.

König der Kita: Der kleine Luuk ist das einzige Kind in der Notgruppe

Doris Christoph

„Alles meins“: Luuk gefällt die Zeit in der Notgruppe gut. Am Mittwoch feierte er seinen zweiten Geburtstag in der Kita Marienkäfer. Zu essen gab es Mini-Pizza und Schaumküsse. - © Foto: privat
„Alles meins“: Luuk gefällt die Zeit in der Notgruppe gut. Am Mittwoch feierte er seinen zweiten Geburtstag in der Kita Marienkäfer. Zu essen gab es Mini-Pizza und Schaumküsse. (© Foto: privat)

Minden. Kitas und Schulen sind wegen der Corona-Krise geschlossen, die Großeltern sollen nicht in die Betreuung einsteigen – vielen Eltern ging es am Freitag vor fast zwei Wochen wohl wie Alexandra Wenige und Thomas Brakemann: Sie waren ratlos. „Wir saßen zu Hause und haben überlegt, wie es weitergeht. Wir hatten keine Lösung“, berichtet die 37-Jährige. Ihre Kinder sind zwei, neun und 13 Jahre alt.

Erst am Sonntag stellte sich heraus, dass die beiden Polizisten als sogenannte Schlüsselpersonen einen Anspruch auf die Betreuung ihrer Kinder in Notgruppen haben. Schlüsselpersonen sind Angehörige von Berufsgruppen in kritischer Infrastruktur. Dass das Paar die älteren Kinder zu Hause behalten würde, stand schnell fest. Sie seien mit Hausaufgaben gut beschäftigt, sagt Alexandra Wenige. Kopfzerbrechen bereitete ihnen vor allem die Betreuung des kleinen Luuk.

Trotz der Notgruppen-Option haderten die Eltern. „Wir haben uns gefragt: Kann man ihm das antun?“, berichtet Alexandra Wenige. „Wir hatten das Gefühl, ihn wegen des Jobs abzuschieben.“ Außerdem müssten die Erzieherinnen nur seinetwegen kommen. Denn diese Woche ist Luuk das einzige Kind in der gesamten Kita Marienkäfer. Doch für die Betreuung zu Hause Urlaub zu nehmen, war auch nicht drin.

Ilona Hoffmann, Leiterin der Einrichtung des Kinderschutzbundes, kennt die Bedenken der Eltern. Natürlich sei der Kita-Besuch in dieser Zeit für die Kinder eine Umstellung, auf die sie vorbereitet werden müssten. „In den ersten Tagen fragen sie viel nach den Freunden.“ Die Erzieherinnen versuchen die Ausnahmesituation aufzufangen, in dem sie die Struktur etwas umbauten und mit den Kleinen andere Sachen als sonst machten. Das Kind gewöhne sich aber leichter daran, je weniger die Eltern ein schlechtes Gewissen hätten. Denn das bräuchten sie nicht zu haben. Das sagte sie auch Luuks Eltern. Seit Montag vergangener Woche besucht er nun die Notgruppe.

Rund 9.300 Schüler an öffentlichen Schulen und 2.915 Kita-Kinder sind in Minden von den Schließungen betroffen (das MT berichtete). Insgesamt wurden erst wenige Kinder von ihren Eltern für die Notbetreuung angemeldet. Zunächst galt der Anspruch nur, wenn beide Elternteile Schlüsselpersonen sind. Erst seit Montag muss nur noch ein Elternteil in einer Schlüsselposition sein. Zudem können nun auch Schlüsselpersonen ihr Kind in eine Notgruppe geben, die bislang noch keinen Betreuungsvertrag mit einer Einrichtung hatten. Insgesamt besuchen 18 Kinder in Minden an fünf Grundschulen und an zwei weiterführenden Schulen Notgruppen, so das Schulbüro der Stadt (Stand Mittwoch). In Kindertageseinrichtungen sind 36 Jungen und Mädchen in 24 Notgruppen untergebracht. An 23 Einrichtungen wurden sie eingerichtet. Zwei Gruppen gibt es laut Jugendamt in der Kita Arche. Die Kindertagespflege nutzen derzeit zehn Kinder.

Bislang gering sei die Nachfrage nach der neu eingerichteten Betreuung am Wochenende und in den Osterferien, berichten Jugendamt und Schulbüro. Lediglich drei Schüler wurden für dieses Wochenende angemeldet. Dass die Nachfrage mit der Zeit steigen wird, davon gehen die Ämter aus. Damit rechnet auch Ulrich Schlomann, Verwaltungsleiter im Kirchenkreis Minden, der für 16 Kindertageseinrichtungen im Mindener Gebiet spricht: Schon im Vergleich zur ersten Woche ist die Zahl der Kinder von 18 auf 24 gestiegen. „Das wird aus der Erweiterung der Schlüsselgruppen resultieren“, vermutet er. Wenn Urlaube und freie Tage aufgebraucht seien, würden sich wohl mehr Eltern melden.

Dann dürfte auch Luuk mehr Gesellschaft bekommen. Die Sorgen der Eltern sind mittlerweile verflogen: Der Junge fühlt sich als Kita-König pudelwohl, wie seine Mutter berichtet. „Er findet es richtig toll. Jeden Tag kümmern sich drei Erzieherinnen um ihn.“ Zudem könne er jetzt Sachen ausprobieren, die sonst ältere Kinder machten, wie etwa Brettspiele.

Am Mittwoch feierte Luuk sogar seinen zweiten Geburtstag in der Kita. Auch hier hatten Alexandra Wenige und Thomas Brakemann erst wieder ein schlechtes Gewissen. „Wir mussten an dem Tag arbeiten.“ Und die Feier zu Hause wurde abgesagt. Aber die Erzieherinnen bereiteten dem Geburtstagskind eine tolle Zeit mit vielen Spielen, Mini-Pizza und Schaumküssen. Mit einem Foto, dass sie den Eltern vom strahlenden Geburtstagskind schickten, waren die letzten Zweifel verflogen. „Er hatte einen tollen Tag“, sagt Luuks Mutter.

Diese Erfahrung wollten die Eltern teilen und wandten sich ans MT. „Die Erzieherinnen machen einen richtig tollen Job“, loben sie. Deren Arbeit und die Notgruppen seien Gold wert.

Gebühren

- Eltern müssen für die Kindertageseinrichtungen, die Kindertagespflege und für den Offenen Ganztag im April keine Gebühren zahlen.

- Damit fallen für die Stadt laut Schulbüro rund 80.000 Euro an Kosten im Bereich Offener Ganztag an.

- Für Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege kommen laut Jugendamt rund 328.000 Euro zusammen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

.König der Kita: Der kleine Luuk ist das einzige Kind in der NotgruppeDoris ChristophMinden. Kitas und Schulen sind wegen der Corona-Krise geschlossen, die Großeltern sollen nicht in die Betreuung einsteigen – vielen Eltern ging es am Freitag vor fast zwei Wochen wohl wie Alexandra Wenige und Thomas Brakemann: Sie waren ratlos. „Wir saßen zu Hause und haben überlegt, wie es weitergeht. Wir hatten keine Lösung“, berichtet die 37-Jährige. Ihre Kinder sind zwei, neun und 13 Jahre alt. Erst am Sonntag stellte sich heraus, dass die beiden Polizisten als sogenannte Schlüsselpersonen einen Anspruch auf die Betreuung ihrer Kinder in Notgruppen haben. Schlüsselpersonen sind Angehörige von Berufsgruppen in kritischer Infrastruktur. Dass das Paar die älteren Kinder zu Hause behalten würde, stand schnell fest. Sie seien mit Hausaufgaben gut beschäftigt, sagt Alexandra Wenige. Kopfzerbrechen bereitete ihnen vor allem die Betreuung des kleinen Luuk. Trotz der Notgruppen-Option haderten die Eltern. „Wir haben uns gefragt: Kann man ihm das antun?“, berichtet Alexandra Wenige. „Wir hatten das Gefühl, ihn wegen des Jobs abzuschieben.“ Außerdem müssten die Erzieherinnen nur seinetwegen kommen. Denn diese Woche ist Luuk das einzige Kind in der gesamten Kita Marienkäfer. Doch für die Betreuung zu Hause Urlaub zu nehmen, war auch nicht drin. Ilona Hoffmann, Leiterin der Einrichtung des Kinderschutzbundes, kennt die Bedenken der Eltern. Natürlich sei der Kita-Besuch in dieser Zeit für die Kinder eine Umstellung, auf die sie vorbereitet werden müssten. „In den ersten Tagen fragen sie viel nach den Freunden.“ Die Erzieherinnen versuchen die Ausnahmesituation aufzufangen, in dem sie die Struktur etwas umbauten und mit den Kleinen andere Sachen als sonst machten. Das Kind gewöhne sich aber leichter daran, je weniger die Eltern ein schlechtes Gewissen hätten. Denn das bräuchten sie nicht zu haben. Das sagte sie auch Luuks Eltern. Seit Montag vergangener Woche besucht er nun die Notgruppe. Rund 9.300 Schüler an öffentlichen Schulen und 2.915 Kita-Kinder sind in Minden von den Schließungen betroffen (das MT berichtete). Insgesamt wurden erst wenige Kinder von ihren Eltern für die Notbetreuung angemeldet. Zunächst galt der Anspruch nur, wenn beide Elternteile Schlüsselpersonen sind. Erst seit Montag muss nur noch ein Elternteil in einer Schlüsselposition sein. Zudem können nun auch Schlüsselpersonen ihr Kind in eine Notgruppe geben, die bislang noch keinen Betreuungsvertrag mit einer Einrichtung hatten. Insgesamt besuchen 18 Kinder in Minden an fünf Grundschulen und an zwei weiterführenden Schulen Notgruppen, so das Schulbüro der Stadt (Stand Mittwoch). In Kindertageseinrichtungen sind 36 Jungen und Mädchen in 24 Notgruppen untergebracht. An 23 Einrichtungen wurden sie eingerichtet. Zwei Gruppen gibt es laut Jugendamt in der Kita Arche. Die Kindertagespflege nutzen derzeit zehn Kinder. Bislang gering sei die Nachfrage nach der neu eingerichteten Betreuung am Wochenende und in den Osterferien, berichten Jugendamt und Schulbüro. Lediglich drei Schüler wurden für dieses Wochenende angemeldet. Dass die Nachfrage mit der Zeit steigen wird, davon gehen die Ämter aus. Damit rechnet auch Ulrich Schlomann, Verwaltungsleiter im Kirchenkreis Minden, der für 16 Kindertageseinrichtungen im Mindener Gebiet spricht: Schon im Vergleich zur ersten Woche ist die Zahl der Kinder von 18 auf 24 gestiegen. „Das wird aus der Erweiterung der Schlüsselgruppen resultieren“, vermutet er. Wenn Urlaube und freie Tage aufgebraucht seien, würden sich wohl mehr Eltern melden. Dann dürfte auch Luuk mehr Gesellschaft bekommen. Die Sorgen der Eltern sind mittlerweile verflogen: Der Junge fühlt sich als Kita-König pudelwohl, wie seine Mutter berichtet. „Er findet es richtig toll. Jeden Tag kümmern sich drei Erzieherinnen um ihn.“ Zudem könne er jetzt Sachen ausprobieren, die sonst ältere Kinder machten, wie etwa Brettspiele. Am Mittwoch feierte Luuk sogar seinen zweiten Geburtstag in der Kita. Auch hier hatten Alexandra Wenige und Thomas Brakemann erst wieder ein schlechtes Gewissen. „Wir mussten an dem Tag arbeiten.“ Und die Feier zu Hause wurde abgesagt. Aber die Erzieherinnen bereiteten dem Geburtstagskind eine tolle Zeit mit vielen Spielen, Mini-Pizza und Schaumküssen. Mit einem Foto, dass sie den Eltern vom strahlenden Geburtstagskind schickten, waren die letzten Zweifel verflogen. „Er hatte einen tollen Tag“, sagt Luuks Mutter. Diese Erfahrung wollten die Eltern teilen und wandten sich ans MT. „Die Erzieherinnen machen einen richtig tollen Job“, loben sie. Deren Arbeit und die Notgruppen seien Gold wert. Gebühren - Eltern müssen für die Kindertageseinrichtungen, die Kindertagespflege und für den Offenen Ganztag im April keine Gebühren zahlen. - Damit fallen für die Stadt laut Schulbüro rund 80.000 Euro an Kosten im Bereich Offener Ganztag an. - Für Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege kommen laut Jugendamt rund 328.000 Euro zusammen.