Minden

Helden des Alltags: Tatjana Engelbrecht hält in der Container-Ambulanz am Klinikum Minden die Stellung

Sebastian Radermacher

Tatjana Engelbrecht arbeitet seit vier Wochen in der mobilen Ambulanz. - © Alexander Lehn (MT)
Tatjana Engelbrecht arbeitet seit vier Wochen in der mobilen Ambulanz. (© Alexander Lehn (MT))

Minden. Freizeit? Tatjana Engelbrecht schüttelt den Kopf. „Die habe ich momentan nur am Wochenende.“ Das Familienleben kommt zu kurz, der zehnjährige Sohn und die siebenjährige Tochter haben nicht viel von ihrer Mama. Und auch ihren Ehemann sieht Engelbrecht unter der Woche tagsüber gar nicht. „Wir arbeiten in versetzten Schichten, damit wir die Kinder betreuen können. Eigentlich kommunizieren wir nur über WhatsApp“, erzählt die 31-Jährige aus Hille-Eickhorst.

Seit fast vier Wochen arbeitet die Medizinische Fachangestellte im mobilen Diagnose- und Behandlungszentrum, das wegen der massiven Ausbreitung des Corona-Virus vor dem Johannes-Wesling-Klinikum (JWK) in Minden eingerichtet worden ist. In einem der vielen Container empfängt sie Patienten, die die Notaufnahme des Klinikums aufsuchen möchten, zum Beispiel weil sie sich den Arm gebrochen oder den Fuß verstaucht haben.

Eindeutige Botschaft: Das Team der mobilen Ambulanz am Klinikum Minden appelliert an die Bürger, in diesen Tagen zu Hause zu bleiben. - © Foto: MKK/Sven Olaf Stange
Eindeutige Botschaft: Das Team der mobilen Ambulanz am Klinikum Minden appelliert an die Bürger, in diesen Tagen zu Hause zu bleiben. (© Foto: MKK/Sven Olaf Stange)

Dabei muss sie eine ganze Reihe Fragen abarbeiten. Was genau ist passiert? Wie schlimm ist die Verletzung? Und ganz wichtig: Hat der Patient Symptome, die auf eine Infizierung mit dem Corona-Virus hindeuten könnten? Hat er Fieber? War er vor kurzem in einem Risikogebiet? Kennt er Corona-Kontaktpersonen? Engelbrecht braucht darauf Antworten, um die Schwere der Erkrankung einordnen und die richtige Behandlung veranlassen zu können. Als Methode der Ersteinschätzung verwendet sie das „Triage-System“: Mit Hilfe einer farblichen Abstufung legt sie die Dringlichkeit der ersten ärztlichen Untersuchung fest.

Wer zum Klinikum kommt, weil er den Verdacht hat, sich mit dem Corona-Virus infiziert zu haben, landet nicht sofort bei Engelbrecht und ihrem Team, sondern im Container-Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) nebenan. Dort stehen Kassenärzte zur Verfügung, die die Corona-Patienten untersuchen, Abstriche machen, Rezepte ausstellen und sie gegebenenfalls krankschreiben. Diese Untersuchungen waren zuvor in den engen Hausarztpraxen kaum oder nur unter hohem Aufwand möglich gewesen. Die Mühlenkreiskliniken (MKK) hatten in dieser Zeit die Infektiöse Notfallambulanz für Corona-Abstriche noch allein betrieben. Die kam aber schnell an ihre Kapazitätsgrenzen, Patienten mussten teils lange warten. Tatjana Engelbrecht ist seit Anfang an dabei und hilft, wo sie helfen kann.

Ist der Zustand eines potenziellen Corona-Patienten in einem der KV-Container derart kritisch, dass er stationär aufgenommen werden muss, wird er noch einmal von Engelbrecht, ihren Kolleginnen und einem Arzt begutachtet. Außerdem kümmert sich die Hillerin im mobilen Behandlungszentrum um Abstriche von Arbeitskollegen. Denn für das Klinikum ist es wichtig, dass alle verfügbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesen Tagen einsatzfähig sind – sofern sie gesund sind. Wer sich bei der Arbeit plötzlich krank fühlt, wird zügig auf Corona getestet. Zum einen soll dadurch verhindert werden, dass infizierte Mitarbeiter weiterhin auf den Stationen arbeiten. Zum anderen aber auch, dass sie ohne Corona zwei Wochen zu Hause bleiben – dafür wird das Personal zu sehr benötigt.

Tatjana Engelbrecht arbeitet in beiden Bereichen der mobilen Notfallambulanz gerne, wie sie sagt. Eigentlich ist sie bei den MKK in der Basisdiagnostik beschäftigt, bereitet Operationen in der allgemeinen Chirurgie, Unfallchirurgie, Neurochirurgie, Urologie und Dermatologie vor. Als sie gefragt wurde, ob sie in dem kleinen medizinischen Dorf aushelfen könne, musste sie nicht lange überlegen: „Für mich stand sofort fest, dass ich das mache.“

Überhaupt geht sie mit der ganzen Situation rund um Corona und den außergewöhnlichen und risikobehafteten Arbeitsumständen erstaunlich gelassen um. „Ich mache mir keine Sorgen und habe auch keine Angst“, sagt die 31-Jährige: „Das wäre der falsche Begleiter. Dann könnte ich gar nicht in einem Krankenhaus arbeiten.“ Zudem sei sie während der Arbeit bestens geschützt. Sie trägt einen Schutzanzug, eine Atemschutzmaske und Handschuhe. „So kann mir nichts passieren.“

Wie viele Patienten pro Tag zu ihr kommen, kann sie nicht sagen. Laut MKK-Sprecher Christian Busse sind es im Notaufnahmebereich täglich 50 bis 100, im KV-Bereich etwa 200. Als das mobile Zentrum an den Start ging, sei die Lage unübersichtlich gewesen, mittlerweile laufe aber alles strukturierter ab, erzählt Engelbrecht. Was im Gespräch mit der Medizinischen Fachangestellten auffällt: Ihr geht es nicht darum, nachzuhalten, wie viele Patienten hier behandelt werden, sondern dass ihnen schnellstmöglich geholfen wird.

Was sie im Austausch mit den Erkrankten immer wieder bemerkt: Viele machen sich Sorgen, haben Angst, wie sich die Situation weiterentwickelt und wie lange das Kontaktverbot noch anhält. Eine Antwort kann sie nicht geben, aber aufmunternde Worte hat Engelbrecht immer parat: „Ich beruhige die Patienten und sage, dass alles wieder gut wird. Das hilft.“

Diese positive Einstellung („Ich habe immer gute Laune“) hilft ihr auch, mit den Einschränkungen im Privatleben klarzukommen. Die Wochenenden stehen ganz im Zeichen der Familie. Dann versucht sie, das Verpasste nachzuholen. Spielen im Garten oder ein „Kino-Abend“ auf der Couch mit Chips und Popcorn. „Dann dreht sich alles um die Kinder.“

Tatjana Engelbrecht und ihr Mann, der in der Metallbranche arbeitet, haben einen Weg für die Betreuung gefunden. Während er arbeitet, hilft sie beim Lernen für die Schule. Während sie arbeitet, bringt er die Kinder ins Bett. Und umgekehrt. Das funktioniere ganz gut. Und zwischendurch könnten die Kinder auch für kurze Zeit alleine bleiben. Länger als eine Stunde sei das aber nicht möglich. „Dann ist es gut, wenn Mama oder Papa da sind.“ Dass sie zu ihrem Mann keinen persönlichen Kontakt hat, sieht die 31-Jährige pragmatisch. „Wenn man zwölf Jahre verheiratet ist, ist es für die Beziehung manchmal gar nicht so schlecht, wenn man sich mal nicht sieht“, sagt sie und lacht.

MT-Serie "Helden des Alltags"

- Verkäuferinnen, Pfleger, Postbotinnen, Müllwerker: Sie sorgen in diesen Tagen für Normalität im Ausnahmezustand. Während viele andere im Homeoffice sitzen und Fremde problemlos meiden können, müssen die Angehörigen dieser und anderer Berufsgruppen ständig draußen sein.

- Das Mindener Tageblatt widmet ihnen darum seine aktuelle Serie und stellt einzelne Männer und Frauen vor, die den Alltag am Laufen halten.

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MindenHelden des Alltags: Tatjana Engelbrecht hält in der Container-Ambulanz am Klinikum Minden die StellungSebastian RadermacherMinden. Freizeit? Tatjana Engelbrecht schüttelt den Kopf. „Die habe ich momentan nur am Wochenende.“ Das Familienleben kommt zu kurz, der zehnjährige Sohn und die siebenjährige Tochter haben nicht viel von ihrer Mama. Und auch ihren Ehemann sieht Engelbrecht unter der Woche tagsüber gar nicht. „Wir arbeiten in versetzten Schichten, damit wir die Kinder betreuen können. Eigentlich kommunizieren wir nur über WhatsApp“, erzählt die 31-Jährige aus Hille-Eickhorst. Seit fast vier Wochen arbeitet die Medizinische Fachangestellte im mobilen Diagnose- und Behandlungszentrum, das wegen der massiven Ausbreitung des Corona-Virus vor dem Johannes-Wesling-Klinikum (JWK) in Minden eingerichtet worden ist. In einem der vielen Container empfängt sie Patienten, die die Notaufnahme des Klinikums aufsuchen möchten, zum Beispiel weil sie sich den Arm gebrochen oder den Fuß verstaucht haben. Dabei muss sie eine ganze Reihe Fragen abarbeiten. Was genau ist passiert? Wie schlimm ist die Verletzung? Und ganz wichtig: Hat der Patient Symptome, die auf eine Infizierung mit dem Corona-Virus hindeuten könnten? Hat er Fieber? War er vor kurzem in einem Risikogebiet? Kennt er Corona-Kontaktpersonen? Engelbrecht braucht darauf Antworten, um die Schwere der Erkrankung einordnen und die richtige Behandlung veranlassen zu können. Als Methode der Ersteinschätzung verwendet sie das „Triage-System“: Mit Hilfe einer farblichen Abstufung legt sie die Dringlichkeit der ersten ärztlichen Untersuchung fest. Wer zum Klinikum kommt, weil er den Verdacht hat, sich mit dem Corona-Virus infiziert zu haben, landet nicht sofort bei Engelbrecht und ihrem Team, sondern im Container-Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) nebenan. Dort stehen Kassenärzte zur Verfügung, die die Corona-Patienten untersuchen, Abstriche machen, Rezepte ausstellen und sie gegebenenfalls krankschreiben. Diese Untersuchungen waren zuvor in den engen Hausarztpraxen kaum oder nur unter hohem Aufwand möglich gewesen. Die Mühlenkreiskliniken (MKK) hatten in dieser Zeit die Infektiöse Notfallambulanz für Corona-Abstriche noch allein betrieben. Die kam aber schnell an ihre Kapazitätsgrenzen, Patienten mussten teils lange warten. Tatjana Engelbrecht ist seit Anfang an dabei und hilft, wo sie helfen kann. Ist der Zustand eines potenziellen Corona-Patienten in einem der KV-Container derart kritisch, dass er stationär aufgenommen werden muss, wird er noch einmal von Engelbrecht, ihren Kolleginnen und einem Arzt begutachtet. Außerdem kümmert sich die Hillerin im mobilen Behandlungszentrum um Abstriche von Arbeitskollegen. Denn für das Klinikum ist es wichtig, dass alle verfügbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesen Tagen einsatzfähig sind – sofern sie gesund sind. Wer sich bei der Arbeit plötzlich krank fühlt, wird zügig auf Corona getestet. Zum einen soll dadurch verhindert werden, dass infizierte Mitarbeiter weiterhin auf den Stationen arbeiten. Zum anderen aber auch, dass sie ohne Corona zwei Wochen zu Hause bleiben – dafür wird das Personal zu sehr benötigt. Tatjana Engelbrecht arbeitet in beiden Bereichen der mobilen Notfallambulanz gerne, wie sie sagt. Eigentlich ist sie bei den MKK in der Basisdiagnostik beschäftigt, bereitet Operationen in der allgemeinen Chirurgie, Unfallchirurgie, Neurochirurgie, Urologie und Dermatologie vor. Als sie gefragt wurde, ob sie in dem kleinen medizinischen Dorf aushelfen könne, musste sie nicht lange überlegen: „Für mich stand sofort fest, dass ich das mache.“ Überhaupt geht sie mit der ganzen Situation rund um Corona und den außergewöhnlichen und risikobehafteten Arbeitsumständen erstaunlich gelassen um. „Ich mache mir keine Sorgen und habe auch keine Angst“, sagt die 31-Jährige: „Das wäre der falsche Begleiter. Dann könnte ich gar nicht in einem Krankenhaus arbeiten.“ Zudem sei sie während der Arbeit bestens geschützt. Sie trägt einen Schutzanzug, eine Atemschutzmaske und Handschuhe. „So kann mir nichts passieren.“ Wie viele Patienten pro Tag zu ihr kommen, kann sie nicht sagen. Laut MKK-Sprecher Christian Busse sind es im Notaufnahmebereich täglich 50 bis 100, im KV-Bereich etwa 200. Als das mobile Zentrum an den Start ging, sei die Lage unübersichtlich gewesen, mittlerweile laufe aber alles strukturierter ab, erzählt Engelbrecht. Was im Gespräch mit der Medizinischen Fachangestellten auffällt: Ihr geht es nicht darum, nachzuhalten, wie viele Patienten hier behandelt werden, sondern dass ihnen schnellstmöglich geholfen wird. Was sie im Austausch mit den Erkrankten immer wieder bemerkt: Viele machen sich Sorgen, haben Angst, wie sich die Situation weiterentwickelt und wie lange das Kontaktverbot noch anhält. Eine Antwort kann sie nicht geben, aber aufmunternde Worte hat Engelbrecht immer parat: „Ich beruhige die Patienten und sage, dass alles wieder gut wird. Das hilft.“ Diese positive Einstellung („Ich habe immer gute Laune“) hilft ihr auch, mit den Einschränkungen im Privatleben klarzukommen. Die Wochenenden stehen ganz im Zeichen der Familie. Dann versucht sie, das Verpasste nachzuholen. Spielen im Garten oder ein „Kino-Abend“ auf der Couch mit Chips und Popcorn. „Dann dreht sich alles um die Kinder.“ Tatjana Engelbrecht und ihr Mann, der in der Metallbranche arbeitet, haben einen Weg für die Betreuung gefunden. Während er arbeitet, hilft sie beim Lernen für die Schule. Während sie arbeitet, bringt er die Kinder ins Bett. Und umgekehrt. Das funktioniere ganz gut. Und zwischendurch könnten die Kinder auch für kurze Zeit alleine bleiben. Länger als eine Stunde sei das aber nicht möglich. „Dann ist es gut, wenn Mama oder Papa da sind.“ Dass sie zu ihrem Mann keinen persönlichen Kontakt hat, sieht die 31-Jährige pragmatisch. „Wenn man zwölf Jahre verheiratet ist, ist es für die Beziehung manchmal gar nicht so schlecht, wenn man sich mal nicht sieht“, sagt sie und lacht. MT-Serie "Helden des Alltags" - Verkäuferinnen, Pfleger, Postbotinnen, Müllwerker: Sie sorgen in diesen Tagen für Normalität im Ausnahmezustand. Während viele andere im Homeoffice sitzen und Fremde problemlos meiden können, müssen die Angehörigen dieser und anderer Berufsgruppen ständig draußen sein. - Das Mindener Tageblatt widmet ihnen darum seine aktuelle Serie und stellt einzelne Männer und Frauen vor, die den Alltag am Laufen halten.