Minden/Lübbecke

Besuchsstopp im Heim: Der Kampf gegen Corona fordert alten Menschen alles ab

Anja Peper

Seit mehr als 60 Jahren zusammen – jetzt wegen der Corona-Zwangspause getrennt: Jutta und Lothar Schmidt machen gerade eine schwere Zeit durch. Er leidet unter Demenz und kann den Zweck der angeordneten „sozialen Distanzierung“ nicht nachvollziehen. Foto: privat - © privat
Seit mehr als 60 Jahren zusammen – jetzt wegen der Corona-Zwangspause getrennt: Jutta und Lothar Schmidt machen gerade eine schwere Zeit durch. Er leidet unter Demenz und kann den Zweck der angeordneten „sozialen Distanzierung“ nicht nachvollziehen. Foto: privat (© privat)

Minden/Lübbecke (mt). Lothar Schmidt ist 86 Jahre alt und er weiß nicht, warum gerade alles anders ist. Aber er spürt, dass etwas nicht stimmt. Was für Menschen mit Demenz so enorm wichtig ist – Nähe, Verlässlichkeit, kleine Streicheleinheiten, gemeinsame Erinnerungen und Routinen – löst sich gerade in Luft auf. Ansteckung vermeiden, Risikogruppen schützen: Der Kampf gegen Corona bedeutet „soziale Distanzierung“ – in diesem Fall auch Abstand zum geliebten Menschen. Lothar Schmidt lebt im Ev. Alten- und Pflegeheim in Lübbecke. Keine Besuche mehr erlaubt. Seine Ehefrau Jutta (77) muss wie alle anderen Angehörigen draußen bleiben.

Die Corona-Zwangspause: Niemand weiß, wie lange diese schwere Zeit für getrennte Paare und Familien anhalten wird. Das ist für sie, die noch gut zu Fuß ist und in einer eigenen Wohnung lebt, eine bittere Pille. „Dass wir jetzt getrennt sind, ist fürchterlich“, sagt sie. „Aber es ist überlebensnotwendig für alle.“ Sie ist auch auf Facebook unterwegs und schreibt dort ihre Gedanken auf. Zum Beispiel: „Wir alle können dazu beitragen, dass das Coronavirus sich nicht weiter ausbreitet. Bleibt zu Hause!“ Sie kann den Besuchsstopp in Krankenhäusern und Pflegeheimen akzeptieren. Ihr Dank gilt ausdrücklich dem Personal im Heim. „Aber die Mitarbeiter können sich ja nicht um jeden Einzelnen so kümmern, wie ich es sonst getan habe.“ Das sind die vielen Kleinigkeiten eines Besuchs: Schokolade mitbringen, Augentropfen verabreichen, eine Umarmung, die kleinen Streicheleinheiten. Sie kam täglich zur gleichen Zeit, um 15 Uhr, eine lieb gewonnene Routine für das Paar. Die Beiden sind seit mehr als 60 Jahren zusammen. 1962 haben sie geheiratet und zwei Kinder bekommen. „Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen.“

Jetzt geht die 77-Jährige alleine mit Hund Snoopy Gassi. Sie kommt oft an einer blühenden Sternmagnolie vorbei und freut sich über den Frühling. Aber dass niemand ihrem dementen Mann die neue Situation erklären kann, macht der Frau schwer zu schaffen. Sie hat versucht, ihm am Telefon andere Möglichkeiten der Kontaktaufnahme anzubieten: Sie werde täglich um 15 Uhr mit Snoopy vor dem Heim warten und ihm von draußen zuwinken. Er müsse nur zur verabredeten Zeit am Fenster stehen. Das war ihr Plan. Aber es hat nicht funktioniert. Wie ihr Mann die Umstellung verkraftet, mit der er konfrontiert ist – schwer zu sagen.

Für Menschen mit Demenz ist die Corona-Krise besonders hart. Davon ist Sozialberaterin Doris Kaase (Porta Westfalica) fest überzeugt: „Demenzkranke spüren die Angst ihrer Angehörigen ganz genau. Diese Angst überträgt sich. Aber sie verstehen nicht, was eigentlich los ist.“ Im Augenblick sind Betroffene komplett auf sich alleine gestellt. Sämtliche Gruppen-Angebote des Vereins „Leben mit Demenz“ liegen ebenfalls auf Eis.

Das Immunsystem wird im Alter schlechter. Das ist der Grund, warum Menschen in Alten- und Pflegeheimen vor dem neuen Coronavirus dringend geschützt werden sollen. Sie sind anfälliger für schwere Verläufe der Krankheit und könnten daran sterben. Doch der Preis für den Schutz ist hoch, wie das Beispiel zeigt.

Auch für die anderen Bewohner des Alten- und Pflegeheimes in Lübbecke hat sich Jutta Schmidt engagiert: Sie las ihnen oft ihre selbst geschriebene Geschichten von früher vor. Sie handeln von der Kindheit und Jugend, von der Kartoffelernte vom Leierkastenmann. Auch diese lieb gewonnene Gewohnheit, die das Personal entlastet, ist erstmal passé.

Die Autorin ist erreichbar unter (05 71) 882 231 oder Anja.Peper@MT.de

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Minden/LübbeckeBesuchsstopp im Heim: Der Kampf gegen Corona fordert alten Menschen alles abAnja PeperMinden/Lübbecke (mt). Lothar Schmidt ist 86 Jahre alt und er weiß nicht, warum gerade alles anders ist. Aber er spürt, dass etwas nicht stimmt. Was für Menschen mit Demenz so enorm wichtig ist – Nähe, Verlässlichkeit, kleine Streicheleinheiten, gemeinsame Erinnerungen und Routinen – löst sich gerade in Luft auf. Ansteckung vermeiden, Risikogruppen schützen: Der Kampf gegen Corona bedeutet „soziale Distanzierung“ – in diesem Fall auch Abstand zum geliebten Menschen. Lothar Schmidt lebt im Ev. Alten- und Pflegeheim in Lübbecke. Keine Besuche mehr erlaubt. Seine Ehefrau Jutta (77) muss wie alle anderen Angehörigen draußen bleiben. Die Corona-Zwangspause: Niemand weiß, wie lange diese schwere Zeit für getrennte Paare und Familien anhalten wird. Das ist für sie, die noch gut zu Fuß ist und in einer eigenen Wohnung lebt, eine bittere Pille. „Dass wir jetzt getrennt sind, ist fürchterlich“, sagt sie. „Aber es ist überlebensnotwendig für alle.“ Sie ist auch auf Facebook unterwegs und schreibt dort ihre Gedanken auf. Zum Beispiel: „Wir alle können dazu beitragen, dass das Coronavirus sich nicht weiter ausbreitet. Bleibt zu Hause!“ Sie kann den Besuchsstopp in Krankenhäusern und Pflegeheimen akzeptieren. Ihr Dank gilt ausdrücklich dem Personal im Heim. „Aber die Mitarbeiter können sich ja nicht um jeden Einzelnen so kümmern, wie ich es sonst getan habe.“ Das sind die vielen Kleinigkeiten eines Besuchs: Schokolade mitbringen, Augentropfen verabreichen, eine Umarmung, die kleinen Streicheleinheiten. Sie kam täglich zur gleichen Zeit, um 15 Uhr, eine lieb gewonnene Routine für das Paar. Die Beiden sind seit mehr als 60 Jahren zusammen. 1962 haben sie geheiratet und zwei Kinder bekommen. „Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen.“ Jetzt geht die 77-Jährige alleine mit Hund Snoopy Gassi. Sie kommt oft an einer blühenden Sternmagnolie vorbei und freut sich über den Frühling. Aber dass niemand ihrem dementen Mann die neue Situation erklären kann, macht der Frau schwer zu schaffen. Sie hat versucht, ihm am Telefon andere Möglichkeiten der Kontaktaufnahme anzubieten: Sie werde täglich um 15 Uhr mit Snoopy vor dem Heim warten und ihm von draußen zuwinken. Er müsse nur zur verabredeten Zeit am Fenster stehen. Das war ihr Plan. Aber es hat nicht funktioniert. Wie ihr Mann die Umstellung verkraftet, mit der er konfrontiert ist – schwer zu sagen. Für Menschen mit Demenz ist die Corona-Krise besonders hart. Davon ist Sozialberaterin Doris Kaase (Porta Westfalica) fest überzeugt: „Demenzkranke spüren die Angst ihrer Angehörigen ganz genau. Diese Angst überträgt sich. Aber sie verstehen nicht, was eigentlich los ist.“ Im Augenblick sind Betroffene komplett auf sich alleine gestellt. Sämtliche Gruppen-Angebote des Vereins „Leben mit Demenz“ liegen ebenfalls auf Eis. Das Immunsystem wird im Alter schlechter. Das ist der Grund, warum Menschen in Alten- und Pflegeheimen vor dem neuen Coronavirus dringend geschützt werden sollen. Sie sind anfälliger für schwere Verläufe der Krankheit und könnten daran sterben. Doch der Preis für den Schutz ist hoch, wie das Beispiel zeigt. Auch für die anderen Bewohner des Alten- und Pflegeheimes in Lübbecke hat sich Jutta Schmidt engagiert: Sie las ihnen oft ihre selbst geschriebene Geschichten von früher vor. Sie handeln von der Kindheit und Jugend, von der Kartoffelernte vom Leierkastenmann. Auch diese lieb gewonnene Gewohnheit, die das Personal entlastet, ist erstmal passé. Die Autorin ist erreichbar unter (05 71) 882 231 oder Anja.Peper@MT.de