Giesekings Flüstertüte: Alles hinter Glas

Bernd Gieseking

- © Britta Frenz
(© Britta Frenz)

Ich bin von Berufs wegen Meckerer, aber heute möchte ich loben. In der Corona-Krise zeigt sich, wer zu gebrauchen ist. Sogar Politiker. Also die meisten. Die Kanzlerin, staatsmännisch. Entschuldigung: staatsfraulich! Die schwarze Null wird vernünftigerweise zur Niete. Aber warum wird der FDP immer noch ein Mikrofon hingehalten? Ich möchte vor allem die Menschen loben. Also die meisten. Bis auf die Hamsterer. Als ich neulich die erste Hamsterkäuferin im Supermarkt sah, war sie die Einzige mit Mundschutz. Der ist zwar vernünftig, aber ich glaube, sie wollte nur nicht erkannt werden.

Vieles kommt zum Stillstand, aber die kreative Szene läuft zur Hochform auf. Theaterleute, Bühnen, Musiker, Kabarettisten, Comedians, Autoren. Überall wird gestreamt, was die Internetverbindung hergibt. Ich bin komplett überfordert! Das Internet selber auch, weil alle auf Netflix und sonst wo Serien downloaden.

Und was ich mir jetzt alles im Netz ansehen soll – ich komme nicht mehr hinterher. Täglich gehen neue Kollegen online – und bitten oft um „digitales Hutgeld“. So können wir Kleinkunstretter sein. Bei „Größen ausse Gegend“ aus Bochum kann man virtuelle Eintrittskarten kaufen, muss aber nicht. Das „TAK“ in Hannover sendet „SonnTAKS“. Bei „Reimpatrouille Corona“ aus Tübingen werden diverse Kleinkunstbühnen unterstützt. Bei manchen mache ich selber mit. Ich habe fast mehr zu tun, als wenn ich Auftritte hätte, nur ohne Gage.

Und nicht nur die Künstler sind kreativ. Im Bäckerladen um die Ecke hatte der Ehemann sofort für seine Frau und deren Kolleginnen einen selbstgezimmerten „Spuckschutz“ gebaut, mit Kanthölzern eingefasst. Großartig! Wo sind überhaupt so schnell die zahlreichen Plexiglasscheiben für Kassenplätze in Apotheken, Drogerien und anderswo produziert worden? Gab es die schon immer? Ein ganz neuer Markt, der sich riesig entwickelte. Den Begriff „Spuckschutz“ kannte ich vorher gar nicht, jetzt wird der vielleicht „Wort des Jahres“. Oder doch „Homeoffice“?

Richtig gestraft sind meine Eltern. Meiner Mutter ist langweilig, die geht gern unter Leute. Sämtliche meiner Socken hat sie schon gestopft. Die wirft sie mir aus dem Fenster zu. Die beiden sind seit bald 62 Jahren verheiratet. Interessanterweise streiten sie weniger in der Krise. Netflix kennen sie gar nicht. Die „Flimmerkiste“ ist sowieso selten an. Die rätseln, spielen Rommé und knobeln. Jetzt haben sie eine neue Idee: Ich sei zwar schon „groß“, aber sie würden Sonntag trotzdem für mich Eier im Garten verstecken.

Wenn ich zum Suchen käme, gingen die zwei solange rein und würden mir durch die geschlossene Terrassentür zuschauen. Super Idee! Frohe Ostern!

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Giesekings Flüstertüte: Alles hinter GlasBernd GiesekingIch bin von Berufs wegen Meckerer, aber heute möchte ich loben. In der Corona-Krise zeigt sich, wer zu gebrauchen ist. Sogar Politiker. Also die meisten. Die Kanzlerin, staatsmännisch. Entschuldigung: staatsfraulich! Die schwarze Null wird vernünftigerweise zur Niete. Aber warum wird der FDP immer noch ein Mikrofon hingehalten? Ich möchte vor allem die Menschen loben. Also die meisten. Bis auf die Hamsterer. Als ich neulich die erste Hamsterkäuferin im Supermarkt sah, war sie die Einzige mit Mundschutz. Der ist zwar vernünftig, aber ich glaube, sie wollte nur nicht erkannt werden. Vieles kommt zum Stillstand, aber die kreative Szene läuft zur Hochform auf. Theaterleute, Bühnen, Musiker, Kabarettisten, Comedians, Autoren. Überall wird gestreamt, was die Internetverbindung hergibt. Ich bin komplett überfordert! Das Internet selber auch, weil alle auf Netflix und sonst wo Serien downloaden. Und was ich mir jetzt alles im Netz ansehen soll – ich komme nicht mehr hinterher. Täglich gehen neue Kollegen online – und bitten oft um „digitales Hutgeld“. So können wir Kleinkunstretter sein. Bei „Größen ausse Gegend“ aus Bochum kann man virtuelle Eintrittskarten kaufen, muss aber nicht. Das „TAK“ in Hannover sendet „SonnTAKS“. Bei „Reimpatrouille Corona“ aus Tübingen werden diverse Kleinkunstbühnen unterstützt. Bei manchen mache ich selber mit. Ich habe fast mehr zu tun, als wenn ich Auftritte hätte, nur ohne Gage. Und nicht nur die Künstler sind kreativ. Im Bäckerladen um die Ecke hatte der Ehemann sofort für seine Frau und deren Kolleginnen einen selbstgezimmerten „Spuckschutz“ gebaut, mit Kanthölzern eingefasst. Großartig! Wo sind überhaupt so schnell die zahlreichen Plexiglasscheiben für Kassenplätze in Apotheken, Drogerien und anderswo produziert worden? Gab es die schon immer? Ein ganz neuer Markt, der sich riesig entwickelte. Den Begriff „Spuckschutz“ kannte ich vorher gar nicht, jetzt wird der vielleicht „Wort des Jahres“. Oder doch „Homeoffice“? Richtig gestraft sind meine Eltern. Meiner Mutter ist langweilig, die geht gern unter Leute. Sämtliche meiner Socken hat sie schon gestopft. Die wirft sie mir aus dem Fenster zu. Die beiden sind seit bald 62 Jahren verheiratet. Interessanterweise streiten sie weniger in der Krise. Netflix kennen sie gar nicht. Die „Flimmerkiste“ ist sowieso selten an. Die rätseln, spielen Rommé und knobeln. Jetzt haben sie eine neue Idee: Ich sei zwar schon „groß“, aber sie würden Sonntag trotzdem für mich Eier im Garten verstecken. Wenn ich zum Suchen käme, gingen die zwei solange rein und würden mir durch die geschlossene Terrassentür zuschauen. Super Idee! Frohe Ostern!