Als die Brücken brachen - Vor 75 Jahren sprengte die Wehrmacht wichtige Verkehrsverbindungen Jürgen Langenkämper Minden. Vor 75 Jahren ging in Minden der Zweite Weltkrieg zu Ende, nicht unblutig und nicht ohne Tote. Aber es kam nicht zu den gewaltigen Kampfhandlungen, die das rücksichtslose NS-Regime an der imaginären „Weser-Linie“ gern inszeniert hätte. Dazu war es schon nicht mehr imstande. Dennoch hinterließen die letzten Stunden des Nationalsozialismus in Minden noch langanhaltende Schäden, unter denen vor allem die deutsche Bevölkerung über Jahre zu leiden hatte. Am 4. April 1945 sprengte die Wehrmacht alle Brücken über die Weser zwischen Eisbergen und Minden, selbst die Kanalüberführung, und fast alle Brücken über den Mittellandkanal. Trotzdem standen kurz vor Mitternacht kanadische Soldaten auf dem Markt mitten in der Stadt. Am 2. April, Ostermontag, hatten die Amerikaner die russischen Kriegsgefangenen im Stalag 326 bei Stukenbrock befreit. Am 3. April drangen sie über Bielefeld bis nach Bad Oeynhausen vor und die Briten bis nach Lübbecke. Während die Amerikaner Schwierigkeiten hatten, weiter auf die Porta Westfalica, eingeengt zwischen Wiehengebirge und Weser, vorzurücken, kamen die Engländer bei ihrem Vorstoß über Hille in Richtung Petershagen schneller voran – so schnell, dass das 1. Kanadische Fallschirmjäger-Bataillon unter Lieutenant Colonel Eadie überraschend in den Außenbezirken Mindens vorstoßen konnte. Damit hatte die letzte Stunde für die zahlreichen Brücken im Stadtgebiet geschlagen. Die längst angebrachten Sprengladungen wurden gezündet, nicht immer von Pionieren oder Wehrmachtssoldaten. Oft mussten Volkssturmmänner diese Aufgabe übernehmen, besonders an den kleineren Brücken. Die Sprengung der Brücke der Stiftsallee zerstörte das Bauwerk nur zum Teil. Die Brücken der Sandtrift und der benachbarten kleinen Beethovenbrücke blieben sogar ganz erhalten, weil Landwirte umliegender Gehöfte, meist Veteranen des Ersten Weltkriegs, längst erkannt hatten, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Aber sie hatten Felder oder Wiesen auf der jeweils anderen Seite des Kanals und wollten nicht davon abgeschnitten sein. Sie sollen sogar einen Posten namens „Wacholder-Jupp“ mit Schrotflinten umringt und gedroht haben: „Wenn du die Brücke sprengst, schießen wir dich tot.“ Danach gingen alle nach Haus und schwiegen über die Aktion. Denn ungefährlich war ein solch mutiges Handeln nicht. Gerade erst am 1. April hatte der „Sender Werwolf“ einen flammenden Aufruf zum Widerstand hinter den feindlichen Linien in den besetzten Landesteilen ausgestrahlt, und in mehreren Orten waren kapitulationsbereite Bürgermeister und Menschen von der SS und NS-Fanatikern ermordet worden. Auch die Zerstörung der bereits nach Bombentreffern leer gelaufenen Kanalüberführung erschien dem damit beauftragten Pionierkommandeur sinnlos, so dass er an übergeordneter Stelle in Hannover um Aufhebung des Befehls ersuchte. Doch der Kradmelder mit dem Gegenbefehl traf wegen unterbrochener Telefonleitungen nach Berlin 35 Minuten zu spät in Minden ein. Gegen 20 Uhr wurden die beiden östlichen Brückenbögen über die Weser gesprengt – mit einem solch ohrenbetäubenden Lärm, dass Menschen in einem Luftschutzbunker in der Sympherstraße dachten, sie hätten einen Volltreffer erhalten, wie sich der damals sechsjährige Günter Schonhofen erinnert. Kurz nach 21 Uhr wurde die damals wichtigste Verbindung für Fahrzeuge und Fußgänger über den Fluss, die Weserbrücke, gesprengt. Dadurch wurden auch die unter der Fahrbahn verlaufenden Versorgungsleitungen zum rechten Weserufer zerstört, wie der Historiker Dr. Hans Nordsiek in seinem Buch „Die verdunkelte Stadt“ schreibt, „so dass der östliche Stadtteil Mindens nun ohne Elektrizität, Gas und Leitungswasser war“. Dafür wurde noch vom Brückenkopf über die Weser herübergeschossen, als sich die Kanadier dem Flussufer näherten. Dennoch konnten die alliierten Truppen gegen 2.30 Uhr am Donnerstag, 5. April, melden, dass sie die Stadt gesäubert hätten, was aber nur für das linke Weserufer galt. Der frühe Einmarsch ersparte der Stadt und ihren Menschen einen für den Tag geplanten Angriff mit 350 B-17-Bombern. Am 6. April gingen die Briten bei Wietersheim über die Weser. Die Amerikaner setzten in Barkhausen über.

Als die Brücken brachen - Vor 75 Jahren sprengte die Wehrmacht wichtige Verkehrsverbindungen

Sinnlose Tat: Die Kanalüberführung wurde am Abend des 4. April 1945 gesprengt. Bis 1949 war die Schifffahrt behindert. Foto: MT-Archiv © privat

Minden. Vor 75 Jahren ging in Minden der Zweite Weltkrieg zu Ende, nicht unblutig und nicht ohne Tote. Aber es kam nicht zu den gewaltigen Kampfhandlungen, die das rücksichtslose NS-Regime an der imaginären „Weser-Linie“ gern inszeniert hätte. Dazu war es schon nicht mehr imstande.

Dennoch hinterließen die letzten Stunden des Nationalsozialismus in Minden noch langanhaltende Schäden, unter denen vor allem die deutsche Bevölkerung über Jahre zu leiden hatte. Am 4. April 1945 sprengte die Wehrmacht alle Brücken über die Weser zwischen Eisbergen und Minden, selbst die Kanalüberführung, und fast alle Brücken über den Mittellandkanal. Trotzdem standen kurz vor Mitternacht kanadische Soldaten auf dem Markt mitten in der Stadt.

Am 2. April, Ostermontag, hatten die Amerikaner die russischen Kriegsgefangenen im Stalag 326 bei Stukenbrock befreit. Am 3. April drangen sie über Bielefeld bis nach Bad Oeynhausen vor und die Briten bis nach Lübbecke. Während die Amerikaner Schwierigkeiten hatten, weiter auf die Porta Westfalica, eingeengt zwischen Wiehengebirge und Weser, vorzurücken, kamen die Engländer bei ihrem Vorstoß über Hille in Richtung Petershagen schneller voran – so schnell, dass das 1. Kanadische Fallschirmjäger-Bataillon unter Lieutenant Colonel Eadie überraschend in den Außenbezirken Mindens vorstoßen konnte.

Damit hatte die letzte Stunde für die zahlreichen Brücken im Stadtgebiet geschlagen. Die längst angebrachten Sprengladungen wurden gezündet, nicht immer von Pionieren oder Wehrmachtssoldaten. Oft mussten Volkssturmmänner diese Aufgabe übernehmen, besonders an den kleineren Brücken. Die Sprengung der Brücke der Stiftsallee zerstörte das Bauwerk nur zum Teil.

Die Brücken der Sandtrift und der benachbarten kleinen Beethovenbrücke blieben sogar ganz erhalten, weil Landwirte umliegender Gehöfte, meist Veteranen des Ersten Weltkriegs, längst erkannt hatten, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Aber sie hatten Felder oder Wiesen auf der jeweils anderen Seite des Kanals und wollten nicht davon abgeschnitten sein. Sie sollen sogar einen Posten namens „Wacholder-Jupp“ mit Schrotflinten umringt und gedroht haben: „Wenn du die Brücke sprengst, schießen wir dich tot.“ Danach gingen alle nach Haus und schwiegen über die Aktion.

Denn ungefährlich war ein solch mutiges Handeln nicht. Gerade erst am 1. April hatte der „Sender Werwolf“ einen flammenden Aufruf zum Widerstand hinter den feindlichen Linien in den besetzten Landesteilen ausgestrahlt, und in mehreren Orten waren kapitulationsbereite Bürgermeister und Menschen von der SS und NS-Fanatikern ermordet worden.

Auch die Zerstörung der bereits nach Bombentreffern leer gelaufenen Kanalüberführung erschien dem damit beauftragten Pionierkommandeur sinnlos, so dass er an übergeordneter Stelle in Hannover um Aufhebung des Befehls ersuchte. Doch der Kradmelder mit dem Gegenbefehl traf wegen unterbrochener Telefonleitungen nach Berlin 35 Minuten zu spät in Minden ein. Gegen 20 Uhr wurden die beiden östlichen Brückenbögen über die Weser gesprengt – mit einem solch ohrenbetäubenden Lärm, dass Menschen in einem Luftschutzbunker in der Sympherstraße dachten, sie hätten einen Volltreffer erhalten, wie sich der damals sechsjährige Günter Schonhofen erinnert.

Kurz nach 21 Uhr wurde die damals wichtigste Verbindung für Fahrzeuge und Fußgänger über den Fluss, die Weserbrücke, gesprengt. Dadurch wurden auch die unter der Fahrbahn verlaufenden Versorgungsleitungen zum rechten Weserufer zerstört, wie der Historiker Dr. Hans Nordsiek in seinem Buch „Die verdunkelte Stadt“ schreibt, „so dass der östliche Stadtteil Mindens nun ohne Elektrizität, Gas und Leitungswasser war“.

Dafür wurde noch vom Brückenkopf über die Weser herübergeschossen, als sich die Kanadier dem Flussufer näherten. Dennoch konnten die alliierten Truppen gegen 2.30 Uhr am Donnerstag, 5. April, melden, dass sie die Stadt gesäubert hätten, was aber nur für das linke Weserufer galt. Der frühe Einmarsch ersparte der Stadt und ihren Menschen einen für den Tag geplanten Angriff mit 350 B-17-Bombern.

Am 6. April gingen die Briten bei Wietersheim über die Weser. Die Amerikaner setzten in Barkhausen über.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden