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„Kein verlorenes Schuljahr“: MT-Interview zur Schulöffnung nach der großen Pause

Christine Riechmann

Damit die Klassen nicht so groß sind, werden sie in Lerngruppen eingeteilt. Morgens vor dem Unterricht ist Treff auf dem Schulhof. MT- - © Foto: Alex Lehn
Damit die Klassen nicht so groß sind, werden sie in Lerngruppen eingeteilt. Morgens vor dem Unterricht ist Treff auf dem Schulhof. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden. Einbahnstraßensysteme im Schulgebäude, ausgewiesene Spielflächen und versetzte Pausenzeiten – in den Schulen ist nichts mehr, wie es vor Corona war. Am vergangenen Donnerstag und Freitag sind die Viertklässler in die Schule zurückgekehrt, seit heute morgen auch die restlichen Schüler – allerdings bis zu den Sommerferien nur tageweise. Katrin Möhring, Schulleiterin in Kutenhausen und Katja Jansen, Rektorin an der Michael-Ende-Schule in Hahlen, berichten von einem Schulalltag, der mit dem Schulöffnungskonzept völlig auf den Kopf gestellt ist.

Wie liefen die ersten Tage mit den Viertklässlern?

Katrin Möhring: Die waren toll. Meine Kollegen kamen alle ganz beseelt wieder, weil die sich auf beiden Seiten tüchtig gefreut haben, sich wieder zu sehen.

Katja Jansen leitet die Grundschule in Hahlen. - © Foto: privat
Katja Jansen leitet die Grundschule in Hahlen. (© Foto: privat)

Katja Jansen: Bei uns war das auch schön. Die Kinder haben sich sehr gefreut, auch wenn es schon ein befremdliches Gefühl war mit den Masken um den Hals – teilweise auch aufgesetzt. Wir mussten noch viele Anweisungen geben, wie sich die Kinder verhalten sollen. Das war dann plötzlich unerwartet reguliert für sie.

Katrin Möhring ist Rektorin in Kutenhausen. - © Foto: privat
Katrin Möhring ist Rektorin in Kutenhausen. (© Foto: privat)

Worin besteht die größte Herausforderung für die Schulen, das Konzept umzusetzen.

Katrin Möhring: Den Überblick zu behalten. Auf der einen Seite hat man die medizinischen Dinge, also Abstand wahren, die Gruppen nicht zu durchmischen, es hinzubekommen, dass die Gruppen möglichst klein sind und dass so wenig Kinder wie möglich so weit entfernt voneinander wie möglich sind. Das sind Sachen, die passen überhaupt gar nicht in eine Grundschule hinein, im Grunde widerspricht das allem, was wir sonst eigentlich machen. Und den Überblick darüber zu behalten, welches Kind in der Notgruppe ist, welche Kinder wann kommen und wie lange – das alles im Blick zu haben, da braucht man schon viel Zeit.

Katja Jansen: Besonders herausfordernd ist auch die Art des Informationsflusses, wie knapp in irgendeiner Weise etwas vom Schulministerium kommuniziert wird. Eigentlich erfährt man es eher durch die Medien, bevor man selber offiziell die Informationen erhält. Das ist eine Katastrophe.

Katrin Möhring: Bei allem muss man dann noch sehen, dass man seine Mitarbeiter und Eltern gut informiert und immer wieder alles, was man sich selber ausdenkt, in die Breite streut.

Katja Jansen: Und wir sind noch an Standorten, wo viele Eltern Mails erhalten. Wenn ich mir jetzt vorstelle, wie das zum Beispiel an der Eine-Welt-Schule oder an der Mosaikschule laufen soll, dann ist das ein Desaster. Da erreicht man die Eltern nicht über E-Mails, selbst wenn man sie erreichen würde, würden sie die Sprache nicht verstehen.

Katrin Möhring: Die Kollegen aus solchen Schulen sagen, dass ein Großteil der Elternschaft gar nicht digitalisiert ist, das heißt die schreiben dann Briefe und müssen sehen, dass der Brief dann auch am nächsten Tag ankommt. Also wenn man freitagnachmittags eine Schulmail erhält, die montags schon Wirkung hat, dann ist das für so eine Schule ganz schwierig, da eine Kommunikation hinzubekommen.

Über all dem steht dann noch der Abstand von 1,50 Metern, den die Lehrer auch zu den Schülern halten müssen. Das hört sich nach Frontalunterricht an.

Katja Jansen: Ja, ganz schrecklich, das ist Frontalunterricht. Kollegen haben schon gestöhnt, dass man überhaupt keine Partner- oder Gruppenarbeiten machen kann. Das ist tatsächlich ganz viel Anleitung oder gucken, okay, wo ist der Schüler gerade mit seinen Materialien, die er bearbeiten soll und wie geht es für ihn weiter. Unterricht, wie er sonst stattfindet, ist das nicht.

Ist der eine Tag Unterricht in der Woche also vor allem ein Vor- und Nachbereiten des Homeschoolings?

Katrin Möhring: Ja, genau. Was wir bisher gemerkt haben ist, dass ganz viel Zeit für die Einhaltung der Hygiene draufgeht. Bis sich die zwölf Kinder mit 1,50 Meter Abstand die Hände gewaschen, dabei zwei Mal „Happy Birthday“ gesungen haben und der Pömpel vom Handtuchhalter wieder desinfiziert wurde, sind die ersten zehn Minuten locker um. Und das Ganze passiert vorm Frühstück und nach der Pause und dann noch mal am Ende. Also kann man schon mal eine Stunde im Grunde nur für Logistik abrechnen. Ich glaube aber, dass das auch genau unsere Aufgabe ist, dass wir mit den Kindern ganz viel darüber reden: auf was musst du jetzt achten, warum musst du immer die Hände waschen. Aber an reiner Unterrichtszeit bleibt am Ende nicht so vielübrig.

Das Niveau der einzelnen Kinder driftet sowieso stark auseinander. Die Kluft dürfte nach fast zwei Monaten Homeschooling noch größer geworden sein. Wie werden Sie dem Herr?

Katja Jansen: Durch die individuelle Förderung, man schaut, wo jeder einzelne Schüler steht und wie es für ihn weiter geht.

Katrin Möhring: Dadurch, dass wir während der Homeschooling-Zeit die bearbeiteten Sachen der Kinder durchgeguckt haben, wissen wir ja, wo die Kinder stehen. Wir hatten also eine Idee, wer in welchem Zustand zurückkommt. Darauf kann man sich vorbereiten. Aber es ist total so, dass die Schere auseinander geht. Dass spiegelt auch das Feedback der Kollegen aus den Innenstadtschulen wider: Schwer ist es besonders bei den Kindern, bei denen die Eltern überhaupt nicht digitalisiert sind. Die werden schon auch abgehängt, die Gefahr droht – in jedem Fall.

Wird es eigentlich am Ende des Schuljahres ein Zeugnis geben?

Katja Jansen: Ja natürlich. Aktuell kam die neue Verordnung zur befristeten Änderung von Ausbildungs- und Prüfungsordnungen. Darin enthalten sind die ersten Ideen, was im Zeugnis zu stehen hat. Da heißt es, dass Kinder Zeugnisse erhalten und da steht, dass Kinder auch dann versetzt werden, wenn die Leistungsanforderungen nicht erreicht sind. Kinder sollen also nicht sitzen bleiben. Das ist eine grobe Änderung, bisher war das anders. Das ist jetzt aufgehoben, weil es heißt, dass das unter den aktuellen Kriterien ungerecht wäre. Zwar darf die Klassenkonferenz den Eltern ein Votum mitgeben und mitteilen, dass die Klassenziele eigentlich nicht erreicht sind und man empfiehlt, dass das Kind die Klasse freiwillig wiederholt. Aber das steht völlig in der Entscheidung der Eltern, dieser Empfehlung zu folgen oder eben nicht.

Katrin Möhring: Ich denke, dass die Regel ist, und das würde ich bei uns auf jeden Fall so handhaben: Es wird keiner schlechter. Also wenn wir sehen, dass Kinder superfleißig gearbeitet haben, dann honorieren wir das. Besser werden kann man auf jeden Fall. Aber keiner bekommt einen Strick daraus gedreht, dass er jetzt so lange Zeit wenig schulisch betreut wurde.

Wie entstehen die Noten?

Katrin Möhring: Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, aus dem, was wir sehen, aus dem, was wir so an Rückläufen haben. Und wir haben die Kinder ja nun auch schon ein Dreivierteljahr live und in Farbe erlebt. Ich finde es gefährlich, wenn das sozusagen eine Elternbetreuungsnote wird, die man am Ende bekommt. Ich glaube, wir kennen ja die Kinder, ich würde immer den Eindruck, den sie bei mir im Unterricht hinterlassen, als wichtigstes Kriterium nehmen.

Katja Jansen: Und das Halbjahreszeugnis ist ja auch schon mal zu 50 Prozent die Leistung des gesamten Schuljahres und dazu kommen jetzt eben auch noch die Beobachtungen. Ich kann mir vorstellen, dass es eventuell kleine Tests geben kann, um zu überprüfen, was bei dem Kind wirklich hängen geblieben ist oder was vielleicht doch eher Mama oder Papa gemacht haben. Aber auf jeden Fall werden die Noten total wohlwollend und die Arbeit würdigend, entstehen.

Katrin Möhring: Und wir müssen uns klar machen, dass wir ja pro Kind wirklich nur sieben oder acht Unterrichtstage bis zu den Ferien haben und ich möchte die eigentlich, auch im Sinne der Kinder, nicht auch noch damit verbringen, Arbeiten zu schreiben. Ich finde diese Tage sind wie ein Goldschatz und da muss man sich gut überlegen, wie man die Zeit mit den Kindern so verbringt, dass alle froh nach Hause gehen.

Wie nehmen die Kinder überhaupt diesen veränderten Schulalltag auf?

Katrin Möhring: Sehr diszipliniert.

Katja Jansen: Ich musste bisher viel im Büro sein, aber die Rückmeldung meiner Kollegen war auch so, dass die Kinder das sehr ernst nehmen.

Sind die Viertklässler auf den Wechsel in die weiterführende Schule vorbereitet?

Katja Jansen: In vielen Bereichen werden sie nicht auf den Stand kommen, den die letzten Jahrgänge haben konnten. So etwas wie die Fahrradprüfung werden viele Schulen zum Beispiel nicht zu Ende bringen können.

Katrin Möhring: Aber wir überlegen in unserem Team schon, was wiederholen wir noch mal. Das ist schon so geplant, dass wir pro Tag immer einen Sack zumachen. Also inhaltlich auch noch mal gucken, was wollen wir, das sie noch mal gehört haben, bevor sie die Schule wechseln. Ich glaube mehr kann man dann aber auch nicht machen.

Katja Jansen: Emotional wird es schwierig sie zu begleiten, wenn man so auf Distanz ist. Wir hätten wahrscheinlich an den weiterführenden Schulen noch mal hospitiert, das fällt halt alles weg und das ist schade.

Katrin Möhring: Schule verlangt so viel Selbstdisziplin jetzt. Alles, was das schön macht, so einen Schulabschnitt zu beenden, das ist ja hinten runter gekippt. Wir reduzieren das jetzt darauf, dass wir noch mal ein bisschen Inhalt machen, dass wir froh sind, dass wir uns sehen, aber das meiste ist nicht möglich. Die Kinder machen das alles ganz toll, aber sie müssen sich ein bisschen benehmen wie Erwachsene.

Ist das ein verlorenes Schuljahr?

Katja Jansen: Nein, auf keinen Fall, ich finde, es ist ein wertvolles Schuljahr, weil man ganz deutlich merkt, wie toll Schule eigentlich im Normalzustand ist, wie wertvoll das ist, was einem fehlt, wenn man es nicht hat. Das geht mir als Lehrerin so, aber ich glaube, es wird den Kindern auch so gehen. Insofern verloren nicht, weil es dabei nicht nur um die reinen Lerninhalte geht.

Katrin Möhring: Und man merkt auch ein bisschen, was wirklich wichtig ist: Dass man Sozialkontakte hat und dass man gesehen wird. Ich habe die Kinder alle einmal begrüßt und die Kinder freuen sich, dass man wieder gemeinsam unterwegs ist. Und so etwas ging manchmal, glaube ich, vor Corona verloren, weil es so selbstverständlich war. Ich finde übrigens auch ganz schön, dass man merkt, wie man in den Schulen zusammenrückt. Ich kann sagen, dass Kollegen und Ganztagsmitarbeiter, dass alle versuchen irgendwie mitzudenken und alle an einem Strang ziehen und versuchen, das auf gute Beine zu stellen.

Sie möchte aktuell nicht in der Rolle der Schulleiter stecken, sagt Regina-Dolores Stieler-Hinz. Mindens Beigeordnete für Bildung, Kultur, Sport und Freizeit weiß um die großen Herausforderungen für die Schulen. Auch dem Schulträger als Schnittstelle zwischen Land und Schulen bereite das Konzept tagtäglich Schwierigkeiten. Trotzdem begrüße Stieler-Hinz als Erziehungswissenschaftlerin, dass nun alle Schüler an den Lebensort Schule zurück kehren könnten. Die größte Herausforderung sieht sie im schulorganisatorischen Ablauf unter Berücksichtigung aller Vorgaben. „Der Teufel liegt im Detail.“ Für die Zeit nach den Ferien möchte die Beigeordnete keine Prognose abgeben. Allerdings meint sie, dass es eine Normalität, wie wir sie im Schulalltag kennen, nicht geben wird. „Dadurch, dass vieles auf einmal wieder hochgefahren wird, ist der Schulbetrieb gefährdet.“ Stieler-Hinz hätte sich mit Rücksicht auf die Schulen etwas mehr Behutsamkeit in anderen Bereichen gewünscht. (cs)

Das sagt der Schulträger:

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Minden.„Kein verlorenes Schuljahr“: MT-Interview zur Schulöffnung nach der großen PauseChristine RiechmannMinden. Einbahnstraßensysteme im Schulgebäude, ausgewiesene Spielflächen und versetzte Pausenzeiten – in den Schulen ist nichts mehr, wie es vor Corona war. Am vergangenen Donnerstag und Freitag sind die Viertklässler in die Schule zurückgekehrt, seit heute morgen auch die restlichen Schüler – allerdings bis zu den Sommerferien nur tageweise. Katrin Möhring, Schulleiterin in Kutenhausen und Katja Jansen, Rektorin an der Michael-Ende-Schule in Hahlen, berichten von einem Schulalltag, der mit dem Schulöffnungskonzept völlig auf den Kopf gestellt ist. Wie liefen die ersten Tage mit den Viertklässlern? Katrin Möhring: Die waren toll. Meine Kollegen kamen alle ganz beseelt wieder, weil die sich auf beiden Seiten tüchtig gefreut haben, sich wieder zu sehen. Katja Jansen: Bei uns war das auch schön. Die Kinder haben sich sehr gefreut, auch wenn es schon ein befremdliches Gefühl war mit den Masken um den Hals – teilweise auch aufgesetzt. Wir mussten noch viele Anweisungen geben, wie sich die Kinder verhalten sollen. Das war dann plötzlich unerwartet reguliert für sie. Worin besteht die größte Herausforderung für die Schulen, das Konzept umzusetzen. Katrin Möhring: Den Überblick zu behalten. Auf der einen Seite hat man die medizinischen Dinge, also Abstand wahren, die Gruppen nicht zu durchmischen, es hinzubekommen, dass die Gruppen möglichst klein sind und dass so wenig Kinder wie möglich so weit entfernt voneinander wie möglich sind. Das sind Sachen, die passen überhaupt gar nicht in eine Grundschule hinein, im Grunde widerspricht das allem, was wir sonst eigentlich machen. Und den Überblick darüber zu behalten, welches Kind in der Notgruppe ist, welche Kinder wann kommen und wie lange – das alles im Blick zu haben, da braucht man schon viel Zeit. Katja Jansen: Besonders herausfordernd ist auch die Art des Informationsflusses, wie knapp in irgendeiner Weise etwas vom Schulministerium kommuniziert wird. Eigentlich erfährt man es eher durch die Medien, bevor man selber offiziell die Informationen erhält. Das ist eine Katastrophe. Katrin Möhring: Bei allem muss man dann noch sehen, dass man seine Mitarbeiter und Eltern gut informiert und immer wieder alles, was man sich selber ausdenkt, in die Breite streut. Katja Jansen: Und wir sind noch an Standorten, wo viele Eltern Mails erhalten. Wenn ich mir jetzt vorstelle, wie das zum Beispiel an der Eine-Welt-Schule oder an der Mosaikschule laufen soll, dann ist das ein Desaster. Da erreicht man die Eltern nicht über E-Mails, selbst wenn man sie erreichen würde, würden sie die Sprache nicht verstehen. Katrin Möhring: Die Kollegen aus solchen Schulen sagen, dass ein Großteil der Elternschaft gar nicht digitalisiert ist, das heißt die schreiben dann Briefe und müssen sehen, dass der Brief dann auch am nächsten Tag ankommt. Also wenn man freitagnachmittags eine Schulmail erhält, die montags schon Wirkung hat, dann ist das für so eine Schule ganz schwierig, da eine Kommunikation hinzubekommen. Über all dem steht dann noch der Abstand von 1,50 Metern, den die Lehrer auch zu den Schülern halten müssen. Das hört sich nach Frontalunterricht an. Katja Jansen: Ja, ganz schrecklich, das ist Frontalunterricht. Kollegen haben schon gestöhnt, dass man überhaupt keine Partner- oder Gruppenarbeiten machen kann. Das ist tatsächlich ganz viel Anleitung oder gucken, okay, wo ist der Schüler gerade mit seinen Materialien, die er bearbeiten soll und wie geht es für ihn weiter. Unterricht, wie er sonst stattfindet, ist das nicht. Ist der eine Tag Unterricht in der Woche also vor allem ein Vor- und Nachbereiten des Homeschoolings? Katrin Möhring: Ja, genau. Was wir bisher gemerkt haben ist, dass ganz viel Zeit für die Einhaltung der Hygiene draufgeht. Bis sich die zwölf Kinder mit 1,50 Meter Abstand die Hände gewaschen, dabei zwei Mal „Happy Birthday“ gesungen haben und der Pömpel vom Handtuchhalter wieder desinfiziert wurde, sind die ersten zehn Minuten locker um. Und das Ganze passiert vorm Frühstück und nach der Pause und dann noch mal am Ende. Also kann man schon mal eine Stunde im Grunde nur für Logistik abrechnen. Ich glaube aber, dass das auch genau unsere Aufgabe ist, dass wir mit den Kindern ganz viel darüber reden: auf was musst du jetzt achten, warum musst du immer die Hände waschen. Aber an reiner Unterrichtszeit bleibt am Ende nicht so vielübrig. Das Niveau der einzelnen Kinder driftet sowieso stark auseinander. Die Kluft dürfte nach fast zwei Monaten Homeschooling noch größer geworden sein. Wie werden Sie dem Herr? Katja Jansen: Durch die individuelle Förderung, man schaut, wo jeder einzelne Schüler steht und wie es für ihn weiter geht. Katrin Möhring: Dadurch, dass wir während der Homeschooling-Zeit die bearbeiteten Sachen der Kinder durchgeguckt haben, wissen wir ja, wo die Kinder stehen. Wir hatten also eine Idee, wer in welchem Zustand zurückkommt. Darauf kann man sich vorbereiten. Aber es ist total so, dass die Schere auseinander geht. Dass spiegelt auch das Feedback der Kollegen aus den Innenstadtschulen wider: Schwer ist es besonders bei den Kindern, bei denen die Eltern überhaupt nicht digitalisiert sind. Die werden schon auch abgehängt, die Gefahr droht – in jedem Fall. Wird es eigentlich am Ende des Schuljahres ein Zeugnis geben? Katja Jansen: Ja natürlich. Aktuell kam die neue Verordnung zur befristeten Änderung von Ausbildungs- und Prüfungsordnungen. Darin enthalten sind die ersten Ideen, was im Zeugnis zu stehen hat. Da heißt es, dass Kinder Zeugnisse erhalten und da steht, dass Kinder auch dann versetzt werden, wenn die Leistungsanforderungen nicht erreicht sind. Kinder sollen also nicht sitzen bleiben. Das ist eine grobe Änderung, bisher war das anders. Das ist jetzt aufgehoben, weil es heißt, dass das unter den aktuellen Kriterien ungerecht wäre. Zwar darf die Klassenkonferenz den Eltern ein Votum mitgeben und mitteilen, dass die Klassenziele eigentlich nicht erreicht sind und man empfiehlt, dass das Kind die Klasse freiwillig wiederholt. Aber das steht völlig in der Entscheidung der Eltern, dieser Empfehlung zu folgen oder eben nicht. Katrin Möhring: Ich denke, dass die Regel ist, und das würde ich bei uns auf jeden Fall so handhaben: Es wird keiner schlechter. Also wenn wir sehen, dass Kinder superfleißig gearbeitet haben, dann honorieren wir das. Besser werden kann man auf jeden Fall. Aber keiner bekommt einen Strick daraus gedreht, dass er jetzt so lange Zeit wenig schulisch betreut wurde. Wie entstehen die Noten? Katrin Möhring: Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, aus dem, was wir sehen, aus dem, was wir so an Rückläufen haben. Und wir haben die Kinder ja nun auch schon ein Dreivierteljahr live und in Farbe erlebt. Ich finde es gefährlich, wenn das sozusagen eine Elternbetreuungsnote wird, die man am Ende bekommt. Ich glaube, wir kennen ja die Kinder, ich würde immer den Eindruck, den sie bei mir im Unterricht hinterlassen, als wichtigstes Kriterium nehmen. Katja Jansen: Und das Halbjahreszeugnis ist ja auch schon mal zu 50 Prozent die Leistung des gesamten Schuljahres und dazu kommen jetzt eben auch noch die Beobachtungen. Ich kann mir vorstellen, dass es eventuell kleine Tests geben kann, um zu überprüfen, was bei dem Kind wirklich hängen geblieben ist oder was vielleicht doch eher Mama oder Papa gemacht haben. Aber auf jeden Fall werden die Noten total wohlwollend und die Arbeit würdigend, entstehen. Katrin Möhring: Und wir müssen uns klar machen, dass wir ja pro Kind wirklich nur sieben oder acht Unterrichtstage bis zu den Ferien haben und ich möchte die eigentlich, auch im Sinne der Kinder, nicht auch noch damit verbringen, Arbeiten zu schreiben. Ich finde diese Tage sind wie ein Goldschatz und da muss man sich gut überlegen, wie man die Zeit mit den Kindern so verbringt, dass alle froh nach Hause gehen. Wie nehmen die Kinder überhaupt diesen veränderten Schulalltag auf? Katrin Möhring: Sehr diszipliniert. Katja Jansen: Ich musste bisher viel im Büro sein, aber die Rückmeldung meiner Kollegen war auch so, dass die Kinder das sehr ernst nehmen. Sind die Viertklässler auf den Wechsel in die weiterführende Schule vorbereitet? Katja Jansen: In vielen Bereichen werden sie nicht auf den Stand kommen, den die letzten Jahrgänge haben konnten. So etwas wie die Fahrradprüfung werden viele Schulen zum Beispiel nicht zu Ende bringen können. Katrin Möhring: Aber wir überlegen in unserem Team schon, was wiederholen wir noch mal. Das ist schon so geplant, dass wir pro Tag immer einen Sack zumachen. Also inhaltlich auch noch mal gucken, was wollen wir, das sie noch mal gehört haben, bevor sie die Schule wechseln. Ich glaube mehr kann man dann aber auch nicht machen. Katja Jansen: Emotional wird es schwierig sie zu begleiten, wenn man so auf Distanz ist. Wir hätten wahrscheinlich an den weiterführenden Schulen noch mal hospitiert, das fällt halt alles weg und das ist schade. Katrin Möhring: Schule verlangt so viel Selbstdisziplin jetzt. Alles, was das schön macht, so einen Schulabschnitt zu beenden, das ist ja hinten runter gekippt. Wir reduzieren das jetzt darauf, dass wir noch mal ein bisschen Inhalt machen, dass wir froh sind, dass wir uns sehen, aber das meiste ist nicht möglich. Die Kinder machen das alles ganz toll, aber sie müssen sich ein bisschen benehmen wie Erwachsene. Ist das ein verlorenes Schuljahr? Katja Jansen: Nein, auf keinen Fall, ich finde, es ist ein wertvolles Schuljahr, weil man ganz deutlich merkt, wie toll Schule eigentlich im Normalzustand ist, wie wertvoll das ist, was einem fehlt, wenn man es nicht hat. Das geht mir als Lehrerin so, aber ich glaube, es wird den Kindern auch so gehen. Insofern verloren nicht, weil es dabei nicht nur um die reinen Lerninhalte geht. Katrin Möhring: Und man merkt auch ein bisschen, was wirklich wichtig ist: Dass man Sozialkontakte hat und dass man gesehen wird. Ich habe die Kinder alle einmal begrüßt und die Kinder freuen sich, dass man wieder gemeinsam unterwegs ist. Und so etwas ging manchmal, glaube ich, vor Corona verloren, weil es so selbstverständlich war. Ich finde übrigens auch ganz schön, dass man merkt, wie man in den Schulen zusammenrückt. Ich kann sagen, dass Kollegen und Ganztagsmitarbeiter, dass alle versuchen irgendwie mitzudenken und alle an einem Strang ziehen und versuchen, das auf gute Beine zu stellen. Sie möchte aktuell nicht in der Rolle der Schulleiter stecken, sagt Regina-Dolores Stieler-Hinz. Mindens Beigeordnete für Bildung, Kultur, Sport und Freizeit weiß um die großen Herausforderungen für die Schulen. Auch dem Schulträger als Schnittstelle zwischen Land und Schulen bereite das Konzept tagtäglich Schwierigkeiten. Trotzdem begrüße Stieler-Hinz als Erziehungswissenschaftlerin, dass nun alle Schüler an den Lebensort Schule zurück kehren könnten. Die größte Herausforderung sieht sie im schulorganisatorischen Ablauf unter Berücksichtigung aller Vorgaben. „Der Teufel liegt im Detail.“ Für die Zeit nach den Ferien möchte die Beigeordnete keine Prognose abgeben. Allerdings meint sie, dass es eine Normalität, wie wir sie im Schulalltag kennen, nicht geben wird. „Dadurch, dass vieles auf einmal wieder hochgefahren wird, ist der Schulbetrieb gefährdet.“ Stieler-Hinz hätte sich mit Rücksicht auf die Schulen etwas mehr Behutsamkeit in anderen Bereichen gewünscht. (cs) Das sagt der Schulträger: