Vasco - Allein zu Haus: Gruselgeschichten eines MT-Journalisten aus dem Home-Office Vasco Stemmer Minden. „Mach regelmäßig Pausen. Trenne Privates und Dienstliches. Zieh dir was Ordentliches an. Du musst dich auch zu Hause nicht gehen lassen.“ Diese einfachen Grundegeln für die Arbeit im Home-Office habe ich zwar schonmal gehört, wirklich verinnerlicht habe ich sie aber nicht, als mein eigener Wechsel in die Heimarbeit ansteht. Und dass sie tatsächlich einen Nutzen haben könnten, kann ich mir auch nicht so richtig vorstellen. „Ich arbeite einfach nur von zu Hause aus, das ist doch kein Hexenwerk. Ich lasse das mal auf mich zukommen“, denke ich noch am Vorabend meines ersten Tages im Home-Office. Solange ich meinen Laptop habe und das Internet funktioniert, kann nicht viel schiefgehen. Besonders über den Punkt mit der Kleidung muss ich schon ein bisschen schmunzeln. „Wieso sollten meine Klamotten denn Einfluss darauf haben, ob meine Arbeit von Erfolg gekrönt ist oder nicht? Wenn mir danach ist, schaffe ich das sogar ohne Hose“, bin ich mir sicher. Nur dass ich wie sonst auch um neun Uhr mit der Arbeit anfange, nehme ich mir fest vor. Weil ich mir die Fahrt spare, kann ich länger schlafen – ein wichtiger Pluspunkt für die Arbeit in den eigenen vier Wänden. Um kurz vor neun setze ich mich also mit einer Tasse Kaffee, meiner Decke und in meiner Jogginghose an meinen Schreibtisch. Auf die empfohlene Kleidungsetikette verzichte ich, und fühle mich ziemlich wohl dabei. Meine Frau, die auch in die Heimarbeit geschickt wurde, sitzt bereits seit einer guten Stunde an ihrem Arbeitsplatz. Direkt neben mir und in angemessener Kleidung. Ich frage mich, warum sie sich eine solche Mühe gemacht hat, anstatt länger zu schlafen. Den ersten Dämpfer bekomme ich prompt. Ein 17-Zoll-Laptop auf einem sonst leeren Tisch, in einem nur rudimentär eingerichteten Büro, ist nicht das Gleiche wie ein vollausgestatteter Arbeitsplatz in der Redaktion. Laptop, Dockingstation, zwei 24-Zoll-Monitore: ich vermisse euch. Arbeitsutensilien, die ich bisher als selbstverständlich hingenommen habe, fehlen mir jetzt doch sehr. In einer Kiste finde ich zumindest eine alte Tastatur und eine Maus, die mir das Leben etwas erleichtern sollen. Beim Versuch meine erste E-Mail zu verfassen, stelle ich fest, dass der Buchstabe “E“ klemmt - das darf doch wohl nicht wahr sein. Mit genug Gewalt klappt es dann aber doch. Ich hole mir einen Kaffee aus der Küche. Die Laune ist schon nach einer knappen Stunde nicht mehr die Beste. Durch mein Hämmern auf der Tastatur beschere ich meiner Frau das gleiche Schicksal. Das kann ja noch was werden. Im Haus ist alles ruhig und auch auf der Straße ist es ungewohnt leise. Eigentlich beste Voraussetzungen zum Arbeiten, doch es fehlt das Grundrauschen. In der vorherrschenden Stille wird jedes Geräusch zur Ablenkung. Umso weiter die Zeit vorrückt, umso schlechter ist es um meine Konzentration bestellt. Ich beginne durch die Wohnung zu wandern. Mit meinem angestrengten Blick und der Decke über dem Kopf, ähnele ich eher dem Ringgeist aus "Der Herr der Ringe", der er als Miniatur auf meinem Schreibtisch steht, als einem Journalisten. Die Jogginghose mag sich am Morgen noch wie ein angenehmes Kleidungsstück anfühlen. Doch in einer Arbeitssituation am Nachmittag ist das definitiv nicht mehr der Fall. Da ich mir keine festen Pausenzeiten überlegt habe, schaffe ich zwischendurch nicht mich zu entspannen. „Los, an die Arbeit“, schallt es in meinem Kopf, sobald ich kurz auf dem Sofa Platz nehme. Ich setzte mich also wieder an meinen Arbeitsplatz, stehe wieder auf, laufe rum, fange an zu nörgeln, gerate mit meiner Frau aneinander, entschuldige mich und schimpfe auf mich selbst. So viel zum Thema Pluspunkte. Als meine Frau sich in den Feierabend und eine Tür weiter verabschiedet, versuche ich noch einmal mich zu konzentrieren. Doch ein Autofahrer hat andere Pläne mit mir. "I like to move it, move it", dröhnt es wie verrückt aus der Soundanlage des geschmacklos hergerichteten Wagens, der an der Ampel vor unserer Wohnung stehen bleibt. Ich verliere die Fassung. Der Ohrwurm hat mich befallen. Weil ich mich den Tag über gedanklich fast ausschließlich mit dem Corona-Virus befasst habe, dichtet mein Unterbewusstsein den Text um. Ich fange wie automatisch an zu singen: "I like some covid, covid! I like some covid, covid!" Das ist zu viel für mich. Ich mache Feierabend. Als mir meine Frau später erzählt, dass sie einen großen Bildschirm und eine andere Tastatur für mich aufgetrieben hat, schaue ich trotz meines makaberen Ohrwurms schon wieder optimistischer in die Zukunft. Ich beschließe ab Morgen dann doch mal mit den einfachen Grundregeln zu versuchen.

Vasco - Allein zu Haus: Gruselgeschichten eines MT-Journalisten aus dem Home-Office

Hallo aus dem Home-Office: Ich bin Vasco Stemmer, Volontär beim Mindener Tageblatt, und berichte über meinen nicht ganz normalen Alltag als Journalist in der derzeitigen Corona-Krise. © Foto: pr

Minden. „Mach regelmäßig Pausen. Trenne Privates und Dienstliches. Zieh dir was Ordentliches an. Du musst dich auch zu Hause nicht gehen lassen.“ Diese einfachen Grundegeln für die Arbeit im Home-Office habe ich zwar schonmal gehört, wirklich verinnerlicht habe ich sie aber nicht, als mein eigener Wechsel in die Heimarbeit ansteht. Und dass sie tatsächlich einen Nutzen haben könnten, kann ich mir auch nicht so richtig vorstellen.

„Ich arbeite einfach nur von zu Hause aus, das ist doch kein Hexenwerk. Ich lasse das mal auf mich zukommen“, denke ich noch am Vorabend meines ersten Tages im Home-Office. Solange ich meinen Laptop habe und das Internet funktioniert, kann nicht viel schiefgehen. Besonders über den Punkt mit der Kleidung muss ich schon ein bisschen schmunzeln. „Wieso sollten meine Klamotten denn Einfluss darauf haben, ob meine Arbeit von Erfolg gekrönt ist oder nicht? Wenn mir danach ist, schaffe ich das sogar ohne Hose“, bin ich mir sicher. Nur dass ich wie sonst auch um neun Uhr mit der Arbeit anfange, nehme ich mir fest vor.

Der Ringgeist mit dem Vasco-Kulli. So wie die Fabelfigur aus "Der Herr der Ringe" sehe ich auch aus. Home-Office, so habe ich es mir nicht mit dir vorgestellt. MT- - © Foto: Vasco Stemmer
Der Ringgeist mit dem Vasco-Kulli. So wie die Fabelfigur aus "Der Herr der Ringe" sehe ich auch aus. Home-Office, so habe ich es mir nicht mit dir vorgestellt. MT- - © Foto: Vasco Stemmer

Weil ich mir die Fahrt spare, kann ich länger schlafen – ein wichtiger Pluspunkt für die Arbeit in den eigenen vier Wänden. Um kurz vor neun setze ich mich also mit einer Tasse Kaffee, meiner Decke und in meiner Jogginghose an meinen Schreibtisch. Auf die empfohlene Kleidungsetikette verzichte ich, und fühle mich ziemlich wohl dabei. Meine Frau, die auch in die Heimarbeit geschickt wurde, sitzt bereits seit einer guten Stunde an ihrem Arbeitsplatz. Direkt neben mir und in angemessener Kleidung. Ich frage mich, warum sie sich eine solche Mühe gemacht hat, anstatt länger zu schlafen.

Doppelgänger? Ohne Kapuze habe ich dann doch nicht mehr so viel Ähnlichkeit mit dem Ringgeist. Ein Glück. - © Foto: pr
Doppelgänger? Ohne Kapuze habe ich dann doch nicht mehr so viel Ähnlichkeit mit dem Ringgeist. Ein Glück. - © Foto: pr

Den ersten Dämpfer bekomme ich prompt. Ein 17-Zoll-Laptop auf einem sonst leeren Tisch, in einem nur rudimentär eingerichteten Büro, ist nicht das Gleiche wie ein vollausgestatteter Arbeitsplatz in der Redaktion. Laptop, Dockingstation, zwei 24-Zoll-Monitore: ich vermisse euch. Arbeitsutensilien, die ich bisher als selbstverständlich hingenommen habe, fehlen mir jetzt doch sehr. In einer Kiste finde ich zumindest eine alte Tastatur und eine Maus, die mir das Leben etwas erleichtern sollen. Beim Versuch meine erste E-Mail zu verfassen, stelle ich fest, dass der Buchstabe “E“ klemmt - das darf doch wohl nicht wahr sein. Mit genug Gewalt klappt es dann aber doch. Ich hole mir einen Kaffee aus der Küche. Die Laune ist schon nach einer knappen Stunde nicht mehr die Beste. Durch mein Hämmern auf der Tastatur beschere ich meiner Frau das gleiche Schicksal. Das kann ja noch was werden.

Im Haus ist alles ruhig und auch auf der Straße ist es ungewohnt leise. Eigentlich beste Voraussetzungen zum Arbeiten, doch es fehlt das Grundrauschen. In der vorherrschenden Stille wird jedes Geräusch zur Ablenkung. Umso weiter die Zeit vorrückt, umso schlechter ist es um meine Konzentration bestellt. Ich beginne durch die Wohnung zu wandern. Mit meinem angestrengten Blick und der Decke über dem Kopf, ähnele ich eher dem Ringgeist aus "Der Herr der Ringe", der er als Miniatur auf meinem Schreibtisch steht, als einem Journalisten. Die Jogginghose mag sich am Morgen noch wie ein angenehmes Kleidungsstück anfühlen. Doch in einer Arbeitssituation am Nachmittag ist das definitiv nicht mehr der Fall.

Da ich mir keine festen Pausenzeiten überlegt habe, schaffe ich zwischendurch nicht mich zu entspannen. „Los, an die Arbeit“, schallt es in meinem Kopf, sobald ich kurz auf dem Sofa Platz nehme. Ich setzte mich also wieder an meinen Arbeitsplatz, stehe wieder auf, laufe rum, fange an zu nörgeln, gerate mit meiner Frau aneinander, entschuldige mich und schimpfe auf mich selbst. So viel zum Thema Pluspunkte.

Als meine Frau sich in den Feierabend und eine Tür weiter verabschiedet, versuche ich noch einmal mich zu konzentrieren. Doch ein Autofahrer hat andere Pläne mit mir. "I like to move it, move it", dröhnt es wie verrückt aus der Soundanlage des geschmacklos hergerichteten Wagens, der an der Ampel vor unserer Wohnung stehen bleibt. Ich verliere die Fassung. Der Ohrwurm hat mich befallen. Weil ich mich den Tag über gedanklich fast ausschließlich mit dem Corona-Virus befasst habe, dichtet mein Unterbewusstsein den Text um. Ich fange wie automatisch an zu singen: "I like some covid, covid! I like some covid, covid!"

Das ist zu viel für mich. Ich mache Feierabend. Als mir meine Frau später erzählt, dass sie einen großen Bildschirm und eine andere Tastatur für mich aufgetrieben hat, schaue ich trotz meines makaberen Ohrwurms schon wieder optimistischer in die Zukunft. Ich beschließe ab Morgen dann doch mal mit den einfachen Grundregeln zu versuchen.

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