MT-Serie: 75 Jahre Kriegsende - wenn auch das Schweigen endet Christine Riechmann Minden. „Als Vater nach Hause kam, war ich acht Jahre alt, mein Bruder fünf Jahre und meine kleine Schwester drei Jahre alt. Sie hatte meinen Vater noch nie gesehen.“ Mit diesen Worte schließt Waltraud Schwier ihre Erinnerungen an eine grausame Zeit ihres damals noch jungen Lebens. Als sie diese Zeilen auf ein weißes, schlichtes Blatt schreibt, ist sie 84 Jahre alt. Es sind Erinnerungen, die sie viele Jahre in ihrem Herzen verborgen hatte. „Über den Krieg wurde nicht mehr gesprochen“, erzählt die Mindenerin, die heute mit ihrem Mann Fritz in einer Wohnung in einem Seniorenwohnheim lebt. „Niemand hat mehr darüber gesprochen, das wurde alles verdrängt.“ Und trotzdem hat Waltraud Schwier die Bilder nie aus ihrem Kopfbekommen: „Unser Vater kam im November 1945 nach Hause. Für uns Kinder war er ein fremder Mann, der am späten Nachmittag plötzlich vor unserer Haustür stand“, schreibt sie. Die Mutter sei kopflos hin und her gerannt, hätte den Vater in die Waschküche gebracht und Seife, Handtücher, Rasierzeug und frische Kleidung geholt. „Dann kam Mutter mit Vater in unsere Wohnküche, Vater hatte eine Glatze.“ Nur ein einziges Mal habe ihr Vater mit ihr und den Geschwistern über das, was er erlebt hatte, gesprochen. Etwa ein Jahr, nachdem er zurück nach Hause kam, erzählte er ganz unvermittelt, dass er in Österreich gewesen sei. „Er sagte das, als sei er im Urlaub gewesen“, berichtet Waltraud Schwier. „Vater, du lügst“, habe sie daraufhin gesagt – und dann nie wieder gefragt. Die Kriegsjahre hat Waltraud Schwier als kleines Mädchen mit ihrer Familie zuerst in Nammen, später in Minden in der Rodenbecker Siedlung verbracht. Als ihr Vater 1942 an die Front musste, war ihre Mutter mit ihr und den beiden jüngeren Geschwistern alleine. Sie erinnert sich an ein Gefangenenlager in der Nammer Nachbarschaft und an ausgemergelte Soldaten, denen sie Brotstücke schenkte, an ihren Onkel, der geheiratet hatte und nur wenige Tage später tot war – gefallen in Frankreich. Sie denkt an Gasmasken und an Fliegeralarm, bei dem sie mit ihren Mitschülern in den Vorratskeller des Lehrers musste. „Aber am schlimmsten war es, wenn die Tiefflieger aus dem Nichts mit einmal da waren“, schreibt sie. „Einfach nur hinwerfen, Gesicht nach unten und Hände vor die Augen halten. Einmal habe ich mich gedreht, da konnte ich dem englischen Soldaten in die Augen schauen. Er hätte mich erschießen können, hat es wohl nicht können.“ Auch ihr Mann Fritz hat ein schlimmstes Erlebnis im Kopf, wenn er an den Krieg zurückdenkt. Aufgeschrieben hat er seine Erinnerungen nicht. Aus ihm sprudeln sie nur so heraus, wenn er anfängt zu erzählen: „Als Anfang 1944 in Todtenhausen die Bombe fiel, das ging so schnell, da sind wir gar nicht in den Keller gekommen“, berichtet er. Nur 250 Meter von seinem Elternhaus entfernt sei das passiert. Das eigentliche Ziel des Angriffs sei die Kanalüberführung gewesen. Der heute 85-jährige Fritz Schwier hat die Kriegsjahre in Todtenhausen verbracht. Dort lebte er mit seiner acht Jahre älteren Schwester und den Eltern auf dem Lande. Nachdem sein Vater 1938 als politischer Häftling ins KZ nach Bergen-Belsen gekommen ist, folgten Jahre an der Front in Russland und Frankreich, bis er 1944 in Gefangenschaft in Frankreich kam. 1947 wurde er krank entlassen und starb nur kurz darauf. Zu der Zeit war Fritz Schwier zwölf Jahre alt und Halbwaise. „Meine Mutter hatte dann das Sagen“, erinnert er sich. Das Ende des Krieges, zwei Jahre zuvor, hat er als große Freude empfunden. „Wir alle waren sehr erleichtert.“ Und wo andernorts die Zeiten voller Entbehrungen weiter gingen, hatten es die Leute auf dem Lande verhältnismäßig gut. Schweine und Ziegen im Stall und das Land vor der Tür hätten über die harten Jahre getragen. „Wir konnten uns selbst ernähren“, sagt Fritz Schwier. Das hat seine heutige Frau ganz anders erlebt. Waltraud Schwier erinnert sich an Hunger und Essensmarken, die nie gereicht hätten. Und sie erinnert sich an Panzer. Überall seien Panzer gewesen. „Ein gutes Gefühl fühlt sich anders an“, schreibt sie. „Aber endlich Waffenstillstand.“ Trotzdem sei der Kampf ums Überleben weiter gegangen. „Und dazu kamen die Plünderungen. Die Polen brachen ständig Wohnungen auf und nahmen die Eheringe mit, wenn vorhanden auch Schmuck. Einen 14-jährigen Jungen haben die Polen erschlagen. Die Mutter hat alles mit ansehen müssen. Die Schreie der Mutter konnten wir in der ganzen Siedlung hören.“ 75 Jahre hat es gedauert, bis Waltraud und Fritz Schwier intensiv über das reden, was sie erlebt haben – und nie vergessen werden. Mit ihren drei Kindern haben sie nur dann über den Krieg gesprochen, wenn die konkret gefragt haben. Ein großes Thema war das nie – bis jetzt. Neben dem bevorstehenden Jahrestag am 8. Mai ist es auch die aktuelle Situation in Deutschland, die sie veranlasst über das nachzudenken, was damals war. Fritz Schwier kann nicht verstehen, wie man der AfD angehören kann. „Manche Leute, die da drin sind, haben doch damals alles mitgekriegt.“ Die Autorin ist erreichbar unter (05 71) 882 169 oder Christine.Riechmann@MT.de 75 Jahre Kriegsende Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber. Wer selbst als Zeitzeuge seine über seine Erinnerungen erzählen möchte: Kontakt (0571) 882 73 oder lokales@mt.de

MT-Serie: 75 Jahre Kriegsende - wenn auch das Schweigen endet

Waltraud und Fritz Schwier sind seit 62 Jahren verheiratet. MT- © Foto: Christine Riechmann

Minden. „Als Vater nach Hause kam, war ich acht Jahre alt, mein Bruder fünf Jahre und meine kleine Schwester drei Jahre alt. Sie hatte meinen Vater noch nie gesehen.“ Mit diesen Worte schließt Waltraud Schwier ihre Erinnerungen an eine grausame Zeit ihres damals noch jungen Lebens. Als sie diese Zeilen auf ein weißes, schlichtes Blatt schreibt, ist sie 84 Jahre alt. Es sind Erinnerungen, die sie viele Jahre in ihrem Herzen verborgen hatte. „Über den Krieg wurde nicht mehr gesprochen“, erzählt die Mindenerin, die heute mit ihrem Mann Fritz in einer Wohnung in einem Seniorenwohnheim lebt. „Niemand hat mehr darüber gesprochen, das wurde alles verdrängt.“

Und trotzdem hat Waltraud Schwier die Bilder nie aus ihrem Kopfbekommen: „Unser Vater kam im November 1945 nach Hause. Für uns Kinder war er ein fremder Mann, der am späten Nachmittag plötzlich vor unserer Haustür stand“, schreibt sie. Die Mutter sei kopflos hin und her gerannt, hätte den Vater in die Waschküche gebracht und Seife, Handtücher, Rasierzeug und frische Kleidung geholt. „Dann kam Mutter mit Vater in unsere Wohnküche, Vater hatte eine Glatze.“

Nur ein einziges Mal habe ihr Vater mit ihr und den Geschwistern über das, was er erlebt hatte, gesprochen. Etwa ein Jahr, nachdem er zurück nach Hause kam, erzählte er ganz unvermittelt, dass er in Österreich gewesen sei. „Er sagte das, als sei er im Urlaub gewesen“, berichtet Waltraud Schwier. „Vater, du lügst“, habe sie daraufhin gesagt – und dann nie wieder gefragt.

Die Kriegsjahre hat Waltraud Schwier als kleines Mädchen mit ihrer Familie zuerst in Nammen, später in Minden in der Rodenbecker Siedlung verbracht. Als ihr Vater 1942 an die Front musste, war ihre Mutter mit ihr und den beiden jüngeren Geschwistern alleine. Sie erinnert sich an ein Gefangenenlager in der Nammer Nachbarschaft und an ausgemergelte Soldaten, denen sie Brotstücke schenkte, an ihren Onkel, der geheiratet hatte und nur wenige Tage später tot war – gefallen in Frankreich. Sie denkt an Gasmasken und an Fliegeralarm, bei dem sie mit ihren Mitschülern in den Vorratskeller des Lehrers musste.

„Aber am schlimmsten war es, wenn die Tiefflieger aus dem Nichts mit einmal da waren“, schreibt sie. „Einfach nur hinwerfen, Gesicht nach unten und Hände vor die Augen halten. Einmal habe ich mich gedreht, da konnte ich dem englischen Soldaten in die Augen schauen. Er hätte mich erschießen können, hat es wohl nicht können.“

Auch ihr Mann Fritz hat ein schlimmstes Erlebnis im Kopf, wenn er an den Krieg zurückdenkt. Aufgeschrieben hat er seine Erinnerungen nicht. Aus ihm sprudeln sie nur so heraus, wenn er anfängt zu erzählen: „Als Anfang 1944 in Todtenhausen die Bombe fiel, das ging so schnell, da sind wir gar nicht in den Keller gekommen“, berichtet er. Nur 250 Meter von seinem Elternhaus entfernt sei das passiert. Das eigentliche Ziel des Angriffs sei die Kanalüberführung gewesen.

Der heute 85-jährige Fritz Schwier hat die Kriegsjahre in Todtenhausen verbracht. Dort lebte er mit seiner acht Jahre älteren Schwester und den Eltern auf dem Lande. Nachdem sein Vater 1938 als politischer Häftling ins KZ nach Bergen-Belsen gekommen ist, folgten Jahre an der Front in Russland und Frankreich, bis er 1944 in Gefangenschaft in Frankreich kam. 1947 wurde er krank entlassen und starb nur kurz darauf. Zu der Zeit war Fritz Schwier zwölf Jahre alt und Halbwaise. „Meine Mutter hatte dann das Sagen“, erinnert er sich.

Das Ende des Krieges, zwei Jahre zuvor, hat er als große Freude empfunden. „Wir alle waren sehr erleichtert.“ Und wo andernorts die Zeiten voller Entbehrungen weiter gingen, hatten es die Leute auf dem Lande verhältnismäßig gut. Schweine und Ziegen im Stall und das Land vor der Tür hätten über die harten Jahre getragen. „Wir konnten uns selbst ernähren“, sagt Fritz Schwier.

Das hat seine heutige Frau ganz anders erlebt. Waltraud Schwier erinnert sich an Hunger und Essensmarken, die nie gereicht hätten.

Und sie erinnert sich an Panzer. Überall seien Panzer gewesen. „Ein gutes Gefühl fühlt sich anders an“, schreibt sie. „Aber endlich Waffenstillstand.“ Trotzdem sei der Kampf ums Überleben weiter gegangen. „Und dazu kamen die Plünderungen. Die Polen brachen ständig Wohnungen auf und nahmen die Eheringe mit, wenn vorhanden auch Schmuck. Einen 14-jährigen Jungen haben die Polen erschlagen. Die Mutter hat alles mit ansehen müssen. Die Schreie der Mutter konnten wir in der ganzen Siedlung hören.“

75 Jahre hat es gedauert, bis Waltraud und Fritz Schwier intensiv über das reden, was sie erlebt haben – und nie vergessen werden. Mit ihren drei Kindern haben sie nur dann über den Krieg gesprochen, wenn die konkret gefragt haben. Ein großes Thema war das nie – bis jetzt. Neben dem bevorstehenden Jahrestag am 8. Mai ist es auch die aktuelle Situation in Deutschland, die sie veranlasst über das nachzudenken, was damals war. Fritz Schwier kann nicht verstehen, wie man der AfD angehören kann. „Manche Leute, die da drin sind, haben doch damals alles mitgekriegt.“

Die Autorin ist erreichbar unter (05 71) 882 169 oder Christine.Riechmann@MT.de

75 Jahre Kriegsende

Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

Wer selbst als Zeitzeuge seine über seine Erinnerungen erzählen möchte: Kontakt (0571) 882 73 oder lokales@mt.de

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