zeit im Supermarkt und in anderen Geschäften auf das Nötigste. Fünf, höchstens zehn Minuten halte ich es hinter der Maske aus. Dann wird es unerträglich. Irgendwie beruhigend zu sehen, dass es auch anderen so geht. Beruhigend zu sehen, dass auch andere kurz die Maske nach vorne ziehen, um nur einen Zug frischer Atemluft zu nehmen. Einen erlösenden Zug. Er reicht für die nächsten drei Regale. Vielleicht. Das kommt darauf an, wie schnell ich voran komme. Denn Abstand halten zu anderen Kunden heißt im Zweifel auch: einen Umweg nehmen. Ich vermisse das Gefühl vom entspannten Bummel durch die Geschäfte. Vom Schlendern durch die Supermarktregale. Vom entspannten Einkaufen nach Feierabend, bei dem Zeit bleibt, beim Einkaufswagenschieben zu überlegen, was es denn heute mal Leckeres zu essen geben soll. Jetzt ist alles anders. Der Einkaufszettel ist geschrieben. Die Route durch die Regale ist minuziös geplant. Erst das Obst, dann die Milchprodukte und zum Schluss die Wasserkiste. Oder die dringend benötigte neue Hose – für Inspiration im Laden ist jetzt keine Zeit. Die Maske drückt. Die Farbe überlege ich mir vorher, die Größe weiß ich ungefähr. Und wo sie liegen könnte, das frage ich gleich einen Verkäufer. Bloß keine Zeit vertrödeln. Den Wettlauf gegen die Zeit gewinnt eigentlich jedes Mal die Maske. Mit jedem schnellen Schritt fällt das Atmen schwerer. Der Stoff lässt sich kurz vor der Kasse gefühlt schon auswringen. Und dann das: eine lange Schlange. Völlig abgehetzt stehe ich mehr als zehn Meter entfernt von der erlösenden Kasse. Ich schnaufe. Es dauert, und ich habe Zeit, meine Konzentration zu sammeln. Nachzudenken. Über den Sinn dieser völlig durchnässten Maske. Über dieses nervende Ding vor meinem Mund und meiner Nase. Über dieses Ding, das ... ja, das mich gerade tatsächlich vor der Niesattacke eines vorbeilaufenden Kunden geschützt hat. Ich merke, wie die Tröpfchen auf den Stoff prallen, wie der Windzug an meinem Kopf vorbeizieht. Das meiste ist in seinem Ellenbogen hängen geblieben. Der Rest in meiner Maske. Dem rettenden Stoff, der mir bis eben beinahe den letzten Nerv geraubt hätte. Der Autor ist erreichbar unter Thomas.Lieske@MT.de