Minden

Existenzangst, Zweifel, Hoffnung: Mindener Gastronomen sprechen üer Corona-Krise

Patrick Schwemling

Nektarios Bragkas, Inhaber des griechischen Restaurants „Kreta“, sitzt verlassen in seiner Gaststätte. Aktuell Mit Hilfe seiner Familie hat er einen Lieferdienst organisiert. MT-Fotos: Alex Lehn
Nektarios Bragkas, Inhaber des griechischen Restaurants „Kreta“, sitzt verlassen in seiner Gaststätte. Aktuell Mit Hilfe seiner Familie hat er einen Lieferdienst organisiert. MT-Fotos: Alex Lehn

Minden. Die Auswirkungen der Corona-Krise hat die Mindener Gastronomen hart getroffen. „Von hundert auf null", sagt Ulrich Knollmann, Inhaber des Restaurants „Die Knolle", und beschreibt damit treffend, was auch zahlreiche seiner Kollegen im MT-Gespräch schildern. Dort, wo sich vor einigen Wochen noch Tag für Tag mehrere hundert Menschen trafen, herrscht gähnende Leere. Keine bis wenige Einnahmen, aber weiter laufende Kosten. Genau wie große Teile des Einzelhandels stehen auch die Gastronomen vor einer ungewissen Zukunft. Dennoch zeigen sie sich optimistisch, erfinderisch, solidarisch und hoffen auf bessere Zeiten.

Erste Auswirkungen vor den Maßnahmen

Spätestens mit dem Beschluss der Bundesregierung am 22. März war klar, dass alle Restaurants – abgesehen von der Möglichkeit der Abholung und des Lieferservice – komplett geschlossen werden müssen. „Man hat natürlich vorher schon gemerkt, dass das Geschäft deutlich abnimmt. Als das Thema Coronavirus Fahrt aufgenommen hat, sind die Gäste zu Hause geblieben. Auch ohne Verbot", sagt Roberto Gonzalez, Inhaber des spanischen Restaurants „El Toro" am Simeonsplatz. Er selbst habe sein Lokal wegen der zuvor geltenden Maßnahmen in NRW bereits am Dienstag, 17. März, geschlossen. „Wir öffnen seit mehr als 23 Jahren erst um 18 Uhr. Ein Mittagstisch macht an unserem Standort keinen Sinn", erklärt der Gastronom. Zuvor war es unter mehreren Auflagen noch erlaubt Restaurants bis 18 Uhr, kurz darauf nur noch bis 15 Uhr zu öffnen.

Ähnlich erging es Wei-Jing Zhu, Geschäftsführerin des Buffet-Restaurants „China Star" in Hahlen. Dort habe es zwar schon immer täglich das Angebot in Form eines Mittagsbuffets gegeben. Doch das wurde in den Tagen vor den ersten Maßnahmen so wenig angenommen, dass sie ihren Betrieb am 16. März schloss. „Das war aber nicht der einzige Grund", wie Zhu zu verstehen gibt. „Wir haben es auch aus Schutz unserer Angestellten und Gäste gemacht. Das Corona-Virus ist gefährlich und deswegen haben wir uns bereits im Vorfeld zu diesem Schritt entschlossen."

Große Ängste, aber auch Gelassenheit

Das Menü steht noch auf der Tafel, doch bestellen kann es niemand mehr: Auch der Italiener "Paradiso" hat geschlossen - und macht sich viele Gedanken darüber, wie es weitergehen wird.
Das Menü steht noch auf der Tafel, doch bestellen kann es niemand mehr: Auch der Italiener "Paradiso" hat geschlossen - und macht sich viele Gedanken darüber, wie es weitergehen wird.

Die Schließung bedeuten für nahezu alle Gastronomen ein riesiges Verlustgeschäft. Für diejenigen, die über keinen Lieferdienst verfügen, sind von heute auf morgen alle Einnahmen weggebrochen. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", sind die ersten Worte, die Manuel Castanheira, Inhaber des Mindener Edel-Italieners „Paradiso", angesprochen auf die Corona-Krise über die Lippen kommen. „Es geht uns jetzt allen schlecht. Manchen mehr, manchen weniger." Er selbst hat große Sorge, wie sehr die aktuelle Situation die Weiterführung seines Betriebs gefährden könne. „Erst wussten wir ja gar nicht, was es für Hilfen geben soll", sagt er. Doch auch mit dem Hilfspaket wird es kritisch: „Wenn wir bis in den Mai geschlossen haben, wird es schwierig. Irgendwann geht es nicht mehr." Laufende Kosten, Verträge mit Lieferanten, Wäschereien und Vieles mehr müssten bedient werden. Er hoffe dabei vor allem auf Solidarität und gegenseitiges Entgegenkommen: „Das ist in der Situation am Wichtigsten."

Die Sorgen von Castanheira teilen viele Kollegen, zeigen sich zum Teil jedoch gelassener. „Es ist ja nicht so, dass wir jetzt das Geschäft unseres Lebens machen würden, wenn wir öffnen dürften", meint Roberto Gonzalez vom „El Toro". Er stehe im ständigen Kontakt mit seinem Steuerberater, durchforste das Internet und arbeite unentwegt. „Ich schaue, dass ich das Beste aus der Situation machen – auch für meine Mitarbeiter." Jörg Mallwitz, Inhaber des Restaurants „Zum seriösen Fußgänger", nimmt die Zwangspause pragmatisch und versucht Dinge zu erledigen, zu der er sonst keine Zeit hätte. „Ich arbeite an der Elektronik, bringe die in Schuss. Außerdem habe ich 50 Kilogramm Walnüsse und 50 Erdnüsse geknackt und gemahlen. Daraus machen wir Pesto", sagt der Kult-Gastronom. Dass er schließen musste, sei natürlich nicht schön, aber: „Was sollen wir denn machen? Wäre es nach mir gegangen, hätte es sogar eher passieren müssen." Auch Ulrich Knollmann sieht das so ähnlich und bricht zudem eine Lanze für die Regierung: „Dass die ganzen Hilfspakete so schnell geschnürt wurden, ist eine gute Sache. Ich stehe da voll hinter."

Nektarios Bragkas, Inhaber des griechischen Lokals „Kreta", sorgt sich derweil vor allem um seine Mitarbeiter „Gerade für sie ist es hart. Die Festangestellten nehmen derzeit Resturlaub, für die Mini-Jobber gibt es jetzt leider keine Arbeit mehr." Das trifft die Unternehmer persönlich. „Es ist ja nicht so, dass es für uns eine harte Zeit ist. Das gilt ja vor allem für unsere Mitarbeiter. Sie haben auch alle Kosten, die gedeckt werden müssen." Gonzalez plant mit Hilfe der NRW-Soforthilfe eine Lösung für die zahlreichen 450-Euro-Jobber. „Wie genau ich das umsetze, weiß ich noch nicht. Aber da lasse ich mir schon etwas einfallen."

Drive-In, Abholung und Lieferdienste

Der Betrieb läuft: Die Filialen der Fast-Food-Kette McDonald's in Minden und Porta Westfalica haben den Drive-In für ihre Kunden geöffnet.
Der Betrieb läuft: Die Filialen der Fast-Food-Kette McDonald's in Minden und Porta Westfalica haben den Drive-In für ihre Kunden geöffnet.

Neben den klassischen Restaurants gibt es in Minden und Umgebung auch System-Gastronomie wie beispielsweise bei Burger King und McDonald's. Während der Erstgenannte schon lange einen Lieferdienst etabliert hat, gibt es den beim Zweigenannten nicht. „Wir haben allerdings unseren McDrive, durch den wir die Kunden weiter bedienen könen", erklärt Jan Brüggemann, der für die Social-Media-Auftritte der heimischen McDonald's-Filialen zuständig ist. Diese, unter anderem die Filialen in Minden und beide in Porta, gehören allesamt der GWK Verwaltungs GmbH als Franchise-Nehmer an. „Aber auch bei uns sind die Umsätze natürlich massiv eingebrochen", sagt Brüggemann, der jedoch froh ist, dass der Betrieb zumindest auf diese Art und Weise weiterlaufen kann. So wurde zum Beispiel auch der Drive-In für Radfahrer und Fußgänger geöffnet. „Damit haben wir in unserer Umbauphase schon gute Erfahrungen gemacht. Außerdem wäre es Lkw-Fahrern zum Beispiel sonst gar nicht möglich, sich etwas zu Essen zu holen."

Das Restaurant Kreta hatte zuvor keinen Lieferdienst, aber nun aus der Not eine Tugend gemacht. „Wozu den Kopf in den Sand stecken? Ich koche im Moment allein und meine Familie liefert aus", sagt Nektarios Bragkas. Das reiche zwar gerade so zum Leben, aber immerhin sei es Etwas. „Und die Kunden nehmen es gut an, freuen sich und sind unheimlich nett. Teilweise bekommen wir mit dem Hinweis auf die schwere Zeit sehr viel Trinkgeld. Das zeigt, dass diese Krise die Menschen zusammenschweißt."

"Vielleicht nach Ostern": Je nachdem, wie lange der "Fugänger" geschlossen bleiben muss, überlegt Inhaber Jörg Mallwitz eine Abholung der Speisen anzubieten.
"Vielleicht nach Ostern": Je nachdem, wie lange der "Fugänger" geschlossen bleiben muss, überlegt Inhaber Jörg Mallwitz eine Abholung der Speisen anzubieten.

Beim „Fußgänger" macht es Jörg Mallwitz von der Dauer der Schließung abhängig. „Ich habe mir da schon ein paar Gedanken zu gemacht, weil ich unheimlich viele Anrufe erhalten habe, ob ich etwas liefern würde", erklärt er. Das kommt für ihn aber eher nicht in Frage – dann schon eher eine Abholung. „Vielleicht nach Ostern", überlegt er. Am liebsten würde er es so organisieren, dass die Kundschaft dann eigenes Geschirr oder Behälter mitbrächte: „Dann produzieren wir keinen Müll." Wenn es so weit sein sollte, würde er dies jedoch noch einmal größer ankündigen.

„Die Knolle", das „Paradiso", „China Star" und das „El Toro" haben vorerst keine Pläne dieser Art geschmiedet. „Wir leben von unserem Ambiente", sagt beispielsweise Manuel Castanheira, der auch schon Anfragen der Stammkundschaft erhalten habe: „Aber das sind so wenige, dass es sich nicht lohnen wird, sondern noch mehr Kosten verursacht."

Kurzarbeit, Resturlaub und Mitarbeiterverlust

In der Krise müssen alle Gastronomen auf das Werkzeug Kurzarbeit zurückgreifen. „Für die Festangestellten haben wir das angemeldet", erklären sie unisono – sowohl McDonalds mit vielen Mitarbeitern in insgesamt neun Filialen, als auch die einzelnen Restaurants. „Bei uns haben auch einige Leute noch Urlaub genommen. Die werden natürlich ganz normal bezahlt", erklärt Nektarios Bragkas. Viele Mitarbeiter hätten Existenzängste, wie zum Beispiel „Paradiso"-Chef Manuel Castanheira darlegt: „Die Leute kommen zu mir und fragen: 'Chef, was sollen wir jetzt tun?' Und ich kann ihnen auch keine Sicherheiten geben, weil alles in der Schwebe ist." In diesem Zuge habe er schon drei Mitarbeiter verloren, die nun in Branchen tätig seien, in der händeringend nach Personal gesucht wird. „Das verstehe ich total. Ob sie danach zurückkehren? Das glaube ich nicht", sagt der Gastronom.

Bei McDonald's prüfe man aktuell die Kooperation mit Aldi über eine Personalpartnerschaft. „Da laufen Gespräche mit den Mitarbeitern, ob sie sich das vorstellen können", sagt Brüggemann. Diese deutschlandweite Kooperation solle ganz unbürokratisch ablaufen, Erfahrungen habe es in Minden und Porta Westfalica aber bisher noch keine gegeben.

Dieser Aushang im "El Toro" am Simeonsplatz weist die Kunden auf die Schließung hin. Um die Verluste zu kompensieren, wird es in diesem Jahr wohl keine Betriebsferien geben.
Dieser Aushang im "El Toro" am Simeonsplatz weist die Kunden auf die Schließung hin. Um die Verluste zu kompensieren, wird es in diesem Jahr wohl keine Betriebsferien geben.

„Wir werden wahrscheinlich unsere geplante Betriebsferien streichen", sagt Roberto Gonzalez vom „El Toro" und stellt damit einen weiteren Ansatz vor. „Das habe ich mit den Mitarbeitern schon so weit gesprochen. Das wären ein paar Wochen im Sommer gewesen. Aber zweimal im Jahr ist das nicht möglich", erklärt der Spanier. Sollten die Schließung nicht noch weitere Monate dauern, könne der Schaden darüber minimiert werden.

Alle einig: Schließung musste erfolgen

„Ich kann doch nicht mein persönliches Schicksal über das Allgemeinwohl der Gesellschaft stellen", sagt Gonzalez und ist völlig einverstanden mit den Maßnahmen, die sowohl die Bundes- als auch die Landesregierung getroffen hat. In diesem Punkt betont auch Jan Brüggemann die gute Zusammenarbeit mit den Akteuren der Stadt und des Kreises. „Bei Fragen wurde uns immer eine helfende Hand gereicht. Der Draht zu den Behörden war sehr gut."

In Puncto Schließung denken alle Gastronomen gleich: Diese Schließung musste erfolgen ist der einstimmige Tenor. „Das hat alles seine Richtigkeit", sagt zum Beispiel Nektarios Bragkas. Sie alle seien zwar betroffen und würden unter den Auswirkungen leiden: „Aber da geht es nur um Geld. Gesundheit ist doch viel wichtiger. Ich hoffe, dass die Menschen das auch begreifen und diese Krise etwas Positives mit sich bringt – mehr Menschlichkeit."

NRW-Soforthilfe: Das ist wichtig für die Gastronomie

  • Seit Freitag gibt es die NRW-Soforthilfe, die auf dem Corona-Hilfepaket der Bundesregierung beruht. Damit werden Antragsberechtigte mit bis zu 25.000 Euro gefördert.
  • Voraussetzung der Förderung sind erhebliche Finanzierungsengpässe und wirtschaftliche Schwierigkeiten in Folge von Corona. Dafür gibt es verschiedene Voraussetzungen.
  • Bei Restaurants greift der Passus, dass die Möglichkeiten den Umsatz zu erzielen durch eine behördliche Auflage im Zusammenhang mit der Covid-19 Pandemie massiv eingeschränkt wurde. Die Soforthilfe ist ein einmaliger, nicht zurückzahlbarer Zuschuss. Sie ist gestaffelt nach der Zahl der Beschäftigten und beträgt 9.000 Euro (bis zu fünf Beschäftigte), 15.000 Euro (bis zu zehn Beschäftigte) oder 25.000 Euro (bis zu 50 Beschäftigte).
  • Wichtig für die Gastronomie ist in diesem Zusammenhang die Berechnung der Mitarbeiter auf 450 Euro-Basis. Diese werden mit dem Faktor 0,3 berechnet. Zehn Mitarbeiter auf dieser Basis entsprechen also drei Vollzeit-Beschäftigten.
  • Der Antrag ist online ausfüllbar: soforthilfe-corona.nrw.de (ps)

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MindenExistenzangst, Zweifel, Hoffnung: Mindener Gastronomen sprechen üer Corona-KrisePatrick SchwemlingMinden. Die Auswirkungen der Corona-Krise hat die Mindener Gastronomen hart getroffen. „Von hundert auf null", sagt Ulrich Knollmann, Inhaber des Restaurants „Die Knolle", und beschreibt damit treffend, was auch zahlreiche seiner Kollegen im MT-Gespräch schildern. Dort, wo sich vor einigen Wochen noch Tag für Tag mehrere hundert Menschen trafen, herrscht gähnende Leere. Keine bis wenige Einnahmen, aber weiter laufende Kosten. Genau wie große Teile des Einzelhandels stehen auch die Gastronomen vor einer ungewissen Zukunft. Dennoch zeigen sie sich optimistisch, erfinderisch, solidarisch und hoffen auf bessere Zeiten. Erste Auswirkungen vor den Maßnahmen Spätestens mit dem Beschluss der Bundesregierung am 22. März war klar, dass alle Restaurants – abgesehen von der Möglichkeit der Abholung und des Lieferservice – komplett geschlossen werden müssen. „Man hat natürlich vorher schon gemerkt, dass das Geschäft deutlich abnimmt. Als das Thema Coronavirus Fahrt aufgenommen hat, sind die Gäste zu Hause geblieben. Auch ohne Verbot", sagt Roberto Gonzalez, Inhaber des spanischen Restaurants „El Toro" am Simeonsplatz. Er selbst habe sein Lokal wegen der zuvor geltenden Maßnahmen in NRW bereits am Dienstag, 17. März, geschlossen. „Wir öffnen seit mehr als 23 Jahren erst um 18 Uhr. Ein Mittagstisch macht an unserem Standort keinen Sinn", erklärt der Gastronom. Zuvor war es unter mehreren Auflagen noch erlaubt Restaurants bis 18 Uhr, kurz darauf nur noch bis 15 Uhr zu öffnen. Ähnlich erging es Wei-Jing Zhu, Geschäftsführerin des Buffet-Restaurants „China Star" in Hahlen. Dort habe es zwar schon immer täglich das Angebot in Form eines Mittagsbuffets gegeben. Doch das wurde in den Tagen vor den ersten Maßnahmen so wenig angenommen, dass sie ihren Betrieb am 16. März schloss. „Das war aber nicht der einzige Grund", wie Zhu zu verstehen gibt. „Wir haben es auch aus Schutz unserer Angestellten und Gäste gemacht. Das Corona-Virus ist gefährlich und deswegen haben wir uns bereits im Vorfeld zu diesem Schritt entschlossen." Große Ängste, aber auch Gelassenheit Die Schließung bedeuten für nahezu alle Gastronomen ein riesiges Verlustgeschäft. Für diejenigen, die über keinen Lieferdienst verfügen, sind von heute auf morgen alle Einnahmen weggebrochen. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", sind die ersten Worte, die Manuel Castanheira, Inhaber des Mindener Edel-Italieners „Paradiso", angesprochen auf die Corona-Krise über die Lippen kommen. „Es geht uns jetzt allen schlecht. Manchen mehr, manchen weniger." Er selbst hat große Sorge, wie sehr die aktuelle Situation die Weiterführung seines Betriebs gefährden könne. „Erst wussten wir ja gar nicht, was es für Hilfen geben soll", sagt er. Doch auch mit dem Hilfspaket wird es kritisch: „Wenn wir bis in den Mai geschlossen haben, wird es schwierig. Irgendwann geht es nicht mehr." Laufende Kosten, Verträge mit Lieferanten, Wäschereien und Vieles mehr müssten bedient werden. Er hoffe dabei vor allem auf Solidarität und gegenseitiges Entgegenkommen: „Das ist in der Situation am Wichtigsten." Die Sorgen von Castanheira teilen viele Kollegen, zeigen sich zum Teil jedoch gelassener. „Es ist ja nicht so, dass wir jetzt das Geschäft unseres Lebens machen würden, wenn wir öffnen dürften", meint Roberto Gonzalez vom „El Toro". Er stehe im ständigen Kontakt mit seinem Steuerberater, durchforste das Internet und arbeite unentwegt. „Ich schaue, dass ich das Beste aus der Situation machen – auch für meine Mitarbeiter." Jörg Mallwitz, Inhaber des Restaurants „Zum seriösen Fußgänger", nimmt die Zwangspause pragmatisch und versucht Dinge zu erledigen, zu der er sonst keine Zeit hätte. „Ich arbeite an der Elektronik, bringe die in Schuss. Außerdem habe ich 50 Kilogramm Walnüsse und 50 Erdnüsse geknackt und gemahlen. Daraus machen wir Pesto", sagt der Kult-Gastronom. Dass er schließen musste, sei natürlich nicht schön, aber: „Was sollen wir denn machen? Wäre es nach mir gegangen, hätte es sogar eher passieren müssen." Auch Ulrich Knollmann sieht das so ähnlich und bricht zudem eine Lanze für die Regierung: „Dass die ganzen Hilfspakete so schnell geschnürt wurden, ist eine gute Sache. Ich stehe da voll hinter." Nektarios Bragkas, Inhaber des griechischen Lokals „Kreta", sorgt sich derweil vor allem um seine Mitarbeiter „Gerade für sie ist es hart. Die Festangestellten nehmen derzeit Resturlaub, für die Mini-Jobber gibt es jetzt leider keine Arbeit mehr." Das trifft die Unternehmer persönlich. „Es ist ja nicht so, dass es für uns eine harte Zeit ist. Das gilt ja vor allem für unsere Mitarbeiter. Sie haben auch alle Kosten, die gedeckt werden müssen." Gonzalez plant mit Hilfe der NRW-Soforthilfe eine Lösung für die zahlreichen 450-Euro-Jobber. „Wie genau ich das umsetze, weiß ich noch nicht. Aber da lasse ich mir schon etwas einfallen." Drive-In, Abholung und Lieferdienste Neben den klassischen Restaurants gibt es in Minden und Umgebung auch System-Gastronomie wie beispielsweise bei Burger King und McDonald's. Während der Erstgenannte schon lange einen Lieferdienst etabliert hat, gibt es den beim Zweigenannten nicht. „Wir haben allerdings unseren McDrive, durch den wir die Kunden weiter bedienen könen", erklärt Jan Brüggemann, der für die Social-Media-Auftritte der heimischen McDonald's-Filialen zuständig ist. Diese, unter anderem die Filialen in Minden und beide in Porta, gehören allesamt der GWK Verwaltungs GmbH als Franchise-Nehmer an. „Aber auch bei uns sind die Umsätze natürlich massiv eingebrochen", sagt Brüggemann, der jedoch froh ist, dass der Betrieb zumindest auf diese Art und Weise weiterlaufen kann. So wurde zum Beispiel auch der Drive-In für Radfahrer und Fußgänger geöffnet. „Damit haben wir in unserer Umbauphase schon gute Erfahrungen gemacht. Außerdem wäre es Lkw-Fahrern zum Beispiel sonst gar nicht möglich, sich etwas zu Essen zu holen." Das Restaurant Kreta hatte zuvor keinen Lieferdienst, aber nun aus der Not eine Tugend gemacht. „Wozu den Kopf in den Sand stecken? Ich koche im Moment allein und meine Familie liefert aus", sagt Nektarios Bragkas. Das reiche zwar gerade so zum Leben, aber immerhin sei es Etwas. „Und die Kunden nehmen es gut an, freuen sich und sind unheimlich nett. Teilweise bekommen wir mit dem Hinweis auf die schwere Zeit sehr viel Trinkgeld. Das zeigt, dass diese Krise die Menschen zusammenschweißt." Beim „Fußgänger" macht es Jörg Mallwitz von der Dauer der Schließung abhängig. „Ich habe mir da schon ein paar Gedanken zu gemacht, weil ich unheimlich viele Anrufe erhalten habe, ob ich etwas liefern würde", erklärt er. Das kommt für ihn aber eher nicht in Frage – dann schon eher eine Abholung. „Vielleicht nach Ostern", überlegt er. Am liebsten würde er es so organisieren, dass die Kundschaft dann eigenes Geschirr oder Behälter mitbrächte: „Dann produzieren wir keinen Müll." Wenn es so weit sein sollte, würde er dies jedoch noch einmal größer ankündigen. „Die Knolle", das „Paradiso", „China Star" und das „El Toro" haben vorerst keine Pläne dieser Art geschmiedet. „Wir leben von unserem Ambiente", sagt beispielsweise Manuel Castanheira, der auch schon Anfragen der Stammkundschaft erhalten habe: „Aber das sind so wenige, dass es sich nicht lohnen wird, sondern noch mehr Kosten verursacht." Kurzarbeit, Resturlaub und Mitarbeiterverlust In der Krise müssen alle Gastronomen auf das Werkzeug Kurzarbeit zurückgreifen. „Für die Festangestellten haben wir das angemeldet", erklären sie unisono – sowohl McDonalds mit vielen Mitarbeitern in insgesamt neun Filialen, als auch die einzelnen Restaurants. „Bei uns haben auch einige Leute noch Urlaub genommen. Die werden natürlich ganz normal bezahlt", erklärt Nektarios Bragkas. Viele Mitarbeiter hätten Existenzängste, wie zum Beispiel „Paradiso"-Chef Manuel Castanheira darlegt: „Die Leute kommen zu mir und fragen: 'Chef, was sollen wir jetzt tun?' Und ich kann ihnen auch keine Sicherheiten geben, weil alles in der Schwebe ist." In diesem Zuge habe er schon drei Mitarbeiter verloren, die nun in Branchen tätig seien, in der händeringend nach Personal gesucht wird. „Das verstehe ich total. Ob sie danach zurückkehren? Das glaube ich nicht", sagt der Gastronom. Bei McDonald's prüfe man aktuell die Kooperation mit Aldi über eine Personalpartnerschaft. „Da laufen Gespräche mit den Mitarbeitern, ob sie sich das vorstellen können", sagt Brüggemann. Diese deutschlandweite Kooperation solle ganz unbürokratisch ablaufen, Erfahrungen habe es in Minden und Porta Westfalica aber bisher noch keine gegeben. „Wir werden wahrscheinlich unsere geplante Betriebsferien streichen", sagt Roberto Gonzalez vom „El Toro" und stellt damit einen weiteren Ansatz vor. „Das habe ich mit den Mitarbeitern schon so weit gesprochen. Das wären ein paar Wochen im Sommer gewesen. Aber zweimal im Jahr ist das nicht möglich", erklärt der Spanier. Sollten die Schließung nicht noch weitere Monate dauern, könne der Schaden darüber minimiert werden. Alle einig: Schließung musste erfolgen „Ich kann doch nicht mein persönliches Schicksal über das Allgemeinwohl der Gesellschaft stellen", sagt Gonzalez und ist völlig einverstanden mit den Maßnahmen, die sowohl die Bundes- als auch die Landesregierung getroffen hat. In diesem Punkt betont auch Jan Brüggemann die gute Zusammenarbeit mit den Akteuren der Stadt und des Kreises. „Bei Fragen wurde uns immer eine helfende Hand gereicht. Der Draht zu den Behörden war sehr gut." In Puncto Schließung denken alle Gastronomen gleich: Diese Schließung musste erfolgen ist der einstimmige Tenor. „Das hat alles seine Richtigkeit", sagt zum Beispiel Nektarios Bragkas. Sie alle seien zwar betroffen und würden unter den Auswirkungen leiden: „Aber da geht es nur um Geld. Gesundheit ist doch viel wichtiger. Ich hoffe, dass die Menschen das auch begreifen und diese Krise etwas Positives mit sich bringt – mehr Menschlichkeit." NRW-Soforthilfe: Das ist wichtig für die Gastronomie Seit Freitag gibt es die NRW-Soforthilfe, die auf dem Corona-Hilfepaket der Bundesregierung beruht. Damit werden Antragsberechtigte mit bis zu 25.000 Euro gefördert. Voraussetzung der Förderung sind erhebliche Finanzierungsengpässe und wirtschaftliche Schwierigkeiten in Folge von Corona. Dafür gibt es verschiedene Voraussetzungen. Bei Restaurants greift der Passus, dass die Möglichkeiten den Umsatz zu erzielen durch eine behördliche Auflage im Zusammenhang mit der Covid-19 Pandemie massiv eingeschränkt wurde. Die Soforthilfe ist ein einmaliger, nicht zurückzahlbarer Zuschuss. Sie ist gestaffelt nach der Zahl der Beschäftigten und beträgt 9.000 Euro (bis zu fünf Beschäftigte), 15.000 Euro (bis zu zehn Beschäftigte) oder 25.000 Euro (bis zu 50 Beschäftigte). Wichtig für die Gastronomie ist in diesem Zusammenhang die Berechnung der Mitarbeiter auf 450 Euro-Basis. Diese werden mit dem Faktor 0,3 berechnet. Zehn Mitarbeiter auf dieser Basis entsprechen also drei Vollzeit-Beschäftigten. Der Antrag ist online ausfüllbar: soforthilfe-corona.nrw.de (ps)