Minden

"Helden des Alltags": Mindener Arzthelferin über die Arbeit in der Corona-Krise

Thomas Lieske

Minden. Hausarztpraxen sind für kranke Patientinnen und Patienten die erste Anlaufstelle. Das ist besonders in Zeiten von Corona für das medizinische Personal wie die Medizinische Fachangestellte Svenja Barg eine logistische und psychische Herausforderung. Die Arzthelferin einer Mindener Praxis erlebt mit ihrem Team wie derzeit auch in vielen anderen Praxen einen Ausnahmezustand.

Svenja Barg ist Medizinische Fachangestellte in Minden. Bis letzten Freitag hat die Praxis noch selbst Corona-Abstriche gemacht. - © Foto: privat
Svenja Barg ist Medizinische Fachangestellte in Minden. Bis letzten Freitag hat die Praxis noch selbst Corona-Abstriche gemacht. (© Foto: privat)

Patientenansturm, fehlender Nachschub bei Schutzmaterial wie Masken und Desinfektionsmittel, Fragen, Hektik und viel Unverständnis prägen derzeit den Praxisalltag. Gerade in diesen Zeiten braucht es Menschen, die den Überblick behalten. Doch wie gelingt das und können Menschen in medizinischen Berufen überhaupt abschalten? Im MT-Gespräch gibt Svenja Barg einen kurzen Einblick in die angespannte Situation.

MT: Was löst das Wort Corona bei Ihnen persönlich aus?

Svenja Barg: Für mich persönlich löst das gemischte Gefühle aus. Wir nehmen natürlich alles vom Tag mit nach Hause.

Da ist es sicherlich schwer, abzuschalten.

Mit mir persönlich macht das ganz viel. Ich habe einen Vater mit einer transplantierten Lunge, das ist ein großes Problem. Wir wohnen zwar nicht zusammen, bauen aber gerade auf dem Hof eine Wohnung aus. Ich könnte jederzeit etwas aus der Praxis mitbringen. Die Baustelle ruht in diesen Zeiten natürlich. Das ist aber egal. Ich mache mir nur Sorgen, weil es immer schwieriger wird, sich auf der Arbeit zu schützen. Mundschutz und Desinfektionsmittel werden knapp. Derzeit bekommen wir wie viele andere Praxen auch keinen Nachschub. Wie lange die kleinen Vorräte noch reichen, wissen wir nicht.

Ist Corona den ganzen Tag über auf der Arbeit präsent?

Bis letzte Woche Freitag war es ganz schlimm. Aber jetzt machen wir keine Abstriche mehr. Es ist viel entspannter vom Anlauf her. Allerdings haben wir jetzt viel mehr Telefon- und Interviewverkehr.

Was ist im Praxisalltag anders durch Corona ?

Keiner traut sich mehr her. Und alle haben dieselbe Krankheit. Wir haben keine anderen Notfälle mehr. Keine Schulterbeschwerden, keine Kniebeschwerden, nichts. Jetzt ist alles Corona. Alle haben einen Infekt. Und alle haben Angst, dass sie Corona haben.

Haben Sie mehr Patienten am Tag als vor Corona?

Nein, wir haben weniger, weil wir die übrigen Termine abgesagt haben, um uns auf die Notfallbehandlungen konzentrieren zu können. Die Infekte werden in der Regel per Telefon krankgeschrieben – wenn die Patienten denn anrufen. Wenn sie aber unangekündigt hier in der Praxis auftauchen, kommen sie nach Möglichkeit gleich in ein Behandlungszimmer. Mittlerweile haben wir die Kapazitäten wieder. Vor ein paar Wochen sah das noch ganz anders aus. Die Telefonische Abwicklung ist viel mehr geworden.

Ist der Aufwand dadurch größer?

Auf jeden Fall. Wir telefonieren im Moment mit drei Leuten. Sonst schafft das einer allein am Tag. Trotzdem glauben die Leute, wir sind nicht erreichbar.

Sind Sie denn tatsächlich zu manchen Zeiten nicht erreichbar?

Naja, wir haben eben nur einen Telefonplatz. Der ist durch die vielen Anrufe gefühlt dauerhaft belegt. Wir legen auf, und es klingelt sofort wieder. Wir haben schon das Gefühl, dass wir alles möglich machen. Natürlich heißt das für den Patienten, dass die Leitung im Moment dann auch mal belegt ist.

Bekommen Sie das von einzelnen Patienten zu spüren?

Es kommen böse Emails, Briefe liegen im Kasten. Und auch am Telefon ist das zu spüren.

Wie gehen Sie damit um?

Ruhig bleiben, die Lage erklären. Rezepte und Krankmeldungen schicken wir per Post, um Patienten und uns zu schützen. Mehr können wir nicht tun.

Beschäftigen Sie diese ganzen Erlebnisse aus der Praxis auch jetzt noch zu Hause?

Das Ding ist, dass man derzeit zu Hause keinen richtigen Ausgleich hat. Wir haben zwar keine Ausgangssperre, aber wir bleiben trotzdem zu Hause. Wir müssen und wollen zwar weiterarbeiten, aber privat schränken wir uns schon sehr ein. Dadurch kann ich nicht so richtig abschalten.

Sie arbeiten in einer Berufssparte, die als systemrelevant gilt. Sie sind so etwas wie eine Alltagsheldin, oder?

Ja, schon. Natürlich auch alle anderen, die im Gesundheitssektor arbeiten und dafür sorgen, dass das System am Laufen bleibt. Was derzeit am Menschen geleistet wird, ist unglaublich.

Wird Ihnen das anerkannt?

Das fällt oft hinten runter. Wir konnten uns hier vor Ansturm nicht retten. Da hatten wir noch die Abstriche hier, das war schon extrem. Aber das sieht kaum einer. Wir sind eben in einer Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle. Hier kommen jeden Tag die Fragen an. Viele fragen nach Impfungen. Wir werden angesprochen. Aber wie sollen wir impfen, wenn kein Impfstoff verfügbar ist. Anerkannt wird die Arbeit zu wenig.

MT-Serie "Helden des Alltags"

Verkäuferinnen, Pfleger, Postbotinnen, Müllwerker: Sie sorgen in diesen Tagen für Normalität im Ausnahmezustand. Während andere im Home Office sitzen und Fremde problemlos meiden können, müssen die Angehörigen dieser und anderer Berufsgruppen ständig draußen sein und die Stellung halten.

Das Mindener Tageblatt widmet ihnen darum seine aktuelle Serie und stellt einzelne Männer und Frauen vor, die den Alltag am Laufen halten.

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Minden"Helden des Alltags": Mindener Arzthelferin über die Arbeit in der Corona-KriseThomas LieskeMinden. Hausarztpraxen sind für kranke Patientinnen und Patienten die erste Anlaufstelle. Das ist besonders in Zeiten von Corona für das medizinische Personal wie die Medizinische Fachangestellte Svenja Barg eine logistische und psychische Herausforderung. Die Arzthelferin einer Mindener Praxis erlebt mit ihrem Team wie derzeit auch in vielen anderen Praxen einen Ausnahmezustand. Patientenansturm, fehlender Nachschub bei Schutzmaterial wie Masken und Desinfektionsmittel, Fragen, Hektik und viel Unverständnis prägen derzeit den Praxisalltag. Gerade in diesen Zeiten braucht es Menschen, die den Überblick behalten. Doch wie gelingt das und können Menschen in medizinischen Berufen überhaupt abschalten? Im MT-Gespräch gibt Svenja Barg einen kurzen Einblick in die angespannte Situation. MT: Was löst das Wort Corona bei Ihnen persönlich aus? Svenja Barg: Für mich persönlich löst das gemischte Gefühle aus. Wir nehmen natürlich alles vom Tag mit nach Hause. Da ist es sicherlich schwer, abzuschalten. Mit mir persönlich macht das ganz viel. Ich habe einen Vater mit einer transplantierten Lunge, das ist ein großes Problem. Wir wohnen zwar nicht zusammen, bauen aber gerade auf dem Hof eine Wohnung aus. Ich könnte jederzeit etwas aus der Praxis mitbringen. Die Baustelle ruht in diesen Zeiten natürlich. Das ist aber egal. Ich mache mir nur Sorgen, weil es immer schwieriger wird, sich auf der Arbeit zu schützen. Mundschutz und Desinfektionsmittel werden knapp. Derzeit bekommen wir wie viele andere Praxen auch keinen Nachschub. Wie lange die kleinen Vorräte noch reichen, wissen wir nicht. Ist Corona den ganzen Tag über auf der Arbeit präsent? Bis letzte Woche Freitag war es ganz schlimm. Aber jetzt machen wir keine Abstriche mehr. Es ist viel entspannter vom Anlauf her. Allerdings haben wir jetzt viel mehr Telefon- und Interviewverkehr. Was ist im Praxisalltag anders durch Corona ? Keiner traut sich mehr her. Und alle haben dieselbe Krankheit. Wir haben keine anderen Notfälle mehr. Keine Schulterbeschwerden, keine Kniebeschwerden, nichts. Jetzt ist alles Corona. Alle haben einen Infekt. Und alle haben Angst, dass sie Corona haben. Haben Sie mehr Patienten am Tag als vor Corona? Nein, wir haben weniger, weil wir die übrigen Termine abgesagt haben, um uns auf die Notfallbehandlungen konzentrieren zu können. Die Infekte werden in der Regel per Telefon krankgeschrieben – wenn die Patienten denn anrufen. Wenn sie aber unangekündigt hier in der Praxis auftauchen, kommen sie nach Möglichkeit gleich in ein Behandlungszimmer. Mittlerweile haben wir die Kapazitäten wieder. Vor ein paar Wochen sah das noch ganz anders aus. Die Telefonische Abwicklung ist viel mehr geworden. Ist der Aufwand dadurch größer? Auf jeden Fall. Wir telefonieren im Moment mit drei Leuten. Sonst schafft das einer allein am Tag. Trotzdem glauben die Leute, wir sind nicht erreichbar. Sind Sie denn tatsächlich zu manchen Zeiten nicht erreichbar? Naja, wir haben eben nur einen Telefonplatz. Der ist durch die vielen Anrufe gefühlt dauerhaft belegt. Wir legen auf, und es klingelt sofort wieder. Wir haben schon das Gefühl, dass wir alles möglich machen. Natürlich heißt das für den Patienten, dass die Leitung im Moment dann auch mal belegt ist. Bekommen Sie das von einzelnen Patienten zu spüren? Es kommen böse Emails, Briefe liegen im Kasten. Und auch am Telefon ist das zu spüren. Wie gehen Sie damit um? Ruhig bleiben, die Lage erklären. Rezepte und Krankmeldungen schicken wir per Post, um Patienten und uns zu schützen. Mehr können wir nicht tun. Beschäftigen Sie diese ganzen Erlebnisse aus der Praxis auch jetzt noch zu Hause? Das Ding ist, dass man derzeit zu Hause keinen richtigen Ausgleich hat. Wir haben zwar keine Ausgangssperre, aber wir bleiben trotzdem zu Hause. Wir müssen und wollen zwar weiterarbeiten, aber privat schränken wir uns schon sehr ein. Dadurch kann ich nicht so richtig abschalten. Sie arbeiten in einer Berufssparte, die als systemrelevant gilt. Sie sind so etwas wie eine Alltagsheldin, oder? Ja, schon. Natürlich auch alle anderen, die im Gesundheitssektor arbeiten und dafür sorgen, dass das System am Laufen bleibt. Was derzeit am Menschen geleistet wird, ist unglaublich. Wird Ihnen das anerkannt? Das fällt oft hinten runter. Wir konnten uns hier vor Ansturm nicht retten. Da hatten wir noch die Abstriche hier, das war schon extrem. Aber das sieht kaum einer. Wir sind eben in einer Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle. Hier kommen jeden Tag die Fragen an. Viele fragen nach Impfungen. Wir werden angesprochen. Aber wie sollen wir impfen, wenn kein Impfstoff verfügbar ist. Anerkannt wird die Arbeit zu wenig. MT-Serie "Helden des Alltags" Verkäuferinnen, Pfleger, Postbotinnen, Müllwerker: Sie sorgen in diesen Tagen für Normalität im Ausnahmezustand. Während andere im Home Office sitzen und Fremde problemlos meiden können, müssen die Angehörigen dieser und anderer Berufsgruppen ständig draußen sein und die Stellung halten. Das Mindener Tageblatt widmet ihnen darum seine aktuelle Serie und stellt einzelne Männer und Frauen vor, die den Alltag am Laufen halten.