Minden

„Die Amerikaner sind da!“ - Am 6. April 1945 überquerten US-Soldaten die Weser

Robert Kauffeld

Wenige Tage nach der Überquerung der Weser bauten die US-Soldaten eine
Pontonbrücke neben der gesprengten Kettenbrücke. Repro: Kauffeld
Wenige Tage nach der Überquerung der Weser bauten die US-Soldaten eine
Pontonbrücke neben der gesprengten Kettenbrücke. Repro: Kauffeld

Minden (rkm). „Die Amerikaner sind da!“ Blitzschnell verbreitete sich diese Meldung in der großen Stollenanlage unter dem Denkmal in Porta, wo zahlreiche Barkhauser Bürger Schutz gesucht hatten. Schon Tage vorher, es war April 1945, hatte man Detonationen hören können, die von Kämpfen in südlicher Richtung zeugten. Die Front näherte sich und der Stollen war für die Bevölkerung freigegeben worden. Hier konnte man sich sicher fühlen, denn der zwischen Kaiserstraße und Stufenweg gebaute Luftschutzstollen hätte kaum schwerem Beschuss standgehalten.

Während auf der Portastraße deutsche Soldaten marschierten, Panzer und Geschütze rollten, hatte ich mit Mutter und Großeltern – Vater war noch Soldat – den Stollen aufgesucht. Hier haben wir mehrere Tage und Nächte verbracht, wo ich noch einige Jahre vorher mit selbst gebastelten Fackeln die verlassenen Höhlen erkundet und Fledermäuse beobachtet hatte.

Trotz einer Wolldecke waren die Nächte neben und unter den großen Drehmaschinen

eine harte Prüfung. Repro: Robert Kauffeld
Trotz einer Wolldecke waren die Nächte neben und unter den großen Drehmaschinen
eine harte Prüfung. Repro: Robert Kauffeld

Geschlafen wurde zwischen riesigen Drehmaschinen auf dem Betonfußboden, der auch durch eine Wolldecke kaum weicher wurde. Durch Öffnungen in der Außenwand beobachteten wir Tieffliegerangriffe auf Bahnanlagen und auch Flugzeuge, die im Sturzflug Bomben auf Lerbeck abwarfen.

Im Stollen war keine Aufsicht, so dass wir Kinder unsere Entdeckungen machen und alles prüften konnten mit der Frage, ob es irgendwann für irgendetwas zu gebrauchen oder einzutauschen sei. Dicke blanke Kugeln – hier waren Kugellager produziert worden – waren zumindest zum Spielen geeignet.

Die Fotomontage zeigt, wie die Eisenbahnbrücke nach Sprengung des östlichen

Pfeilers in der Weser lag. Fotomontage: Robert Kauffeld - © Fotomontage: Robert Kauffeld
Die Fotomontage zeigt, wie die Eisenbahnbrücke nach Sprengung des östlichen
Pfeilers in der Weser lag. Fotomontage: Robert Kauffeld (© Fotomontage: Robert Kauffeld)

Dann kam die Nachricht, dass amerikanische Panzer durch das Dorf rollten. Wir mussten weiter im Stollen bleiben, um uns gegen den Beschuss der deutschen Artillerie zu schützen. Ein Haus an der Fährstraße ging in Flammen auf. Ein Bürger wurde verletzt und wurde mit dem Handwagen zum Krankenhaus nach Minden transportiert.

Die alliierte Militärregierung ordnete schon nach wenigen Tagen an, wie sich

die Bevölkerung zu verhalten habe.Repro: Robert Kauffeld
Die alliierte Militärregierung ordnete schon nach wenigen Tagen an, wie sich
die Bevölkerung zu verhalten habe.Repro: Robert Kauffeld

Würde unser Haus noch stehen? Gespannt verließen wir den Stollen und sahen wieder Soldaten, Panzer und Geschütze, die jetzt aber die Zeichen der amerikanischen Wehrmacht trugen. Ein Gefühl der Befreiung wollte nicht aufkommen, wussten wir doch, dass es noch unsere Feinde waren, die vielleicht unter dem Eindruck standen, im Kampf gegen deutsche Soldaten Kameraden verloren zu haben. Angst hatten wir nicht, auch nicht, als wir – für mich war es das erste Mal – „Neger“ sahen, diesen Ausdruck aber keineswegs als Beleidigung empfanden.

Die alliierte Militärregierung ordnete schon nach wenigen Tagen an, wie sich

die Bevölkerung zu verhalten habe.Repro: Robert Kauffeld
Die alliierte Militärregierung ordnete schon nach wenigen Tagen an, wie sich
die Bevölkerung zu verhalten habe.Repro: Robert Kauffeld

Unser Haus war unversehrt. Hinter den Gardinen betrachteten wir das Geschehen, und besuchten bald die Nachbarn. Für uns Kinder wurde der Kreis unserer Erkundungen immer größer. Wir sahen die gesprengte Kettenbrücke und die „Grüne Brücke“, deren Reste heute rostfarben sind. Unmittelbar südlich dieser Brücke haben die Amerikaner erstmals die Weser überquert. Überall Spuren der Kriegshandlungen. Handgranaten, Gewehrgranaten, sogar Waffen der deutschen Wehrmacht lagen umher. Uninteressant für uns. Doch die Schwimmwesten wurden schnell unsere Beute. Und noch etwas: Da lagen Verpflegungspäckchen, die die Aufschrift „Breakfast“, „Dinner“ oder „Supper“ trugen und wohl während der Kampfhandlungen nur teilweise geleert worden waren. Manchmal fehlten nur die Zigaretten. Kekse, Kaffeepulver und Dosen mit Fleisch, manchmal auch Schokolade, wurden von uns „erbeutet“.

Wenige Tage nach der Überquerung der Weser bauten die US-Soldaten eine

Pontonbrücke neben der gesprengten Kettenbrücke. - © Foto: Robert Kauffeld
Wenige Tage nach der Überquerung der Weser bauten die US-Soldaten eine
Pontonbrücke neben der gesprengten Kettenbrücke. (© Foto: Robert Kauffeld)

Es dauerte nur wenige Tage, als wir auf großen Plakaten Anweisungen der Besatzungsmacht lesen konnten. Plünderungen sollten strengstens geahndet werden. Die männlichen Einwohner wurde angewiesen, Offiziere der Armee in passender Weise zu grüßen, „auch dass man ihnen beim Begegnen auf dem Bürgersteig in anständiger Weise Platz macht“.

An der Stelle, wo die US-Truppen die Weser überquert hatte, fand man

Verpflegungspäckchen, die immer noch Verwertbares enthielten. Repro: Robert Kauffeld
An der Stelle, wo die US-Truppen die Weser überquert hatte, fand man
Verpflegungspäckchen, die immer noch Verwertbares enthielten. Repro: Robert Kauffeld

Alles sollte wieder seine Ordnung haben, doch für die Plünderung der Proviantmagazine der früheren deutschen Wehrmacht hat sich die deutsche Bevölkerung eigene Gesetze gegeben.

Im Stollen unter dem Denkmal konnte die Bevölkerung im April 1945 Schutz suchen. Repro_ Robert Kauffeld Im Stollen unter dem Denkmal konnte die Bevölkerung im April 1945 Schutz suchen. Repro_ Robert Kauffeld

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Minden„Die Amerikaner sind da!“ - Am 6. April 1945 überquerten US-Soldaten die WeserRobert KauffeldMinden (rkm). „Die Amerikaner sind da!“ Blitzschnell verbreitete sich diese Meldung in der großen Stollenanlage unter dem Denkmal in Porta, wo zahlreiche Barkhauser Bürger Schutz gesucht hatten. Schon Tage vorher, es war April 1945, hatte man Detonationen hören können, die von Kämpfen in südlicher Richtung zeugten. Die Front näherte sich und der Stollen war für die Bevölkerung freigegeben worden. Hier konnte man sich sicher fühlen, denn der zwischen Kaiserstraße und Stufenweg gebaute Luftschutzstollen hätte kaum schwerem Beschuss standgehalten. Während auf der Portastraße deutsche Soldaten marschierten, Panzer und Geschütze rollten, hatte ich mit Mutter und Großeltern – Vater war noch Soldat – den Stollen aufgesucht. Hier haben wir mehrere Tage und Nächte verbracht, wo ich noch einige Jahre vorher mit selbst gebastelten Fackeln die verlassenen Höhlen erkundet und Fledermäuse beobachtet hatte. Geschlafen wurde zwischen riesigen Drehmaschinen auf dem Betonfußboden, der auch durch eine Wolldecke kaum weicher wurde. Durch Öffnungen in der Außenwand beobachteten wir Tieffliegerangriffe auf Bahnanlagen und auch Flugzeuge, die im Sturzflug Bomben auf Lerbeck abwarfen. Im Stollen war keine Aufsicht, so dass wir Kinder unsere Entdeckungen machen und alles prüften konnten mit der Frage, ob es irgendwann für irgendetwas zu gebrauchen oder einzutauschen sei. Dicke blanke Kugeln – hier waren Kugellager produziert worden – waren zumindest zum Spielen geeignet. Dann kam die Nachricht, dass amerikanische Panzer durch das Dorf rollten. Wir mussten weiter im Stollen bleiben, um uns gegen den Beschuss der deutschen Artillerie zu schützen. Ein Haus an der Fährstraße ging in Flammen auf. Ein Bürger wurde verletzt und wurde mit dem Handwagen zum Krankenhaus nach Minden transportiert. Würde unser Haus noch stehen? Gespannt verließen wir den Stollen und sahen wieder Soldaten, Panzer und Geschütze, die jetzt aber die Zeichen der amerikanischen Wehrmacht trugen. Ein Gefühl der Befreiung wollte nicht aufkommen, wussten wir doch, dass es noch unsere Feinde waren, die vielleicht unter dem Eindruck standen, im Kampf gegen deutsche Soldaten Kameraden verloren zu haben. Angst hatten wir nicht, auch nicht, als wir – für mich war es das erste Mal – „Neger“ sahen, diesen Ausdruck aber keineswegs als Beleidigung empfanden. Unser Haus war unversehrt. Hinter den Gardinen betrachteten wir das Geschehen, und besuchten bald die Nachbarn. Für uns Kinder wurde der Kreis unserer Erkundungen immer größer. Wir sahen die gesprengte Kettenbrücke und die „Grüne Brücke“, deren Reste heute rostfarben sind. Unmittelbar südlich dieser Brücke haben die Amerikaner erstmals die Weser überquert. Überall Spuren der Kriegshandlungen. Handgranaten, Gewehrgranaten, sogar Waffen der deutschen Wehrmacht lagen umher. Uninteressant für uns. Doch die Schwimmwesten wurden schnell unsere Beute. Und noch etwas: Da lagen Verpflegungspäckchen, die die Aufschrift „Breakfast“, „Dinner“ oder „Supper“ trugen und wohl während der Kampfhandlungen nur teilweise geleert worden waren. Manchmal fehlten nur die Zigaretten. Kekse, Kaffeepulver und Dosen mit Fleisch, manchmal auch Schokolade, wurden von uns „erbeutet“. Es dauerte nur wenige Tage, als wir auf großen Plakaten Anweisungen der Besatzungsmacht lesen konnten. Plünderungen sollten strengstens geahndet werden. Die männlichen Einwohner wurde angewiesen, Offiziere der Armee in passender Weise zu grüßen, „auch dass man ihnen beim Begegnen auf dem Bürgersteig in anständiger Weise Platz macht“. Alles sollte wieder seine Ordnung haben, doch für die Plünderung der Proviantmagazine der früheren deutschen Wehrmacht hat sich die deutsche Bevölkerung eigene Gesetze gegeben.