Standpunkt zu sozialen Netzwerken in Corona-Zeiten: Ich krieg die Krise

Nina Könemann

Bevor sich jemand wundert, was mein Name hier macht, lege ich die Karten lieber direkt auf den Tisch: Ja, ich bin eigentlich gerade in Elternzeit und nein, dann darf man nicht arbeiten. Weiß ich. Aber bevor Sie nun den Zeigefinger heben: Ich kriege hierfür kein Geld, ich schreibe mir dafür keine Stunde auf und werde meine Kollegen nach meiner Rückkehr auch nicht damit nerven, dass ich Fleißbienchen ja was getan habe, obwohl ich es nicht musste. Ich mache das hier rein für mich, denn ich kriege die Krise. Und Sie helfen dabei mit.

Ich habe eben das Bad geputzt. Dieser Raum hat insgesamt 3,2 Quadratmeter und während ich den Feudel schwang, lag ein Säugling auf einem Kissen auf den Fliesen vor mir – er wollte nicht allein sein – und eine Dreijährige saß auf einem Hocker daneben – auch sie wollte nicht alleine sein. Ein Zustand, den ich gerade schwer nachvollziehen kann. Warum ich all das erwähne? Weil Sie es nicht wissen. Ich habe von diesem – zugegebenermaßen leicht absurden – Bild kein Foto in den Sozialen Netzwerken hochgeladen um mitzuteilen, dass ich ja #zuhausebleibe. Ich habe es in keiner Story gezeigt mit einem #familytime-Hashtag. Ebenso wenig habe ich gestern der halben Welt mitgeteilt, dass meine Kinder trotz Corona noch an die Luft kommen (#draußenkinder) oder was zu essen kriegen (#selbstgekocht). Damit dürfte ich derzeit zu einer raren Spezies gehören.

Was müssen das noch für Zeiten gewesen sein, als man eine Krise mal so richtig doof finden konnte ohne darauf zu achten, wie das nach außen wirkt. Wer derzeit auf Instagram unterwegs ist, könnte meinen, wir befinden uns alle in der Zeit unseres Lebens. Es ist ein Fest der Super-Mütter und Altruisten, Home-Office-Experten und Danke-Sagern. Statt Lagerkoller-Fotos werde ich erschlagen von Selbstgebasteltem, fröhlichen Familienfotos und guten Tipps für meinen Alltag. Alle kochen offenbar gesund, machen den Garten schön und entdecken die Liebe zu ihren Kindern neu. In der Einsamkeit feiern wir den Zusammenhalt als gäbe es kein Morgen. Angesichts der Tatsache, dass mir hier aufgrund einiger Hamsterer das Klopapier ausgeht, kann ich darüber nur müde lachen.

Deswegen bin ich ehrlich: Mich nervt es, dass ich von allen nur Gutes höre. „Noch ist alles schön, ganz harmonisch, wir basteln viel. Endlich hat man Zeit und kann jeden Tag kochen.“ Das ist doch gelogen. Ich will nicht die Einzige sein, der hier die Decke auf den Kopf fällt, die genervt von ihren Kindern ist und der der Haushalt jetzt schon auf den Sender geht. Ich fühle mich Ihnen allen viel näher, wenn sie ehrlich sind und schreiben: Das gerade ist vielleicht notwendig, aber es ist auch eine große Scheiße.

Denn wir wachsen nicht zusammen, wenn wir uns gegenseitig unsere perfekte Welt vorspielen und uns dadurch wieder abgrenzen. Und wir sind auch keine Helden, nur weil wir eine staatlich angeordnete Kontaktsperre als solche umsetzen. Wir sind nicht besser, weil wir andere auf Instagram auffordern nett im Supermarkt zu sein. Also Bitte: Hören wir auf damit. Es nervt.

Ich habe nach unserem harmonischen #Zusammenhalt im Bad übrigens Maggi Fix gekocht, gebastelt haben wir die ganze Woche noch nicht und meine Tochter und ich haben uns heute schon drei Mal angeschrien. In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende #wirbleibenzuhause

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Standpunkt zu sozialen Netzwerken in Corona-Zeiten: Ich krieg die KriseNina KönemannBevor sich jemand wundert, was mein Name hier macht, lege ich die Karten lieber direkt auf den Tisch: Ja, ich bin eigentlich gerade in Elternzeit und nein, dann darf man nicht arbeiten. Weiß ich. Aber bevor Sie nun den Zeigefinger heben: Ich kriege hierfür kein Geld, ich schreibe mir dafür keine Stunde auf und werde meine Kollegen nach meiner Rückkehr auch nicht damit nerven, dass ich Fleißbienchen ja was getan habe, obwohl ich es nicht musste. Ich mache das hier rein für mich, denn ich kriege die Krise. Und Sie helfen dabei mit. Ich habe eben das Bad geputzt. Dieser Raum hat insgesamt 3,2 Quadratmeter und während ich den Feudel schwang, lag ein Säugling auf einem Kissen auf den Fliesen vor mir – er wollte nicht allein sein – und eine Dreijährige saß auf einem Hocker daneben – auch sie wollte nicht alleine sein. Ein Zustand, den ich gerade schwer nachvollziehen kann. Warum ich all das erwähne? Weil Sie es nicht wissen. Ich habe von diesem – zugegebenermaßen leicht absurden – Bild kein Foto in den Sozialen Netzwerken hochgeladen um mitzuteilen, dass ich ja #zuhausebleibe. Ich habe es in keiner Story gezeigt mit einem #familytime-Hashtag. Ebenso wenig habe ich gestern der halben Welt mitgeteilt, dass meine Kinder trotz Corona noch an die Luft kommen (#draußenkinder) oder was zu essen kriegen (#selbstgekocht). Damit dürfte ich derzeit zu einer raren Spezies gehören. Was müssen das noch für Zeiten gewesen sein, als man eine Krise mal so richtig doof finden konnte ohne darauf zu achten, wie das nach außen wirkt. Wer derzeit auf Instagram unterwegs ist, könnte meinen, wir befinden uns alle in der Zeit unseres Lebens. Es ist ein Fest der Super-Mütter und Altruisten, Home-Office-Experten und Danke-Sagern. Statt Lagerkoller-Fotos werde ich erschlagen von Selbstgebasteltem, fröhlichen Familienfotos und guten Tipps für meinen Alltag. Alle kochen offenbar gesund, machen den Garten schön und entdecken die Liebe zu ihren Kindern neu. In der Einsamkeit feiern wir den Zusammenhalt als gäbe es kein Morgen. Angesichts der Tatsache, dass mir hier aufgrund einiger Hamsterer das Klopapier ausgeht, kann ich darüber nur müde lachen. Deswegen bin ich ehrlich: Mich nervt es, dass ich von allen nur Gutes höre. „Noch ist alles schön, ganz harmonisch, wir basteln viel. Endlich hat man Zeit und kann jeden Tag kochen.“ Das ist doch gelogen. Ich will nicht die Einzige sein, der hier die Decke auf den Kopf fällt, die genervt von ihren Kindern ist und der der Haushalt jetzt schon auf den Sender geht. Ich fühle mich Ihnen allen viel näher, wenn sie ehrlich sind und schreiben: Das gerade ist vielleicht notwendig, aber es ist auch eine große Scheiße. Denn wir wachsen nicht zusammen, wenn wir uns gegenseitig unsere perfekte Welt vorspielen und uns dadurch wieder abgrenzen. Und wir sind auch keine Helden, nur weil wir eine staatlich angeordnete Kontaktsperre als solche umsetzen. Wir sind nicht besser, weil wir andere auf Instagram auffordern nett im Supermarkt zu sein. Also Bitte: Hören wir auf damit. Es nervt. Ich habe nach unserem harmonischen #Zusammenhalt im Bad übrigens Maggi Fix gekocht, gebastelt haben wir die ganze Woche noch nicht und meine Tochter und ich haben uns heute schon drei Mal angeschrien. In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende #wirbleibenzuhause