MT-Serie: Liselotte Wentzlawsky überlebte im dänischen Lager Anja Peper Minden. Dies ist eine Geschichte über Fliegerbomben und Flucht, über Abschiede, Kopfläuse und Kälte. Sie erzählt von heimlichen Flirts am Zaun eines Flüchtlingslagers und von tiefen Freundschaften. Es ist die Geschichte von Liselotte Wentzlawsky, geborene Müller, heute 90 Jahre alt. Sie hat ihre Lebensgeschichte schon vor Jahren aufgeschrieben. In ihren Zeilen findet sich keine Bitterkeit. Mit der Vergangenheit ist sie ausgesöhnt: „Ich hatte ein gutes Leben.“ In Minden wurde Liselotte am 12. Februar 1930 geboren. Von hier zog die Familie früh weg, erst viele Jahre später sollte sie ihre Geburtsstadt kennenlernen. Mit 15 Jahren, kurz vor Kriegsende, ging sie in Danzig zur Schule. Die Stadt wurde damals überwiegend von Deutschen bewohnt. Fliegerangriffe häuften sich. Im Januar 1945 wurde der Schulbetrieb eingestellt. Mit ihrer Mutter flüchtete sie Richtung Dänemark. „Nun hieß es Abschied nehmen von meinem Vater. Würden wir ihn wiedersehen? Wir hatten als Treffpunkt Hausberge a.d. Porta, wo meine Großmutter mütterlicherseits wohnte, ausgemacht.“ Mit dem Zug ging es von Kopenhagen aus mit der Eisenbahnfähre über den Großen Belt durch Jütland nach Aarhus. „Dort wurden wir in das ehemalige Durchgangslager für deutsche Wehrmachtsangehörige geleitet.“ Es sollen 300.000 Flüchtlinge gewesen sein, die dort am Stadtrand lebten. „Meine Mutter und ich wurden mit 25 weiteren Personen in Baracke 14 Stube 8 eingewiesen. Zwei Fenster, dazwischen ein Kaminofen. Rechts und links dreistöckige, ich nenn' es mal Regale, die fortan unsere Schlafstellen waren. Als Matratzen bekamen wir Strohsäcke und zum Zudecken Papierdecken aus braunem Krepppapier mit Zellstofffüllung.“ Hinsetzen klappte nur in gebückter Haltung. „Anfangs haben wir uns oft den Kopf gestoßen.“ An die Enge konnten sich die Insassen gewöhnen. Weit schwieriger war für das Mädchen die fehlende Privatsphäre. Mehrere Baracken mussten sich ein Waschhaus mit Toiletten teilen. „Die sanitären Verhältnisse waren katastrophal. Etwa zwölf Plumpsklos reihten sich aneinander, getrennt durch Holzwände. „Aber vorne gab es keine Türen, alles war offen“, erinnert sich Liselotte Wentzlawsky. „Wartende Frauen und Kinder standen direkt vor einem und sahen zu, bis man fertig war – und wehe, es dauerte zu lange.“ In solchen Momenten glaubte sie, es nicht ertragen zu können. Auch die Bettwanzen und fehlende Vitamine machten den Flüchtlingen zu schaffen: „Ich bekam eine widerliche Mundfäule. Es war so schlimm, dass ich nur flüssige Nahrung durch einen Strohhalm zu mir nehmen konnte.“ Nicht alle dänischen Ärzte waren bereit, den Flüchtlingen zu helfen – sie waren ungebetene Gäste und bekamen das auch zu spüren. Im Jahr 1945 sollen etwa 13.500 deutsche Flüchtlinge gestorben sein, die im Königreich Zuflucht gesucht hatten. Meist gab es Kohl- oder Graupeneintopf zum Mittagessen. Liselotte verbrachte die Zeit mit den Gleichaltrigen im Lager. „Wir ließen uns in einer Ecke des Speisesaals nieder und sangen mit Begeisterung deutsche Volkslieder.“ Das kleine Büchlein mit Texten und Noten besetzt sie bis heute. Oder sie drehten Runde um Runde durchs Lager. Zwar war es den Wachposten streng verboten, mit den Mädchen zu sprechen. Aber das hielt kaum jemanden von einem Flirt über den Zaun ab. „Wir fragten sie: Was heißt: Deutsches Mädchen, ich liebe dich?“ Das verstanden sie anscheinend sofort. „Sie lachten uns an und antworteten: Tyske pige elske dei!“ Manchmal warfen die Wachposten den Mädchen auch etwas Süßes über den Zaun, wenn die Luft rein war. Nicht immer blieb es bei so harmlosen Flirts, wie Liselotte sie erlebte. Der 5. Mai 1945 war der Tag der Kapitulation in Dänemark. Sofort wurde das Lager hermetisch abgeriegelt und streng bewacht. Liselotte notierte in ihrem Tagebuch: „Am Tag der Kapitulation hob ein Jubel ohnegleichen unter den Dänen an. Sie sangen und tanzten auf den Straßen ringsum. Doch der Jubel schlug am Lagerzaun in Haß um. Sie drohten uns, spuckten in unsere Richtung und warfen sogar mit Steinen.“ Doch für Liselotte und ihre Mutter gab es auch einen Lichtblick: „Im Laufe des Jahres 1946 durften wir endlich Post versenden und empfangen, welche Freude. Wir bekamen einen Brief von meinem Vater, der gottseidank heil und unversehrt in Hausberge a.d. Porta eingetroffen war und sehnlichst darauf wartete, dass wir auch kämen.“ Nicht jeder durfte zurück in die Heimat. Lagerinsassen, die bei Verwandten in Deutschland unterkommen konnten und keinen zusätzlichen Wohnraum in Anspruch nehmen würden, konnten mit einer bestimmten Bescheinigung ausreisen. „Von meinem Vater bekamen wir diese heiß begehrte Bescheinigung, von der Britischen Militärbehörde abgesegnet, und wir erhielten die Erlaubnis, mit dem nächsten Transport am 2. Januar 1947 ausreisen zu dürfen.“ Als klar war, dass der Tag des Abschieds bevorsteht, bastelte Liselotte ein kleines Poesiealbum, dessen Kanten sie mit schwarzem Garn umnähe. Sie bat ihre Freundinnen aus dem Lager, sich darin mit einem Spruch zu verewigen. „Erst wenn Du in der Ferne bist, weißt Du was Heimat ist“, schrieb ihre Freundin Ingrid auf die erste Seite. Das kleine Album besitzt die 90-Jährige bis heute. Nachdem der Termin für die Rückkehr nach Hausberge feststand, startete Liselottes Mutter mit den Vorbereitungen. Sie ribbelte eine gehäkelte Sofadecke auf, teilte den dicken Faden und strickte daraus Pullover, Kniestrümpfe und Socken. Der Hungerwinter 1946/1947 war einer der kältesten des 20. Jahrhunderts. Als die Heimkehrer in Aarhus in den Zug stiegen, waren die Fensterscheiben zugefroren. „Die Milch, die man uns in einer großen Kanne in den Gang gestellt hatte, war zu einem dicken Eisklumpen gefroren.“ Die 600 Kilometer lange Heimreise war eine Tortur. Zurück in Hausberge, erlebte die 17-jährige Liselotte eine herbe Enttäuschung: „Meine Großmutter und Tante, bei denen wir nun vorerst wohnen mussten, waren über unser Kommen nicht sehr erbaut. Sie befürchteten, dass wir Ungeziefer und Krankheiten einschleppen würden.“ Die Sorge war unbegründet, weil die Rückkehrer vor der Abreise entlaust wurden. Aber es gab nicht genug zu essen. Kohlenklauen war an der Tagesordnung. Wenn die Kohlezüge langsam durch Porta Westfalica fuhren, sprangen die frierenden Menschen zu Hunderten auf die Waggons, füllten ihre Säcke und warfen sie an verabredeten Stellen ab. Am 1. März 1947 begann sie ihre Lehre beim Einzelhandelsverband Ostwestfalen in Minden. Im Laufe der 50er-Jahre verbesserten sich die Lebensumstände, das Wirtschaftswunder nahm Fahrt auf. 75 Jahre Kriegsende Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber. Wer selbst als Zeitzeuge von seinen Erinnerungen erzählen möchte: Kontakt (05 71) 882 73 oder lokales@mt.de

MT-Serie: Liselotte Wentzlawsky überlebte im dänischen Lager

Das Flüchtlingslager in Aarhus. Vor allem Frauen und Kinder waren hier untergebracht. Die wenigen Männer im Lager waren alt, behindert oder verwundet. Fotos (3): privat © pr

Minden. Dies ist eine Geschichte über Fliegerbomben und Flucht, über Abschiede, Kopfläuse und Kälte. Sie erzählt von heimlichen Flirts am Zaun eines Flüchtlingslagers und von tiefen Freundschaften. Es ist die Geschichte von Liselotte Wentzlawsky, geborene Müller, heute 90 Jahre alt. Sie hat ihre Lebensgeschichte schon vor Jahren aufgeschrieben. In ihren Zeilen findet sich keine Bitterkeit. Mit der Vergangenheit ist sie ausgesöhnt: „Ich hatte ein gutes Leben.“

In Minden wurde Liselotte am 12. Februar 1930 geboren. Von hier zog die Familie früh weg, erst viele Jahre später sollte sie ihre Geburtsstadt kennenlernen. Mit 15 Jahren, kurz vor Kriegsende, ging sie in Danzig zur Schule. Die Stadt wurde damals überwiegend von Deutschen bewohnt. Fliegerangriffe häuften sich. Im Januar 1945 wurde der Schulbetrieb eingestellt. Mit ihrer Mutter flüchtete sie Richtung Dänemark. „Nun hieß es Abschied nehmen von meinem Vater. Würden wir ihn wiedersehen? Wir hatten als Treffpunkt Hausberge a.d. Porta, wo meine Großmutter mütterlicherseits wohnte, ausgemacht.“

Mit dem Zug ging es von Kopenhagen aus mit der Eisenbahnfähre über den Großen Belt durch Jütland nach Aarhus. „Dort wurden wir in das ehemalige Durchgangslager für deutsche Wehrmachtsangehörige geleitet.“ Es sollen 300.000 Flüchtlinge gewesen sein, die dort am Stadtrand lebten. „Meine Mutter und ich wurden mit 25 weiteren Personen in Baracke 14 Stube 8 eingewiesen. Zwei Fenster, dazwischen ein Kaminofen. Rechts und links dreistöckige, ich nenn' es mal Regale, die fortan unsere Schlafstellen waren. Als Matratzen bekamen wir Strohsäcke und zum Zudecken Papierdecken aus braunem Krepppapier mit Zellstofffüllung.“ Hinsetzen klappte nur in gebückter Haltung. „Anfangs haben wir uns oft den Kopf gestoßen.“

Stube 8 in Baracke 14: Hier wurde Liselotte mit ihrer Mutter nach der Flucht mit 25 anderen Geflüchteten einquartiert. - © pr
Stube 8 in Baracke 14: Hier wurde Liselotte mit ihrer Mutter nach der Flucht mit 25 anderen Geflüchteten einquartiert. - © pr

An die Enge konnten sich die Insassen gewöhnen. Weit schwieriger war für das Mädchen die fehlende Privatsphäre. Mehrere Baracken mussten sich ein Waschhaus mit Toiletten teilen. „Die sanitären Verhältnisse waren katastrophal. Etwa zwölf Plumpsklos reihten sich aneinander, getrennt durch Holzwände. „Aber vorne gab es keine Türen, alles war offen“, erinnert sich Liselotte Wentzlawsky. „Wartende Frauen und Kinder standen direkt vor einem und sahen zu, bis man fertig war – und wehe, es dauerte zu lange.“ In solchen Momenten glaubte sie, es nicht ertragen zu können.

„Erst wenn Du in der Fremde bist, weißt Du was Heimat ist“, schrieb ihr eine Freundin ins selbst gebastelte Poesiealbum – wenige Woche vor der Ausreise im Januar 1947. MT-Foto: Alex Lehn - © Alex Lehn
„Erst wenn Du in der Fremde bist, weißt Du was Heimat ist“, schrieb ihr eine Freundin ins selbst gebastelte Poesiealbum – wenige Woche vor der Ausreise im Januar 1947. MT-Foto: Alex Lehn - © Alex Lehn

Auch die Bettwanzen und fehlende Vitamine machten den Flüchtlingen zu schaffen: „Ich bekam eine widerliche Mundfäule. Es war so schlimm, dass ich nur flüssige Nahrung durch einen Strohhalm zu mir nehmen konnte.“ Nicht alle dänischen Ärzte waren bereit, den Flüchtlingen zu helfen – sie waren ungebetene Gäste und bekamen das auch zu spüren. Im Jahr 1945 sollen etwa 13.500 deutsche Flüchtlinge gestorben sein, die im Königreich Zuflucht gesucht hatten.

Meist gab es Kohl- oder Graupeneintopf zum Mittagessen. Liselotte verbrachte die Zeit mit den Gleichaltrigen im Lager. „Wir ließen uns in einer Ecke des Speisesaals nieder und sangen mit Begeisterung deutsche Volkslieder.“ Das kleine Büchlein mit Texten und Noten besetzt sie bis heute. Oder sie drehten Runde um Runde durchs Lager. Zwar war es den Wachposten streng verboten, mit den Mädchen zu sprechen. Aber das hielt kaum jemanden von einem Flirt über den Zaun ab. „Wir fragten sie: Was heißt: Deutsches Mädchen, ich liebe dich?“ Das verstanden sie anscheinend sofort. „Sie lachten uns an und antworteten: Tyske pige elske dei!“ Manchmal warfen die Wachposten den Mädchen auch etwas Süßes über den Zaun, wenn die Luft rein war. Nicht immer blieb es bei so harmlosen Flirts, wie Liselotte sie erlebte.

Der 5. Mai 1945 war der Tag der Kapitulation in Dänemark. Sofort wurde das Lager hermetisch abgeriegelt und streng bewacht. Liselotte notierte in ihrem Tagebuch: „Am Tag der Kapitulation hob ein Jubel ohnegleichen unter den Dänen an. Sie sangen und tanzten auf den Straßen ringsum. Doch der Jubel schlug am Lagerzaun in Haß um. Sie drohten uns, spuckten in unsere Richtung und warfen sogar mit Steinen.“

Doch für Liselotte und ihre Mutter gab es auch einen Lichtblick: „Im Laufe des Jahres 1946 durften wir endlich Post versenden und empfangen, welche Freude. Wir bekamen einen Brief von meinem Vater, der gottseidank heil und unversehrt in Hausberge a.d. Porta eingetroffen war und sehnlichst darauf wartete, dass wir auch kämen.“ Nicht jeder durfte zurück in die Heimat. Lagerinsassen, die bei Verwandten in Deutschland unterkommen konnten und keinen zusätzlichen Wohnraum in Anspruch nehmen würden, konnten mit einer bestimmten Bescheinigung ausreisen. „Von meinem Vater bekamen wir diese heiß begehrte Bescheinigung, von der Britischen Militärbehörde abgesegnet, und wir erhielten die Erlaubnis, mit dem nächsten Transport am 2. Januar 1947 ausreisen zu dürfen.“

Als klar war, dass der Tag des Abschieds bevorsteht, bastelte Liselotte ein kleines Poesiealbum, dessen Kanten sie mit schwarzem Garn umnähe. Sie bat ihre Freundinnen aus dem Lager, sich darin mit einem Spruch zu verewigen. „Erst wenn Du in der Ferne bist, weißt Du was Heimat ist“, schrieb ihre Freundin Ingrid auf die erste Seite. Das kleine Album besitzt die 90-Jährige bis heute.

Nachdem der Termin für die Rückkehr nach Hausberge feststand, startete Liselottes Mutter mit den Vorbereitungen. Sie ribbelte eine gehäkelte Sofadecke auf, teilte den dicken Faden und strickte daraus Pullover, Kniestrümpfe und Socken. Der Hungerwinter 1946/1947 war einer der kältesten des 20. Jahrhunderts. Als die Heimkehrer in Aarhus in den Zug stiegen, waren die Fensterscheiben zugefroren. „Die Milch, die man uns in einer großen Kanne in den Gang gestellt hatte, war zu einem dicken Eisklumpen gefroren.“ Die 600 Kilometer lange Heimreise war eine Tortur.

Zurück in Hausberge, erlebte die 17-jährige Liselotte eine herbe Enttäuschung: „Meine Großmutter und Tante, bei denen wir nun vorerst wohnen mussten, waren über unser Kommen nicht sehr erbaut. Sie befürchteten, dass wir Ungeziefer und Krankheiten einschleppen würden.“ Die Sorge war unbegründet, weil die Rückkehrer vor der Abreise entlaust wurden. Aber es gab nicht genug zu essen. Kohlenklauen war an der Tagesordnung. Wenn die Kohlezüge langsam durch Porta Westfalica fuhren, sprangen die frierenden Menschen zu Hunderten auf die Waggons, füllten ihre Säcke und warfen sie an verabredeten Stellen ab. Am 1. März 1947 begann sie ihre Lehre beim Einzelhandelsverband Ostwestfalen in Minden. Im Laufe der 50er-Jahre verbesserten sich die Lebensumstände, das Wirtschaftswunder nahm Fahrt auf.

75 Jahre Kriegsende

Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

Wer selbst als Zeitzeuge von seinen Erinnerungen erzählen möchte: Kontakt (05 71) 882 73 oder lokales@mt.de

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