Alphabet der Krise: B wie Bedürfnis

Henning Wandel

B wie Bed

Einmal die Notbremse ziehen und das Hamsterrad für einen Moment anhalten. Durchatmen. Zur Ruhe kommen. Noch vor wenigen Wochen war das kaum mehr als ein Traum, weit davon entfernt, jemals wahr zu werden. Jetzt steht die Welt tatsächlich still – aber es ist ganz anders, als in dem Traum. Wie eine Krankheit damals in Kindertagen. 38 Grad? Prima, dann fällt die Schule aus. Ein ganzer Tag auf dem Sofa vor dem Fernseher. Und dann wird das Fieber irgendwann doch unangenehm. Und am Nachmittag fehlen die Freunde: krank auf den Bolzplatz? Ausgeschlossen. So ähnlich fühlt es sich in diesen Tagen an.

Praktisch von einem Tag auf den anderen hat sich alles verändert. Plötzlich bestimmt das Grundsätzliche das tägliche Leben, Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken sorgen für leer gefegte Regale, in denen sonst Nudeln lagen. Oder Wasserflaschen. Einen Schritt weitergedacht ließe sich damit sogar die Hysterie um Toilettenpapier erklären. Und auch Sicherheit ist wieder ein großes Thema, es geht sogar wieder um Leben und Tod. Mit der neuesten Maskenmode findet sich auch hierfür ein schönes Symbol.

Ein bisschen wirkt das surreale Szenario dieser Tage wie ein Versuchsaufbau in Maslows Labor. Was passiert, wenn man eine Gesellschaft von der Spitze der Bedürfnis-Pyramide stößt? Wenn Selbstverwirklichung nicht nur nicht mehr angesagt ist, sondern sogar verboten? Wenn individuelle Bedürfnisse wir Freiheit und Unabhängigkeit eingeschränkt werden und sogar soziale Beziehungen nicht mehr stattfinden? Maslow hätte vermutlich seine helle Freude an den globalen Chaostagen gehabt – zumindest rein wissenschaftlich.

Ohne die Brille der individuellen Gewohnheiten wird der Blick wacher, die Nöte der Anderen sichtbar. Menschen, denen das Geld durch Finger rinnt, weil es schon vor der Krise knapp war. Oder Familien, die erleichtert sich, gerade jetzt die Anzahlung für den Urlaub zurückzubekommen, und sich trotzdem nicht richtig über die ungeplante Ersparnis freuen können. Weil die Osterferien ausfallen. Oder die Klassenfahrt. So zumindest interpretiere ich die Illustration unseres Grafikers Alex Lehn.

Allen Hamstereien zum Trotz ist es beruhigend, dass das Fundament menschlicher Bedürfnisse in unserer Gesellschaft nicht bröckelt. Wir befinden uns eben nicht in einem Krieg, auch wenn dieser Begriff immer wieder fällt. Zum Glück nicht.

Nach der Krise wird für mich zumindest eine Erkenntnis bleiben: Der Traum von der Notbremse ist zwar verlockend, aber eben auch gefährlich. Wenn sich nichts mehr dreht, bleibt zu viel auf der Strecke. Aber die Welt geht eben auch nicht sofort unter, wenn sie sich ein bisschen langsamer dreht. Vielleicht wird das Leben in der Zeit danach ja etwas gemächlicher. Wer von vornhinein langsamer unterwegs ist, braucht erst gar keine Notbremse. Denn die wirbelt uns nur alle durcheinander.

Alphabet der Krise

Alex Lehn ist MT-Fotograf und Grafiker. Mit aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Tiefe enthüllen, bereichert er das Mindener Tageblatt seit Jahren mit seiner besonderen Sicht der Dinge. Zur Corona-Pandemie gestaltet er nun ein Alphabet der Krise.

Die MT-Redaktion schreibt dazu in den nächsten Wochen Persönliches: Essays, Glossen, Tagebucheinträge und mehr.

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Alphabet der Krise: B wie BedürfnisHenning WandelEinmal die Notbremse ziehen und das Hamsterrad für einen Moment anhalten. Durchatmen. Zur Ruhe kommen. Noch vor wenigen Wochen war das kaum mehr als ein Traum, weit davon entfernt, jemals wahr zu werden. Jetzt steht die Welt tatsächlich still – aber es ist ganz anders, als in dem Traum. Wie eine Krankheit damals in Kindertagen. 38 Grad? Prima, dann fällt die Schule aus. Ein ganzer Tag auf dem Sofa vor dem Fernseher. Und dann wird das Fieber irgendwann doch unangenehm. Und am Nachmittag fehlen die Freunde: krank auf den Bolzplatz? Ausgeschlossen. So ähnlich fühlt es sich in diesen Tagen an. Praktisch von einem Tag auf den anderen hat sich alles verändert. Plötzlich bestimmt das Grundsätzliche das tägliche Leben, Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken sorgen für leer gefegte Regale, in denen sonst Nudeln lagen. Oder Wasserflaschen. Einen Schritt weitergedacht ließe sich damit sogar die Hysterie um Toilettenpapier erklären. Und auch Sicherheit ist wieder ein großes Thema, es geht sogar wieder um Leben und Tod. Mit der neuesten Maskenmode findet sich auch hierfür ein schönes Symbol. Ein bisschen wirkt das surreale Szenario dieser Tage wie ein Versuchsaufbau in Maslows Labor. Was passiert, wenn man eine Gesellschaft von der Spitze der Bedürfnis-Pyramide stößt? Wenn Selbstverwirklichung nicht nur nicht mehr angesagt ist, sondern sogar verboten? Wenn individuelle Bedürfnisse wir Freiheit und Unabhängigkeit eingeschränkt werden und sogar soziale Beziehungen nicht mehr stattfinden? Maslow hätte vermutlich seine helle Freude an den globalen Chaostagen gehabt – zumindest rein wissenschaftlich. Ohne die Brille der individuellen Gewohnheiten wird der Blick wacher, die Nöte der Anderen sichtbar. Menschen, denen das Geld durch Finger rinnt, weil es schon vor der Krise knapp war. Oder Familien, die erleichtert sich, gerade jetzt die Anzahlung für den Urlaub zurückzubekommen, und sich trotzdem nicht richtig über die ungeplante Ersparnis freuen können. Weil die Osterferien ausfallen. Oder die Klassenfahrt. So zumindest interpretiere ich die Illustration unseres Grafikers Alex Lehn. Allen Hamstereien zum Trotz ist es beruhigend, dass das Fundament menschlicher Bedürfnisse in unserer Gesellschaft nicht bröckelt. Wir befinden uns eben nicht in einem Krieg, auch wenn dieser Begriff immer wieder fällt. Zum Glück nicht. Nach der Krise wird für mich zumindest eine Erkenntnis bleiben: Der Traum von der Notbremse ist zwar verlockend, aber eben auch gefährlich. Wenn sich nichts mehr dreht, bleibt zu viel auf der Strecke. Aber die Welt geht eben auch nicht sofort unter, wenn sie sich ein bisschen langsamer dreht. Vielleicht wird das Leben in der Zeit danach ja etwas gemächlicher. Wer von vornhinein langsamer unterwegs ist, braucht erst gar keine Notbremse. Denn die wirbelt uns nur alle durcheinander. Alphabet der Krise Alex Lehn ist MT-Fotograf und Grafiker. Mit aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre Tiefe enthüllen, bereichert er das Mindener Tageblatt seit Jahren mit seiner besonderen Sicht der Dinge. Zur Corona-Pandemie gestaltet er nun ein Alphabet der Krise. Die MT-Redaktion schreibt dazu in den nächsten Wochen Persönliches: Essays, Glossen, Tagebucheinträge und mehr.