Schon Kleinkinder haben einen Sinn für Gerechtigkeit: Doch sind sie gerechter als die Erwachsenen? Julika Bergermann Minden (mt). „Kinder an die Macht", das forderte Herbert Grönemeyer schon in den Achtzigerjahren und träumte in seinen gleichnamigen Lied von einer gerechteren Welt ohne Krieg und Gewalt. Doch sind Kinder wirklich zu gerechtem oder gar gerechterem Handeln fähig? Diplom Pädagogin Regina Reichart-Corbach leitet seit drei Jahren die Erziehungs- und Familienberatung des Kreises Minden-Lübbecke und war zuvor 17 Jahre in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Obernkirchen tätig. Sie erkennt durchaus ein frühes Gerechtigkeitsempfinden bei Kindern. Wie sich ihre Fähigkeit zum Mitgefühl entwickle, hänge aber vom jeweiligen Umfeld ab. Die Weltherrschaft möchte sie ihnen aber lieber nicht gleich überlassen. Wie die Kleinsten selber über Gerechtigkeit denken, hat das MT Kinder aus der Kita-Weserhafen gefragt. Ab welchem Alter entwickeln Kinder ein Gerechtigkeitsempfinden oder ist das bereits angeboren? Gerechtigkeit verhindert Konflikte und macht Menschen zufrieden. Sie regelt die Beziehungen zwischen ihnen und ist eng mit einem Gefühl von Gleichheit und damit von Zufriedenheit verbunden. Um herauszufinden, ob ein Verhalten angeboren ist, sollte zunächst die Frage gestellt werden, ob es menschheitsgeschichtlich zum Überleben einer Spezies und zum Gelingen von Gesellschaften beigetragen hat. Wenn es um Gerechtigkeit geht, so würde ich diese Frage eindeutig bejahen. Die wissenschaftliche Studienlage bestätigt diese Annahme. Der Sinn für Gerechtigkeit lässt sich bereits bei 1-1,5-jährigen Kindern nachweisen, die traurige Bezugspersonen trösten, ihre Kekse teilen und Gefühle von Ungerechtigkeit ausdrücken. Auch bei Affen ließ sich der Gerechtigkeitssinn nachweisen. Bedarf es dazu bestimmter Einwirkungen durch die Eltern oder das Umfeld? Das ganze Sein eines Säuglings ist darauf angelegt, sich zu binden, um das Überleben zu sichern. Auch ältere Kinder wollen von sich aus mit ihren Bezugspersonen kooperieren. Ob und wie lange sie ihre genetische Anlage dazu nutzen, hängt direkt mit ihren Eltern und ihrem Umfeld zusammen. Kinder lernen am besten an Modellen. Das heißt, wenn ihre Eltern sie und einander gerecht behandeln, schauen Kinder sich dieses Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit ab. Gleiches gilt für Erzieherinnen und Erzieher und später für Lehrkräfte. Kinder identifizieren sich mit anderen. Welche Menschen wählen sie sich als Modelle? Das ist eine spannende Frage. Geht es in der Jugend dabei eher um den Sozialstatus, sachliche Kompetenz und die Beliebtheit anderer, so identifizieren sich kleine Kinder mit den Personen, die ihnen Sicherheit geben, sie feinfühlig versorgen und Liebe entgegenbringen. Was beeinflusst das Gerechtigkeitsempfinden der Kinder besonders? Für ein Kind ist es am wichtigsten, dass es sich selbst gerecht behandelt fühlt. Wenn sein eigenes Bedürfnis danach gut erfüllt ist, kann es mit anderen mitfühlen, Ungerechtigkeiten erkennen und benennen und versuchen diese auszugleichen. Diese Fähigkeit zum Mitgefühl, zur Empathie, ist ebenfalls genetisch angelegt. Sie kann durch das Umfeld gefördert oder zerstört werden. Spielt der Medienkonsum eine Rolle? Sie kennen vielleicht das Zitat von C.S. Lewis, der die Chroniken von Narnia geschrieben hat: „Wir lesen, um zu wissen, dass wir nicht allein sind." Dieser Satz trifft meines Erachtens nicht nur auf Bücher zu. Menschen jeden Alters lieben Filme, Serien und Geschichten, in denen sie sich wiederfinden. Hier kann es um ihre Realität, ihre Träume oder ihre Ängste gehen. Wie ist das bei Computerspielen? Dabei gilt aus meiner pädagogischen Sicht dasselbe. Es gibt tolle Spiele, die die Kooperationsfähigkeit der Spieler und Spielerinnen fordern und fördern. Sympathische Figuren laden zur Identifikation ein, viele handeln nach einem moralisch einwandfreien Kodex. Es geht häufig darum, Krieg zu verhindern, Menschen zu retten und hehre Ziele zu erreichen. Man muss „lediglich" hinnehmen, dass Gewalt als Mittel zur Erreichung dieser Ziele akzeptiert wird. Wie sollten Eltern damit umgehen? Eltern sollten sich mit den Spielen befassen und diese gerade bei jüngeren Kindern mit auswählen und mitspielen. Die Frage nach den Inhalten hängt für mich unmittelbar mit der Frage nach der zeitlichen Begrenzung des Medienkonsums zusammen. Befasst sich das Kind mit fragwürdigen Modellen, sollte man die Zeit sicher eng begrenzen. Positive Modelle in Medien tragen zur Herzensbildung und zur Entwicklung eines guten Gerechtigkeitssinns bei. Was können Eltern tun um das Gerechtigkeitsempfinden des Kindes zu schulen? Selbst gerecht sein. Kinder und Jugendliche sagen uns alles, was wir wissen müssen. Wenn ein Kind sich ungerecht behandelt fühlt und die Beziehung zu den Eltern noch respektvoll und tragfähig ist, dann wird es dies äußern. Eltern sollten gut zuhören und sich dafür öffnen, dass ihr Kind Recht haben könnte. Dann kann man sich entschuldigen und Entscheidungen überdenken. Nicht selten wird ein solches Gespräch davon handeln, ob es im Leben immer gerecht zugehen kann. Manchmal unterliegen wir Erwachsenen Sachzwängen, die wir nicht ändern können. Dies kann und sollte man Kindern vermitteln. Gibt es klassische Erziehungsfehler, die das Gerechtigkeitsempfinden beeinträchtigen? Allem voran ist hier die Strafe zu nennen. Als Erziehungsberaterin vertrete ich die Haltung, dass man Kinder straffrei heranwachsen lassen kann. Die allermeisten Strafen werden von Kindern als ungerecht empfunden. Passiert dies zu oft, nutzt die Strafe sich ab; sie beeindruckt das Kind nicht mehr und Eltern suchen eine neue, härtere Strafe. Es wird eine Eskalationsspirale in Gang gesetzt, in deren Verlauf, das Kind den Respekt gegenüber den Strafenden verliert. Es passiert also genau das Gegenteil dessen, was die Erwachsenen beabsichtigt haben. Kinder lernen durch das Strafen, Schreien und Schlagen genau diese Verhaltensweisen. Ihr anfangs intaktes Gerechtigkeitsempfinden geht im schlimmsten Fall dabei verloren. Ist Verwöhnen die bessere Option? Es tut Kindern ebenso wenig gut, wenn sie verwöhnt werden. Eltern, die selbst gestresst sind, geben den Wünschen ihrer Kinder nicht selten zu häufig nach. Sie scheuen Konflikte, haben Schuldgefühle, weil sie zu wenig Zeit für ihre Kinder haben und geben vor allem Konsumwünschen in zu großem Umfang nach. Dies gilt für Gegenstände ebenso wie für den Konsum von Medien. Was können die Folgen sein? Nicht selten schildern Eltern ihre Kinder in der Erziehungsberatung als „gierig", „unersättlich" und „anspruchsvoll". Auch Erwachsene können sich also von ihren Kindern ungerecht behandelt fühlen. Wir erarbeiten dann mit ihnen Wege, präsenter im Leben ihrer Kinder zu sein und Konflikte gewaltfrei durchzustehen. Kinder wollen Lust gewinnen und Unlust vermeiden. Konflikte bleiben also nicht aus. Die Kunst besteht darin, sie nicht zu fürchten und gemeinsam von ihnen zu lernen. Sind Kinder heute egoistischer als noch vor 20 Jahren? Ich hoffe nicht. Kinder werden immer noch mit der Anlage zu Mitgefühl und gerechtem Verhalten geboren. Die Allgegenwärtigkeit von Handys, Tablets & Co. und den damit verbundenen Programmen wie Instagram und Snapchat führt zu mehr Eitelkeit. Der Druck, gut auszusehen, sich selbst und sein Umfeld zu inszenieren, ist gestiegen. Die Beschäftigung mit den Handys führt dazu, dass Menschen weniger miteinander sprechen. Wir sehen Eltern mit Kinderwagen, die in ihr Handy sehen, statt mit dem (wachen) Kind zu sprechen. Wenn wir weniger miteinander sprechen, werden wir weniger voneinander verstehen und auch weniger mitfühlen. Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder. Herbert Grönemeyer wünscht sich Kinder an die Macht. Sind Kinder gerechter als Erwachsene? Ach. Das Verständnis von Gerechtigkeit und moralischem Verhalten ändert sich über die Lebensspanne. Wir sind in der Welt der Erwachsenen mit anderen, viel komplexeren Gerechtigkeitsfragen konfrontiert als Kinder es in ihrer Welt sind. Kinder erinnern uns mit ihren Fragen aber an Themen, die wir verdrängen und wir können von ihnen lernen. Nein, die Macht gehört nicht in Kinderhände, aber in die von Erwachsenen, die sich ihren Gerechtigkeitssinn bewahrt haben. Volo-Projekt: Gerechtigkeit Was ist Gerechtigkeit? Und warum regen uns manche Ungerechtigkeiten auf, während uns andere kalt lassen? Die Volontäre des Mindener Tageblatts, Julika Bergermann, Vasco Stemmer und Fabian Terwey, beschäftigen sich in diesem Jahr mit diesem Schwerpunkt. Das Thema zieht sich in loser Folge durch die verschiedenen Ressorts der Zeitung und MT.de.

Schon Kleinkinder haben einen Sinn für Gerechtigkeit: Doch sind sie gerechter als die Erwachsenen?

Um das Gerechtigkeitsempfinden von Kindern zu schulen, sollten ihre Bezugspersonen dafür sorgen, dass sich ihre Schützlinge selber auch gerecht behandelt fühlen, findet Regina Reichert-Corbach. Foto: Stefan Arend © epd-bild / Stefan Arend

Minden (mt). „Kinder an die Macht", das forderte Herbert Grönemeyer schon in den Achtzigerjahren und träumte in seinen gleichnamigen Lied von einer gerechteren Welt ohne Krieg und Gewalt. Doch sind Kinder wirklich zu gerechtem oder gar gerechterem Handeln fähig? Diplom Pädagogin Regina Reichart-Corbach leitet seit drei Jahren die Erziehungs- und Familienberatung des Kreises Minden-Lübbecke und war zuvor 17 Jahre in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Obernkirchen tätig. Sie erkennt durchaus ein frühes Gerechtigkeitsempfinden bei Kindern. Wie sich ihre Fähigkeit zum Mitgefühl entwickle, hänge aber vom jeweiligen Umfeld ab. Die Weltherrschaft möchte sie ihnen aber lieber nicht gleich überlassen. Wie die Kleinsten selber über Gerechtigkeit denken, hat das MT Kinder aus der Kita-Weserhafen gefragt.

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Regina Reichart-Corbach - © Foto: Mathias Jordan
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Ab welchem Alter entwickeln Kinder ein Gerechtigkeitsempfinden oder ist das bereits angeboren?

Gerechtigkeit verhindert Konflikte und macht Menschen zufrieden. Sie regelt die Beziehungen zwischen ihnen und ist eng mit einem Gefühl von Gleichheit und damit von Zufriedenheit verbunden. Um herauszufinden, ob ein Verhalten angeboren ist, sollte zunächst die Frage gestellt werden, ob es menschheitsgeschichtlich zum Überleben einer Spezies und zum Gelingen von Gesellschaften beigetragen hat. Wenn es um Gerechtigkeit geht, so würde ich diese Frage eindeutig bejahen. Die wissenschaftliche Studienlage bestätigt diese Annahme. Der Sinn für Gerechtigkeit lässt sich bereits bei 1-1,5-jährigen Kindern nachweisen, die traurige Bezugspersonen trösten, ihre Kekse teilen und Gefühle von Ungerechtigkeit ausdrücken. Auch bei Affen ließ sich der Gerechtigkeitssinn nachweisen.

Bedarf es dazu bestimmter Einwirkungen durch die Eltern oder das Umfeld?

Das ganze Sein eines Säuglings ist darauf angelegt, sich zu binden, um das Überleben zu sichern. Auch ältere Kinder wollen von sich aus mit ihren Bezugspersonen kooperieren. Ob und wie lange sie ihre genetische Anlage dazu nutzen, hängt direkt mit ihren Eltern und ihrem Umfeld zusammen. Kinder lernen am besten an Modellen. Das heißt, wenn ihre Eltern sie und einander gerecht behandeln, schauen Kinder sich dieses Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit ab. Gleiches gilt für Erzieherinnen und Erzieher und später für Lehrkräfte. Kinder identifizieren sich mit anderen.

Welche Menschen wählen sie sich als Modelle?

Das ist eine spannende Frage. Geht es in der Jugend dabei eher um den Sozialstatus, sachliche Kompetenz und die Beliebtheit anderer, so identifizieren sich kleine Kinder mit den Personen, die ihnen Sicherheit geben, sie feinfühlig versorgen und Liebe entgegenbringen.

Was beeinflusst das Gerechtigkeitsempfinden der Kinder besonders?

Für ein Kind ist es am wichtigsten, dass es sich selbst gerecht behandelt fühlt. Wenn sein eigenes Bedürfnis danach gut erfüllt ist, kann es mit anderen mitfühlen, Ungerechtigkeiten erkennen und benennen und versuchen diese auszugleichen. Diese Fähigkeit zum Mitgefühl, zur Empathie, ist ebenfalls genetisch angelegt. Sie kann durch das Umfeld gefördert oder zerstört werden.

Spielt der Medienkonsum eine Rolle?

Sie kennen vielleicht das Zitat von C.S. Lewis, der die Chroniken von Narnia geschrieben hat: „Wir lesen, um zu wissen, dass wir nicht allein sind." Dieser Satz trifft meines Erachtens nicht nur auf Bücher zu. Menschen jeden Alters lieben Filme, Serien und Geschichten, in denen sie sich wiederfinden. Hier kann es um ihre Realität, ihre Träume oder ihre Ängste gehen.

Wie ist das bei Computerspielen?

Dabei gilt aus meiner pädagogischen Sicht dasselbe. Es gibt tolle Spiele, die die Kooperationsfähigkeit der Spieler und Spielerinnen fordern und fördern. Sympathische Figuren laden zur Identifikation ein, viele handeln nach einem moralisch einwandfreien Kodex. Es geht häufig darum, Krieg zu verhindern, Menschen zu retten und hehre Ziele zu erreichen. Man muss „lediglich" hinnehmen, dass Gewalt als Mittel zur Erreichung dieser Ziele akzeptiert wird.

Wie sollten Eltern damit umgehen?

Eltern sollten sich mit den Spielen befassen und diese gerade bei jüngeren Kindern mit auswählen und mitspielen. Die Frage nach den Inhalten hängt für mich unmittelbar mit der Frage nach der zeitlichen Begrenzung des Medienkonsums zusammen. Befasst sich das Kind mit fragwürdigen Modellen, sollte man die Zeit sicher eng begrenzen. Positive Modelle in Medien tragen zur Herzensbildung und zur Entwicklung eines guten Gerechtigkeitssinns bei.

Was können Eltern tun um das Gerechtigkeitsempfinden des Kindes zu schulen?

Selbst gerecht sein. Kinder und Jugendliche sagen uns alles, was wir wissen müssen. Wenn ein Kind sich ungerecht behandelt fühlt und die Beziehung zu den Eltern noch respektvoll und tragfähig ist, dann wird es dies äußern. Eltern sollten gut zuhören und sich dafür öffnen, dass ihr Kind Recht haben könnte. Dann kann man sich entschuldigen und Entscheidungen überdenken. Nicht selten wird ein solches Gespräch davon handeln, ob es im Leben immer gerecht zugehen kann. Manchmal unterliegen wir Erwachsenen Sachzwängen, die wir nicht ändern können. Dies kann und sollte man Kindern vermitteln.

Gibt es klassische Erziehungsfehler, die das Gerechtigkeitsempfinden beeinträchtigen?

Allem voran ist hier die Strafe zu nennen. Als Erziehungsberaterin vertrete ich die Haltung, dass man Kinder straffrei heranwachsen lassen kann. Die allermeisten Strafen werden von Kindern als ungerecht empfunden. Passiert dies zu oft, nutzt die Strafe sich ab; sie beeindruckt das Kind nicht mehr und Eltern suchen eine neue, härtere Strafe. Es wird eine Eskalationsspirale in Gang gesetzt, in deren Verlauf, das Kind den Respekt gegenüber den Strafenden verliert. Es passiert also genau das Gegenteil dessen, was die Erwachsenen beabsichtigt haben. Kinder lernen durch das Strafen, Schreien und Schlagen genau diese Verhaltensweisen. Ihr anfangs intaktes Gerechtigkeitsempfinden geht im schlimmsten Fall dabei verloren.

Ist Verwöhnen die bessere Option?

Es tut Kindern ebenso wenig gut, wenn sie verwöhnt werden. Eltern, die selbst gestresst sind, geben den Wünschen ihrer Kinder nicht selten zu häufig nach. Sie scheuen Konflikte, haben Schuldgefühle, weil sie zu wenig Zeit für ihre Kinder haben und geben vor allem Konsumwünschen in zu großem Umfang nach. Dies gilt für Gegenstände ebenso wie für den Konsum von Medien.

Was können die Folgen sein?

Nicht selten schildern Eltern ihre Kinder in der Erziehungsberatung als „gierig", „unersättlich" und „anspruchsvoll". Auch Erwachsene können sich also von ihren Kindern ungerecht behandelt fühlen. Wir erarbeiten dann mit ihnen Wege, präsenter im Leben ihrer Kinder zu sein und Konflikte gewaltfrei durchzustehen. Kinder wollen Lust gewinnen und Unlust vermeiden. Konflikte bleiben also nicht aus. Die Kunst besteht darin, sie nicht zu fürchten und gemeinsam von ihnen zu lernen.

Sind Kinder heute egoistischer als noch vor 20 Jahren?

Ich hoffe nicht. Kinder werden immer noch mit der Anlage zu Mitgefühl und gerechtem Verhalten geboren. Die Allgegenwärtigkeit von Handys, Tablets & Co. und den damit verbundenen Programmen wie Instagram und Snapchat führt zu mehr Eitelkeit. Der Druck, gut auszusehen, sich selbst und sein Umfeld zu inszenieren, ist gestiegen. Die Beschäftigung mit den Handys führt dazu, dass Menschen weniger miteinander sprechen. Wir sehen Eltern mit Kinderwagen, die in ihr Handy sehen, statt mit dem (wachen) Kind zu sprechen. Wenn wir weniger miteinander sprechen, werden wir weniger voneinander verstehen und auch weniger mitfühlen. Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder.

Herbert Grönemeyer wünscht sich Kinder an die Macht. Sind Kinder gerechter als Erwachsene?

Ach. Das Verständnis von Gerechtigkeit und moralischem Verhalten ändert sich über die Lebensspanne. Wir sind in der Welt der Erwachsenen mit anderen, viel komplexeren Gerechtigkeitsfragen konfrontiert als Kinder es in ihrer Welt sind. Kinder erinnern uns mit ihren Fragen aber an Themen, die wir verdrängen und wir können von ihnen lernen. Nein, die Macht gehört nicht in Kinderhände, aber in die von Erwachsenen, die sich ihren Gerechtigkeitssinn bewahrt haben.

Volo-Projekt: Gerechtigkeit

Was ist Gerechtigkeit? Und warum regen uns manche Ungerechtigkeiten auf, während uns andere kalt lassen? Die Volontäre des Mindener Tageblatts, Julika Bergermann, Vasco Stemmer und Fabian Terwey, beschäftigen sich in diesem Jahr mit diesem Schwerpunkt. Das Thema zieht sich in loser Folge durch die verschiedenen Ressorts der Zeitung und MT.de.

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