Minden

Eröffnung der neuen Lidl-Filiale: Auf dem Weg zum dreilagigen Glück

Anja Peper

Schlange stehen mit Sicherheitsabstand. MT- - © Foto: Alex Lehn
Schlange stehen mit Sicherheitsabstand. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden. Die Sache mit der selbstgenähten Maske funktioniert nicht. Zwar passt das Stück Stoff perfekt über Mund und Nase („Danke, Mama!“, denke ich). Doch augenblicklich beschlägt meine Brille. Ich sehe nichts mehr durch den nebeligen Schleier. Das ist schlecht, denn ich kann die anderen Leute in der Schlange vor mir kaum erkennen. Ich möchte möglichst vermeiden, ihnen versehentlich den Einkaufswagen ins Kreuz zu rammen. Die Stimmung in der Wartegemeinschaft vor dem Lidl ist ohnehin nur mäßig. Müde und matt. Erst kurz vor sieben Uhr, vielleicht vier Grad, bedeckter Himmel. Heute wird der umgebaute Lidl an der Stiftstraße – nahe der stark befahrenen Burgerking-Kreuzung – eröffnet.

„Die sollen mal langsam aufmachen“, murmelt der ältere Herr vor mir. „Ist kalt hier.“ Stimmt, aber vermutlich ist es noch gar nicht sieben. Ich bin die Nummer 17 in der Schlange vor dem Eingang. Gemeinsam bilden wir eine disziplinierte Corona 2020-Wartegemeinschaft: Zwei Meter Abstand, jeder hat einen Einkaufswagen vor sich, wir stehen schnurgerade an der Bordsteinkante aufgereiht. Die meisten Kunden sind alleine gekommen – soweit ich das beurteilen kann. Ich werde mich entscheiden müssen zwischen der Brille und meinem Behelfs-Mundschutz. Da ich weder niese noch huste und auch sonst keine Symptome habe, stopfe ich die Maske schließlich zurück in die Jackentasche. Ich werde mich bei anderen Brillenträgern erkundigen, wie die das handhaben. Österreich hat die Maskenpflicht beim Einkaufen schon eingeführt, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Asiatische Länder haben beim Mundschutz ohnehin eine lange Tradition.

Müde und matt unterwegs zum Ende der Schlange: Die Eröffnung der neuen Lidl-Filiale an der Stiftstraße, gestern Morgen um kurz vor sieben Uhr. MT-Foto: Alex Lehn - © Alex Lehn
Müde und matt unterwegs zum Ende der Schlange: Die Eröffnung der neuen Lidl-Filiale an der Stiftstraße, gestern Morgen um kurz vor sieben Uhr. MT-Foto: Alex Lehn (© Alex Lehn)

Wir rücken langsam vor. Jetzt kann ich das Hinweisschild am Eingang erkennen: Nicht mehr als 138 Kunden dürfen sich zeitgleich im Markt aufhalten, steht dort. Das lässt sich vermutlich anhand der Fläche des Neubaus ausrechnen: Der neue Lidl hat eine Verkaufsfläche von 1.400 Quadratmetern. Die vier Security-Leute am Eingang zählen mit. Beim Betreten des Marktes zeigt sich sofort, dass die Leute dieselbe Strategie verfolgen: Zuerst Toilettenpapier! Kaum jemand hat einen Blick für frische Tulpen oder lila Schmunzelhasen. Zuerst das Toilettenpapier in den Wagen, dann ist Zeit für alles andere.

Kurz überfällt mich Mitleid mit Planern, Architekten und Angestellten. Die Eröffnung der neuen Filiale sollte für sie ein toller Tag sein, gerne mit Sekt und Schnittchen. Der moderne Neubau samt Glasfront, breiten Gängen, hellem Holz und einer E-Ladestation vor der Tür sollte ein Grund zum Feiern sein. Statt dessen marschieren wir mies gelaunten Lemminge Richtung Papier. Selbst wer null Orientierung im Neubau hat, muss einfach nur hinter den anderen hertrotten. Die Karawane zieht mich hin. Und da ist es, zur Eröffnung noch ordentlich eingestapelt: Das Toilettenpapier, vermutlich Anwärter zum Wort des Jahres 2020. Eine Packung, acht Rollen, hundert Prozent Recyclingfasern. Voilà! In den Einkaufswagen damit. In Zeiten, wo Toilettenpapier eher selten ist und Desinfektionsmittel wie Flüssiggold gehandelt wird: Das kleine dreilagige Glück der Hausfrau.

In einer Art und Weise, die ich für „unauffällig“ halte, spähe ich nach links und rechts in fremde Einkaufswagen. Nennt mich Sherlock: Ertappe ich andere Kunden beim Hamstern? Die soziale Kontrolle beim Einkaufen scheint zu greifen. Zumindest gestern bei der Eröffnung konnte man den Eindruck gewinnen, dass niemand als böser Hamster geoutet werden wollte. Die Hinweise des Personals sind indes deutlich genug: Haushaltsübliche Mengen, bitte. Au f einem Plakat im Markt seht der Appell: „Kauft nur, was ihr wirklich benötigt – unsere Filialen werden täglich beliefert.“ Daneben noch einmal der Hinweis, zwei Meter Abstand zu halten und bargeldlos mit Karte zu zahlen. Unterm Strich: Alles richtig gemacht.

Nach 25 Minuten stehe ich wieder draußen. Die Security-Leute in ihren neongelben Warnwesten können inzwischen durchatmen. Der erste Ansturm ist souverän überstanden. Sie haben sogar ein Lächeln übrig. Ehrlich: Ich hätte ihnen Sekt und Schnittchen gewünscht.

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MindenEröffnung der neuen Lidl-Filiale: Auf dem Weg zum dreilagigen GlückAnja PeperMinden. Die Sache mit der selbstgenähten Maske funktioniert nicht. Zwar passt das Stück Stoff perfekt über Mund und Nase („Danke, Mama!“, denke ich). Doch augenblicklich beschlägt meine Brille. Ich sehe nichts mehr durch den nebeligen Schleier. Das ist schlecht, denn ich kann die anderen Leute in der Schlange vor mir kaum erkennen. Ich möchte möglichst vermeiden, ihnen versehentlich den Einkaufswagen ins Kreuz zu rammen. Die Stimmung in der Wartegemeinschaft vor dem Lidl ist ohnehin nur mäßig. Müde und matt. Erst kurz vor sieben Uhr, vielleicht vier Grad, bedeckter Himmel. Heute wird der umgebaute Lidl an der Stiftstraße – nahe der stark befahrenen Burgerking-Kreuzung – eröffnet. „Die sollen mal langsam aufmachen“, murmelt der ältere Herr vor mir. „Ist kalt hier.“ Stimmt, aber vermutlich ist es noch gar nicht sieben. Ich bin die Nummer 17 in der Schlange vor dem Eingang. Gemeinsam bilden wir eine disziplinierte Corona 2020-Wartegemeinschaft: Zwei Meter Abstand, jeder hat einen Einkaufswagen vor sich, wir stehen schnurgerade an der Bordsteinkante aufgereiht. Die meisten Kunden sind alleine gekommen – soweit ich das beurteilen kann. Ich werde mich entscheiden müssen zwischen der Brille und meinem Behelfs-Mundschutz. Da ich weder niese noch huste und auch sonst keine Symptome habe, stopfe ich die Maske schließlich zurück in die Jackentasche. Ich werde mich bei anderen Brillenträgern erkundigen, wie die das handhaben. Österreich hat die Maskenpflicht beim Einkaufen schon eingeführt, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Asiatische Länder haben beim Mundschutz ohnehin eine lange Tradition. Wir rücken langsam vor. Jetzt kann ich das Hinweisschild am Eingang erkennen: Nicht mehr als 138 Kunden dürfen sich zeitgleich im Markt aufhalten, steht dort. Das lässt sich vermutlich anhand der Fläche des Neubaus ausrechnen: Der neue Lidl hat eine Verkaufsfläche von 1.400 Quadratmetern. Die vier Security-Leute am Eingang zählen mit. Beim Betreten des Marktes zeigt sich sofort, dass die Leute dieselbe Strategie verfolgen: Zuerst Toilettenpapier! Kaum jemand hat einen Blick für frische Tulpen oder lila Schmunzelhasen. Zuerst das Toilettenpapier in den Wagen, dann ist Zeit für alles andere. Kurz überfällt mich Mitleid mit Planern, Architekten und Angestellten. Die Eröffnung der neuen Filiale sollte für sie ein toller Tag sein, gerne mit Sekt und Schnittchen. Der moderne Neubau samt Glasfront, breiten Gängen, hellem Holz und einer E-Ladestation vor der Tür sollte ein Grund zum Feiern sein. Statt dessen marschieren wir mies gelaunten Lemminge Richtung Papier. Selbst wer null Orientierung im Neubau hat, muss einfach nur hinter den anderen hertrotten. Die Karawane zieht mich hin. Und da ist es, zur Eröffnung noch ordentlich eingestapelt: Das Toilettenpapier, vermutlich Anwärter zum Wort des Jahres 2020. Eine Packung, acht Rollen, hundert Prozent Recyclingfasern. Voilà! In den Einkaufswagen damit. In Zeiten, wo Toilettenpapier eher selten ist und Desinfektionsmittel wie Flüssiggold gehandelt wird: Das kleine dreilagige Glück der Hausfrau. In einer Art und Weise, die ich für „unauffällig“ halte, spähe ich nach links und rechts in fremde Einkaufswagen. Nennt mich Sherlock: Ertappe ich andere Kunden beim Hamstern? Die soziale Kontrolle beim Einkaufen scheint zu greifen. Zumindest gestern bei der Eröffnung konnte man den Eindruck gewinnen, dass niemand als böser Hamster geoutet werden wollte. Die Hinweise des Personals sind indes deutlich genug: Haushaltsübliche Mengen, bitte. Au f einem Plakat im Markt seht der Appell: „Kauft nur, was ihr wirklich benötigt – unsere Filialen werden täglich beliefert.“ Daneben noch einmal der Hinweis, zwei Meter Abstand zu halten und bargeldlos mit Karte zu zahlen. Unterm Strich: Alles richtig gemacht. Nach 25 Minuten stehe ich wieder draußen. Die Security-Leute in ihren neongelben Warnwesten können inzwischen durchatmen. Der erste Ansturm ist souverän überstanden. Sie haben sogar ein Lächeln übrig. Ehrlich: Ich hätte ihnen Sekt und Schnittchen gewünscht.