Minden

„Endlich wieder zu Hause“: So erlebte ein Mindener Paar die Rückreise aus Peru

Sebastian Radermacher

Lange Warteschlangen: Zahlreiche deutsche Urlauber hofften, von dem Treffpunkt in Cuzco zum Flughafen gefahren zu werden. - © Foto: privat
Lange Warteschlangen: Zahlreiche deutsche Urlauber hofften, von dem Treffpunkt in Cuzco zum Flughafen gefahren zu werden. (© Foto: privat)

Minden. Eigentlich bräuchte er jetzt Urlaub vom Urlaub. Doch seine Arbeitskollegen im Johannes-Wesling-Klinikum will der Mindener nicht im Stich lassen und gerade in der jetzigen Situation helfen, wo es möglich ist. Knapp drei Wochen saßen der 30-Jährige und seine Freundin (27), die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, in einem Hotel in Peru fest.

Am Freitagabend kehrte das Paar wohlbehalten zurück – gestern stand für den Kiefer-Chirurgen die erste Nachtschicht an. Seine Freundin tritt in den nächsten Tagen eine Stelle als Zahnärztin in einer Praxis in Minden an. Beide waren nach ihrer Ankunft am Wochenende laut Aussage des Mindeners im Klinikum Minden auf Corona getestet worden - negativ. Arbeitsalltag nach drei Wochen voller Ungewissheit, fehlender Informationen und ihrer Meinung nach schlechter Organisation. „Wir sind froh, jetzt endlich wieder zu Hause zu sein", erzählt der Mindener gegenüber dem MT. „Die Rundreise sollte wirklich kein Erholungsurlaub werden. Aber auf so etwas hätten wir dann doch gerne verzichtet."

Rückblick: Das Paar startete seine Pauschalreise Anfang März. In einer Zeit, als es weder eine Reisewarnung noch eine Möglichkeit zur kostenfreien Stornierung gab. Nach knapp einer Woche endete ihr Abenteuer jedoch abrupt in Cuzco, einer Stadt in den peruanischen Anden. Wegen der Ausbreitung des Corona-Virus hatte die peruanische Regierung plötzlich die Grenzen für Flüge, Schiffsverkehr und zu Land vollständig dichtgemacht. Zudem verhängte sie eine strikte Ausgangssperre. Nichts ging mehr. „Wir durften das Hotel nicht mehr verlassen", erzählt der Mindener. Nicht einmal der Einkauf von Lebensmitteln, Medikamenten oder das Abheben von Bargeld sei erlaubt gewesen.

Von diesem Zeitpunkt an hieß es für das Paar warten und hoffen, dass sich an dieser Situation bald etwas ändert. Die beiden Mindener informierten sich im Internet über die Entwicklung in Deutschland und der Welt. So erhielten sie die Nachricht, dass Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) eine Rückholaktion für deutsche Urlauber plante. Sie trugen sich in Passagierlisten des Konsulats und des Auswärtigen Amtes ein. Doch zunächst tat sich nichts. Gleichzeitig aber machten sich Busse mit Italienern, Österreichern und Schweizern auf den Weg ins 500 Kilometer Luftlinie entfernte Lima, in Erwartung eines baldigen Rückflugs – doch die Mindener und übrigen Deutschen saßen weiter in Cuzco fest. „Es hieß lediglich, man arbeite an der Rückholung. Für uns klang das nach leeren Versprechungen."

Anfang der vergangenen Woche keimte dann Hoffnung auf: Die deutsche Botschaft kündigte an, dass Flüge aus Cuzco über Santiago de Chile nach Frankfurt angemeldet seien. Doch bis zum Schluss sei nicht sicher gewesen, ob sie mitgenommen würden, erzählt der 30-Jährige. Erst recht nicht, als fast die gesamte Reisegruppe – bis auf die Mindener und ein weiteres Paar – die Nachricht erhielt, dass sie am 1. April zurückgeflogen werde. Nach Rücksprache mit der Botschaft hieß es dann aber, dass alle Mitglieder der Reisegruppe mitfliegen würden – also machten sich auch die Mindener um 5.30 Uhr auf den Weg zum Abfahrtspunkt der Busse in Cuzco. Mit Gepäck, Mundschutz, Handschuhen und Passierschein. Mehr als eine Stunde standen sie vor den Fahrzeugen in der Warteschlange. Dann der Schock, als sie an der Reihe waren: „Wir standen nicht auf der Liste der Botschaft." Also landeten sie in die Schlange für Nachrücker. „Am Ende waren noch acht Plätze frei, von denen vier mit medizinischen Notfällen besetzt wurden", erzählt der Mindener. „Für die verbliebenen Plätze wurde nach medizinischem Personal gefragt – zum Glück gehörten wir dazu." Das Paar durfte mitfahren.

Am Flughafen dann das gleiche Problem: Erneut stand das Paar nicht auf der Passagierliste. Und obendrein waren auch weniger Plätze in den beiden Flugzeugen verfügbar als ursprünglich gedacht. Erneutes Bangen – und dann die Erlösung: „Mit sehr viel Glück und nach einer Temperaturkontrolle sind wir wieder als medizinisches Personal nachgerückt und konnten mitfliegen."

Der Rückflug über Santiago de Chile nach Frankfurt verlief problemlos. Nach insgesamt 36 Stunden Reisestrapazen war das Paar wieder in Deutschland. Und nach einer Übernachtung im Ruhrgebiet bei seinem Schwager, der sie am Flughafen abholen konnte, ging es dann wieder zurück nach Minden. „Die letzten Tage waren eine Belastung", gibt der Mindener zu. Was ihn besonders ärgert: „Die mehrmals vom Konsulat Cuzco erstellten Listen für eine Priorisierung – zum Beispiel nach Alter, Risikopatienten Vorerkrankungen und medizinischem Personal – wurden vom Auswärtigen Amt nicht beachtet." Es seien wahllos Touristen oder sonstige Passagiere für die ersten Flüge benachrichtigt worden. „Das war katastrophal."

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Minden„Endlich wieder zu Hause“: So erlebte ein Mindener Paar die Rückreise aus PeruSebastian RadermacherMinden. Eigentlich bräuchte er jetzt Urlaub vom Urlaub. Doch seine Arbeitskollegen im Johannes-Wesling-Klinikum will der Mindener nicht im Stich lassen und gerade in der jetzigen Situation helfen, wo es möglich ist. Knapp drei Wochen saßen der 30-Jährige und seine Freundin (27), die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, in einem Hotel in Peru fest. Am Freitagabend kehrte das Paar wohlbehalten zurück – gestern stand für den Kiefer-Chirurgen die erste Nachtschicht an. Seine Freundin tritt in den nächsten Tagen eine Stelle als Zahnärztin in einer Praxis in Minden an. Beide waren nach ihrer Ankunft am Wochenende laut Aussage des Mindeners im Klinikum Minden auf Corona getestet worden - negativ. Arbeitsalltag nach drei Wochen voller Ungewissheit, fehlender Informationen und ihrer Meinung nach schlechter Organisation. „Wir sind froh, jetzt endlich wieder zu Hause zu sein", erzählt der Mindener gegenüber dem MT. „Die Rundreise sollte wirklich kein Erholungsurlaub werden. Aber auf so etwas hätten wir dann doch gerne verzichtet." Rückblick: Das Paar startete seine Pauschalreise Anfang März. In einer Zeit, als es weder eine Reisewarnung noch eine Möglichkeit zur kostenfreien Stornierung gab. Nach knapp einer Woche endete ihr Abenteuer jedoch abrupt in Cuzco, einer Stadt in den peruanischen Anden. Wegen der Ausbreitung des Corona-Virus hatte die peruanische Regierung plötzlich die Grenzen für Flüge, Schiffsverkehr und zu Land vollständig dichtgemacht. Zudem verhängte sie eine strikte Ausgangssperre. Nichts ging mehr. „Wir durften das Hotel nicht mehr verlassen", erzählt der Mindener. Nicht einmal der Einkauf von Lebensmitteln, Medikamenten oder das Abheben von Bargeld sei erlaubt gewesen. Von diesem Zeitpunkt an hieß es für das Paar warten und hoffen, dass sich an dieser Situation bald etwas ändert. Die beiden Mindener informierten sich im Internet über die Entwicklung in Deutschland und der Welt. So erhielten sie die Nachricht, dass Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) eine Rückholaktion für deutsche Urlauber plante. Sie trugen sich in Passagierlisten des Konsulats und des Auswärtigen Amtes ein. Doch zunächst tat sich nichts. Gleichzeitig aber machten sich Busse mit Italienern, Österreichern und Schweizern auf den Weg ins 500 Kilometer Luftlinie entfernte Lima, in Erwartung eines baldigen Rückflugs – doch die Mindener und übrigen Deutschen saßen weiter in Cuzco fest. „Es hieß lediglich, man arbeite an der Rückholung. Für uns klang das nach leeren Versprechungen." Anfang der vergangenen Woche keimte dann Hoffnung auf: Die deutsche Botschaft kündigte an, dass Flüge aus Cuzco über Santiago de Chile nach Frankfurt angemeldet seien. Doch bis zum Schluss sei nicht sicher gewesen, ob sie mitgenommen würden, erzählt der 30-Jährige. Erst recht nicht, als fast die gesamte Reisegruppe – bis auf die Mindener und ein weiteres Paar – die Nachricht erhielt, dass sie am 1. April zurückgeflogen werde. Nach Rücksprache mit der Botschaft hieß es dann aber, dass alle Mitglieder der Reisegruppe mitfliegen würden – also machten sich auch die Mindener um 5.30 Uhr auf den Weg zum Abfahrtspunkt der Busse in Cuzco. Mit Gepäck, Mundschutz, Handschuhen und Passierschein. Mehr als eine Stunde standen sie vor den Fahrzeugen in der Warteschlange. Dann der Schock, als sie an der Reihe waren: „Wir standen nicht auf der Liste der Botschaft." Also landeten sie in die Schlange für Nachrücker. „Am Ende waren noch acht Plätze frei, von denen vier mit medizinischen Notfällen besetzt wurden", erzählt der Mindener. „Für die verbliebenen Plätze wurde nach medizinischem Personal gefragt – zum Glück gehörten wir dazu." Das Paar durfte mitfahren. Am Flughafen dann das gleiche Problem: Erneut stand das Paar nicht auf der Passagierliste. Und obendrein waren auch weniger Plätze in den beiden Flugzeugen verfügbar als ursprünglich gedacht. Erneutes Bangen – und dann die Erlösung: „Mit sehr viel Glück und nach einer Temperaturkontrolle sind wir wieder als medizinisches Personal nachgerückt und konnten mitfliegen." Der Rückflug über Santiago de Chile nach Frankfurt verlief problemlos. Nach insgesamt 36 Stunden Reisestrapazen war das Paar wieder in Deutschland. Und nach einer Übernachtung im Ruhrgebiet bei seinem Schwager, der sie am Flughafen abholen konnte, ging es dann wieder zurück nach Minden. „Die letzten Tage waren eine Belastung", gibt der Mindener zu. Was ihn besonders ärgert: „Die mehrmals vom Konsulat Cuzco erstellten Listen für eine Priorisierung – zum Beispiel nach Alter, Risikopatienten Vorerkrankungen und medizinischem Personal – wurden vom Auswärtigen Amt nicht beachtet." Es seien wahllos Touristen oder sonstige Passagiere für die ersten Flüge benachrichtigt worden. „Das war katastrophal."