Minden

186 Tote: Heute vor 75 Jahren versank Minden in Schutt und Asche

Jürgen Langenkämper

Schneise der Verwüstung: Aus der Blickrichtung des Fotografen flog das Geschwader von zehn amerikanischen Bombern über die Innenstadt hinweg. Die Bomben trafen dabei auch den Dom, das Rathaus (am rechten Bildrand) und die Bebauung an der Höhenschwelle. Fotos: Horst Grätz/J.C.C. Bruns
Schneise der Verwüstung: Aus der Blickrichtung des Fotografen flog das Geschwader von zehn amerikanischen Bombern über die Innenstadt hinweg. Die Bomben trafen dabei auch den Dom, das Rathaus (am rechten Bildrand) und die Bebauung an der Höhenschwelle. Fotos: Horst Grätz/J.C.C. Bruns

Minden. In der Geschichte der Luftangriffe auf Minden war es bei Weitem nicht der größte – weder nach der Zahl der alliierten Bomber noch nach der Tonnage abgeworfener Bomben. Doch der 28. März 1945 brannte sich tiefer ein in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung als andere Daten und veränderte das Gesicht der historischen Stadt stärker als irgendein anderes Ereignis in so kurzer Zeit. Binnen weniger Minuten fielen der Dom und das Rathaus, die Bebauung des Scharns und in der Hohnstraße in Schutt und Asche. Auf Jahre und Jahrzehnte waren die Narben zu sehen. 186 Menschen, mehr als bei jedem anderen Bombenangriff auf Minden, kamen ums Leben.

Dabei war es nur ein kleines Geschwader der US Air Force gewesen, das an jenem „schwarzen Mittwoch“ um 11.10 Uhr, aus südöstlicher Richtung kommend, auf die Stadt zusteuerte und seine Bombenklappen öffnete. 30 Tonnen – eine vergleichsweise geringe Bombenlast, die bei Angriffen auf das Wasserstraßenkreuz bei Weitem übertroffen worden war – ging in einer schmalen Schneise auf das Stadtgebiet nieder. „Die Ziele erster Priorität von 891 Bombern und 345 eskortierenden Jägern liegen in den Räumen Berlin (1.038 Tonnen Bomben) und Hannover (1.259 Tonnen Bomben auf das Tanklager in Linden, das Hanomag-Gelände sowie den Ortsteil Hainholz)“, hat der Petershäger Hermann Kleinebenne bei den Recherchen für sein Buch „Die Weserlinie – Kriegsende 1945“ in britischen Archiven herausgefunden.

Bomben am Markt: Das Rathaus brannte, aber die Feuerwehr war zu einer paramilitärischen Übung außerhalb der Stadt.
Bomben am Markt: Das Rathaus brannte, aber die Feuerwehr war zu einer paramilitärischen Übung außerhalb der Stadt.

Aus diesem Verband löste sich ein Geschwader von zehn B-17-Bombern heraus, kreiste zunächst über dem Raum Detmold und nahm dann Kurs auf die Porta Westfalica. „Der Anflug auf Minden von Süden, der die Beobachtungen der deutschen Flugwachen gegen die Sonne erschweren sollte, war erfahrungsgemäß ein sicheres Zeichen dafür, dass ein Angriff auf Minden bevorstand“, schrieb der frühere Leiter des Kommunalarchivs Minden, Dr. Hans Nordsiek, in seinem Standardwerk „Die verdunkelte Stadt – Minden 1944/45“. Die Stadt sei an diesem Tag als „Gelegenheitsziel“ eingestuft gewesen, so Hermann Kleinebenne.

Wann genau die Flugzeuge ihre Bomben abwarfen, darüber gingen und gehen die Erinnerungen auseinander: 11.10 Uhr, wie es derzeit heißt (s. unten), 11.25 Uhr oder 11.45 Uhr. Auf jeden Fall ging alles sehr schnell. Augen- und Ohrenzeugen, die in Keller und Bunker geflüchtet waren, sprachen schon kurz danach von einer einzigen großen Explosion. Offenkundig hatte ein „Blockbuster“, eine Luftmine, mit seiner gewaltigen Detonationswelle den Stadtkern erschüttert und Dächer abgedeckt, damit Brandbomben besser in die Häuser gelangen konnten. Spreng- und Brandbomben gingen in dichter Folge über Minden nieder. Getroffen wurden das Rathaus, der Dom und das Stadthaus am Großen Domhof, in dem die örtliche Luftschutzleitung untergebracht war. Am Großen Domhof brannten die Kreisleitung, die frühere Deutsche Bank, die Domschänke, der Rest des Postamtes, die Dresdner Bank, die katholische Schule und das Haus Frerichs, am Kleinen Domhof die Kommandantur, die Stadtsparkasse, das Café Peters, das Zollamt und das Wirtshaus Wittekind. Die Hohn- und die Scharnstraße standen nahezu komplett in Flammen. Am Markt waren das Kaufhaus Becker, das Geschäft Keerl und Radio Brandt beschädigt. In der Oberstadt waren Häuser in der Kampstraße, darunter das Amtsgericht, und in der Greisenbruchstraße zerstört. Am Königswall wurden das Arbeitsamt und ein Luftschutzkeller der Spedition Topf getroffen.

Der Luftschutzkeller, der wie so viele andere nur eine trügerische Sicherheit bot, wurde aufgrund eines Volltreffers für mehr als 100 Menschen zur Todesfalle. Mehr als die Hälfte jener 186 Toten jenes Tages kam dort, auf dem Gelände des heutigen Gerichtszentrums, ums Leben. Zahllose Leichen aus dem Keller hätten am Königswall aufgereiht gelegen, erinnert sich der damals zwölfjährige Robert Kauffeld, der aus Barkhausen in die Stadt gelaufen war, wo er zur Mittelschule ging. Noch nach siebeneinhalb Jahrzehnten hat er die Bilder im Kopf: „Die Toten waren alle zugedeckt.“

Unter den Opfern waren, wie bei früheren Bombardements auf die Stadt, auch mindestens zehn ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, wie Hans Nordsiek recherchierte und 1995 schrieb. Lange waren sie bei offiziellen Anlässen und Berichten Kriegsende nicht mitgezählt oder auch nur erwähnt worden. Noch bis in die 1990er-Jahre hinein wurde an 171 Todesopfer erinnert – von 471 Ziviltoten und 792 Gefallenen, bezogen auf das Stadtgebiet vor der Gebietsreform 1973.

Dass ein weiterer, dann wohl viel größerer Luftangriff, der bereits für den 6. April 1945 geplant gewesen sein soll, um die Stadt für vorrückende Truppen sturmreif zu schießen, ausblieb, war dem vorzeitigen Einzug kanadischer Truppen zu verdanken. Dennoch kamen in den allerletzten Kriegstagen noch weitere 29 Zivilisten bei Kämpfen ums Leben.

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Minden186 Tote: Heute vor 75 Jahren versank Minden in Schutt und AscheJürgen LangenkämperMinden. In der Geschichte der Luftangriffe auf Minden war es bei Weitem nicht der größte – weder nach der Zahl der alliierten Bomber noch nach der Tonnage abgeworfener Bomben. Doch der 28. März 1945 brannte sich tiefer ein in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung als andere Daten und veränderte das Gesicht der historischen Stadt stärker als irgendein anderes Ereignis in so kurzer Zeit. Binnen weniger Minuten fielen der Dom und das Rathaus, die Bebauung des Scharns und in der Hohnstraße in Schutt und Asche. Auf Jahre und Jahrzehnte waren die Narben zu sehen. 186 Menschen, mehr als bei jedem anderen Bombenangriff auf Minden, kamen ums Leben. Dabei war es nur ein kleines Geschwader der US Air Force gewesen, das an jenem „schwarzen Mittwoch“ um 11.10 Uhr, aus südöstlicher Richtung kommend, auf die Stadt zusteuerte und seine Bombenklappen öffnete. 30 Tonnen – eine vergleichsweise geringe Bombenlast, die bei Angriffen auf das Wasserstraßenkreuz bei Weitem übertroffen worden war – ging in einer schmalen Schneise auf das Stadtgebiet nieder. „Die Ziele erster Priorität von 891 Bombern und 345 eskortierenden Jägern liegen in den Räumen Berlin (1.038 Tonnen Bomben) und Hannover (1.259 Tonnen Bomben auf das Tanklager in Linden, das Hanomag-Gelände sowie den Ortsteil Hainholz)“, hat der Petershäger Hermann Kleinebenne bei den Recherchen für sein Buch „Die Weserlinie – Kriegsende 1945“ in britischen Archiven herausgefunden. Aus diesem Verband löste sich ein Geschwader von zehn B-17-Bombern heraus, kreiste zunächst über dem Raum Detmold und nahm dann Kurs auf die Porta Westfalica. „Der Anflug auf Minden von Süden, der die Beobachtungen der deutschen Flugwachen gegen die Sonne erschweren sollte, war erfahrungsgemäß ein sicheres Zeichen dafür, dass ein Angriff auf Minden bevorstand“, schrieb der frühere Leiter des Kommunalarchivs Minden, Dr. Hans Nordsiek, in seinem Standardwerk „Die verdunkelte Stadt – Minden 1944/45“. Die Stadt sei an diesem Tag als „Gelegenheitsziel“ eingestuft gewesen, so Hermann Kleinebenne. Wann genau die Flugzeuge ihre Bomben abwarfen, darüber gingen und gehen die Erinnerungen auseinander: 11.10 Uhr, wie es derzeit heißt (s. unten), 11.25 Uhr oder 11.45 Uhr. Auf jeden Fall ging alles sehr schnell. Augen- und Ohrenzeugen, die in Keller und Bunker geflüchtet waren, sprachen schon kurz danach von einer einzigen großen Explosion. Offenkundig hatte ein „Blockbuster“, eine Luftmine, mit seiner gewaltigen Detonationswelle den Stadtkern erschüttert und Dächer abgedeckt, damit Brandbomben besser in die Häuser gelangen konnten. Spreng- und Brandbomben gingen in dichter Folge über Minden nieder. Getroffen wurden das Rathaus, der Dom und das Stadthaus am Großen Domhof, in dem die örtliche Luftschutzleitung untergebracht war. Am Großen Domhof brannten die Kreisleitung, die frühere Deutsche Bank, die Domschänke, der Rest des Postamtes, die Dresdner Bank, die katholische Schule und das Haus Frerichs, am Kleinen Domhof die Kommandantur, die Stadtsparkasse, das Café Peters, das Zollamt und das Wirtshaus Wittekind. Die Hohn- und die Scharnstraße standen nahezu komplett in Flammen. Am Markt waren das Kaufhaus Becker, das Geschäft Keerl und Radio Brandt beschädigt. In der Oberstadt waren Häuser in der Kampstraße, darunter das Amtsgericht, und in der Greisenbruchstraße zerstört. Am Königswall wurden das Arbeitsamt und ein Luftschutzkeller der Spedition Topf getroffen. Der Luftschutzkeller, der wie so viele andere nur eine trügerische Sicherheit bot, wurde aufgrund eines Volltreffers für mehr als 100 Menschen zur Todesfalle. Mehr als die Hälfte jener 186 Toten jenes Tages kam dort, auf dem Gelände des heutigen Gerichtszentrums, ums Leben. Zahllose Leichen aus dem Keller hätten am Königswall aufgereiht gelegen, erinnert sich der damals zwölfjährige Robert Kauffeld, der aus Barkhausen in die Stadt gelaufen war, wo er zur Mittelschule ging. Noch nach siebeneinhalb Jahrzehnten hat er die Bilder im Kopf: „Die Toten waren alle zugedeckt.“ Unter den Opfern waren, wie bei früheren Bombardements auf die Stadt, auch mindestens zehn ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, wie Hans Nordsiek recherchierte und 1995 schrieb. Lange waren sie bei offiziellen Anlässen und Berichten Kriegsende nicht mitgezählt oder auch nur erwähnt worden. Noch bis in die 1990er-Jahre hinein wurde an 171 Todesopfer erinnert – von 471 Ziviltoten und 792 Gefallenen, bezogen auf das Stadtgebiet vor der Gebietsreform 1973. Dass ein weiterer, dann wohl viel größerer Luftangriff, der bereits für den 6. April 1945 geplant gewesen sein soll, um die Stadt für vorrückende Truppen sturmreif zu schießen, ausblieb, war dem vorzeitigen Einzug kanadischer Truppen zu verdanken. Dennoch kamen in den allerletzten Kriegstagen noch weitere 29 Zivilisten bei Kämpfen ums Leben.