Die Corona-Strichliste: Wie sich das Virus im Mühlenkreis ausbreitet - mit interaktiven Grafiken

Thomas Lieske und Malina Reckordt

- © Foto: Gemeinfrei
(© Foto: Gemeinfrei)

Minden. Es ist Tag 27 nach Bekanntwerden der ersten Corona-Fälle im Mühlenkreis, als die Todesstatistik den ersten Strich bekommt. Am Donnerstagvormittag verstirbt der erste positiv auf Corona getestete Mensch im Kreisgebiet. 78 Jahre alt, schwere Vorerkrankungen, nach einem Tag am Beatmungsgerät auf der Intensivstation. Der von vielen erwartete Fall ist eingetreten: Nun gehört Minden-Lübbecke zu den Kreisen, die neben Erkrankten und Gesunden jetzt auch Todesfälle listen müssen. Neben all den anderen Fällen, die seit dem 6. März im Kreisgebiet nachgewiesen wurden.

385 sind es nach aktuellem Stand. Das macht rund 123 Fälle pro 100.000 Einwohner – eine Fallzahl, mit der das Robert-Koch-Institut derzeit die verschiedenen Regionen Deutschlands vergleicht. Sowohl im Vergleich zu anderen Regionen in Ostwestfalen-Lippe als auch in ganz Nordrhein-Westfalen liegt Minden-Lübbecke jeweils im oberen Drittel. Auch im Bundesvergleich liegt der Mühlenkreis deutlich über dem Schnitt von 96 Fällen pro 100.000 Einwohner. Trauriger Spitzenreiter bleibt allerdings die Region Heinsberg in NRW mit fast 600 Fällen pro 100.000 Einwohner. Die Stadt hatte mediale Aufmerksamkeit bekommen, als klar wurde, dass der Karneval der Infektionsherd war.

Zwei Infektionsherde

Auch im Mühlenkreis sind mittlerweile zwei Infektionsherde ausgemacht worden. Während sich viele der nachweislich Infizierten laut Kreis im Ausland auf einer Urlaubsreise angesteckt haben, gilt auch ein Event im Mühlenkreis als Infektionsherd. Es ist der 7. März, als Hunderte Gäste ausgelassen beim „Bayrischen Abend" in Espelkamp-Vehlage feiern. Von Kontaktverbot ist da noch keine Rede. Die Gäste sitzen eng an eng, tanzen, umarmen sich. Und so ist es offenbar ein leichtes für das Virus, sich auszubreiten. Die erschreckende Bilanz: Nach mehreren öffentlichen Aufrufen, sich testen zu lassen, gehen Experten davon aus, dass sich bis zum 20. März rund die Hälfte der Infizierten im Mühlenkreis das Virus auf dem Bayrischen Abend eingefangen hat.

Ein zweiter Infektionsherd im Kreisgebiet ist seit dem 1. April bekannt: Die Reha-Klinik „Holsing" in Preußisch Oldendorf hat es schwer getroffen: 55 Patienten und Mitarbeiter sind bis zum 2. April positiv getestet worden. Der Kreis veranlasst umgehend, dass alle stationär aufgenommenen Patienten getestet werden. Auch die Mitarbeiter müssen sich auf Covid-19 untersuchen lassen. Nicht alle der Betroffenen stammen aus dem Mühlenkreis. Die Versorgung der übrigen Patienten bleibt gesichert.

Die Entwicklung

Immer wieder gibt es Ausreißer in der Statistik. Während die Zahlen nach dem 6. März eher moderat zunahmen, hat sich die Anzahl der nachgewiesenen Infektionen vom 12. auf den 13. März plötzlich mehr als verdoppelt: von 14 auf 32 – ein Anstieg von rund 130 Prozent. Damit werden die Auswirkungen es ersten Infektionsherdes in Espelkamp und des damit verbundenen Aufrufes des Kreises, das sich alle Gäste testen lassen sollen, spürbar.

Die 100er-Marke überschreitet der Kreis schließlich am 19. März – 13 Tage nach Bekanntwerden der ersten Fälle im Mühlenkreis. Seitdem steigt die Zahl der nachgewiesenen positiven Fälle recht konstant um sechs bis acht Prozent pro Tag, seit 11 Tagen in Folge kommen täglich Infizierte im zweistelligen Bereich dazu. Einziger Ausreißer nach oben bleibt bisher der 1. April mit einer Zunahme um fast 16 Prozent: Der zweite Infektionsherd in der Reha-Klinik „Holsing" in Preußisch Oldendorf ist ausfindig gemacht und schlägt sich durch die konzentrierten Tests von einem auf den anderen Tag in der Statistik nieder. 46 Infizierte mehr an nur einem Tag. Es bleibt bisher der höchste Wert.

Die Gesunden

Parallel zum Anstieg der Infizierten steigt auch die Zahl der Gesundeten von Tag zu Tag. Es ist der 21. März – 15 Tage nach Bekanntwerden der ersten Fälle –, als der Mühlenkreis zum ersten Mal die frohe Botschaft verkünden darf: Die ersten vier Erkrankten gelten nach 14-tägiger Quarantäne wieder als gesund. Steigt die Zahl der Gesunden zunächst verhalten, geht sie ab dem 27. März dauerhaft in den zweistelligen Bereich pro Tag. Im Durchschnitt werden zwischen 15 und 16 Patienten pro Tag aus der Quarantäne entlassen. Mittlerweile sind 162 der 385 Erkrankten wieder gesund, das sind rund 42 Prozent. Allerdings: Derzeit steigt die Zahl der Infizierten noch stärker als die der Gesunden.

Die Altersstruktur

Die meisten positiv Getesteten aus dem Mühlenkreis sind laut Robert-Koch-Institut zwischen 35 und 59 Jahre alt. Einige Fälle gibt es auch zwischen 15 und 34 Jahre sowie zwischen 60 und 79 Jahre. Im Säuglings- und Kleinkindalter gab es bisher zwei Fälle und gerade mal ein halbes Dutzend im Bereich von mehr als 80 Jahren. Genauer definiert das Institut die Altersklassen für Minden-Lübbecke nicht.

Die Gemeinden

Ein Blick lohnt sich auch in die Gemeinden. Die Fallzahlen schwanken je nach Einwohnerzahl ziemlich deutlich. Zudem weisen die westlichen Kommunen, die rund um Espelkamp liegen, deutlich höhere Fallzahlen pro 100.000 Einwohner auf als die östlichen. Die meisten absoluten Fallzahlen verzeichnet zwar die Stadt Minden mit 92. Die höchste Rate hat allerdings Hüllhorst mit 390 Fällen auf 100.000 Einwohner. In Minden beträgt diese Rate 109, in Hille 172, in Porta Westfalica 27 und in Petershagen 102. Porta ist im Altkreis Minden am wenigsten von nachgewiesenen Covid-19-Fällen betroffen.

Unsicherheitsfaktor Tod

Dass der Mühlenkreis den ersten Todesfall in Zusammenhang mit der Ausbreitung des Corona-Virus bekanntgegeben hat, dürfte die Aufmerksamkeit auf das Virus noch einmal erhöht haben. Allerdings: Bisher ist es für Mediziner sehr schwer, genau einzugrenzen, ob die bisher Verstorbenen explizit an den Folgen des Virus gestorben sind oder ob das Virus nur negative Begleiterscheinung zu einer (schweren) Vorerkrankung war.

Lesen Sie dazu auch: Statistiker Dr. Peter Pütz kritisiert die Erhebung der Corona-Fallzahlen.

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Die Corona-Strichliste: Wie sich das Virus im Mühlenkreis ausbreitet - mit interaktiven GrafikenThomas Lieske,Malina ReckordtMinden. Es ist Tag 27 nach Bekanntwerden der ersten Corona-Fälle im Mühlenkreis, als die Todesstatistik den ersten Strich bekommt. Am Donnerstagvormittag verstirbt der erste positiv auf Corona getestete Mensch im Kreisgebiet. 78 Jahre alt, schwere Vorerkrankungen, nach einem Tag am Beatmungsgerät auf der Intensivstation. Der von vielen erwartete Fall ist eingetreten: Nun gehört Minden-Lübbecke zu den Kreisen, die neben Erkrankten und Gesunden jetzt auch Todesfälle listen müssen. Neben all den anderen Fällen, die seit dem 6. März im Kreisgebiet nachgewiesen wurden. 385 sind es nach aktuellem Stand. Das macht rund 123 Fälle pro 100.000 Einwohner – eine Fallzahl, mit der das Robert-Koch-Institut derzeit die verschiedenen Regionen Deutschlands vergleicht. Sowohl im Vergleich zu anderen Regionen in Ostwestfalen-Lippe als auch in ganz Nordrhein-Westfalen liegt Minden-Lübbecke jeweils im oberen Drittel. Auch im Bundesvergleich liegt der Mühlenkreis deutlich über dem Schnitt von 96 Fällen pro 100.000 Einwohner. Trauriger Spitzenreiter bleibt allerdings die Region Heinsberg in NRW mit fast 600 Fällen pro 100.000 Einwohner. Die Stadt hatte mediale Aufmerksamkeit bekommen, als klar wurde, dass der Karneval der Infektionsherd war. Zwei Infektionsherde Auch im Mühlenkreis sind mittlerweile zwei Infektionsherde ausgemacht worden. Während sich viele der nachweislich Infizierten laut Kreis im Ausland auf einer Urlaubsreise angesteckt haben, gilt auch ein Event im Mühlenkreis als Infektionsherd. Es ist der 7. März, als Hunderte Gäste ausgelassen beim „Bayrischen Abend" in Espelkamp-Vehlage feiern. Von Kontaktverbot ist da noch keine Rede. Die Gäste sitzen eng an eng, tanzen, umarmen sich. Und so ist es offenbar ein leichtes für das Virus, sich auszubreiten. Die erschreckende Bilanz: Nach mehreren öffentlichen Aufrufen, sich testen zu lassen, gehen Experten davon aus, dass sich bis zum 20. März rund die Hälfte der Infizierten im Mühlenkreis das Virus auf dem Bayrischen Abend eingefangen hat. Ein zweiter Infektionsherd im Kreisgebiet ist seit dem 1. April bekannt: Die Reha-Klinik „Holsing" in Preußisch Oldendorf hat es schwer getroffen: 55 Patienten und Mitarbeiter sind bis zum 2. April positiv getestet worden. Der Kreis veranlasst umgehend, dass alle stationär aufgenommenen Patienten getestet werden. Auch die Mitarbeiter müssen sich auf Covid-19 untersuchen lassen. Nicht alle der Betroffenen stammen aus dem Mühlenkreis. Die Versorgung der übrigen Patienten bleibt gesichert. Die Entwicklung Immer wieder gibt es Ausreißer in der Statistik. Während die Zahlen nach dem 6. März eher moderat zunahmen, hat sich die Anzahl der nachgewiesenen Infektionen vom 12. auf den 13. März plötzlich mehr als verdoppelt: von 14 auf 32 – ein Anstieg von rund 130 Prozent. Damit werden die Auswirkungen es ersten Infektionsherdes in Espelkamp und des damit verbundenen Aufrufes des Kreises, das sich alle Gäste testen lassen sollen, spürbar. Die 100er-Marke überschreitet der Kreis schließlich am 19. März – 13 Tage nach Bekanntwerden der ersten Fälle im Mühlenkreis. Seitdem steigt die Zahl der nachgewiesenen positiven Fälle recht konstant um sechs bis acht Prozent pro Tag, seit 11 Tagen in Folge kommen täglich Infizierte im zweistelligen Bereich dazu. Einziger Ausreißer nach oben bleibt bisher der 1. April mit einer Zunahme um fast 16 Prozent: Der zweite Infektionsherd in der Reha-Klinik „Holsing" in Preußisch Oldendorf ist ausfindig gemacht und schlägt sich durch die konzentrierten Tests von einem auf den anderen Tag in der Statistik nieder. 46 Infizierte mehr an nur einem Tag. Es bleibt bisher der höchste Wert. Die Gesunden Parallel zum Anstieg der Infizierten steigt auch die Zahl der Gesundeten von Tag zu Tag. Es ist der 21. März – 15 Tage nach Bekanntwerden der ersten Fälle –, als der Mühlenkreis zum ersten Mal die frohe Botschaft verkünden darf: Die ersten vier Erkrankten gelten nach 14-tägiger Quarantäne wieder als gesund. Steigt die Zahl der Gesunden zunächst verhalten, geht sie ab dem 27. März dauerhaft in den zweistelligen Bereich pro Tag. Im Durchschnitt werden zwischen 15 und 16 Patienten pro Tag aus der Quarantäne entlassen. Mittlerweile sind 162 der 385 Erkrankten wieder gesund, das sind rund 42 Prozent. Allerdings: Derzeit steigt die Zahl der Infizierten noch stärker als die der Gesunden. Die Altersstruktur Die meisten positiv Getesteten aus dem Mühlenkreis sind laut Robert-Koch-Institut zwischen 35 und 59 Jahre alt. Einige Fälle gibt es auch zwischen 15 und 34 Jahre sowie zwischen 60 und 79 Jahre. Im Säuglings- und Kleinkindalter gab es bisher zwei Fälle und gerade mal ein halbes Dutzend im Bereich von mehr als 80 Jahren. Genauer definiert das Institut die Altersklassen für Minden-Lübbecke nicht. Die Gemeinden Ein Blick lohnt sich auch in die Gemeinden. Die Fallzahlen schwanken je nach Einwohnerzahl ziemlich deutlich. Zudem weisen die westlichen Kommunen, die rund um Espelkamp liegen, deutlich höhere Fallzahlen pro 100.000 Einwohner auf als die östlichen. Die meisten absoluten Fallzahlen verzeichnet zwar die Stadt Minden mit 92. Die höchste Rate hat allerdings Hüllhorst mit 390 Fällen auf 100.000 Einwohner. In Minden beträgt diese Rate 109, in Hille 172, in Porta Westfalica 27 und in Petershagen 102. Porta ist im Altkreis Minden am wenigsten von nachgewiesenen Covid-19-Fällen betroffen. Unsicherheitsfaktor Tod Dass der Mühlenkreis den ersten Todesfall in Zusammenhang mit der Ausbreitung des Corona-Virus bekanntgegeben hat, dürfte die Aufmerksamkeit auf das Virus noch einmal erhöht haben. Allerdings: Bisher ist es für Mediziner sehr schwer, genau einzugrenzen, ob die bisher Verstorbenen explizit an den Folgen des Virus gestorben sind oder ob das Virus nur negative Begleiterscheinung zu einer (schweren) Vorerkrankung war. Lesen Sie dazu auch: Statistiker Dr. Peter Pütz kritisiert die Erhebung der Corona-Fallzahlen.