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MT-Videointerview: Zwei Lehrerinnen geben Einblicke in ihren Berufsalltag im Home-Office

Monika Jäger

Seit dem 16. März findet an den Schulen in NRW kein Unterricht mehr statt. Foto: Christian Charisius/dpa - © (c) Copyright 2017, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Seit dem 16. März findet an den Schulen in NRW kein Unterricht mehr statt. Foto: Christian Charisius/dpa (© (c) Copyright 2017, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten)

Minden. Seit dem 16. März ist kein Unterricht mehr an den Schulen in NRW – und das bleibt auch mindestens bis zum 19. April so. Doch das heißt nicht, dass Schüler und Lehrer vorzeitig Ferien haben. Der Unterricht geht digital und mit Arbeitsaufgaben für zuhause weiter. Wie managen Lehrkräfte das neue Normal? Birte Gosewehr und Iris van Ruiten unterrichten Englisch und Sport am Mindener Herder-Gymnasium. Im MT-Videointerview berichten sie über die Schwierigkeit, mit allen Schülern in Kontakt zu bleiben, über die Vereinbarkeit von Familie und Home-Office und warum sie die Situation auch als Chance sehen.

Birte Gosewehr (unterrichtet viel in der Mittelstufe, hat einen Englisch-Abi-Grundkurs) nutzt ihr heimisches Wohnzimmer als Büro und jongliert dort wie viele andere Mütter auch gerade Arbeit, Familienzeit und ihre drei Kinder. Iris van Ruiten hat ein kleines Büro, aber ebenso eine Familie, für die sie da sein möchte. Eigentlich tun die beiden das, was sie immer getan haben, sagen sie: Korrigieren, planen, Aufgaben stellen. Das allerdings jetzt online, und mit den Schülern bleiben sie per Mail in Kontakt. „Und zwar möglichst zeitnah, damit die Kinder am Ball bleiben können", sagt van Ruiten.

Sie unterrichtet Klasse 5 und 6 und einen Abiturkurs Englisch. Abi – ein Problem? Beide Lehrerinnen sind da für ihre Schüler zuversichtlich. Die Vorbereitungen seien sowieso schon weitgehend abgeschlossen und die Schüler auf Eigenarbeit vorbereitet gewesen. Weiteres Material zur Vorbereitung stelle sie in die Cloud, so Gosewehr.

Auch ihre sechsten Klasse habe schon vorher per E-Mail-Verteiler Kontakt gehabt – übrigens auch zu den Eltern, so van Ruiten. Komplexer sei aber die Situation ihrer Schüler der neunten Klasse, so Gosewehr. Für diese steht nun der Wechsel in die Oberstufe an – und die Wahl von Schwerpunkten. „Da habe ich jetzt von einigen die Rückmeldung bekommen, dass sie unsicher sind, wie sie den Wahlbogen verstehen sollen, oder auch, was sie wählen sollen." Schade sei gerade da, dass keine direkte Kommunikation und keine persönliche Beratung möglich sei.

Iris van Ruiten will nächste Woche eine Telefonsprechstunde einrichten – das sei dann vielleicht noch eine „etwas niedrigere Hemmschwelle für den einen oder anderen": Es ist offenbar gar nicht so einfach für Schüler, ihre Lehrer direkt anzuschreiben. Und so ist es auch nun, in dieser Welt der virtuellen Kontakte, so wie im Klassenzimmer: Manche melden sich, andere eben nicht. „Die Rückmeldungen bekommt man hauptsächlich von den üblichen Kandidaten" sagt Goeswehr. Leider sei es aber im Klassenraum, wenn alle zusammensitzen, viel einfacher, jene anzusprechen, die still und zurückhaltend sind, so van Ruiten. Erschwert wird das auch dadurch, dass die Lehrkräfte nicht von allen Schülern wissen, welche technische Ausstattung sie zuhause zur Verfügung haben. „Das Problem ist, dass man nicht sicher weiß, ob alle die Nachrichten bekommen."

Und wie geht das mit dem Sportunterricht? „Ich bin ganz begeistert von den Angeboten, die man Online findet – was sich Vereine und Privatpersonen einfallen lassen", sagt Gosewehr. „Da habe ich einiges an die Schüler weitergeleitet, um sie zu motivieren, damit sie fit bleiben." Das Angebot im Netz sei voller Kreativität.

Wenn es in einzelnen Familien vielleicht schwierig werde, da setzte sich zurzeit besonders auch die Schulsozialarbeit ein, so van Ruiten. Die Einsicht in aktuelle Probleme ist für die Lehrerinnen aber notwendigerweise stark begrenzt. Auch sie kennen Beschwerden von Eltern, dass diese vermeintlich Hausaufgaben betreuen müssten, oder die über zu umfangreiches Ausdrucken von Arbeitsblättern klagen. „Ich bin dazu übergegangen zu sagen, man muss das alles mit Augenmaß betrachten", so van Ruiten mit Blick auf die Hausaufgaben. Die Kinder sollten Motivation, Anreiz und Struktur in ihrem Alltag haben. „Ich finde es auch super zu sehen, dass sie in der Lage sind, relativ eigenständig zu arbeiten und sich Stoff neu zu erschließen." Birte Gosewehr hat beispielsweise ihrer neunten Klasse eine Projektaufgabe gestellt und freut sich, wie intensiv sie sich damit auseinandersetzt.

Ändert sich die Rolle der Lehrkräfte? „Wir sind nicht die, die die Rezepte in der Schublade haben", sagt van Ruiten. Alle hätten doch Startschwierigkeiten. Und für sie als Lehrerinnen müsste sich auch erst einmal ein Gefühl dafür entwickeln, wie lange ihre Schüler zuhause brauchen, um Material zu bearbeiten, und welche Hilfestellungen dafür wirklich nötig sind. „Die Präsenz, die man in der Klasse hat, weil man als Person vorne steht, muss man sich jetzt neu erarbeiten." Schnelle Antworten auf Schülermails zum Beispiel seien da ein sehr wichtiger Punkt.

Müssen die Lernziele bis zum Ende des Schuljahrs wie geplant erfüllt werden? Das wissen die beiden noch nicht. Sie hoffen, dass sich das in den Osterferien entscheiden wird. Was sie optimistisch stimmt: Wenn am Ende die Erkenntnis steht „So schlecht ist Schule doch gar nicht", wären sie sehr froh. Erste Anzeigen gebe es dafür. Es seien ja nicht nur Lehrer, die den Schülern fehlen, sondern vor allem die Mitschüler und das ganze Schulleben. Gosewehr: „Es wäre schön, wenn wir alle am Ende motiviert und fröhlich wieder ins Gebäude kommen."

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MindenMT-Videointerview: Zwei Lehrerinnen geben Einblicke in ihren Berufsalltag im Home-OfficeMonika JägerMinden. Seit dem 16. März ist kein Unterricht mehr an den Schulen in NRW – und das bleibt auch mindestens bis zum 19. April so. Doch das heißt nicht, dass Schüler und Lehrer vorzeitig Ferien haben. Der Unterricht geht digital und mit Arbeitsaufgaben für zuhause weiter. Wie managen Lehrkräfte das neue Normal? Birte Gosewehr und Iris van Ruiten unterrichten Englisch und Sport am Mindener Herder-Gymnasium. Im MT-Videointerview berichten sie über die Schwierigkeit, mit allen Schülern in Kontakt zu bleiben, über die Vereinbarkeit von Familie und Home-Office und warum sie die Situation auch als Chance sehen. Birte Gosewehr (unterrichtet viel in der Mittelstufe, hat einen Englisch-Abi-Grundkurs) nutzt ihr heimisches Wohnzimmer als Büro und jongliert dort wie viele andere Mütter auch gerade Arbeit, Familienzeit und ihre drei Kinder. Iris van Ruiten hat ein kleines Büro, aber ebenso eine Familie, für die sie da sein möchte. Eigentlich tun die beiden das, was sie immer getan haben, sagen sie: Korrigieren, planen, Aufgaben stellen. Das allerdings jetzt online, und mit den Schülern bleiben sie per Mail in Kontakt. „Und zwar möglichst zeitnah, damit die Kinder am Ball bleiben können", sagt van Ruiten. Sie unterrichtet Klasse 5 und 6 und einen Abiturkurs Englisch. Abi – ein Problem? Beide Lehrerinnen sind da für ihre Schüler zuversichtlich. Die Vorbereitungen seien sowieso schon weitgehend abgeschlossen und die Schüler auf Eigenarbeit vorbereitet gewesen. Weiteres Material zur Vorbereitung stelle sie in die Cloud, so Gosewehr. Auch ihre sechsten Klasse habe schon vorher per E-Mail-Verteiler Kontakt gehabt – übrigens auch zu den Eltern, so van Ruiten. Komplexer sei aber die Situation ihrer Schüler der neunten Klasse, so Gosewehr. Für diese steht nun der Wechsel in die Oberstufe an – und die Wahl von Schwerpunkten. „Da habe ich jetzt von einigen die Rückmeldung bekommen, dass sie unsicher sind, wie sie den Wahlbogen verstehen sollen, oder auch, was sie wählen sollen." Schade sei gerade da, dass keine direkte Kommunikation und keine persönliche Beratung möglich sei. Iris van Ruiten will nächste Woche eine Telefonsprechstunde einrichten – das sei dann vielleicht noch eine „etwas niedrigere Hemmschwelle für den einen oder anderen": Es ist offenbar gar nicht so einfach für Schüler, ihre Lehrer direkt anzuschreiben. Und so ist es auch nun, in dieser Welt der virtuellen Kontakte, so wie im Klassenzimmer: Manche melden sich, andere eben nicht. „Die Rückmeldungen bekommt man hauptsächlich von den üblichen Kandidaten" sagt Goeswehr. Leider sei es aber im Klassenraum, wenn alle zusammensitzen, viel einfacher, jene anzusprechen, die still und zurückhaltend sind, so van Ruiten. Erschwert wird das auch dadurch, dass die Lehrkräfte nicht von allen Schülern wissen, welche technische Ausstattung sie zuhause zur Verfügung haben. „Das Problem ist, dass man nicht sicher weiß, ob alle die Nachrichten bekommen." Und wie geht das mit dem Sportunterricht? „Ich bin ganz begeistert von den Angeboten, die man Online findet – was sich Vereine und Privatpersonen einfallen lassen", sagt Gosewehr. „Da habe ich einiges an die Schüler weitergeleitet, um sie zu motivieren, damit sie fit bleiben." Das Angebot im Netz sei voller Kreativität. Wenn es in einzelnen Familien vielleicht schwierig werde, da setzte sich zurzeit besonders auch die Schulsozialarbeit ein, so van Ruiten. Die Einsicht in aktuelle Probleme ist für die Lehrerinnen aber notwendigerweise stark begrenzt. Auch sie kennen Beschwerden von Eltern, dass diese vermeintlich Hausaufgaben betreuen müssten, oder die über zu umfangreiches Ausdrucken von Arbeitsblättern klagen. „Ich bin dazu übergegangen zu sagen, man muss das alles mit Augenmaß betrachten", so van Ruiten mit Blick auf die Hausaufgaben. Die Kinder sollten Motivation, Anreiz und Struktur in ihrem Alltag haben. „Ich finde es auch super zu sehen, dass sie in der Lage sind, relativ eigenständig zu arbeiten und sich Stoff neu zu erschließen." Birte Gosewehr hat beispielsweise ihrer neunten Klasse eine Projektaufgabe gestellt und freut sich, wie intensiv sie sich damit auseinandersetzt. Ändert sich die Rolle der Lehrkräfte? „Wir sind nicht die, die die Rezepte in der Schublade haben", sagt van Ruiten. Alle hätten doch Startschwierigkeiten. Und für sie als Lehrerinnen müsste sich auch erst einmal ein Gefühl dafür entwickeln, wie lange ihre Schüler zuhause brauchen, um Material zu bearbeiten, und welche Hilfestellungen dafür wirklich nötig sind. „Die Präsenz, die man in der Klasse hat, weil man als Person vorne steht, muss man sich jetzt neu erarbeiten." Schnelle Antworten auf Schülermails zum Beispiel seien da ein sehr wichtiger Punkt. Müssen die Lernziele bis zum Ende des Schuljahrs wie geplant erfüllt werden? Das wissen die beiden noch nicht. Sie hoffen, dass sich das in den Osterferien entscheiden wird. Was sie optimistisch stimmt: Wenn am Ende die Erkenntnis steht „So schlecht ist Schule doch gar nicht", wären sie sehr froh. Erste Anzeigen gebe es dafür. Es seien ja nicht nur Lehrer, die den Schülern fehlen, sondern vor allem die Mitschüler und das ganze Schulleben. Gosewehr: „Es wäre schön, wenn wir alle am Ende motiviert und fröhlich wieder ins Gebäude kommen."