Alphabet der Krise: C wie Cocooning

Monika Jäger

Plötzlich fühlen wir uns alle wie Experten. Wir kennen die Ausbreitungswege, haben Social Distancing verinnerlicht und verfolgen die neuesten Nachrichten aus dem Robert-Koch-Institut. In all dem Reden über die Ungeheuerlichkeit, die unser geschütztes Alltagsleben so jäh umgekrempelt hat, versenden sich manche Begriffe und Sätze. „Es ist Zeit für die Exekutive“ ist so einer, aber um den soll es hier mal gerade nicht gehen. „Risikoadaptierte Exitstrategie“ ist ein anderer. Das ist einfach ein kompliziertes Wortgefüge dafür, nach und nach wieder aufzumachen – und zwar nicht alles gleichzeitig, sondern nach bestimmten Kriterien.

In diesen Szenarien geht es auch darum, Menschen mit hohem Risiko für schwere Covid-19-Erkrankungen zu schützen. Spitz gefragt: Was machen wir mit den Krebskranken und Diabetikern unter uns, mit Senioren und Menschen mit bestimmten körperlichen Einschränkungen, mit Schwangeren und Rauchern, wenn wir die Erdkugel wieder anschubsen?

Als sich Mitte März dieser texanische Vizegouverneur meldete und sinngemäß sagte, die Alten hätten ja schon genug erlebt und für ihn sei eigentlich okay, wenn er zum Wohle des Ganzen sterben würde, da dachte ich noch „Typisch.“ Typisch Amerika, typisch alter weißer Mann, typisch das Schwarzweiß-Argument. .

Wenige Tage später trat dann im deutschen Fernsehen der Philosoph Julian Nida-Rümelin auf und sprach ganz kuschlig vom „Cocooning“. Er hätte auch sagen können „Segregation“, „Alterstrennung“, „kohortenorientierte Differenzierung“. Denn hinter dem sanften Begriff steckt eine knallharte Strategie, über die auch Gesundheitsminister Jens Spahn schon laut nachgedacht hat. Man müsse die Älteren möglicherweise bitten, mehrere Monate zu Hause zu bleiben, sagte der Ende März. Und der Rest? Der kann dann wohl weiter leben wie vorher. Der wird ein bisschen krank, aber nicht so, dass das Gesundheitssystem zusammenkracht. Kann arbeiten und die Wirtschaft ankurbeln, kann rausgehen, Party machen.

Kleiner Schönheitsfehler: Keine Umarmung mehr für Oma. Oma ist dann, gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen und anderen „Risikogruppen“, plötzlich Außenseiter im Hausarrest.

Das ist ein klassisches moralisches Dilemma: Das Wohl der Vielen oder der Wenigen? Wiegen im Zweifel die Grundrechte jedes Einzelnen – Versammlungsrecht, Recht der Religionsausübung, nur um mal zwei zu nennen – weniger, nur weil jemand schon länger gelebt hat? Ist es fair, von Jüngeren zu erwarten, dass sie zum Wohle aller wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen, nicht reisen? Wo diese doch auch Renten für die anderen – für die, die jetzt Risikogruppe sind – erwirtschaften müssen. Jedenfalls müssten, wenn sie arbeiten könnten.

Und dann merke ich, wie ich plötzlich selbst anders hinhöre: Wann genau geht das eigentlich los mit der Risikogruppe? Neulich habe ich gelesen, dass Frauen deutlich weniger und erst zehn Jahre später als Männer gefährdet sind. Das hat mich erst erleichtert, dann beschämt: Hatte ich mich doch vorsorglich schon mal zu denen sortiert, die im Zweifel weiter machen können.

Mit dem Leben wie vorher.

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Alphabet der Krise: C wie CocooningMonika JägerPlötzlich fühlen wir uns alle wie Experten. Wir kennen die Ausbreitungswege, haben Social Distancing verinnerlicht und verfolgen die neuesten Nachrichten aus dem Robert-Koch-Institut. In all dem Reden über die Ungeheuerlichkeit, die unser geschütztes Alltagsleben so jäh umgekrempelt hat, versenden sich manche Begriffe und Sätze. „Es ist Zeit für die Exekutive“ ist so einer, aber um den soll es hier mal gerade nicht gehen. „Risikoadaptierte Exitstrategie“ ist ein anderer. Das ist einfach ein kompliziertes Wortgefüge dafür, nach und nach wieder aufzumachen – und zwar nicht alles gleichzeitig, sondern nach bestimmten Kriterien. In diesen Szenarien geht es auch darum, Menschen mit hohem Risiko für schwere Covid-19-Erkrankungen zu schützen. Spitz gefragt: Was machen wir mit den Krebskranken und Diabetikern unter uns, mit Senioren und Menschen mit bestimmten körperlichen Einschränkungen, mit Schwangeren und Rauchern, wenn wir die Erdkugel wieder anschubsen? Als sich Mitte März dieser texanische Vizegouverneur meldete und sinngemäß sagte, die Alten hätten ja schon genug erlebt und für ihn sei eigentlich okay, wenn er zum Wohle des Ganzen sterben würde, da dachte ich noch „Typisch.“ Typisch Amerika, typisch alter weißer Mann, typisch das Schwarzweiß-Argument. . Wenige Tage später trat dann im deutschen Fernsehen der Philosoph Julian Nida-Rümelin auf und sprach ganz kuschlig vom „Cocooning“. Er hätte auch sagen können „Segregation“, „Alterstrennung“, „kohortenorientierte Differenzierung“. Denn hinter dem sanften Begriff steckt eine knallharte Strategie, über die auch Gesundheitsminister Jens Spahn schon laut nachgedacht hat. Man müsse die Älteren möglicherweise bitten, mehrere Monate zu Hause zu bleiben, sagte der Ende März. Und der Rest? Der kann dann wohl weiter leben wie vorher. Der wird ein bisschen krank, aber nicht so, dass das Gesundheitssystem zusammenkracht. Kann arbeiten und die Wirtschaft ankurbeln, kann rausgehen, Party machen. Kleiner Schönheitsfehler: Keine Umarmung mehr für Oma. Oma ist dann, gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen und anderen „Risikogruppen“, plötzlich Außenseiter im Hausarrest. Das ist ein klassisches moralisches Dilemma: Das Wohl der Vielen oder der Wenigen? Wiegen im Zweifel die Grundrechte jedes Einzelnen – Versammlungsrecht, Recht der Religionsausübung, nur um mal zwei zu nennen – weniger, nur weil jemand schon länger gelebt hat? Ist es fair, von Jüngeren zu erwarten, dass sie zum Wohle aller wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen, nicht reisen? Wo diese doch auch Renten für die anderen – für die, die jetzt Risikogruppe sind – erwirtschaften müssen. Jedenfalls müssten, wenn sie arbeiten könnten. Und dann merke ich, wie ich plötzlich selbst anders hinhöre: Wann genau geht das eigentlich los mit der Risikogruppe? Neulich habe ich gelesen, dass Frauen deutlich weniger und erst zehn Jahre später als Männer gefährdet sind. Das hat mich erst erleichtert, dann beschämt: Hatte ich mich doch vorsorglich schon mal zu denen sortiert, die im Zweifel weiter machen können. Mit dem Leben wie vorher.