Gleichstellungsbeauftragte Luisa Arndt hat keinen Kuschel-Job Julika Bergermann Minden. „Schöne Themen gibt es in meinem Beruf eigentlich nicht", sagt Luisa Arndt. „Und trotzdem ist es ein schöner Job." Dieser Job, den Arndt meint, ist der der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Minden. Seit etwa einem Jahr ist die 31-Jährige im Amt, zuvor war sie Gleichstellungsbeauftragte im niedersächsischen Uetze. Die unschönen Themen, mit denen sie sich beschäftigt, drehen sich vor allem um eines: Ungerechtigkeit. Im Rathaus am kleinen Domhof ist das Büro der neuen Gleichstellungsbeauftragten gar nicht so leicht zu finden. Glücklicherweise gibt die Dame am Informationsschalter recht detaillierte Richtungsempfehlungen. Mit dem Fahrstuhl geht es hinauf in den dritten Stock, dann nach rechts und hinein in einen langen Flur. In einer Nische, die unversehens vom Flur abgeht, liegt das Büro von Luisa Arndt. Lächelnd öffnet die junge Frau die Tür. Sie ist klein, zierlich und hat flammendrot gefärbtes Haar. „Früher war die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern noch offensichtlicher", erklärt sie. „Dafür sind wir jetzt an dem Punkt, an dem sie zum persönlichen Problem gemacht wird." Frauen werde weisgemacht, selbst Schuld zu sein, wenn sie Kinder, Beruf und Hausarbeit nicht unter einen Hut bekämen. Verantwortlich seien aber strukturelle Ungerechtigkeiten, wie zum Beispiel der Mangel an Kita-Plätzen. Manche Themen, die Luisa Arndt aufzählt, sind vertraut – so wie die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen oder die Kluft zwischen den Rentenbeträgen. „Hier in Minden-Lübbecke beträgt die durchschnittliche Rente einer Frau 666 Euro", berichtet die Gleichstellungsbeauftragte. „Das ist beinahe nur die Hälfte dessen, was ein Mann aus der Region im Schnitt erhält – nämlich etwa 1.050 Euro. Und das ist wirklich gravierend." Die Ungerechtigkeit lauert aber auch in ganz unerwarteten Kontexten. Medikament-Dosierungen würden oft für durchschnittliche Männerkörper berechnet, erzählt Arndt. „Und auch Crashtest-Dummies sind auf Körpergröße und -gewicht von männlichen Verkehrsteilnehmern ausgelegt – deshalb ist das Verletzungsrisiko von Frauen bei Verkehrsunfällen höher." Luisa Arndt ist aber nicht von der Art, die angesichts solcher Ungerechtigkeiten die Nerven verliert und die Welt in Schwarz und Weiß betrachtet. Sie reagiert verständnislos und ärgerlich auf Gehaltsunterschiede die darauf basieren, „dass Frauen keine Männer sind". Ungerechtigkeit spüre sie regelrecht körperlich. Aber sie hört auch nicht auf, zu reflektieren. „Natürlich haben auch Männer Probleme", sagt sie. „Und viele Erwartungen, die wir bis heute an sie haben, sind ebenfalls ungerecht." Beispielsweise könne es Familienväter unter Druck setzen, allein für die Versorgung ihrer Frau und Kinder zuständig zu sein. „Umso wichtiger ist eine gleichberechtigte Aufteilung", folgert die gebürtige Rostockerin. „Das ist für alle entlastender." So diplomatisch Luisa Arndt auch ist – trotzdem ist sie dazu bereit, sich dann und wann unbeliebt zu machen. „Ich sitze auf einem sehr unbequemen Stuhl", sagt sie. 80 Prozent ihres Jobs bestehe aus Diskutieren, Aushandeln und Kritik üben. „Das kann man nicht leisten, wenn man gemocht werden will." Bisher habe sie in Minden aber gute Erfahrungen gemacht: Ihren Einschätzungen werde zugehört, ihre Mahnungen berücksichtigt. Darauf ist Arndt angewiesen, denn sie berät und unterstützt – die Verantwortung für die Umsetzung liegt jedoch bei den Führungskräften. „Die unangenehmen Entscheidungen müssen andere treffen", sagt sie. „Das erlaubt es mir natürlich, meinen Idealismus zu behalten." Gleichstellung und Feminismus seien ihr schon immer wichtig gewesen, erzählt sie. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter habe sie traditionelle Geschlechterrollen nie wirklich kennengelernt. In der Schule dann habe eines Tages ein Mädchen gesagt, dass die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern doch weit fortgeschritten sei – und was sich bis jetzt nicht geändert habe, ändere sich auch nicht mehr. Das ist es, was Luisa Arndt wirklich wütend macht. Ignoranz – insbesondere von anderen Frauen. Die Ansicht, das Problem der Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern gebe es doch gar nicht mehr. „Ja, mir geht es gut", sagt sie. „Aber ich sehe genügend andere, bei denen es nicht so ist." Damit meint Arndt zum Beispiel die Frauen, die sich mit ihren Problemen direkt an sie wenden – oft wegen häuslicher Gewalt, mitunter auch wegen Problemen mit dem Arbeitgeber. Eigentlich ist Arndt nicht für die Beratung der Frauen zuständig, sondern leitet sie an andere Stellen weiter: „Aber wenn da eine weinende Frau vor meiner Tür steht, dann schicke ich sie nicht einfach weg." Lesen Sie dazu auch: Frauenberatungsstelle der AWO: „Hilfesuchen ist eine Kompetenz" Kommentar zum Weltfrauentag: Gleiches Recht für Alle Jan Henning Rogge Frauenförderung, Frauenquote, Gleichstellungsbeauftragte, Frauenberatungsstelle – man könnte meinen, es sei langsam genug. Ist es aber nicht. Noch immer verdienen Frauen im Durchschnitt in gleichen Positionen weniger als Männer. Noch immer opfern mehr Frauen ihre Karriere, um für Kinder oder Eltern zu sorgen. Noch immer verschwinden mehr Frauen alleinerziehend aus dem Arbeitsmarkt und steuern damit auf die Altersarmut zu. Auf der anderen Seite machen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt seit 2006 jedes Jahr mehr Frauen als Männer einen Hochschulabschluss. Und noch länger schon haben Männer schlechtere und niedrigere Schulabschlüsse als Frauen. Seinen Niederschlag in der Einkommensstatistik oder den genommenen Elternzeitmonaten findet das nicht. Unsere Gesellschaft ist fern davon, Gleichberechtigung oder Chancengleichheit zu bieten. Es geht überwiegend eben nicht nach Qualifikation – sondern nach Vorurteilen und Klischees. Und das betrifft nicht nur Frauen sondern in unterschiedlichen Situationen alle: Mädchen, Jungs, Migrantinnen, Migranten, Frauen, Männer. Dabei können wir uns solch einen Blödsinn angesichts der Probleme wie dem demografischen Wandel, populistischer Politik und globalen Veränderungen gar nicht leisten. Wir brauchen alle, an der jeweils richtigen Stelle. Und weil das eben nicht von selber klappt, brauchen wir Quoten und Förderung.

Gleichstellungsbeauftragte Luisa Arndt hat keinen Kuschel-Job

Für die Gleichberechtigung der Frauen: Am 8. März ist wieder Internationaler Frauentag. Im Jahr 1975 organisierten die Vereinten Nationen zum ersten Mal eine Feier an diesem Datum. Foto: Stefan Boness/Ipon © imago images/IPON

Minden. „Schöne Themen gibt es in meinem Beruf eigentlich nicht", sagt Luisa Arndt. „Und trotzdem ist es ein schöner Job." Dieser Job, den Arndt meint, ist der der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Minden. Seit etwa einem Jahr ist die 31-Jährige im Amt, zuvor war sie Gleichstellungsbeauftragte im niedersächsischen Uetze. Die unschönen Themen, mit denen sie sich beschäftigt, drehen sich vor allem um eines: Ungerechtigkeit.

Im Rathaus am kleinen Domhof ist das Büro der neuen Gleichstellungsbeauftragten gar nicht so leicht zu finden. Glücklicherweise gibt die Dame am Informationsschalter recht detaillierte Richtungsempfehlungen. Mit dem Fahrstuhl geht es hinauf in den dritten Stock, dann nach rechts und hinein in einen langen Flur. In einer Nische, die unversehens vom Flur abgeht, liegt das Büro von Luisa Arndt. Lächelnd öffnet die junge Frau die Tür. Sie ist klein, zierlich und hat flammendrot gefärbtes Haar.

Für die Gleichberechtigung der Frauen: Am 8. März ist wieder Internationaler Frauentag. Im Jahr 1975 organisierten die Vereinten Nationen zum ersten Mal eine Feier an diesem Datum. - © Foto: Stefan Boness/Ipon
Für die Gleichberechtigung der Frauen: Am 8. März ist wieder Internationaler Frauentag. Im Jahr 1975 organisierten die Vereinten Nationen zum ersten Mal eine Feier an diesem Datum. - © Foto: Stefan Boness/Ipon

„Früher war die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern noch offensichtlicher", erklärt sie. „Dafür sind wir jetzt an dem Punkt, an dem sie zum persönlichen Problem gemacht wird." Frauen werde weisgemacht, selbst Schuld zu sein, wenn sie Kinder, Beruf und Hausarbeit nicht unter einen Hut bekämen. Verantwortlich seien aber strukturelle Ungerechtigkeiten, wie zum Beispiel der Mangel an Kita-Plätzen.

Manche Themen, die Luisa Arndt aufzählt, sind vertraut – so wie die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen oder die Kluft zwischen den Rentenbeträgen. „Hier in Minden-Lübbecke beträgt die durchschnittliche Rente einer Frau 666 Euro", berichtet die Gleichstellungsbeauftragte. „Das ist beinahe nur die Hälfte dessen, was ein Mann aus der Region im Schnitt erhält – nämlich etwa 1.050 Euro. Und das ist wirklich gravierend."

Die Ungerechtigkeit lauert aber auch in ganz unerwarteten Kontexten. Medikament-Dosierungen würden oft für durchschnittliche Männerkörper berechnet, erzählt Arndt. „Und auch Crashtest-Dummies sind auf Körpergröße und -gewicht von männlichen Verkehrsteilnehmern ausgelegt – deshalb ist das Verletzungsrisiko von Frauen bei Verkehrsunfällen höher."

Luisa Arndt ist aber nicht von der Art, die angesichts solcher Ungerechtigkeiten die Nerven verliert und die Welt in Schwarz und Weiß betrachtet. Sie reagiert verständnislos und ärgerlich auf Gehaltsunterschiede die darauf basieren, „dass Frauen keine Männer sind". Ungerechtigkeit spüre sie regelrecht körperlich. Aber sie hört auch nicht auf, zu reflektieren. „Natürlich haben auch Männer Probleme", sagt sie. „Und viele Erwartungen, die wir bis heute an sie haben, sind ebenfalls ungerecht." Beispielsweise könne es Familienväter unter Druck setzen, allein für die Versorgung ihrer Frau und Kinder zuständig zu sein. „Umso wichtiger ist eine gleichberechtigte Aufteilung", folgert die gebürtige Rostockerin. „Das ist für alle entlastender."

So diplomatisch Luisa Arndt auch ist – trotzdem ist sie dazu bereit, sich dann und wann unbeliebt zu machen. „Ich sitze auf einem sehr unbequemen Stuhl", sagt sie. 80 Prozent ihres Jobs bestehe aus Diskutieren, Aushandeln und Kritik üben. „Das kann man nicht leisten, wenn man gemocht werden will." Bisher habe sie in Minden aber gute Erfahrungen gemacht: Ihren Einschätzungen werde zugehört, ihre Mahnungen berücksichtigt. Darauf ist Arndt angewiesen, denn sie berät und unterstützt – die Verantwortung für die Umsetzung liegt jedoch bei den Führungskräften. „Die unangenehmen Entscheidungen müssen andere treffen", sagt sie. „Das erlaubt es mir natürlich, meinen Idealismus zu behalten."

Gleichstellung und Feminismus seien ihr schon immer wichtig gewesen, erzählt sie. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter habe sie traditionelle Geschlechterrollen nie wirklich kennengelernt. In der Schule dann habe eines Tages ein Mädchen gesagt, dass die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern doch weit fortgeschritten sei – und was sich bis jetzt nicht geändert habe, ändere sich auch nicht mehr.

Das ist es, was Luisa Arndt wirklich wütend macht. Ignoranz – insbesondere von anderen Frauen. Die Ansicht, das Problem der Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern gebe es doch gar nicht mehr. „Ja, mir geht es gut", sagt sie. „Aber ich sehe genügend andere, bei denen es nicht so ist." Damit meint Arndt zum Beispiel die Frauen, die sich mit ihren Problemen direkt an sie wenden – oft wegen häuslicher Gewalt, mitunter auch wegen Problemen mit dem Arbeitgeber. Eigentlich ist Arndt nicht für die Beratung der Frauen zuständig, sondern leitet sie an andere Stellen weiter: „Aber wenn da eine weinende Frau vor meiner Tür steht, dann schicke ich sie nicht einfach weg."

Lesen Sie dazu auch: Frauenberatungsstelle der AWO: „Hilfesuchen ist eine Kompetenz"

Kommentar zum Weltfrauentag: Gleiches Recht für Alle

Jan Henning Rogge

Frauenförderung, Frauenquote, Gleichstellungsbeauftragte, Frauenberatungsstelle – man könnte meinen, es sei langsam genug. Ist es aber nicht. Noch immer verdienen Frauen im Durchschnitt in gleichen Positionen weniger als Männer. Noch immer opfern mehr Frauen ihre Karriere, um für Kinder oder Eltern zu sorgen. Noch immer verschwinden mehr Frauen alleinerziehend aus dem Arbeitsmarkt und steuern damit auf die Altersarmut zu.

Auf der anderen Seite machen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt seit 2006 jedes Jahr mehr Frauen als Männer einen Hochschulabschluss. Und noch länger schon haben Männer schlechtere und niedrigere Schulabschlüsse als Frauen.

Seinen Niederschlag in der Einkommensstatistik oder den genommenen Elternzeitmonaten findet das nicht. Unsere Gesellschaft ist fern davon, Gleichberechtigung oder Chancengleichheit zu bieten. Es geht überwiegend eben nicht nach Qualifikation – sondern nach Vorurteilen und Klischees. Und das betrifft nicht nur Frauen sondern in unterschiedlichen Situationen alle: Mädchen, Jungs, Migrantinnen, Migranten, Frauen, Männer.

Dabei können wir uns solch einen Blödsinn angesichts der Probleme wie dem demografischen Wandel, populistischer Politik und globalen Veränderungen gar nicht leisten. Wir brauchen alle, an der jeweils richtigen Stelle. Und weil das eben nicht von selber klappt, brauchen wir Quoten und Förderung.

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