Standpunkt zur Gesellschaft in Corona-Zeiten: Noch nicht alles verlernt

Henning Wandel

- © Alex Lehn
(© Alex Lehn)

Zwischen dem Verbot von Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern und dem bis heute gültigen Kontaktverbot lagen gerade einmal sieben Tage. Seitdem ist das Land wie in Watte gepackt – und das noch für mindestens zwei weitere Wochen. Selbst nach dem ersten Erlass vom 10. März hätten sich diese Entwicklung wohl nur die Wenigsten ernsthaft ausgemalt. Dabei ist das gerade einmal 25 Tage her.

Seitdem ist schon viel geschrieben worden, ohne dabei auch nur im Ansatz das Phänomen als Ganzes abzubilden. Zwischen Genervtheit und zunehmendem Ernst, wachsender Furcht und Ignoranz zeigt sich in diesen Tagen sehr genau, wie unsere Gesellschaft tickt. Es zeigt sich aber auch mit jedem Tag mehr, was Gesellschaft eigentlich bedeutet: Weil inzwischen vermutlich jeder jemanden kennt, der in irgendeiner Form direkt und persönlich betroffen ist, wird aus dem abstrakten Gesellschaftsbegriff etwas Greifbares. Und das nicht obwohl, sondern gerade weil wir alle die Folgen ganz unmittelbar spüren.

Es fällt schwer, sich auf die Suche nach den positiven Aspekten der Krise zu machen, wenn nur wenige Tage zuvor der erste Todesfall auch bei uns im Kreis gemeldet wurde und Tausende Unternehmen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen – die damit wiederum ebenso wie ihre Arbeitgeber plötzlich um ihre Existenz bangen. Wenn Großeltern ihre Enkel nicht mehr sehen können oder Bewohner in Pflegeheimen keinen Besuch von ihrem Partner bekommen dürfen. Wenn selbst die nüchternsten Zeitgenossen irgendwann um das letzte Paket Toilettenpapier kämpfen müssen und damit zum Teil der zuvor belächelten Meute werden.

Und doch gibt es sie, die gute Nachricht, allem Streit zwischen den unterschiedlichen wissenschaftlichen Lehrmeinungen oder politischen Lagern zum Trotz: In einer wirklichen Krise scheint der Populismus keine Chance mehr zu haben. In der rechten Ecke ist es still geworden. Niemand rechnet Betroffenheiten gegeneinander auf: Die wirtschaftliche Zukunft der Jungen ist ebenso viel wert wie die Gesundheit der Alten – auch in den Debatten.

„In der Not kehren die Menschen das Beste und das Schlechteste hervor“, schrieb „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo Mitte März, wenige Tage bevor die Kontaktsperre verhängt wurde. Bisher scheint sich das Schlechteste auf Toilettenpapier-Hamsterer und einige wenige einsichtslose Corona-Party-Gänger zu beschränken. Sehr viel sichtbarer ist das Beste in Form von guten Nachbarn, vielen Helfern und all denen, die mit ihrer Arbeit den Laden zwar schon immer am Laufen halten, aber dafür erst jetzt die wohlverdiente Wertschätzung erfahren. Und das ist bei all den Schwierigkeiten, bei all dem Leid dann doch eine gute Nachricht: Nach dem gnadenlosen Hedonismus der vergangenen Jahrzehnte haben wir die Menschlichkeit noch nicht ganz verlernt.

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Standpunkt zur Gesellschaft in Corona-Zeiten: Noch nicht alles verlerntHenning WandelZwischen dem Verbot von Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern und dem bis heute gültigen Kontaktverbot lagen gerade einmal sieben Tage. Seitdem ist das Land wie in Watte gepackt – und das noch für mindestens zwei weitere Wochen. Selbst nach dem ersten Erlass vom 10. März hätten sich diese Entwicklung wohl nur die Wenigsten ernsthaft ausgemalt. Dabei ist das gerade einmal 25 Tage her. Seitdem ist schon viel geschrieben worden, ohne dabei auch nur im Ansatz das Phänomen als Ganzes abzubilden. Zwischen Genervtheit und zunehmendem Ernst, wachsender Furcht und Ignoranz zeigt sich in diesen Tagen sehr genau, wie unsere Gesellschaft tickt. Es zeigt sich aber auch mit jedem Tag mehr, was Gesellschaft eigentlich bedeutet: Weil inzwischen vermutlich jeder jemanden kennt, der in irgendeiner Form direkt und persönlich betroffen ist, wird aus dem abstrakten Gesellschaftsbegriff etwas Greifbares. Und das nicht obwohl, sondern gerade weil wir alle die Folgen ganz unmittelbar spüren. Es fällt schwer, sich auf die Suche nach den positiven Aspekten der Krise zu machen, wenn nur wenige Tage zuvor der erste Todesfall auch bei uns im Kreis gemeldet wurde und Tausende Unternehmen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen – die damit wiederum ebenso wie ihre Arbeitgeber plötzlich um ihre Existenz bangen. Wenn Großeltern ihre Enkel nicht mehr sehen können oder Bewohner in Pflegeheimen keinen Besuch von ihrem Partner bekommen dürfen. Wenn selbst die nüchternsten Zeitgenossen irgendwann um das letzte Paket Toilettenpapier kämpfen müssen und damit zum Teil der zuvor belächelten Meute werden. Und doch gibt es sie, die gute Nachricht, allem Streit zwischen den unterschiedlichen wissenschaftlichen Lehrmeinungen oder politischen Lagern zum Trotz: In einer wirklichen Krise scheint der Populismus keine Chance mehr zu haben. In der rechten Ecke ist es still geworden. Niemand rechnet Betroffenheiten gegeneinander auf: Die wirtschaftliche Zukunft der Jungen ist ebenso viel wert wie die Gesundheit der Alten – auch in den Debatten. „In der Not kehren die Menschen das Beste und das Schlechteste hervor“, schrieb „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo Mitte März, wenige Tage bevor die Kontaktsperre verhängt wurde. Bisher scheint sich das Schlechteste auf Toilettenpapier-Hamsterer und einige wenige einsichtslose Corona-Party-Gänger zu beschränken. Sehr viel sichtbarer ist das Beste in Form von guten Nachbarn, vielen Helfern und all denen, die mit ihrer Arbeit den Laden zwar schon immer am Laufen halten, aber dafür erst jetzt die wohlverdiente Wertschätzung erfahren. Und das ist bei all den Schwierigkeiten, bei all dem Leid dann doch eine gute Nachricht: Nach dem gnadenlosen Hedonismus der vergangenen Jahrzehnte haben wir die Menschlichkeit noch nicht ganz verlernt.