Minden

Corona-Virus bremst Kabarettist Bernd Gieseking aus

Ursula Koch

- © och
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Minden. „Sechs Monate lang ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler“ – das wünscht sich der Kabarettist Bernd Gieseking angesichts der Absage aller Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie. „Die Kreativwirtschaft ist mittlerweile der drittgrößte Wirtschaftszweig“, sagt der Kutenhauser, der in den 80er Jahren als Amateur bei den Stichlingen angefangen hatte, das Kabarett aber längst zu seinem Beruf gemacht hat. Allerdings sei das ein Wirtschaftszweig, in dem die Mehrheit eher wenig verdiene. „Es ist zu befürchten, dass einige auf der Strecke bleiben. Niemand hat für so eine Krise genügend Rücklagen bilden können“. Für sich selbst rechnet er damit, dass am Ende etwa ein Viertel bis ein Drittel seines Jahreseinkommens fehlen wird.

Am Sonntag ist er von seinem jährlichen Gomera-Urlaub gerade rechtzeitig mit dem letzten Flieger zurückgekommen. Eigentlich sollte der Aufenthalt in Minden nur zwei Tage dauern, dann wollte er zu einem dreitägigen Gastspiel in Basel aufbrechen, dann weiter nach Zürich, um von dort nach Finnland zu fliegen. Mit der deutsch-finnischen Gesellschaft waren neun Auftritte verabredet. Zurückgekommen wäre er am Donnerstag, Freitag und Samstag war er für zwei ausverkaufte Vorstellungen in Duisburg gebucht. „Alles abgesagt“, sagt der 61-Jährige ein wenig fassungslos. Seine Saison gehe normalerweise bis in den Juni, jetzt ist plötzlich schon im März Schluss. „Aber das Finanzamt hat vor zwei Tagen die Steuervorauszahlung von meinem Konto abgebucht.“ Die Stornierung greife aber frühestens in drei Monaten, wenn sich die Behörde darauf einlasse.

Auch nach September sieht der sonst so optimistische Künstler keinen echten Grund zur Freude: „Für den Herbst sind die Programme längst gebucht. Die Bühnen können nicht das doppelte an Veranstaltungen bewältigen und dazu das doppelte Publikum generieren.“ Das Loch, das jetzt entstehe, könne nicht einfach kompensiert werden und „bedeutet zusätzlich ein Loch in meinen Renteneinzahlungen“.

„Als Satiriker gibt es einen Teil des Tages, an dem ich mit Witz auf Corona reagieren kann. Den anderen Teil des Tages mache ich mir Sorgen“, gesteht der Kabarettist. Er beobachte das als ein „noch nie dagewesenes Phänomen“, das sicherlich Thema in seinem nächsten satirischen Jahresrückblick werde, „von dem ich hoffe, dass er stattfinden kann“. Positiv sieht er aber auch, dass er die unverhofft gewonnene Zeit nutzen kann, um neue Texte zu schreiben. Damit könne er schon Arbeit erledigen, die er sonst im Herbst machen müsste. Mit Schreiben die Ausfälle aus den Bühnenauftritten auszugleichen, sei allerdings nicht möglich, weil er für die Bücher schlechter bezahlt werde. „Mein Bühnenerfolg hat mir die Zeit für die Kinderbücher ermöglicht.“ Bei den Erwachsenenbüchern („Finne dich selbst“ oder zuletzt „Ja klar, ich bin schuld“) sehe es ein wenig besser aus. Ein Mini-Trost sei, dass er einen neuen Buchvertrag in Aussicht habe. Darin soll es um das Glück in Finnland gehen. Und es gibt da noch ein großes Projekt, dass Gieseking schon seit vielen Jahren im Kopf hat: Einen Roman über Wilhelm Weike, den Diener des Anthropologen Franz Boas.

Gieseking sieht keine Chance seine ausfallenden Auftritte durch Videos oder Podcasts im Internet zu ersetzen: „Ich bin ein progressiver Mensch mit konservativen Seiten. Ich möchte in einem Buch die Seiten blättern, nicht in einem E-Reader scrollen. Ich möchte nicht Videos auf Youtube schauen, sondern die Leute live auf der Bühne sehen. Ich beurteile dort in drei Minuten, wofür ich mir sonst 90 Minuten Zeit nehme.“

Für die nächste Zeit hat er einen Tipp: „Hamstern Sie Bücher, statt Toilettenpapier.“ Bei ihm sei das neue Buch von Fritz Eckenga angekommen. „Das lese ich jetzt als erstes.“

Die Autorin ist erreichbar unter (05 71) 882 170 oder Ursula.Koch@MT.de

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MindenCorona-Virus bremst Kabarettist Bernd Gieseking ausUrsula KochMinden. „Sechs Monate lang ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler“ – das wünscht sich der Kabarettist Bernd Gieseking angesichts der Absage aller Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie. „Die Kreativwirtschaft ist mittlerweile der drittgrößte Wirtschaftszweig“, sagt der Kutenhauser, der in den 80er Jahren als Amateur bei den Stichlingen angefangen hatte, das Kabarett aber längst zu seinem Beruf gemacht hat. Allerdings sei das ein Wirtschaftszweig, in dem die Mehrheit eher wenig verdiene. „Es ist zu befürchten, dass einige auf der Strecke bleiben. Niemand hat für so eine Krise genügend Rücklagen bilden können“. Für sich selbst rechnet er damit, dass am Ende etwa ein Viertel bis ein Drittel seines Jahreseinkommens fehlen wird. Am Sonntag ist er von seinem jährlichen Gomera-Urlaub gerade rechtzeitig mit dem letzten Flieger zurückgekommen. Eigentlich sollte der Aufenthalt in Minden nur zwei Tage dauern, dann wollte er zu einem dreitägigen Gastspiel in Basel aufbrechen, dann weiter nach Zürich, um von dort nach Finnland zu fliegen. Mit der deutsch-finnischen Gesellschaft waren neun Auftritte verabredet. Zurückgekommen wäre er am Donnerstag, Freitag und Samstag war er für zwei ausverkaufte Vorstellungen in Duisburg gebucht. „Alles abgesagt“, sagt der 61-Jährige ein wenig fassungslos. Seine Saison gehe normalerweise bis in den Juni, jetzt ist plötzlich schon im März Schluss. „Aber das Finanzamt hat vor zwei Tagen die Steuervorauszahlung von meinem Konto abgebucht.“ Die Stornierung greife aber frühestens in drei Monaten, wenn sich die Behörde darauf einlasse. Auch nach September sieht der sonst so optimistische Künstler keinen echten Grund zur Freude: „Für den Herbst sind die Programme längst gebucht. Die Bühnen können nicht das doppelte an Veranstaltungen bewältigen und dazu das doppelte Publikum generieren.“ Das Loch, das jetzt entstehe, könne nicht einfach kompensiert werden und „bedeutet zusätzlich ein Loch in meinen Renteneinzahlungen“. „Als Satiriker gibt es einen Teil des Tages, an dem ich mit Witz auf Corona reagieren kann. Den anderen Teil des Tages mache ich mir Sorgen“, gesteht der Kabarettist. Er beobachte das als ein „noch nie dagewesenes Phänomen“, das sicherlich Thema in seinem nächsten satirischen Jahresrückblick werde, „von dem ich hoffe, dass er stattfinden kann“. Positiv sieht er aber auch, dass er die unverhofft gewonnene Zeit nutzen kann, um neue Texte zu schreiben. Damit könne er schon Arbeit erledigen, die er sonst im Herbst machen müsste. Mit Schreiben die Ausfälle aus den Bühnenauftritten auszugleichen, sei allerdings nicht möglich, weil er für die Bücher schlechter bezahlt werde. „Mein Bühnenerfolg hat mir die Zeit für die Kinderbücher ermöglicht.“ Bei den Erwachsenenbüchern („Finne dich selbst“ oder zuletzt „Ja klar, ich bin schuld“) sehe es ein wenig besser aus. Ein Mini-Trost sei, dass er einen neuen Buchvertrag in Aussicht habe. Darin soll es um das Glück in Finnland gehen. Und es gibt da noch ein großes Projekt, dass Gieseking schon seit vielen Jahren im Kopf hat: Einen Roman über Wilhelm Weike, den Diener des Anthropologen Franz Boas. Gieseking sieht keine Chance seine ausfallenden Auftritte durch Videos oder Podcasts im Internet zu ersetzen: „Ich bin ein progressiver Mensch mit konservativen Seiten. Ich möchte in einem Buch die Seiten blättern, nicht in einem E-Reader scrollen. Ich möchte nicht Videos auf Youtube schauen, sondern die Leute live auf der Bühne sehen. Ich beurteile dort in drei Minuten, wofür ich mir sonst 90 Minuten Zeit nehme.“ Für die nächste Zeit hat er einen Tipp: „Hamstern Sie Bücher, statt Toilettenpapier.“ Bei ihm sei das neue Buch von Fritz Eckenga angekommen. „Das lese ich jetzt als erstes.“ Die Autorin ist erreichbar unter (05 71) 882 170 oder Ursula.Koch@MT.de