Minden

Stille Kommandoübergabe der Pioniere

Henning Wandel

Kaserne statt Simeonsplatz: Oberstleutnant Helge Lammerschmidt (rechts) übergibt das Kommando über die Mindener Pioniere an Oberstleutnant Dr. Stefan Klein. MT-Foto: Henning Wandel - © Henning Wandel
Kaserne statt Simeonsplatz: Oberstleutnant Helge Lammerschmidt (rechts) übergibt das Kommando über die Mindener Pioniere an Oberstleutnant Dr. Stefan Klein. MT-Foto: Henning Wandel (© Henning Wandel)

Minden. Es hätte ein Empfang mit ganz großem Bahnhof werden sollen: Die Mindener Pioniere wollten ihren neuen Chef auf dem Simeonsplatz begrüßen, mit Heeresmusikkorps und Abordnungen des Bürgerbataillons. Stattdessen übergab Oberstleutnant Helge Lammerschmidt das Panzerpionierbataillon gestern Abend im ganz kleinen Kreis an Oberstleutnant Dr. Stefan Klein. Nur die beiden Hauptpersonen, dazu der ihnen vorgesetzte Chef der Panzerlehrbrigade 9, Oberst Dr. Christian Freuding, ein Fahnenträger und vielleicht noch jemand, der den Moment auf einem Foto verewigt. Als kleiner Ersatz für die große Bühne bleibt ein Pressegespräch im Vorfeld der Zereonie – auch die Bundeswehr bekommt die Corona-Auswirkungen zu spüren.

Dabei befindet sich das Bataillon grundsätzlich in alles andere als ruhigen Zeiten. Die Beteiligung an der Nato-Eingreiftruppe VJTF (Very high readiness joint task-force, übersetz etwa Eingreiftruppe mit besonders hoher Einsatzbereitschaft) in ihrer letzten Phase, das inzwischen abgesagte europaweite Nato-Manöver „Defender 2020“ vor der Brust – Oberstleutnant Klein hatte sich auf einen Sprung ins kalte Wasser vorbereitet. Stattdessen ist das Leben in der Kaserne derzeit ungewöhnlich ruhig. Der Großteil der Soldaten ist zwar trotz Corona im Dienst, hält sich aber zuhause fit und wartet auf den Anruf, wieder in die Kaserne einzurücken. „Oberstleutnant Klein sieht seine Truppe nicht, das ist schon sehr schade“, sagt Lammerschmidt, der Minden nach drei Jahren in Richtung USA verlässt und sich bei seinen aktuell fast 1.000 Soldaten per Videobotschaft verabschiedet. Wann Klein die komplette Besetzung antreten lassen kann, ist derweil völlig offen.

Lammerschmidt blickt auf durchaus turbulente Jahre zurück. Direkt zum Start eine Übung in Rumänien, später dann die Zeit als Teil der VJTF mit einer mehrwöchigen Großübung in Norwegen – „das war schon prägend“, sagt Lammerschmidt. Ebenso die enge Verbindung der Pioniere zur Mindener Stadtgesellschaft und zu den Patenkompanien des Bürgerbataillons. Das ist auch dem Nachfolger schon jetzt bewusst: Schon seit einige Zeithabe er seinen neuen Dienstort aus der Ferne im Blick, sagt Klein und ist überzeugt: „Die enge Verwobenheit der Pioniere mit der Gesellschaft ist schon etwas Besonderes.“ Auch ein Beispiel hat er schon parat: Nachdem Stadtmajor Heinz-Joachim Pecher beim Herrenabend im Januar in die Menge rief, dass der neue Kommandeur noch ein Haus in der Gegend suche, habe es tatsächlich eine Reihe von Angeboten gegeben. Und weil Kleins letzter Arbeitsplatz in Strausberg nicht gerade um die Ecke liegt, habe Pecher von einigen Objekten auch gleich Fotos geschickt.

Inzwischen hat Stefan Klein ein Haus im Mindener Umland gefunden und ist mit seiner Frau und drei Kindern bereist eingezogen. Es sei ihm sehr wichtig, auch hier zu wohnen, sagt der 40-Jährige, der bisher noch keine Verbindung zu Minden hat – und auch nicht zum Brückenbau der Pioniere. Zuletzt war er beim Kommando Heer für Ausrüstungsfragen zuständig, davor in der Abteilung Politik des Bundesverteidigungsministeriums. Als Pionier war er in einer Luftlande-Einheit und im Gebirge im Einsatz, jetzt freue er sich auf die Aufgabe, Gewässer zu überwinden. Brücken zu bauen dürfte dem promovierten Bauingenieur sicher nicht schwerfallen.

Ein weiteres Projekt verbindet Lammerschmidt und Klein ganz direkt: der Aufbau des binationalen Schwimmbrückenbataillons gemeinsam mit den bereits in der Herzig-von-Braunschweig-Kaserne stationierten britischen Soldaten. Noch in diesem Jahr sollte erstmals offiziell der Union Jack gehisst werden – „das hätte ich schon noch gerne mitgemacht“, sagt Lammerschmidt, in dessen Zeit an der Spitze des Bataillons die Royal Engineers von Hameln nach Minden gezogen waren. Die Kompanie soll kontinuierlich wachsen und später auch formell unter Mindener Kommando gestellt werden. Die volle Einsatzbereitschaft ist für Ende 2023 vorgesehen. Stefan Klein wird den Weg bis dahin begleiten – und den Schlusspunkt dann womöglich doch nicht miterleben – Kommandeure ziehen meist spätestens nach drei Jahren weiter.

So wie jetzt Helge Lammerschmidt. Er wird zunächst für einen Sprachkurs nach Münster versetzt, bevor es im Sommer weitergeht nach Missouri in den USA. Die aktuell geltenden Einreisebestimmungen dürften dann aufgehoben sein. Und falls nicht: Für Soldaten gelten besondere diplomatische Regeln. Die Vorfreude ist dem Oberstleutnant auf jeden Fall schon jetzt anzumerken.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

MindenStille Kommandoübergabe der PioniereHenning WandelMinden. Es hätte ein Empfang mit ganz großem Bahnhof werden sollen: Die Mindener Pioniere wollten ihren neuen Chef auf dem Simeonsplatz begrüßen, mit Heeresmusikkorps und Abordnungen des Bürgerbataillons. Stattdessen übergab Oberstleutnant Helge Lammerschmidt das Panzerpionierbataillon gestern Abend im ganz kleinen Kreis an Oberstleutnant Dr. Stefan Klein. Nur die beiden Hauptpersonen, dazu der ihnen vorgesetzte Chef der Panzerlehrbrigade 9, Oberst Dr. Christian Freuding, ein Fahnenträger und vielleicht noch jemand, der den Moment auf einem Foto verewigt. Als kleiner Ersatz für die große Bühne bleibt ein Pressegespräch im Vorfeld der Zereonie – auch die Bundeswehr bekommt die Corona-Auswirkungen zu spüren. Dabei befindet sich das Bataillon grundsätzlich in alles andere als ruhigen Zeiten. Die Beteiligung an der Nato-Eingreiftruppe VJTF (Very high readiness joint task-force, übersetz etwa Eingreiftruppe mit besonders hoher Einsatzbereitschaft) in ihrer letzten Phase, das inzwischen abgesagte europaweite Nato-Manöver „Defender 2020“ vor der Brust – Oberstleutnant Klein hatte sich auf einen Sprung ins kalte Wasser vorbereitet. Stattdessen ist das Leben in der Kaserne derzeit ungewöhnlich ruhig. Der Großteil der Soldaten ist zwar trotz Corona im Dienst, hält sich aber zuhause fit und wartet auf den Anruf, wieder in die Kaserne einzurücken. „Oberstleutnant Klein sieht seine Truppe nicht, das ist schon sehr schade“, sagt Lammerschmidt, der Minden nach drei Jahren in Richtung USA verlässt und sich bei seinen aktuell fast 1.000 Soldaten per Videobotschaft verabschiedet. Wann Klein die komplette Besetzung antreten lassen kann, ist derweil völlig offen. Lammerschmidt blickt auf durchaus turbulente Jahre zurück. Direkt zum Start eine Übung in Rumänien, später dann die Zeit als Teil der VJTF mit einer mehrwöchigen Großübung in Norwegen – „das war schon prägend“, sagt Lammerschmidt. Ebenso die enge Verbindung der Pioniere zur Mindener Stadtgesellschaft und zu den Patenkompanien des Bürgerbataillons. Das ist auch dem Nachfolger schon jetzt bewusst: Schon seit einige Zeithabe er seinen neuen Dienstort aus der Ferne im Blick, sagt Klein und ist überzeugt: „Die enge Verwobenheit der Pioniere mit der Gesellschaft ist schon etwas Besonderes.“ Auch ein Beispiel hat er schon parat: Nachdem Stadtmajor Heinz-Joachim Pecher beim Herrenabend im Januar in die Menge rief, dass der neue Kommandeur noch ein Haus in der Gegend suche, habe es tatsächlich eine Reihe von Angeboten gegeben. Und weil Kleins letzter Arbeitsplatz in Strausberg nicht gerade um die Ecke liegt, habe Pecher von einigen Objekten auch gleich Fotos geschickt. Inzwischen hat Stefan Klein ein Haus im Mindener Umland gefunden und ist mit seiner Frau und drei Kindern bereist eingezogen. Es sei ihm sehr wichtig, auch hier zu wohnen, sagt der 40-Jährige, der bisher noch keine Verbindung zu Minden hat – und auch nicht zum Brückenbau der Pioniere. Zuletzt war er beim Kommando Heer für Ausrüstungsfragen zuständig, davor in der Abteilung Politik des Bundesverteidigungsministeriums. Als Pionier war er in einer Luftlande-Einheit und im Gebirge im Einsatz, jetzt freue er sich auf die Aufgabe, Gewässer zu überwinden. Brücken zu bauen dürfte dem promovierten Bauingenieur sicher nicht schwerfallen. Ein weiteres Projekt verbindet Lammerschmidt und Klein ganz direkt: der Aufbau des binationalen Schwimmbrückenbataillons gemeinsam mit den bereits in der Herzig-von-Braunschweig-Kaserne stationierten britischen Soldaten. Noch in diesem Jahr sollte erstmals offiziell der Union Jack gehisst werden – „das hätte ich schon noch gerne mitgemacht“, sagt Lammerschmidt, in dessen Zeit an der Spitze des Bataillons die Royal Engineers von Hameln nach Minden gezogen waren. Die Kompanie soll kontinuierlich wachsen und später auch formell unter Mindener Kommando gestellt werden. Die volle Einsatzbereitschaft ist für Ende 2023 vorgesehen. Stefan Klein wird den Weg bis dahin begleiten – und den Schlusspunkt dann womöglich doch nicht miterleben – Kommandeure ziehen meist spätestens nach drei Jahren weiter. So wie jetzt Helge Lammerschmidt. Er wird zunächst für einen Sprachkurs nach Münster versetzt, bevor es im Sommer weitergeht nach Missouri in den USA. Die aktuell geltenden Einreisebestimmungen dürften dann aufgehoben sein. Und falls nicht: Für Soldaten gelten besondere diplomatische Regeln. Die Vorfreude ist dem Oberstleutnant auf jeden Fall schon jetzt anzumerken.