Minden

Ausweg aus der Corona-Krise: So stürmt die Musikschule Minden das Internet

Ursula Koch

Philipp (7) und seine Klavierlehrerin Eva Donaire sind über das Handy miteinander verbunden. MT- - © Foto: Alex Lehn
Philipp (7) und seine Klavierlehrerin Eva Donaire sind über das Handy miteinander verbunden. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden. Klavierlehrerin Eva Donaire schaltet zu Beginn des Unterrichts ihr Handy ein. Über Whatsapp begrüßt sie ihren Schüler Philipp, sieben Jahre alt und zeigt ihm erst einmal den Raum, in dem sie sitzt. Die Bühne im Konzertsaal der Musikschule Minden hat sich in ein kleines Studio verwandelt. Das Podest wird von Scheinwerfern ausgeleuchtet, auf der linken Seite steht der Flügel, in einer Nische dahinter verstecken sich Pauken, auf der rechten Seite stehen zwei Sessel. Von hier aus und von Zuhause werden die knapp 50 Musiklehrer ihre Schüler in den nächsten Wochen unterrichten.

Das Thema Online-Unterricht hat die Musikschule von einer Minute auf die andere getroffen. „Am Freitag kam ein Musiklehrer zu mir und erzählte, dass ihn gerade eine Mutter angerufen hatte, die ihr Kind aus Angst vor einer Infektion mit Corona nicht zum Unterricht schicken wollte“, berichtet Jürgen Morche. Das war am Freitag. Der Lehrer Pouya Zendehdel bot spontan an, den Unterricht über Whatsapp zu organisieren. Der Schüler war anschließend ganz begeistert und die Mutter auch, erzählt Morche.

Willi Ehlerding gehört zu den Musiklehrern, die seit dieser Woche online unterrichten. - © Foto: pr
Willi Ehlerding gehört zu den Musiklehrern, die seit dieser Woche online unterrichten. (© Foto: pr)

Der Geschäftsführer der Musikschule hat schnell die Chance erkannt. Über eine Schließung der Schule habe er nicht lange nachgedacht. „Wir sind eine gGmbH, wir können Konkurs gehen“, beschreibt er die Situation. Die Honorarkräfte hätten von einem Tag auf den anderen keine Einkünfte mehr gehabt, für die angestellten Lehrer hätte er Kurzarbeitergeld beantragen müssen. „Ich bin sehr dankbar, dass uns die Beigeordnete Regina-Dolores Stieler-Hinz diese Möglichkeit gegeben hat.“

Und dann ging alles ganz schnell. Die Sekretärin vermittelte der Schule ihre Tochter als Fachfrau für digitale Kommunikation. Celine Janson studiert internationale Betriebswirtschaft und hatte ein Jahr lang in Irland bei Microsoft gearbeitet. Sie hat am Dienstag die ersten vier Lehrer geschult, am Mittwoch dann online alle anderen. „Sie meinte, auch die nicht ganz so Technikaffinen könnten das in zwei Stunden lernen. Tatsächlich waren wir in einer Stunde und 45 Minuten durch“, sagt Morche. Seitdem nimmt die Zahl derer, die von Detmold, Hannover oder Osnabrück aus arbeiten stetig zu. Rund 1500 Schüler betreuen sie. Wer das Online-Angebot ablehnt, soll das schriftlich erklären. „Das hat bislang nur ein Schüler getan“, berichtet Morche. In der mittlerweile zweiten Woche hat Celine Janson inzwischen andere Musikschulen in OWL gecoacht.

Eva Donaire ist gleich am Sonntag in den Online-Unterricht eingestiegen. Die gebürtige Spanierin, die Klavier unterrichtet und den Fachbereich musikalische Früherziehung leitet, hatte 2017 schon erste Erfahrungen gesammelt. „2017 war eine Schülerin von mir lange Zeit krank. Damals haben wir drei Monate lang auf diese Art Unterricht gemacht.“ Am Montag hat sie sieben Schüler 30 Minuten lang auf diese Weise unterrichtet, am Dienstag bereits zwölf.

Für Philipp ist es eine Premiere. Er hat sich gewünscht, dass der Unterricht über Whatsapp läuft, weil er sich damit auskennt. Donaire möchte von ihm den Flohwalzer hören. „Du hast viel geübt“, lobt sie Philipps Vortrag. Die Tonqualität ist allerdings eher grausig. Sie macht mit ihm ein Spiel mit den Fingern auf der Klaviatur. Er soll erst mit der rechten, dann mit der linken Hand bestimmte Töne anschlagen. Das klappt fehlerfrei. Donaire zeigt ihm dafür den erhobenen Daumen. Er darf sich ein Stück aussuchen, dass er gerne spielen möchte, Donaire spielt die Begleitung zur Melodie. Zu „Hänsel und Gretel“ soll er zuerst die einzelnen Noten vorlesen. Note für Note gehen die beiden das durch. Philipp notiert sich die Bezeichnung. „Philipp ist im Herbst in die Schule gekommen. Auf einmal lesen, schreiben, Klavierspielen und Noten lernen ist einfach zu viel für die Kinder“, begründet Donaire diese Unterrichtseinheit. Am Ende der 45 Minuten improvisiert die Lehrerin mit ihrem Schüler. Er spielt erst eine Melodie nur auf den schwarzen Tasten, dann nur auf den weißen Tasten und sie begleitet dazu mit Akkorden. Wie er den Unterricht fand, will Donaire wissen. „Cool“, sagt Philipp. Nächste Woche machen die beiden weiter.

„Unsere Schüler und die Eltern sind überrascht, dass die Musikschule diese Möglichkeit anbietet“, sagt Morche. Er habe bisher nur positive Rückmeldungen erhalten. Das Lehrer-Team funktioniere „ganz hervorragend“ und helfe sich gegenseitig. „Das ganze Kollegium ist in Eiswasser geworfen worden. Wir sind kurz untergegangen, haben aber jetzt den Kopf wieder oben“, sagt Morche. Es gehe nicht nur darum, dass die Musikschule überlebe, sondern auch darum, den Kindern in einer Stresssituation ein wenig Alltag zu bieten. „Außerdem ist der Kopf wieder frei, wenn man 30 Minuten lang ein Stück geübt hat“, sagt der ausgebildete Schauspieler und Regisseur. Er sieht das als eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Darin pflichtet ihm auch Kontrabass-Lehrer Wille Ehlerding bei: „Die Schüler brauchen den wöchentlichen Anreiz. Online-Unterricht ist eine gute Erfahrung für beide Seiten. Alle waren neugierig.“

Die digitalen Kanäle seien auch für kleinere Gruppen geeignet, allerdings weniger für die großen Chöre, gibt Morche zu. Für sie werde an neuen Angeboten gearbeitet. „Wir betreten terra incognita“. Der Zugang zu Laptop und Touchpad sei für die Kinder kein Problem. Die Eltern seien mit allem ausgestattet. Für die Musikschule hat er zusätzlich einige PCs, Webcams und Headsets angeschafft. Donaire hat als eine von drei Fachbereichsleitern, neben dem stellvertretenden Leiter Andreas Neuhaus, der die Klassik betreut, und Stephan Winkelhake für Rock, Pop und Jazz, in dieser Woche vor allem viel vorbereitet. Für die musikalische Früherziehung will sie Videos und Podcasts produzieren. Dir sind als Anleitung für Eltern und Erzieher gedacht. In 45 Minuten enthalten sie viele kleine Einheiten, die sie nach eigenem Bedarf portionieren können. Jede Woche will Donaire neuen Stoff bieten.

Inzwischen haben Musikschüler angefangen musikalische Postkarten aufzunehmen, die in einer Cloud gespeichert werden. Sie können von Pflegern in Seniorenheimen abgerufen werden, um sie Senioren vorzuspielen. „Wir haben in der letzten Woche mehr in Bezug auf Digitalisierung gelernt, als in den vergangenen fünf Jahren“, sagt Morche.

Der Musikschulleiter kann der Corona-Epidemie einen positiven Nebeneffekt abgewinnen: Die Musikschule kann jetzt wieder neue Schüler aufnehmen.

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MindenAusweg aus der Corona-Krise: So stürmt die Musikschule Minden das InternetUrsula KochMinden. Klavierlehrerin Eva Donaire schaltet zu Beginn des Unterrichts ihr Handy ein. Über Whatsapp begrüßt sie ihren Schüler Philipp, sieben Jahre alt und zeigt ihm erst einmal den Raum, in dem sie sitzt. Die Bühne im Konzertsaal der Musikschule Minden hat sich in ein kleines Studio verwandelt. Das Podest wird von Scheinwerfern ausgeleuchtet, auf der linken Seite steht der Flügel, in einer Nische dahinter verstecken sich Pauken, auf der rechten Seite stehen zwei Sessel. Von hier aus und von Zuhause werden die knapp 50 Musiklehrer ihre Schüler in den nächsten Wochen unterrichten. Das Thema Online-Unterricht hat die Musikschule von einer Minute auf die andere getroffen. „Am Freitag kam ein Musiklehrer zu mir und erzählte, dass ihn gerade eine Mutter angerufen hatte, die ihr Kind aus Angst vor einer Infektion mit Corona nicht zum Unterricht schicken wollte“, berichtet Jürgen Morche. Das war am Freitag. Der Lehrer Pouya Zendehdel bot spontan an, den Unterricht über Whatsapp zu organisieren. Der Schüler war anschließend ganz begeistert und die Mutter auch, erzählt Morche. Der Geschäftsführer der Musikschule hat schnell die Chance erkannt. Über eine Schließung der Schule habe er nicht lange nachgedacht. „Wir sind eine gGmbH, wir können Konkurs gehen“, beschreibt er die Situation. Die Honorarkräfte hätten von einem Tag auf den anderen keine Einkünfte mehr gehabt, für die angestellten Lehrer hätte er Kurzarbeitergeld beantragen müssen. „Ich bin sehr dankbar, dass uns die Beigeordnete Regina-Dolores Stieler-Hinz diese Möglichkeit gegeben hat.“ Und dann ging alles ganz schnell. Die Sekretärin vermittelte der Schule ihre Tochter als Fachfrau für digitale Kommunikation. Celine Janson studiert internationale Betriebswirtschaft und hatte ein Jahr lang in Irland bei Microsoft gearbeitet. Sie hat am Dienstag die ersten vier Lehrer geschult, am Mittwoch dann online alle anderen. „Sie meinte, auch die nicht ganz so Technikaffinen könnten das in zwei Stunden lernen. Tatsächlich waren wir in einer Stunde und 45 Minuten durch“, sagt Morche. Seitdem nimmt die Zahl derer, die von Detmold, Hannover oder Osnabrück aus arbeiten stetig zu. Rund 1500 Schüler betreuen sie. Wer das Online-Angebot ablehnt, soll das schriftlich erklären. „Das hat bislang nur ein Schüler getan“, berichtet Morche. In der mittlerweile zweiten Woche hat Celine Janson inzwischen andere Musikschulen in OWL gecoacht. Eva Donaire ist gleich am Sonntag in den Online-Unterricht eingestiegen. Die gebürtige Spanierin, die Klavier unterrichtet und den Fachbereich musikalische Früherziehung leitet, hatte 2017 schon erste Erfahrungen gesammelt. „2017 war eine Schülerin von mir lange Zeit krank. Damals haben wir drei Monate lang auf diese Art Unterricht gemacht.“ Am Montag hat sie sieben Schüler 30 Minuten lang auf diese Weise unterrichtet, am Dienstag bereits zwölf. Für Philipp ist es eine Premiere. Er hat sich gewünscht, dass der Unterricht über Whatsapp läuft, weil er sich damit auskennt. Donaire möchte von ihm den Flohwalzer hören. „Du hast viel geübt“, lobt sie Philipps Vortrag. Die Tonqualität ist allerdings eher grausig. Sie macht mit ihm ein Spiel mit den Fingern auf der Klaviatur. Er soll erst mit der rechten, dann mit der linken Hand bestimmte Töne anschlagen. Das klappt fehlerfrei. Donaire zeigt ihm dafür den erhobenen Daumen. Er darf sich ein Stück aussuchen, dass er gerne spielen möchte, Donaire spielt die Begleitung zur Melodie. Zu „Hänsel und Gretel“ soll er zuerst die einzelnen Noten vorlesen. Note für Note gehen die beiden das durch. Philipp notiert sich die Bezeichnung. „Philipp ist im Herbst in die Schule gekommen. Auf einmal lesen, schreiben, Klavierspielen und Noten lernen ist einfach zu viel für die Kinder“, begründet Donaire diese Unterrichtseinheit. Am Ende der 45 Minuten improvisiert die Lehrerin mit ihrem Schüler. Er spielt erst eine Melodie nur auf den schwarzen Tasten, dann nur auf den weißen Tasten und sie begleitet dazu mit Akkorden. Wie er den Unterricht fand, will Donaire wissen. „Cool“, sagt Philipp. Nächste Woche machen die beiden weiter. „Unsere Schüler und die Eltern sind überrascht, dass die Musikschule diese Möglichkeit anbietet“, sagt Morche. Er habe bisher nur positive Rückmeldungen erhalten. Das Lehrer-Team funktioniere „ganz hervorragend“ und helfe sich gegenseitig. „Das ganze Kollegium ist in Eiswasser geworfen worden. Wir sind kurz untergegangen, haben aber jetzt den Kopf wieder oben“, sagt Morche. Es gehe nicht nur darum, dass die Musikschule überlebe, sondern auch darum, den Kindern in einer Stresssituation ein wenig Alltag zu bieten. „Außerdem ist der Kopf wieder frei, wenn man 30 Minuten lang ein Stück geübt hat“, sagt der ausgebildete Schauspieler und Regisseur. Er sieht das als eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Darin pflichtet ihm auch Kontrabass-Lehrer Wille Ehlerding bei: „Die Schüler brauchen den wöchentlichen Anreiz. Online-Unterricht ist eine gute Erfahrung für beide Seiten. Alle waren neugierig.“ Die digitalen Kanäle seien auch für kleinere Gruppen geeignet, allerdings weniger für die großen Chöre, gibt Morche zu. Für sie werde an neuen Angeboten gearbeitet. „Wir betreten terra incognita“. Der Zugang zu Laptop und Touchpad sei für die Kinder kein Problem. Die Eltern seien mit allem ausgestattet. Für die Musikschule hat er zusätzlich einige PCs, Webcams und Headsets angeschafft. Donaire hat als eine von drei Fachbereichsleitern, neben dem stellvertretenden Leiter Andreas Neuhaus, der die Klassik betreut, und Stephan Winkelhake für Rock, Pop und Jazz, in dieser Woche vor allem viel vorbereitet. Für die musikalische Früherziehung will sie Videos und Podcasts produzieren. Dir sind als Anleitung für Eltern und Erzieher gedacht. In 45 Minuten enthalten sie viele kleine Einheiten, die sie nach eigenem Bedarf portionieren können. Jede Woche will Donaire neuen Stoff bieten. Inzwischen haben Musikschüler angefangen musikalische Postkarten aufzunehmen, die in einer Cloud gespeichert werden. Sie können von Pflegern in Seniorenheimen abgerufen werden, um sie Senioren vorzuspielen. „Wir haben in der letzten Woche mehr in Bezug auf Digitalisierung gelernt, als in den vergangenen fünf Jahren“, sagt Morche. Der Musikschulleiter kann der Corona-Epidemie einen positiven Nebeneffekt abgewinnen: Die Musikschule kann jetzt wieder neue Schüler aufnehmen.