Minden

75 Jahre Kriegsende: Europäische Friedensuhr soll am Scharn daran erinnern

Anja Peper

Minden. Der 8. Mai 1945 markiert einen besonderen Tag in der Geschichte. Die Kapitulation der Wehrmacht setzte den Schlusspunkt hinter den verheerenden Zweiten Weltkrieg. Am 28. März 1945 hatte in Minden niemand mehr mit Angriffen gerechnet. Doch vormittags zerstörten Bomben den Mindener Dom und Teile der Innenstadt. Das historische Rathaus und Häuser am Scharn brannten ab. Genau hier soll künftig eine Europäische Friedensuhr daran erinnern: In Frieden leben zu dürfen ist keine Selbstverständlichkeit. „Das Projekt Europa ist nicht perfekt, aber es darf nicht scheitern.“ So sehen es die privaten Initiatoren – neben der Gesellschaft zur Förderung internationaler Städtepartnerschaften Minden (Gefis) sind das drei regionale Lions Clubs.

Die Initiatoren hinter dem gemeinsamen Projekt „Europäische Friedensuhr“ am Scharn (von links): Ute Hannemann (Gefis), Prof. Dr. Berthold Gerdes (Lions), Heinrich Wiese (Gefis), Sven Thomas (Lions), Bürgermeister Michael Jäcke (Schirmherr der Stadt Minden) sowie Heike Pötzschke (Lions). MT-Foto: Alex Lehn - © Alex Lehn
Die Initiatoren hinter dem gemeinsamen Projekt „Europäische Friedensuhr“ am Scharn (von links): Ute Hannemann (Gefis), Prof. Dr. Berthold Gerdes (Lions), Heinrich Wiese (Gefis), Sven Thomas (Lions), Bürgermeister Michael Jäcke (Schirmherr der Stadt Minden) sowie Heike Pötzschke (Lions). MT-Foto: Alex Lehn (© Alex Lehn)

Die Anregung für das Projekt stammt von Prof. Dr. Berthold Gerdes (Lions Club Porta Westfalica). „Bei einer Reise ins Elsass besuchte ich mit meiner Frau ein Denkmal zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Es ist eindrücklich, wie präsent gerade im Elsass die europäischen Konflikte der Vergangenheit sind.“ Die Gräber unzähliger Menschen mahnen bis heute. Für Minden wünschte sich Gerdes ein sichtbares Bekenntnis zum Frieden. Nach der Heimreise fand er Unterstützer: Die Gefis plante zu dem Zeitpunkt bereits ein Symposium mit den Partnerstädten in Minden im Herbst 2020. Dazu zählen unter anderem Gagny (Frankreich), Gladsaxe (Dänemark), Sutton (England) sowie Grodno (Weißrussland). Befreundet ist Minden außerdem mit Apeldoorn (Niederlande) und Tavarnelle (Italien). Seit der Gründung 1979 macht sich die Gefis für Europa stark. Doch die Corona-Krise warf auch die Pläne für dieses internationale Netzwerk-Treffen im September vorerst über den Haufen. „Wir suchen einen neuen Termin“, so Ute Hannemann und Heinrich Wiese (Gefis-Vorstand). Auch bei ihm persönlich entstand die Idee im Ausland – beim Besuch von Schlachtfeldern an der Somme (2018): „In einem französischen Schützengraben kam der Gedanke, nicht nur immer wieder an Kriege, Schlachten und Opfer zu erinnern, sondern dem eine Erinnerungskultur an 75 Jahre Frieden gegenüber zu stellen.“ Dankbarkeit für das Erreichte seit der „Stunde Null“.

Minden nach Kriegsende: Die letzten Bomben waren am 28. März gefallen, als niemand mehr damit rechnete. - © Foto: Kommunalarchiv
Minden nach Kriegsende: Die letzten Bomben waren am 28. März gefallen, als niemand mehr damit rechnete. (© Foto: Kommunalarchiv)

Anders als ein einzelner Gedenktag oder ein Denkmal symbolisiert die Uhr die Dynamik des Friedensprozesses. Sie zählt die Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden seit Beginn des Friedens hoch. Die Anzeige hat damit insgesamt 13 Ziffern und eine Breite von 4,63 Metern. Das moderne Display wird oben neben der Glasfront der Drogerie Müller (Scharn 6) an der Rathausfassade angebracht. Der künftige Platz für die Friedensuhr wurde in Abstimmung mit der Denkmalbehörde ausgewählt. Am Scharn gab es die größten Zerstörungen in Minden und der verbliebene Teil des ehemaliges Rathaus-Traktes A (ehemaliges Gerichtsgebäude) bot sich daher an.

Zusätzlich arbeitet die Gefis an einer Gedenktafel samt QR-Code. Wer diesen Code mit dem Handy scannt, wird zu einer Webseite der Gefis weitergeleitet, die bald aufgebaut wird. Auf der Seite wird das Thema „75 Jahre Frieden in Minden und der Region“ thematisiert. Oben auf dem Gebäude gegenüber (neben der Martinitreppe) wird außerdem eine Webcam für einen Livestream angebracht. Das heißt: Der Betrachter der Uhr wird sich selber beim Betrachten der Uhr sehen können. Eigentümer Alexander Lange hat für die Webcam ein wettergeschütztes Plätzchen gefunden. Die Daten werden nach Auskunft der Stadt nicht aufgezeichnet.

Schirmherr des Projektes ist Bürgermeister Michael Jäcke. Er lobt die Idee, sich auf diese Weise inhaltlich mit 75 Jahren Frieden im mittleren Europa auseinanderzusetzen – und auch lokale Aspekte einzubringen. Er sieht aber auch, dass sich Europa immer wieder harten Bewährungsproben unterziehen muss – wie aktuell bei Corona: „Leider neigen die europäischen Regierungen in akuten Notfällen viel zu häufig zu nationalen Alleingängen“, schreibt er. „Nach einer Phase der Beruhigung stellen die Staaten dann in der Regel fest, dass sie die Probleme nicht allein werden lösen können und besinnen sich wieder auf ein gemeinsames Vorgehen.“ Sorgen bereiten ihm antidemokratische Entwicklungen wie in Ungarn. „Hier muss die EU eine deutlichere Sprache sprechen. Diese autokratischen Entwicklungen sind nicht mit den Grundwerten der EU vereinbar.“

75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges sind nicht gleichbedeutend mit 75 Jahre Frieden in Europa oder weltweit. Am Rande Europas, in Syrien, im Irak und im Gazastreifen toben Kriege. Diesen Aspekt diskutierte der Hauptausschuss am Donnerstag. Dennoch soll die Uhr auf Wunsch der Initiatoren „Europäische Friedensuhr“ heißen. Die Lions sehen in Europa vor allem ein Friedensprojekt, „das zu Recht mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde“, so Dr. Gerdes.

Ein Zeichen setzen für die Zukunft Europas: „Die Förderung des Friedens und der Völkerverständigung bilden mit die wichtigsten Ziele von Lions Clubs International“, so Dr. Gerdes. „Was bisher für die Völkerverständigung in Europa erreicht wurde, war zu Beginn keineswegs selbstverständlich und muss immer wieder betont werden.“

Seit 75 Jahren hält der Frieden zwischen den Staaten, die sich zur Europäischen Union verbunden haben. „Dies ist keine Selbstverständlichkeit, sondern bedarf des aktiven Engagements seiner Bürger“, so Heike Pötzschke (Lions Club Porta Westfalica-Judica). Auch MT-Verleger Sven Thomas unterstützt mit dem Lions Club Minden das Projekt, „weil die Friedens- und Europaarbeit mit der Uhr ein lebendiges Symbol erhält“.

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Minden75 Jahre Kriegsende: Europäische Friedensuhr soll am Scharn daran erinnernAnja PeperMinden. Der 8. Mai 1945 markiert einen besonderen Tag in der Geschichte. Die Kapitulation der Wehrmacht setzte den Schlusspunkt hinter den verheerenden Zweiten Weltkrieg. Am 28. März 1945 hatte in Minden niemand mehr mit Angriffen gerechnet. Doch vormittags zerstörten Bomben den Mindener Dom und Teile der Innenstadt. Das historische Rathaus und Häuser am Scharn brannten ab. Genau hier soll künftig eine Europäische Friedensuhr daran erinnern: In Frieden leben zu dürfen ist keine Selbstverständlichkeit. „Das Projekt Europa ist nicht perfekt, aber es darf nicht scheitern.“ So sehen es die privaten Initiatoren – neben der Gesellschaft zur Förderung internationaler Städtepartnerschaften Minden (Gefis) sind das drei regionale Lions Clubs. Die Anregung für das Projekt stammt von Prof. Dr. Berthold Gerdes (Lions Club Porta Westfalica). „Bei einer Reise ins Elsass besuchte ich mit meiner Frau ein Denkmal zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Es ist eindrücklich, wie präsent gerade im Elsass die europäischen Konflikte der Vergangenheit sind.“ Die Gräber unzähliger Menschen mahnen bis heute. Für Minden wünschte sich Gerdes ein sichtbares Bekenntnis zum Frieden. Nach der Heimreise fand er Unterstützer: Die Gefis plante zu dem Zeitpunkt bereits ein Symposium mit den Partnerstädten in Minden im Herbst 2020. Dazu zählen unter anderem Gagny (Frankreich), Gladsaxe (Dänemark), Sutton (England) sowie Grodno (Weißrussland). Befreundet ist Minden außerdem mit Apeldoorn (Niederlande) und Tavarnelle (Italien). Seit der Gründung 1979 macht sich die Gefis für Europa stark. Doch die Corona-Krise warf auch die Pläne für dieses internationale Netzwerk-Treffen im September vorerst über den Haufen. „Wir suchen einen neuen Termin“, so Ute Hannemann und Heinrich Wiese (Gefis-Vorstand). Auch bei ihm persönlich entstand die Idee im Ausland – beim Besuch von Schlachtfeldern an der Somme (2018): „In einem französischen Schützengraben kam der Gedanke, nicht nur immer wieder an Kriege, Schlachten und Opfer zu erinnern, sondern dem eine Erinnerungskultur an 75 Jahre Frieden gegenüber zu stellen.“ Dankbarkeit für das Erreichte seit der „Stunde Null“. Anders als ein einzelner Gedenktag oder ein Denkmal symbolisiert die Uhr die Dynamik des Friedensprozesses. Sie zählt die Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden seit Beginn des Friedens hoch. Die Anzeige hat damit insgesamt 13 Ziffern und eine Breite von 4,63 Metern. Das moderne Display wird oben neben der Glasfront der Drogerie Müller (Scharn 6) an der Rathausfassade angebracht. Der künftige Platz für die Friedensuhr wurde in Abstimmung mit der Denkmalbehörde ausgewählt. Am Scharn gab es die größten Zerstörungen in Minden und der verbliebene Teil des ehemaliges Rathaus-Traktes A (ehemaliges Gerichtsgebäude) bot sich daher an. Zusätzlich arbeitet die Gefis an einer Gedenktafel samt QR-Code. Wer diesen Code mit dem Handy scannt, wird zu einer Webseite der Gefis weitergeleitet, die bald aufgebaut wird. Auf der Seite wird das Thema „75 Jahre Frieden in Minden und der Region“ thematisiert. Oben auf dem Gebäude gegenüber (neben der Martinitreppe) wird außerdem eine Webcam für einen Livestream angebracht. Das heißt: Der Betrachter der Uhr wird sich selber beim Betrachten der Uhr sehen können. Eigentümer Alexander Lange hat für die Webcam ein wettergeschütztes Plätzchen gefunden. Die Daten werden nach Auskunft der Stadt nicht aufgezeichnet. Schirmherr des Projektes ist Bürgermeister Michael Jäcke. Er lobt die Idee, sich auf diese Weise inhaltlich mit 75 Jahren Frieden im mittleren Europa auseinanderzusetzen – und auch lokale Aspekte einzubringen. Er sieht aber auch, dass sich Europa immer wieder harten Bewährungsproben unterziehen muss – wie aktuell bei Corona: „Leider neigen die europäischen Regierungen in akuten Notfällen viel zu häufig zu nationalen Alleingängen“, schreibt er. „Nach einer Phase der Beruhigung stellen die Staaten dann in der Regel fest, dass sie die Probleme nicht allein werden lösen können und besinnen sich wieder auf ein gemeinsames Vorgehen.“ Sorgen bereiten ihm antidemokratische Entwicklungen wie in Ungarn. „Hier muss die EU eine deutlichere Sprache sprechen. Diese autokratischen Entwicklungen sind nicht mit den Grundwerten der EU vereinbar.“ 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges sind nicht gleichbedeutend mit 75 Jahre Frieden in Europa oder weltweit. Am Rande Europas, in Syrien, im Irak und im Gazastreifen toben Kriege. Diesen Aspekt diskutierte der Hauptausschuss am Donnerstag. Dennoch soll die Uhr auf Wunsch der Initiatoren „Europäische Friedensuhr“ heißen. Die Lions sehen in Europa vor allem ein Friedensprojekt, „das zu Recht mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde“, so Dr. Gerdes. Ein Zeichen setzen für die Zukunft Europas: „Die Förderung des Friedens und der Völkerverständigung bilden mit die wichtigsten Ziele von Lions Clubs International“, so Dr. Gerdes. „Was bisher für die Völkerverständigung in Europa erreicht wurde, war zu Beginn keineswegs selbstverständlich und muss immer wieder betont werden.“ Seit 75 Jahren hält der Frieden zwischen den Staaten, die sich zur Europäischen Union verbunden haben. „Dies ist keine Selbstverständlichkeit, sondern bedarf des aktiven Engagements seiner Bürger“, so Heike Pötzschke (Lions Club Porta Westfalica-Judica). Auch MT-Verleger Sven Thomas unterstützt mit dem Lions Club Minden das Projekt, „weil die Friedens- und Europaarbeit mit der Uhr ein lebendiges Symbol erhält“.