Standpunkt zur Corona-Krise: Komplette Ignoranz Jan Henning Rogge Soziale Netzwerke können in Tagen, in denen viele Menschen Angst vor Isolation haben oder sich vernetzen wollen, ein Segen sein. Meist sind sie ein Fluch. Nachdem ich den Artikel mit dem Wortlaut von Angela Merkels Rede am Mittwochabend auf der Facebookseite des Mindener Tageblatts geteilt habe, dauerte es nur Minuten, bis die ersten Reaktionen kamen. Es waren wenig positive. Für die leeren Supermarktregale, das angeblich miserable Gesundheitswesen und noch viel mehr wurden die Kanzlerin und ihre Regierung dort verantwortlich gemacht. Und dazwischen gibt es immer wieder Stimmen, die das Virus verharmlosen, Artikel und Videos von windigen Seiten posten, Verschwörungstheorien und Falschmeldungen verbreiten. Zum Glück gibt es viele Stimmen, die diesen Aussagen widersprechen. Und trotzdem: Schon lange war ich nicht mehr so wütend wie dieses Mal – obwohl es zu meiner Arbeit gehört, solche Aussagen dort regelmäßig zu lesen. Schon seit einigen Wochen schreibe ich mir öfter Nachrichten mit Studienkollegen aus meiner Zeit als Austauschstudent in Italien, mit Freunden und Bekannten. Eine Bekannte aus einem Ort bei Bergamo schrieb mir gerade gestern furchtbare Dinge. Über das kollabierende Gesundheitssystem, über die vielen Toten, die jetzt in Kirchen zwischengelagert werden, weil die Krematorien die Lage nicht mehr bewältigen können. Sie schreibt über die Angst, die sie und ihre Kinder haben. Es sei wie im Krieg, meint mein ehemaliger Mitbewohner, der im Veneto lebt und seit vielen Wochen seine Eltern nicht mehr gesehen hat, um sie vor einer Infektion zu schützen. „Ihr müsst das ernst nehmen!“ – diesen Satz schreiben sie alle. Auch ich bin oft nicht einverstanden mit dem, was unsere Regierung tut oder eben nicht tut. Das gehört in einer Demokratie dazu. Es gehört aber auch dazu, dass man sich informiert, bevor man seine Meinung bildet und vor allem sagt – ein Grundsatz, der gerade in den sozialen Netzwerken oft vergessen wird. Die unqualifiziert herausgeblasenen Meinungen sind schon unter normalen Umständen eine Frechheit. Angesichts der Situation in Italien oder Spanien, angesichts dessen, dass viele, viele Menschen in allen Bereichen unserer Gesellschaft dafür hart arbeiten, dass es bei uns nicht so katastrophal wird, dass es weitergeht, angesichts dessen, dass wir alle genug zu essen und eines der besten Gesundheitssysteme der Welt haben, ist es eine Unverschämtheit. Es ist in diesen Tagen kein Problem, an Informationen zu kommen. Mit ein wenig Medienkompetenz lassen sich falsche von richtigen Nachrichten unterscheiden. Dafür, dass diese Informationen zur Verfügung stehen, arbeiten wir und viele andere Journalistinnen und Journalisten. Wenn unsere Informationen aber auf totale Ignoranz treffen, nützt das alles nichts.

Standpunkt zur Corona-Krise: Komplette Ignoranz

Soziale Netzwerke können in Tagen, in denen viele Menschen Angst vor Isolation haben oder sich vernetzen wollen, ein Segen sein. Meist sind sie ein Fluch. Nachdem ich den Artikel mit dem Wortlaut von Angela Merkels Rede am Mittwochabend auf der Facebookseite des Mindener Tageblatts geteilt habe, dauerte es nur Minuten, bis die ersten Reaktionen kamen. Es waren wenig positive.

Für die leeren Supermarktregale, das angeblich miserable Gesundheitswesen und noch viel mehr wurden die Kanzlerin und ihre Regierung dort verantwortlich gemacht. Und dazwischen gibt es immer wieder Stimmen, die das Virus verharmlosen, Artikel und Videos von windigen Seiten posten, Verschwörungstheorien und Falschmeldungen verbreiten. Zum Glück gibt es viele Stimmen, die diesen Aussagen widersprechen. Und trotzdem: Schon lange war ich nicht mehr so wütend wie dieses Mal – obwohl es zu meiner Arbeit gehört, solche Aussagen dort regelmäßig zu lesen.

Schon seit einigen Wochen schreibe ich mir öfter Nachrichten mit Studienkollegen aus meiner Zeit als Austauschstudent in Italien, mit Freunden und Bekannten. Eine Bekannte aus einem Ort bei Bergamo schrieb mir gerade gestern furchtbare Dinge. Über das kollabierende Gesundheitssystem, über die vielen Toten, die jetzt in Kirchen zwischengelagert werden, weil die Krematorien die Lage nicht mehr bewältigen können. Sie schreibt über die Angst, die sie und ihre Kinder haben. Es sei wie im Krieg, meint mein ehemaliger Mitbewohner, der im Veneto lebt und seit vielen Wochen seine Eltern nicht mehr gesehen hat, um sie vor einer Infektion zu schützen. „Ihr müsst das ernst nehmen!“ – diesen Satz schreiben sie alle.

Auch ich bin oft nicht einverstanden mit dem, was unsere Regierung tut oder eben nicht tut. Das gehört in einer Demokratie dazu. Es gehört aber auch dazu, dass man sich informiert, bevor man seine Meinung bildet und vor allem sagt – ein Grundsatz, der gerade in den sozialen Netzwerken oft vergessen wird.

Die unqualifiziert herausgeblasenen Meinungen sind schon unter normalen Umständen eine Frechheit. Angesichts der Situation in Italien oder Spanien, angesichts dessen, dass viele, viele Menschen in allen Bereichen unserer Gesellschaft dafür hart arbeiten, dass es bei uns nicht so katastrophal wird, dass es weitergeht, angesichts dessen, dass wir alle genug zu essen und eines der besten Gesundheitssysteme der Welt haben, ist es eine Unverschämtheit.

Es ist in diesen Tagen kein Problem, an Informationen zu kommen. Mit ein wenig Medienkompetenz lassen sich falsche von richtigen Nachrichten unterscheiden. Dafür, dass diese Informationen zur Verfügung stehen, arbeiten wir und viele andere Journalistinnen und Journalisten. Wenn unsere Informationen aber auf totale Ignoranz treffen, nützt das alles nichts.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden