Minden

Minden aus der Mottenkiste: Ein Film aus der Zeit des Wirtschaftswunders in der Weserstadt

Jan Henning Rogge

Links ein Zipfel der alten Mindener Straßenbahn, im Zentrum das alte Mindener Rathaus im Wiederaufbau. 1955 wurde es wiedereingeweiht – zu der Zeit war der Film bereits fertig produziert. Repro: MT
Links ein Zipfel der alten Mindener Straßenbahn, im Zentrum das alte Mindener Rathaus im Wiederaufbau. 1955 wurde es wiedereingeweiht – zu der Zeit war der Film bereits fertig produziert. Repro: MT

Minden (mt). Vieles dürfte den Mindener noch heute bekannt vorkommen – zum Beispiel das Rathaus als Baustelle, denn ein Gerüst steht auch heute wieder vor dem alten Gemäuer. Doch vieles, was im 1954 entstanden Film „Lebensrhythmus an der Porta Westfalica" zu sehen ist, ist wohl nur noch den Älteren in Erinnerung. Es ist eine Zeitreise in ein Minden in den frühen Wirtschaftswunderjahren, in denen der zweite Weltkrieg noch Spuren hinterlassen hat, der Blick aber fest in die Zukunft gerichtet ist. Nun ist der Film, der vermutlich einst als Vorfilm in den Mindener Kinos flimmerte, wieder im Internet zu sehen.

Zu verdanken ist das den beiden Mindener Filmfreunde Manfred Damke und Erwin Wieschollek, über die das alte Schätzchen seinen Weg in die Redaktion fand: Manfred Damke hatte den Film vor vielen Jahren bei einer Veranstaltung seines ehemaligen Arbeitgebers „Schoppe und Fäser" zu sehen bekommen und dann eine VHS-Kopie erstanden. Die Videokassette digitalisierte er viele Jahre später und überließ eine Kopie der Datei Erwin Wischollek, der wegen seiner Vergangenheit als Unterwasserfilmer in Kontakt mit der Redaktion stand.

Bei dem etwa 15 Minuten langen Schwarz-Weiß-Film handelt es sich vermutlich um eine Auftragsproduktion, die die Hamburger „Schrader-Film Produktion" in ganz ähnlich Art über viele deutsche Städte erstellt hat. Von Uelzen bis Rosenheim reisten die Macher damals durch die Republik, um solche Filme zu drehen – rund 60 sind es am Ende geworden. Wer den Film in Auftrag gegeben hat, lässt sich heute nicht mehr in Erfahrung bringen – aber vielleicht erinnern sich ja ältere Leser?

Die Vermutung liegt nahe, dass die Aufnahmen im Auftrag der Mindener Firmen entstand, die dort vorgestellt werden. Aus heutiger Sicht ist der Film eine spannende Reise in die Vergangenheit. Da rollt die Mindener Straßenbahn durch das Bild, auf der Weser ziehen „gigantische Schlepper ihre schweren Lastkähne" zur „Stadt am Strom", um dort die „malerischen Gassen und stillen Winkel" zu zeigen, in denen Kinder Dreirad fahren und Ball spielen.

Neben einigen Szenen aus dem Alltag sind heute besonders die Sequenzen über Mindener Unternehmen spannend: Dazu gehört zum Beispiel das Mindener Tageblatt, das stolz seine effiziente Druckerei oder die modernen Fernschreiber zeigt, mit denen der „allnächtliche Kampf um die Minuten" aufgenommen wird.

Das ebenfalls im Film gezeigte Unternehmen „Schoppe und Fäser", in dem seit 1945 „eine Reihe von Wissenschaftlern und Experten an der dankbaren Aufgabe, die hochentwickelte Technik der früheren Rüstungsindustrie den friedlichen Zwecken des deutschen Wiederaufbaus nutzbar zu machen" arbeiten, gibt es heute so nicht mehr Seit 1999 gehört das einst äußerst erfolgreiche IT-Unternehmen zum ABB-Konzern.

Ausführlich wird die Stadtsparkasse vorgestellt, die damals größten Wert auf Kleinsparer legte und ihre leistungsstarke Technik vorführte. Mit der bis 1984 bestehenden Möbelfabrik und dem zugehörigen Einrichtungshaus „Möbel Ronicke" verbinden sicherlich viele ältere Mindener noch Erinnerungen. Schließlich war laut Film damals Eine Küche von Ronicke – „der Wunsch und Stolz einer jeden Hausfrau!" Teppiche von Hagemeyer oder ein frisch gezapftes Weserpils gehörten 1954 ebenfalls dazu – ab sofort ist all das kostenlos auf der Internetseite des Mindener Tageblatts zu sehen.

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MindenMinden aus der Mottenkiste: Ein Film aus der Zeit des Wirtschaftswunders in der WeserstadtJan Henning RoggeMinden (mt). Vieles dürfte den Mindener noch heute bekannt vorkommen – zum Beispiel das Rathaus als Baustelle, denn ein Gerüst steht auch heute wieder vor dem alten Gemäuer. Doch vieles, was im 1954 entstanden Film „Lebensrhythmus an der Porta Westfalica" zu sehen ist, ist wohl nur noch den Älteren in Erinnerung. Es ist eine Zeitreise in ein Minden in den frühen Wirtschaftswunderjahren, in denen der zweite Weltkrieg noch Spuren hinterlassen hat, der Blick aber fest in die Zukunft gerichtet ist. Nun ist der Film, der vermutlich einst als Vorfilm in den Mindener Kinos flimmerte, wieder im Internet zu sehen. Zu verdanken ist das den beiden Mindener Filmfreunde Manfred Damke und Erwin Wieschollek, über die das alte Schätzchen seinen Weg in die Redaktion fand: Manfred Damke hatte den Film vor vielen Jahren bei einer Veranstaltung seines ehemaligen Arbeitgebers „Schoppe und Fäser" zu sehen bekommen und dann eine VHS-Kopie erstanden. Die Videokassette digitalisierte er viele Jahre später und überließ eine Kopie der Datei Erwin Wischollek, der wegen seiner Vergangenheit als Unterwasserfilmer in Kontakt mit der Redaktion stand. Bei dem etwa 15 Minuten langen Schwarz-Weiß-Film handelt es sich vermutlich um eine Auftragsproduktion, die die Hamburger „Schrader-Film Produktion" in ganz ähnlich Art über viele deutsche Städte erstellt hat. Von Uelzen bis Rosenheim reisten die Macher damals durch die Republik, um solche Filme zu drehen – rund 60 sind es am Ende geworden. Wer den Film in Auftrag gegeben hat, lässt sich heute nicht mehr in Erfahrung bringen – aber vielleicht erinnern sich ja ältere Leser? Die Vermutung liegt nahe, dass die Aufnahmen im Auftrag der Mindener Firmen entstand, die dort vorgestellt werden. Aus heutiger Sicht ist der Film eine spannende Reise in die Vergangenheit. Da rollt die Mindener Straßenbahn durch das Bild, auf der Weser ziehen „gigantische Schlepper ihre schweren Lastkähne" zur „Stadt am Strom", um dort die „malerischen Gassen und stillen Winkel" zu zeigen, in denen Kinder Dreirad fahren und Ball spielen. Neben einigen Szenen aus dem Alltag sind heute besonders die Sequenzen über Mindener Unternehmen spannend: Dazu gehört zum Beispiel das Mindener Tageblatt, das stolz seine effiziente Druckerei oder die modernen Fernschreiber zeigt, mit denen der „allnächtliche Kampf um die Minuten" aufgenommen wird. Das ebenfalls im Film gezeigte Unternehmen „Schoppe und Fäser", in dem seit 1945 „eine Reihe von Wissenschaftlern und Experten an der dankbaren Aufgabe, die hochentwickelte Technik der früheren Rüstungsindustrie den friedlichen Zwecken des deutschen Wiederaufbaus nutzbar zu machen" arbeiten, gibt es heute so nicht mehr Seit 1999 gehört das einst äußerst erfolgreiche IT-Unternehmen zum ABB-Konzern. Ausführlich wird die Stadtsparkasse vorgestellt, die damals größten Wert auf Kleinsparer legte und ihre leistungsstarke Technik vorführte. Mit der bis 1984 bestehenden Möbelfabrik und dem zugehörigen Einrichtungshaus „Möbel Ronicke" verbinden sicherlich viele ältere Mindener noch Erinnerungen. Schließlich war laut Film damals Eine Küche von Ronicke – „der Wunsch und Stolz einer jeden Hausfrau!" Teppiche von Hagemeyer oder ein frisch gezapftes Weserpils gehörten 1954 ebenfalls dazu – ab sofort ist all das kostenlos auf der Internetseite des Mindener Tageblatts zu sehen.