Leteln

Crossmedia-Reportage: Ein Besuch beim Klärwerk Minden

Thomas Lieske

Aus dem ankommenden Abwasser, das unterhalb der Luftschächte einfließt, müssen die Mitarbeiter des Klärwerks um ihren Leiter Christian Gahre immer wieder Proben nehmen. MT-Fotos: Thomas Lieske
Aus dem ankommenden Abwasser, das unterhalb der Luftschächte einfließt, müssen die Mitarbeiter des Klärwerks um ihren Leiter Christian Gahre immer wieder Proben nehmen. MT-Fotos: Thomas Lieske

Minden-Leteln. Ohrenbetäubend laut rauscht die braune Masse ins Auffangbecken. Ungefiltert steigt der beißende Gestank durch den Lüftungsschacht an die Erdoberfläche. Kubikmeter für Kubikmeter sammelt sich dort das Abwasser von mehr als 127.000 Einwohnern aus Minden, sowie Teilen von Porta Westfalica, Petershagen und Bückeburg. Dazu kommt das Abwasser etlicher Industriebetriebe. Klospülung, Duschwasser, Spülmaschine: Gut 125 Liter Trinkwasser verbrauchen die Deutschen pro Kopf und Tag. Alles, was im Laufe des Tages in die Kanalisation gelangt, kommt irgendwann auch hier an: im Mindener Klärwerk in Leteln.

Christian Gahre hebt das Lüftungsgitter hoch. Der Leiter des Klärwerksbetriebs muss fast schreien, um zu erklären, wie das Abwasser den Weg aus dem Stadtgebiet ins abseits gelegene Klärwerk schafft. „Aus Minden gelangt der größte Teil über eine Gefällestrecke nach Leteln", sagt Gahre. Heißt: Die Abwasserrohre verlaufen leicht bergab in Richtung Klärwerk, wo das Wasser in fast zehn Metern Tiefe ankommt. Immer wieder sind aber auch Pumpstationen dazwischengeschaltet, die das Abwasser aus Teilen der Stadt zum zentralen Zuleitungsrohr pumpen. Das Wasser aus dem Bereich Petershagen muss generell gepumpt werden, erklärt Gahre.

Durch diese Rohre schiebt eine Presse die Fremdstoffe in gepresster Form in Container.
Durch diese Rohre schiebt eine Presse die Fremdstoffe in gepresster Form in Container.

11,5 Millionen Kubikmeter Abwasser sind so im vergangenen Jahr durch die Rohre des Klärwerks geflossen. An nur einem einzigen Tag waren es sogar mal 105.000 Kubikmeter – das Dreifache eines normalen Tages. „Da hat es so stark geregnet, dass die Anlage mehr als 20 Stunden im Volllastbetrieb lief", erinnert sich Gahre. Und dieser Betrieb muss ständig überwacht werden. Fast alles läuft automatisiert. 21 Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Technik reibungslos läuft. Das ist übrigens auch in Zeiten des Corona-Virus' kein Problem, betont der Betriebsleiter. „Auch ohne Corona halten wir hier ein sehr hohes Maß an Hygiene ein.. Hier herrscht kein erhöhtes Infektionsrisiko." Zur Hygieneregel auf dem Klärwerk gehört übrigens auch, dass sich die Mitarbeiter schon vor dem Toilettengang die Hände gründlich waschen – um den Hautkontakt so hygienisch wie möglich zu halten. Dazu stehen überall Desinfektionsspender, die Privatklamotten werden vor Dienstantritt in einer Schleuse abgelegt. Es gibt Schutzanzüge, Handschuhe, Atemschutzmasken und viele Hilfsmittel. „Am Ende des Arbeitstages gehört es dazu, dass die Mitarbeiter duschen, damit sie nichts mit nach Hause nehme", erklärt Christian Gahre. Und so wird die Kläranlage, Mindens vermeintlich schmutzigster Arbeitsort, auch gleichzeitig zu einem der saubersten Orte. Zumindest für das Personal.

Die Rechenanlage holt den gröbsten Schmutz wie Tücher und Papier aus dem Abwasser.
Die Rechenanlage holt den gröbsten Schmutz wie Tücher und Papier aus dem Abwasser.

Auch sonst sind die Auswirkungen der Corona-Krise im täglichen Ablauf kaum zu spüren. Während andere Klärwerke längst mit Unmengen an Feuchttüchern und anderen Ersatzprodukten für Toilettenpapier zu kämpfen haben, hält sich das in Minden und Umgebung noch in Grenzen. „Eher verhakt sich an den Pumpstationen mal etwas", sagt Gahre. Die Container für Fremdstoffe am Klärwerk selbst sind jedenfalls nicht merklich voller als sonst. Dafür ist darin aber allerhand zu finden. Vom Kondom über die Zahnbürste bis hin zum Lappen ist dort alles zu finden.

In der biologischen Reinigung werden dem Wasser in mehreren Becken die Nährstoffe entzogen. MT- - © Foto: Jan-Henning Rogge
In der biologischen Reinigung werden dem Wasser in mehreren Becken die Nährstoffe entzogen. MT- (© Foto: Jan-Henning Rogge)

Zwei große Rechen sorgen abwechselnd dafür, dass diese Fremdkörper frühzeitig aus dem Abwasser gefiltert werden. Wieder ist es ohrenbetäubend laut. Die Anlage unter der Erdoberfläche hat gut zu tun. Eine Müllpresse schiebt das Rechengut dann über Rohre in gepresster Form in einen Container. Die werden jede Woche als Verbrennungsmüll in die Verwertung gebracht. „Mehr Müll haben wir in Corona-Zeiten aber nicht. Da bin ich noch recht zufrieden mit den Menschen hier vor Ort", freut sich Gahre. Dennoch hat er einen dringenden Appell an die Leute. „Alles, was kein Klopapier ist, sollte in separaten Behältern gesammelt werden und nicht ins Abwasser geworfen werden."

Nach dem Schmutzsieb fließt das Abwasser weiter zum Sandfang. Dort setzen sich die groben Sandkörner ab und werden ebenfalls separat aufgefangen. Und dann hat das Abwasser die Grobreinigung auch schon überstanden. Christian Gahre spricht von der sogenannten mechanischen Reinigung. Danach wird es feinfühliger. Und die Prozesse komplexer. „In der biologischen Reinigung des Abwassers kommen viele Bakterien zum Einsatz", erklärt der Fachmann. In mehreren Becken sorgen sie dafür, dass das schmutzige Wasser aus der Kanalisation wieder so rein wird, dass es bedenkenlos in die Weser fließen kann. Die meisten Becken sind etwas mehr als vier Meter tief, jedes hat eine unterschiedliche Funktion. So sollen Kohlenstoffe, Stickstoff und Phosphat herausgefiltert werden. Alles Nährstoffe, die dafür sorgen, dass Leben wächst. Solange diese Fremdstoffe in großer Konzentration im Wasser sind, erreicht es keine Trinkwasserqualität und wäre in großer Menge auch schädlich für die Weser. So könnten etwa fast ungehindert Algen wachsen und das Ökosystem durcheinander bringen. Diese Fremdstoffe, sagt Christian Gahre, kommen durch Ausscheidungen, aber auch andere Fremdkörper ins Abwasser. Stickstoff zum Beispiel stammt aus menschlichem Urin.

Während die Bakterien arbeiten, fällt wie auch schon in der mechanischen Reinigung immer wieder Schlamm an, der auf den Grund der Becken sinkt. All diese Schlämme müssen dem Wasser ebenso entnommen werden. „Und am Ende müssen wir die Klärschlämme auch entsorgen", sagt Gahre. Ein aufwendiger Prozess, der zudem teuer ist. Deshalb lassen die Mitarbeiter die Klärschlämme in zwei gut 28 Meter hohen Türmen, auch bekannt als die Letelner Eier, faulen. Der Vorteil: Das Volumen reduziert sich, der Schlamm stinkt nicht mehr und ganz nebenbei wird auch noch Energie erzeugt.

Für diese komplexen Prozesse sind Fachkräfte gefragt. Davon gibt es auf dem Letelner Klärwerk viele, verrät Christian Gahre, der froh ist auf ein erfahrenes Team zurückgreifen zu können. Von der Fachkraft für Abwassertechnik über den Schlosser bis hin zum Laboranten ist dort alles vertreten. Dazu Elektriker und Auszubildende. „Man darf natürlich keine Berührungsängste haben", sagt Gahre. „Aber es gibt viele Hilfsmittel. Mit dem Abwasser selbst kommen die Mitarbeiter so gut wie nie in Berührung." Er glaubt, dass viele Menschen ein falsches Bild im Kopf hätten. Denn für die Reinigung seien Maschinen und andere Hilfsmittel zuständig. Das Team sei eher da, um den Prozess zu überwachen, am Laufen zu halten und einzugreifen, wenn es nötig wird. Zum Beispiel bei einer technischen Störung. Das kann übrigens auch mal nachts passieren, „dann muss der Notdienst raus", erklärt der Ingenieur.

Zu einem Ausfall der Anlage sei es aber noch nicht gekommen. „Für solche Momente sind wir vorberietet und haben mehrgleisige Technik verbaut. Wenn etwas ausfällt, springt ein Ersatzgerät an." Und damit könne das Klärwerk rund um die Uhr arbeiten, um das Abwasser der Mindener, Portaner, Petershäger und Bückeburger wieder rein zu machen.

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LetelnCrossmedia-Reportage: Ein Besuch beim Klärwerk MindenThomas LieskeMinden-Leteln. Ohrenbetäubend laut rauscht die braune Masse ins Auffangbecken. Ungefiltert steigt der beißende Gestank durch den Lüftungsschacht an die Erdoberfläche. Kubikmeter für Kubikmeter sammelt sich dort das Abwasser von mehr als 127.000 Einwohnern aus Minden, sowie Teilen von Porta Westfalica, Petershagen und Bückeburg. Dazu kommt das Abwasser etlicher Industriebetriebe. Klospülung, Duschwasser, Spülmaschine: Gut 125 Liter Trinkwasser verbrauchen die Deutschen pro Kopf und Tag. Alles, was im Laufe des Tages in die Kanalisation gelangt, kommt irgendwann auch hier an: im Mindener Klärwerk in Leteln. Christian Gahre hebt das Lüftungsgitter hoch. Der Leiter des Klärwerksbetriebs muss fast schreien, um zu erklären, wie das Abwasser den Weg aus dem Stadtgebiet ins abseits gelegene Klärwerk schafft. „Aus Minden gelangt der größte Teil über eine Gefällestrecke nach Leteln", sagt Gahre. Heißt: Die Abwasserrohre verlaufen leicht bergab in Richtung Klärwerk, wo das Wasser in fast zehn Metern Tiefe ankommt. Immer wieder sind aber auch Pumpstationen dazwischengeschaltet, die das Abwasser aus Teilen der Stadt zum zentralen Zuleitungsrohr pumpen. Das Wasser aus dem Bereich Petershagen muss generell gepumpt werden, erklärt Gahre. 11,5 Millionen Kubikmeter Abwasser sind so im vergangenen Jahr durch die Rohre des Klärwerks geflossen. An nur einem einzigen Tag waren es sogar mal 105.000 Kubikmeter – das Dreifache eines normalen Tages. „Da hat es so stark geregnet, dass die Anlage mehr als 20 Stunden im Volllastbetrieb lief", erinnert sich Gahre. Und dieser Betrieb muss ständig überwacht werden. Fast alles läuft automatisiert. 21 Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Technik reibungslos läuft. Das ist übrigens auch in Zeiten des Corona-Virus' kein Problem, betont der Betriebsleiter. „Auch ohne Corona halten wir hier ein sehr hohes Maß an Hygiene ein.. Hier herrscht kein erhöhtes Infektionsrisiko." Zur Hygieneregel auf dem Klärwerk gehört übrigens auch, dass sich die Mitarbeiter schon vor dem Toilettengang die Hände gründlich waschen – um den Hautkontakt so hygienisch wie möglich zu halten. Dazu stehen überall Desinfektionsspender, die Privatklamotten werden vor Dienstantritt in einer Schleuse abgelegt. Es gibt Schutzanzüge, Handschuhe, Atemschutzmasken und viele Hilfsmittel. „Am Ende des Arbeitstages gehört es dazu, dass die Mitarbeiter duschen, damit sie nichts mit nach Hause nehme", erklärt Christian Gahre. Und so wird die Kläranlage, Mindens vermeintlich schmutzigster Arbeitsort, auch gleichzeitig zu einem der saubersten Orte. Zumindest für das Personal. Auch sonst sind die Auswirkungen der Corona-Krise im täglichen Ablauf kaum zu spüren. Während andere Klärwerke längst mit Unmengen an Feuchttüchern und anderen Ersatzprodukten für Toilettenpapier zu kämpfen haben, hält sich das in Minden und Umgebung noch in Grenzen. „Eher verhakt sich an den Pumpstationen mal etwas", sagt Gahre. Die Container für Fremdstoffe am Klärwerk selbst sind jedenfalls nicht merklich voller als sonst. Dafür ist darin aber allerhand zu finden. Vom Kondom über die Zahnbürste bis hin zum Lappen ist dort alles zu finden. Zwei große Rechen sorgen abwechselnd dafür, dass diese Fremdkörper frühzeitig aus dem Abwasser gefiltert werden. Wieder ist es ohrenbetäubend laut. Die Anlage unter der Erdoberfläche hat gut zu tun. Eine Müllpresse schiebt das Rechengut dann über Rohre in gepresster Form in einen Container. Die werden jede Woche als Verbrennungsmüll in die Verwertung gebracht. „Mehr Müll haben wir in Corona-Zeiten aber nicht. Da bin ich noch recht zufrieden mit den Menschen hier vor Ort", freut sich Gahre. Dennoch hat er einen dringenden Appell an die Leute. „Alles, was kein Klopapier ist, sollte in separaten Behältern gesammelt werden und nicht ins Abwasser geworfen werden." Nach dem Schmutzsieb fließt das Abwasser weiter zum Sandfang. Dort setzen sich die groben Sandkörner ab und werden ebenfalls separat aufgefangen. Und dann hat das Abwasser die Grobreinigung auch schon überstanden. Christian Gahre spricht von der sogenannten mechanischen Reinigung. Danach wird es feinfühliger. Und die Prozesse komplexer. „In der biologischen Reinigung des Abwassers kommen viele Bakterien zum Einsatz", erklärt der Fachmann. In mehreren Becken sorgen sie dafür, dass das schmutzige Wasser aus der Kanalisation wieder so rein wird, dass es bedenkenlos in die Weser fließen kann. Die meisten Becken sind etwas mehr als vier Meter tief, jedes hat eine unterschiedliche Funktion. So sollen Kohlenstoffe, Stickstoff und Phosphat herausgefiltert werden. Alles Nährstoffe, die dafür sorgen, dass Leben wächst. Solange diese Fremdstoffe in großer Konzentration im Wasser sind, erreicht es keine Trinkwasserqualität und wäre in großer Menge auch schädlich für die Weser. So könnten etwa fast ungehindert Algen wachsen und das Ökosystem durcheinander bringen. Diese Fremdstoffe, sagt Christian Gahre, kommen durch Ausscheidungen, aber auch andere Fremdkörper ins Abwasser. Stickstoff zum Beispiel stammt aus menschlichem Urin. Während die Bakterien arbeiten, fällt wie auch schon in der mechanischen Reinigung immer wieder Schlamm an, der auf den Grund der Becken sinkt. All diese Schlämme müssen dem Wasser ebenso entnommen werden. „Und am Ende müssen wir die Klärschlämme auch entsorgen", sagt Gahre. Ein aufwendiger Prozess, der zudem teuer ist. Deshalb lassen die Mitarbeiter die Klärschlämme in zwei gut 28 Meter hohen Türmen, auch bekannt als die Letelner Eier, faulen. Der Vorteil: Das Volumen reduziert sich, der Schlamm stinkt nicht mehr und ganz nebenbei wird auch noch Energie erzeugt. Für diese komplexen Prozesse sind Fachkräfte gefragt. Davon gibt es auf dem Letelner Klärwerk viele, verrät Christian Gahre, der froh ist auf ein erfahrenes Team zurückgreifen zu können. Von der Fachkraft für Abwassertechnik über den Schlosser bis hin zum Laboranten ist dort alles vertreten. Dazu Elektriker und Auszubildende. „Man darf natürlich keine Berührungsängste haben", sagt Gahre. „Aber es gibt viele Hilfsmittel. Mit dem Abwasser selbst kommen die Mitarbeiter so gut wie nie in Berührung." Er glaubt, dass viele Menschen ein falsches Bild im Kopf hätten. Denn für die Reinigung seien Maschinen und andere Hilfsmittel zuständig. Das Team sei eher da, um den Prozess zu überwachen, am Laufen zu halten und einzugreifen, wenn es nötig wird. Zum Beispiel bei einer technischen Störung. Das kann übrigens auch mal nachts passieren, „dann muss der Notdienst raus", erklärt der Ingenieur. Zu einem Ausfall der Anlage sei es aber noch nicht gekommen. „Für solche Momente sind wir vorberietet und haben mehrgleisige Technik verbaut. Wenn etwas ausfällt, springt ein Ersatzgerät an." Und damit könne das Klärwerk rund um die Uhr arbeiten, um das Abwasser der Mindener, Portaner, Petershäger und Bückeburger wieder rein zu machen.