Minden

Rahe, Weng, Korte und Winkelmann: So arbeiten die heimischen Landtags-Politiker im Homeoffice

Thomas Lieske, Stefan Koch und Monika Jäger

Die Politiker sind normalerweise im NRW-Landtag zu Hause, jetzt arbeiten sie aus dem Homeoffice. Foto: Federico Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ - © Federico Gambarini
Die Politiker sind normalerweise im NRW-Landtag zu Hause, jetzt arbeiten sie aus dem Homeoffice. Foto: Federico Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (© Federico Gambarini)

Minden. Nicht nur das Volk, sondern auch dessen politische Vertreter, sind durch die Verordnungen zur Eindämmung von Infektionen durch das Coronavirus in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Der Zweck des Parlamentes – eine politische Willensbildung durch freie Rede herbeizuführen – ist nun weitgehend ins Homeoffice verlagert worden. Das bedeutet nicht, dass der Betrieb zum Erliegen gekommen ist.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Achim Post schilderte, wie er den Bundestag erlebte, als er über das milliardenschwere Hilfspaket beriet und dabei nur jeder dritte Platz im Bundestag besetzt werden konnte. „Man kommt sich schon einsam vor", meinte Post und beklagte, dass gerade jetzt das persönliche Gespräch fehle.

Auch die vier heimischen Landtagsabgeordneten für das Düsseldorfer Parlament berichten jetzt ähnliches. Während einige noch zu Terminen in die Landeshauptstadt reisen, haben sich andere mit dem Dauerplatz im Homeoffice arrangiert. Dabei ist der Kreativität im Umgang mit neuen Kommunikationsmitteln keine Grenze gesetzt. Viele setzten auf Videokonferenzen oder Mitteilungen in sozialen Netzwerken. Deutlich wird, dass diese Medien ein Provisorium und allenfalls eine Ergänzung zur politischen Kommunikationskultur sind, die nach dem Ende der Krise weiterhin im direkten Kontakt von Menschen erfolgen muss.

Bianca Winkelmann (CDU)

Laptop, Telefon, Smartphone: Bianca Winkelmann macht ihre politische Arbeit von zu Hause aus. - © Foto: privat
Laptop, Telefon, Smartphone: Bianca Winkelmann macht ihre politische Arbeit von zu Hause aus. (© Foto: privat)

Hier eine Telefonkonferenz, da eine Mail. Und die Plenar-Sondersitzung des NRW-Landtags nur auf dem Fernsehbildschirm: Die Minden-Lübbecker Abgeordnete Bianca Winkelmann (CDU) macht ihre Landtagsarbeit derzeit nur noch vom heimischen Schreibtisch aus. Homeoffice macht auch vor der Landespolitik keinen Halt.

„Es ist schon eine skurrile Situation, die Plenarsitzung zum Sonderhaushalt des Landes für die Corona-Krise nur zu Hause im Wohnzimmer verfolgen zu können", sagt Winkelmann im Gespräch mit dem MT. „Normalerweise würde ich selbst dort sitzen." Für diese besondere Zeit hätten die Fraktionen des Landtags eine besondere Absprache getroffen: „Für die Abstimmungen muss derzeit nur ein Drittel der Abgeordneten aus jeder Fraktion anwesend sein", erklärt die Abgeordnete, die als selbstständige landwirtschaftliche Unternehmerin in Preußisch Ströhen zu Hause ist.

Arbeitskreissitzungen finden derzeit nur als Telefonkonferenzen statt. Und auch für Ausschusssitzungen gelten derzeit besondere Absprachen, sagt Winkelmann. Sitzt nur ein Fraktionsvertreter in diesen Ausschüssen, hebt er bei einem Votum seinen Arm stellvertretend für alle Fraktionsmitglieder. „Da sind natürlich noch mehr Absprachen nötig, als sonst", erklärt Winkelmann. Auch ihr Büromitarbeiter sitze im Homeoffice. „Einmal die Woche wird der Briefkasten in Düsseldorfer Büro geleert."

Zu schaffen mache ihr, das sie derzeit keine persönlichen Termine in der Region wahrnehmen könne. Keine Besuche auf landwirtschaftlichen Höfe, keine Diskussionsrunden. „Dieser persönliche Kontakt fehlt mir sehr. „Jeden Tag leere sich der Kalender weiter, Veranstaltungen und Termine sind flächendeckend abgesagt. „Die gesamte Arbeit läuft über Telefon, Mail und WhatsApp." Das ersetze keinen persönlichen Kontakt, sei derzeit aber der einfachste Weg, um die politische Arbeit des Landes aufrecht zu erhalten. So müsse sich niemand Sorgen machen, dass Landespolitik zum Erliegen komme, betont Bianca Winkelmann.

Diese Regelungen gelten erst einmal bis nach Ostern. Was danach ist, wisse niemand. „Zum Glück sind die Osterferien sowieso sitzungsfrei. Das schlägt dann nicht mehr so ins Gewicht." Bei allem Bedauern über die momentane Situation ist für die Landtagsabgeordnete eines ganz klar: „Wir können den Leuten im Land ja keine Kontaktsperre vorgaukeln und dann uns selbst nicht daran halten. Das ist jetzt eben notwendig."

Kirstin Korte (CDU)

„Ein offenes Ohr haben, mich selber aber nicht zu wichtig nehmen“, das sei gerade ihr Motto, sagt CDU-Landtagsabgeordnete Kirstin Korte. - © Foto: privat
„Ein offenes Ohr haben, mich selber aber nicht zu wichtig nehmen“, das sei gerade ihr Motto, sagt CDU-Landtagsabgeordnete Kirstin Korte. (© Foto: privat)

In dieser Zeit, an die sich alle Menschen ja „erst in ein völlig neues Weltbild hinein finden" müssen, sitzt Kristin Korte zuhause in Minden und nicht im Landtag in Düsseldorf. „Ich bin sonst mit so vielen Menschen in Kontakt, und das fehlt mir", sagt sie.

Mit Video- und Telefonkonferenzen bleiben die Abgeordneten zwar verbunden, selbst die Fraktionssitzung lief so, und das überraschend gut. Aber als dann die Sonder-Landtagssitzung war und Kirstin Korte selbst nur auf dem Fernsehen und im Stream zusehen konnte, das habe sie schon auch sehr getroffen.

Und das nicht nur, weil sie selbst gern dabei gewesen wäre. „Die Kollegen haben mir gesagt: 'Du gehörst zur Risikogruppe, bleib mal lieber zuhause.' Damit kann ich nun überhaupt nicht umgehen." Zumal sie nun auch ihr Enkelkind nicht mehr persönlich sieht. Ihr Schwiegersohn, der Arzt ist, habe klar gesagt: „Der Kleine kommt jetzt erstmal nicht zu dir, um dich zu schützen." Dabei fühle sie sich fit und ganz und gar nicht schutzbedürftig. „Aber trotzdem bin ich natürlich vernünftig."

Ein Schwiegersohn mitten im medizinischen Geschehen, ein Lebensgefährte im Krisenstab: „Bei mir ist die Krise jeden Tag am Esstisch." Und darum mag sie eigentlich auch gar nicht laut sagen, dass es manchmal schwer ist, dass es Momente gibt, wo sie sich isoliert fühlt, und dass die Zeit im Homeoffice für sie noch sehr unstrukturiert verläuft. Feste Pausenzeiten und Abschalten? Fehlanzeige. „Aber das alles ist doch Klagen auf wirklich hohem Niveau. Vor allem geht es doch jetzt um die, die jeden Tag kämpfen müssen, die, die sich um ihre Existenz sorgen." Darum sei es aus ihrer Sicht um so wichtiger, jetzt Entscheidungen zu treffen, die all den Menschen helfen, die unter anderem auch wirtschaftlich schwer getroffen sind.

Wird in der Landespolitik auch schon über die Zeit danach geredet? „Experten arbeiten im Hintergrund daran. Aber erst einmal muss die aktuelle Situation bewältigt werden." Das sei vor allem Aufgabe der Regierung. Abgeordnete müssten jetzt dafür da sein, mit dem Bürgern zu kommunizieren, ihnen alle Infos zukommen zu lassen. „Politik darf sich zur Zeit einfach nicht so wichtig nehmen und muss vor allem ein offenes Ohr haben."

Ganz verzichten wird Korte allerdings auf persönliches Erscheinen in Düsseldorf nicht. „Nächste Woche ist Schulausschuss, dessen Vorsitzende ich bin. Da plane ich, persönlich anwesend zu sein – mit den gegebenen Vorsichtsmaßnahmen, versteht sich."

Christina Weng (SPD)

Ein Foto für die Presse: Christina Weng aus der Zeit vor der Coronakrise. - © Foto: MT-Archiv
Ein Foto für die Presse: Christina Weng aus der Zeit vor der Coronakrise. (© Foto: MT-Archiv)

Nein, ein aktuelles Foto von ihr, jetzt zuhause im Homeoffice, möchte sie doch lieber nicht in den Medien veröffentlicht sehen – dann schon lieber eins, das für den Landtag in Düsseldorf aufgenommen wurde. Dort war die heimische Landtagsabgeordnete Christina Weng (SPD) zuletzt am 4. März. Und bis vor einer Woche konnte sie auch noch das Wahlkreisbüro der Sozialdemokraten vor Ort besuchen – bis das Versammlungsverbot auch hier den Riegel vorgeschoben hatte. Ob sie sich durch die neue Situation abgehängt fühlt? „Das ist keineswegs der Fall, es gibt Regelungen, wie der parlamentarische Betrieb weiter läuft, aber dennoch ist die Situation ziemlich neu."

Weng merkt an, dass sie ohnehin schon gewohnt ist, fern des Parlamentes in Düsseldorf zu arbeiten. Vieles erledigte sie sonst unterwegs im Zug oder auch im Büro. Dennoch sei die Tätigkeit von Politikerinnen und Politiker durch persönliche Kontakte geprägt und das falle jetzt eben weg. So stand am vergangenen Mittwoch und Donnerstag ein Praktikumstag bei der Polizei im Terminkalender, der nun abgesagt ist.

„Im Grunde genommen ist es jetzt eine strukturierte Bürotätigkeit, die ich mache", erklärt die Landtagsabgeordnete. Der Arbeitstag fange zwischen 7 und 9 Uhr an und sie beginne diesen damit, alle relevanten Informationen des Vortags abzurufen. Zu entscheiden sei dann, wer welche Aufgaben wahrzunehmen habe. Dazu halte sie auch mit den Mitarbeitenden ihres Düsseldorfer Büros in gewohntem Umfang Kontakt. So wie in anderen Landtagen auch, werde in Düsseldorf in reduzierter Form abgestimmt. Ihr sei freigestellt worden, daran persönlich teilzunehmen. „Aber das erledigen jetzt die Kolleginnen und Kollegen vor Ort."

Eine Vielzahl an Medien wie Facetime, WhatsApp oder Videokonferenzen nutzt Weng, um mit unterschiedlichen Personen des politischen Betriebes in Kontakt zu bleiben. Wenn sich die 69 Mitglieder der SPD-Fraktion gemeinsam verständigen müssen, geschieht dies über die Telefonschalte.

Ob es Bedenken wegen des Datenschutzes gibt, wenn Politiker verstärkt über Angebote aller Art zum Teil brisante Inhalte austauschen? „Wenn ich mich mit dem Landtag austausche, geschieht das über VPN-getunnelte Kanäle." Auch bei der Mitarbeiterkommunikation werde sensibel vorgegangen. „Wir müssen hier die größtmögliche Sicherheitsstandards einhalten."

Ernst-Wilhelm Rahe (SPD)

Auch Landtagsabgeordneter Ernst-Wilhelm Rahe ist zurzeit im Home Office. Foto: privat - © ANJA SCHWEPPE-RAHE
Auch Landtagsabgeordneter Ernst-Wilhelm Rahe ist zurzeit im Home Office. Foto: privat (© ANJA SCHWEPPE-RAHE)

Die Arbeit der Landesregierung müsse auch jetzt kritisch begleitet werden – davon ist Ernst-Wilhelm Rahe (SPD) überzeugt. So habe seine Fraktion nun unter anderem eine Anfrage gestellt, wie Personal in Kindergärten und bei Dienstleistern geschützt wird. „ Es geht darum, der Regierung keinen Freibrief auszustellen nach dem Motto: '25-Milliarden- Rettungsschirm, macht damit was Ihr wollt'."

Und ja, auch er gehört altersmäßig zur Risikogruppe, aber „ich fühle mich nicht so, als ob ich deswegen wegbleiben sollte." Die Fraktion hat das so geregelt, dass nur der Vorstand und die, die nah dran wohnen, persönlich erscheinen. So nimmt auch Rahe an Fraktionssitzungen per Telefonkonferenz teil und verfolgt Plenarsitzungen im Internet. Persönlich wird er kommenden Donnerstag nach Düsseldorf fahren – dann tagt der Ausschuss für Kultur und Medien, es geht unter anderem um den Rundfunkstaatsvertrag. Nein, eine Gefahr für die Demokratie sieht er in der aktuellen Lage nicht – eher im Gegenteil. „Ich finde gut, was in der Gesellschaft gerade passiert, die Rücksicht, die Menschen aufeinander nehmen." Das sei eine neue Qualität. Hassmails im Netz seien deutlich zurückgegangen. Und „die allgemeine Akzeptanz staatlichen Handelns kann der Demokratie nur gut tun."

Gut findet er auch, dass sich die Rolle der Medien gerade bestätigt – zu einer Zeit, wo manche die Öffentlich-rechtlichen doch offen in Frage gestellt haben: „Die Menschen wollen gut informiert sein." Als Medienfachmann hat er schon vergangene Woche Tipps für Mediennutzung in Familien bereit gestellt.

Allergrößten Respekt habe er für das, was jetzt die Familien leisten und er findet, dass besonders die verständlichen Existenzängste von allen, die nun von Kurzarbeit oder Kündigungen betroffen seien sehr schnell sehr ernst genommen werden müssten.

Und er selbst? Bleibt gelassen. Ja, seinen Enkel kann er zurzeit nicht sehen, aber auch da helfen die Medien: „Wir haben abends Familien-Facetime."

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MindenRahe, Weng, Korte und Winkelmann: So arbeiten die heimischen Landtags-Politiker im HomeofficeThomas Lieske,Monika Jäger,Stefan KochMinden. Nicht nur das Volk, sondern auch dessen politische Vertreter, sind durch die Verordnungen zur Eindämmung von Infektionen durch das Coronavirus in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Der Zweck des Parlamentes – eine politische Willensbildung durch freie Rede herbeizuführen – ist nun weitgehend ins Homeoffice verlagert worden. Das bedeutet nicht, dass der Betrieb zum Erliegen gekommen ist. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Achim Post schilderte, wie er den Bundestag erlebte, als er über das milliardenschwere Hilfspaket beriet und dabei nur jeder dritte Platz im Bundestag besetzt werden konnte. „Man kommt sich schon einsam vor", meinte Post und beklagte, dass gerade jetzt das persönliche Gespräch fehle. Auch die vier heimischen Landtagsabgeordneten für das Düsseldorfer Parlament berichten jetzt ähnliches. Während einige noch zu Terminen in die Landeshauptstadt reisen, haben sich andere mit dem Dauerplatz im Homeoffice arrangiert. Dabei ist der Kreativität im Umgang mit neuen Kommunikationsmitteln keine Grenze gesetzt. Viele setzten auf Videokonferenzen oder Mitteilungen in sozialen Netzwerken. Deutlich wird, dass diese Medien ein Provisorium und allenfalls eine Ergänzung zur politischen Kommunikationskultur sind, die nach dem Ende der Krise weiterhin im direkten Kontakt von Menschen erfolgen muss. Bianca Winkelmann (CDU) Hier eine Telefonkonferenz, da eine Mail. Und die Plenar-Sondersitzung des NRW-Landtags nur auf dem Fernsehbildschirm: Die Minden-Lübbecker Abgeordnete Bianca Winkelmann (CDU) macht ihre Landtagsarbeit derzeit nur noch vom heimischen Schreibtisch aus. Homeoffice macht auch vor der Landespolitik keinen Halt. „Es ist schon eine skurrile Situation, die Plenarsitzung zum Sonderhaushalt des Landes für die Corona-Krise nur zu Hause im Wohnzimmer verfolgen zu können", sagt Winkelmann im Gespräch mit dem MT. „Normalerweise würde ich selbst dort sitzen." Für diese besondere Zeit hätten die Fraktionen des Landtags eine besondere Absprache getroffen: „Für die Abstimmungen muss derzeit nur ein Drittel der Abgeordneten aus jeder Fraktion anwesend sein", erklärt die Abgeordnete, die als selbstständige landwirtschaftliche Unternehmerin in Preußisch Ströhen zu Hause ist. Arbeitskreissitzungen finden derzeit nur als Telefonkonferenzen statt. Und auch für Ausschusssitzungen gelten derzeit besondere Absprachen, sagt Winkelmann. Sitzt nur ein Fraktionsvertreter in diesen Ausschüssen, hebt er bei einem Votum seinen Arm stellvertretend für alle Fraktionsmitglieder. „Da sind natürlich noch mehr Absprachen nötig, als sonst", erklärt Winkelmann. Auch ihr Büromitarbeiter sitze im Homeoffice. „Einmal die Woche wird der Briefkasten in Düsseldorfer Büro geleert." Zu schaffen mache ihr, das sie derzeit keine persönlichen Termine in der Region wahrnehmen könne. Keine Besuche auf landwirtschaftlichen Höfe, keine Diskussionsrunden. „Dieser persönliche Kontakt fehlt mir sehr. „Jeden Tag leere sich der Kalender weiter, Veranstaltungen und Termine sind flächendeckend abgesagt. „Die gesamte Arbeit läuft über Telefon, Mail und WhatsApp." Das ersetze keinen persönlichen Kontakt, sei derzeit aber der einfachste Weg, um die politische Arbeit des Landes aufrecht zu erhalten. So müsse sich niemand Sorgen machen, dass Landespolitik zum Erliegen komme, betont Bianca Winkelmann. Diese Regelungen gelten erst einmal bis nach Ostern. Was danach ist, wisse niemand. „Zum Glück sind die Osterferien sowieso sitzungsfrei. Das schlägt dann nicht mehr so ins Gewicht." Bei allem Bedauern über die momentane Situation ist für die Landtagsabgeordnete eines ganz klar: „Wir können den Leuten im Land ja keine Kontaktsperre vorgaukeln und dann uns selbst nicht daran halten. Das ist jetzt eben notwendig." Kirstin Korte (CDU) In dieser Zeit, an die sich alle Menschen ja „erst in ein völlig neues Weltbild hinein finden" müssen, sitzt Kristin Korte zuhause in Minden und nicht im Landtag in Düsseldorf. „Ich bin sonst mit so vielen Menschen in Kontakt, und das fehlt mir", sagt sie. Mit Video- und Telefonkonferenzen bleiben die Abgeordneten zwar verbunden, selbst die Fraktionssitzung lief so, und das überraschend gut. Aber als dann die Sonder-Landtagssitzung war und Kirstin Korte selbst nur auf dem Fernsehen und im Stream zusehen konnte, das habe sie schon auch sehr getroffen. Und das nicht nur, weil sie selbst gern dabei gewesen wäre. „Die Kollegen haben mir gesagt: 'Du gehörst zur Risikogruppe, bleib mal lieber zuhause.' Damit kann ich nun überhaupt nicht umgehen." Zumal sie nun auch ihr Enkelkind nicht mehr persönlich sieht. Ihr Schwiegersohn, der Arzt ist, habe klar gesagt: „Der Kleine kommt jetzt erstmal nicht zu dir, um dich zu schützen." Dabei fühle sie sich fit und ganz und gar nicht schutzbedürftig. „Aber trotzdem bin ich natürlich vernünftig." Ein Schwiegersohn mitten im medizinischen Geschehen, ein Lebensgefährte im Krisenstab: „Bei mir ist die Krise jeden Tag am Esstisch." Und darum mag sie eigentlich auch gar nicht laut sagen, dass es manchmal schwer ist, dass es Momente gibt, wo sie sich isoliert fühlt, und dass die Zeit im Homeoffice für sie noch sehr unstrukturiert verläuft. Feste Pausenzeiten und Abschalten? Fehlanzeige. „Aber das alles ist doch Klagen auf wirklich hohem Niveau. Vor allem geht es doch jetzt um die, die jeden Tag kämpfen müssen, die, die sich um ihre Existenz sorgen." Darum sei es aus ihrer Sicht um so wichtiger, jetzt Entscheidungen zu treffen, die all den Menschen helfen, die unter anderem auch wirtschaftlich schwer getroffen sind. Wird in der Landespolitik auch schon über die Zeit danach geredet? „Experten arbeiten im Hintergrund daran. Aber erst einmal muss die aktuelle Situation bewältigt werden." Das sei vor allem Aufgabe der Regierung. Abgeordnete müssten jetzt dafür da sein, mit dem Bürgern zu kommunizieren, ihnen alle Infos zukommen zu lassen. „Politik darf sich zur Zeit einfach nicht so wichtig nehmen und muss vor allem ein offenes Ohr haben." Ganz verzichten wird Korte allerdings auf persönliches Erscheinen in Düsseldorf nicht. „Nächste Woche ist Schulausschuss, dessen Vorsitzende ich bin. Da plane ich, persönlich anwesend zu sein – mit den gegebenen Vorsichtsmaßnahmen, versteht sich." Christina Weng (SPD) Nein, ein aktuelles Foto von ihr, jetzt zuhause im Homeoffice, möchte sie doch lieber nicht in den Medien veröffentlicht sehen – dann schon lieber eins, das für den Landtag in Düsseldorf aufgenommen wurde. Dort war die heimische Landtagsabgeordnete Christina Weng (SPD) zuletzt am 4. März. Und bis vor einer Woche konnte sie auch noch das Wahlkreisbüro der Sozialdemokraten vor Ort besuchen – bis das Versammlungsverbot auch hier den Riegel vorgeschoben hatte. Ob sie sich durch die neue Situation abgehängt fühlt? „Das ist keineswegs der Fall, es gibt Regelungen, wie der parlamentarische Betrieb weiter läuft, aber dennoch ist die Situation ziemlich neu." Weng merkt an, dass sie ohnehin schon gewohnt ist, fern des Parlamentes in Düsseldorf zu arbeiten. Vieles erledigte sie sonst unterwegs im Zug oder auch im Büro. Dennoch sei die Tätigkeit von Politikerinnen und Politiker durch persönliche Kontakte geprägt und das falle jetzt eben weg. So stand am vergangenen Mittwoch und Donnerstag ein Praktikumstag bei der Polizei im Terminkalender, der nun abgesagt ist. „Im Grunde genommen ist es jetzt eine strukturierte Bürotätigkeit, die ich mache", erklärt die Landtagsabgeordnete. Der Arbeitstag fange zwischen 7 und 9 Uhr an und sie beginne diesen damit, alle relevanten Informationen des Vortags abzurufen. Zu entscheiden sei dann, wer welche Aufgaben wahrzunehmen habe. Dazu halte sie auch mit den Mitarbeitenden ihres Düsseldorfer Büros in gewohntem Umfang Kontakt. So wie in anderen Landtagen auch, werde in Düsseldorf in reduzierter Form abgestimmt. Ihr sei freigestellt worden, daran persönlich teilzunehmen. „Aber das erledigen jetzt die Kolleginnen und Kollegen vor Ort." Eine Vielzahl an Medien wie Facetime, WhatsApp oder Videokonferenzen nutzt Weng, um mit unterschiedlichen Personen des politischen Betriebes in Kontakt zu bleiben. Wenn sich die 69 Mitglieder der SPD-Fraktion gemeinsam verständigen müssen, geschieht dies über die Telefonschalte. Ob es Bedenken wegen des Datenschutzes gibt, wenn Politiker verstärkt über Angebote aller Art zum Teil brisante Inhalte austauschen? „Wenn ich mich mit dem Landtag austausche, geschieht das über VPN-getunnelte Kanäle." Auch bei der Mitarbeiterkommunikation werde sensibel vorgegangen. „Wir müssen hier die größtmögliche Sicherheitsstandards einhalten." Ernst-Wilhelm Rahe (SPD) Die Arbeit der Landesregierung müsse auch jetzt kritisch begleitet werden – davon ist Ernst-Wilhelm Rahe (SPD) überzeugt. So habe seine Fraktion nun unter anderem eine Anfrage gestellt, wie Personal in Kindergärten und bei Dienstleistern geschützt wird. „ Es geht darum, der Regierung keinen Freibrief auszustellen nach dem Motto: '25-Milliarden- Rettungsschirm, macht damit was Ihr wollt'." Und ja, auch er gehört altersmäßig zur Risikogruppe, aber „ich fühle mich nicht so, als ob ich deswegen wegbleiben sollte." Die Fraktion hat das so geregelt, dass nur der Vorstand und die, die nah dran wohnen, persönlich erscheinen. So nimmt auch Rahe an Fraktionssitzungen per Telefonkonferenz teil und verfolgt Plenarsitzungen im Internet. Persönlich wird er kommenden Donnerstag nach Düsseldorf fahren – dann tagt der Ausschuss für Kultur und Medien, es geht unter anderem um den Rundfunkstaatsvertrag. Nein, eine Gefahr für die Demokratie sieht er in der aktuellen Lage nicht – eher im Gegenteil. „Ich finde gut, was in der Gesellschaft gerade passiert, die Rücksicht, die Menschen aufeinander nehmen." Das sei eine neue Qualität. Hassmails im Netz seien deutlich zurückgegangen. Und „die allgemeine Akzeptanz staatlichen Handelns kann der Demokratie nur gut tun." Gut findet er auch, dass sich die Rolle der Medien gerade bestätigt – zu einer Zeit, wo manche die Öffentlich-rechtlichen doch offen in Frage gestellt haben: „Die Menschen wollen gut informiert sein." Als Medienfachmann hat er schon vergangene Woche Tipps für Mediennutzung in Familien bereit gestellt. Allergrößten Respekt habe er für das, was jetzt die Familien leisten und er findet, dass besonders die verständlichen Existenzängste von allen, die nun von Kurzarbeit oder Kündigungen betroffen seien sehr schnell sehr ernst genommen werden müssten. Und er selbst? Bleibt gelassen. Ja, seinen Enkel kann er zurzeit nicht sehen, aber auch da helfen die Medien: „Wir haben abends Familien-Facetime."