Minden

Großbrand in der Altstadt: Nicht das erste Feuer in der Wohnung

Patrick Schwemling, Sebastian Radermacher und Doris Christoph

Im Gebäude an der Königstraße 24 gibt es zwölf Singlewohnungen von jeweils etwa 50 Quadratmetern. Die Wohnung im ersten Obergeschoss ist vollständig ausgebrannt. MT- - © Foto: Kassandra Rockstroh
Im Gebäude an der Königstraße 24 gibt es zwölf Singlewohnungen von jeweils etwa 50 Quadratmetern. Die Wohnung im ersten Obergeschoss ist vollständig ausgebrannt. MT- (© Foto: Kassandra Rockstroh)

Minden. Am Morgen danach liegt noch immer Brandgeruch in der Luft. In der ersten Etage des Mehrfamilienhauses zieht sich Ruß am roten Klinkerstein empor, in einem Gebüsch und auf dem Boden vor dem Gebäude liegt heruntergeworfene Kleidung – das Feuer der vergangenen Nacht hat Spuren hinterlassen. „Es stinkt erbärmlich", sagt einer der Bewohner des Hauses Königstraße 24 in der Altstadt. Es war am Dienstag kurz vor Mitternacht, als der Mann das Piepen des Rauchmelders aus der Nachbarwohnung hörte – und zunächst nicht einordnen konnte. Erst als eine Nachbarin an der Tür klopfte, war ihm klar: Es brennt.

Großbrand in der Mindener Altstadt (Plus-Inhalt)

Er konnte das Gebäude rechtzeitig verlassen. In dem Brandhaus gibt es zwölf Singlewohnungen mit jeweils circa 50 Quadratmetern. Insgesamt brachte die Feuerwehr aber 36 Menschen in Sicherheit – sie evakuierte nämlich auch das Nachbargebäude. Der Mann konnte zwar nach ein paar Stunden zurückkehren, aber erst am Mittwochmorgen bei Tageslicht wird das Ausmaß des Schadens deutlich. Seine Wohnung hat zum Glück nicht viel abbekommen, der Rauch wird ihn aber noch lange an das schreckliche Ereignis erinnern. Bei einem anderen Nachbarn sind die Fenster geborsten. Die Wohnung, in der das Feuer ausbrach, ist nicht mehr bewohnbar.

Die Einsatzkräfte verschafften sich auch über den Balkon Zutritt zur Wohnung. - © Foto: Feuerwehr Minden
Die Einsatzkräfte verschafften sich auch über den Balkon Zutritt zur Wohnung. (© Foto: Feuerwehr Minden)

Deren Bewohnerin sitzt nun in der Simeonsherberge, ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt vom Brandort, und versucht sich von dem Schrecken zu erholen. Hier kamen die Bewohner während des Feuerwehreinsatzes unter. Die 58-Jährige war erst am späten Dienstagabend aus dem Urlaub zurückgekommen, erzählt sie. Plötzlich habe sie die Flammen bemerkt. Sie habe sie ersticken wollen, griff nach irgendetwas, warf es auf die Flammen, doch das habe das Feuer anscheinend noch mehr angestachelt. „Ich bin dann raus zu meiner Nachbarin, habe ihr gesagt, sie solle die Feuerwehr rufen." Denn ihr Handy war noch im Koffer. Dann fiel die Wohnungstür zu. „Sonst wäre es bestimmt nicht so schlimm gekommen", überlegt sie.

Die Wohnung der Frau an der Königstraße stand lichterloh in Flammen. - © Foto: pr
Die Wohnung der Frau an der Königstraße stand lichterloh in Flammen. (© Foto: pr)

Der Alarm geht am Dienstag gegen 23.30 Uhr bei der Feuerwehr-Leitstelle ein. Als die Einsatzkräfte vor Ort eintreffen, ist aus der Wohnung weißer Rauch zu sehen. Kurz bevor der erste Angriffstrupp mit dem Löschen beginnt, steht die Wohnung im Vollbrand. „Die Flammen schlugen massiv aus den Fenstern. Eine kritische Situation", sagt Heino Nordmeyer, Einsatzleiter der Mindener Feuerwehr. Denn das Feuer droht auf das Nachbarhaus überzugreifen. Die Gebäude, die der Genossenschaft für Siedlungsbau und Wohnen Minden (GSW) gehören, haben separate Eingänge, sind aber aneinander gebaut. In Abstimmung mit der Polizei entscheidet die Feuerwehr, beide Häuser kurzfristig zu räumen. „Es gab zum Glück keine Verletzten", sagt Nordmeyer. Die Evakuierung ist nicht unkompliziert, denn es müssen zum Beispiel auch fünf kleine Kinder und eine ältere Frau, deren Mobilität eingeschränkt ist, in Sicherheit gebracht werden.

Auch Bernhard Speller, Pfarrer der benachbarten Petrigemeinde, und Jürgen Tiemann, Superintendent des Kirchenkreises Minden, haben den Brand bemerkt. Beide wohnen nahe des Einsatzortes. Als sie die Bewohner, teilweise nur mit Schlafanzügen bekleidet oder in Decken gehüllt, bei Temperaturen um Null Grad auf der Straße stehen oder in den Polizeibullis sitzen sehen, wollen sie helfen. Sie überlegen, wo sie die Menschen unterbringen könnten. „Im Gemeindehaus wäre es nicht so warm gewesen", sagt Speller. Bald kommen sie auf die Simeonsherberge.

„Das hat hervorragend funktioniert", berichtet Einsatzleiter Nordmeyer und lobt die Hilfsbereitschaft. In der Herberge mit 18 Betten, in der normalerweise Pilger, Gruppen und Urlauber Unterschlupf finden, werden die Bewohner im Alter zwischen drei und über 80 Jahren mit Tee, Kaffee und Essen versorgt. Außerdem richten die Helfer zusammen mit Herbergsvater Jonathan Löchelt Betten her. Ein Notarzt und der Rettungsdienst kümmern sich um die Zufluchtsuchenden.

Unterdessen bekämpfen sechs Zweier-Trupps der Feuerwehr den Brand in der Wohnung von außen über den Balkon. Zudem verschaffen sie sich durch die Wohnungstür Zutritt. Die Feuerwehrleute können den Brand recht schnell löschen und ein Übergreifen auf das Nachbarhaus verhindern. Sie müssen anschließend die Wohnungen gründlich lüften und kontrollieren, ob noch eine Brandgefahr besteht. 85 Kräfte sind in der Nacht im Einsatz.

Gegen 2.30 Uhr ist der Einsatz beendet – die Feuerwehr rückt ab, und die meisten Bewohner können zurück in ihr Zuhause. Die Brandwohnung sowie die darüber und darunter liegenden Unterkünfte sind zunächst nicht zugänglich. Sechs Menschen übernachten in der Herberge, darunter eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Eine Frau mit Gehbeeinträchtigung wird in ein Hotel gebracht.

Die Polizei kann die Ermittlungen zur Brandursache am Mittwoch schnell abschließen: Die dort allein lebende Bewohnerin „hatte mutmaßlich durch den unsachgemäßen Umgang mit Kerzen den Brand ausgelöst", heißt es am Nachmittag in einer offiziellen Mitteilung. Die Experten der Kripo schätzen den Schaden auf rund 100.000 Euro.

Laut Auskunft von Bernd Hausmann vom GSW-Vorstand werde sich nun die Gebäudeversicherung um die Abwicklung des Schadens kümmern. Er bestätigt MT-Informationen, nach denen es in der Vergangenheit in der Wohnung der Frau bereits zweimal gebrannt habe: „Vor elf und 13 Jahren." Der jeweilige Schaden sei damals aber nicht so hoch gewesen. Ob es noch kleinere Brände gegeben hat, die der GSW nicht gemeldet wurden, dazu konnte er nichts sagen. Auch Heino Nordmeyer von der Feuerwehr bestätigte, dass es in der Vergangenheit mehrere Einsätze in dem Wohnhaus gegeben habe.

Das Ordnungsamt der Stadt Minden hilft obdachlosen Menschen nach einem Brandfall. Der Mitarbeiter – nachts gibt es einen Bereitschaftsdienst – wird über den Einsatzleiter der Feuerwehr kontaktiert. Vor Ort werde dann zum Beispiel abgefragt, wer eine Hausratversicherung abgeschlossen hat. „Je nach Vertragslage übernimmt die Versicherung für einen bestimmen Zeitraum die Kosten für ein Hotel beziehungsweise eine Pension", erklärt Stadtsprecherin Katharina Heß.

Der Vermieter soll außerdem prüfen, ob er Ersatzwohnungen stellen kann. Personen, die nicht versorgt werden können, würden in einer Notunterkunft der Stadt untergebracht. „Sollten die freien Kapazitäten nicht ausreichen, kann die Stadt auch Hotel- oder Pensionszimmer anmieten", sagt Heß. Für ältere oder hilfsbedürftige Personen werde die Möglichkeit der Unterbringung in einer Kurzzeitpflege geprüft.

Die 58-jährige Bewohnerin hat bei dem Brand an der Königstraße ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Eine Hausratversicherung habe sie nicht. Eine Nachbarin hat ihr Kleidung geliehen. „Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht." Laut Polizei ist sie bei Bekannten untergekommen.

Die Autoren sind zu erreichen unter Patrick.Schwemling@MT.de, Sebastian.Radermacher@MT.de, Doris.Christoph@MT.de,Telefon (0571) 882 73

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MindenGroßbrand in der Altstadt: Nicht das erste Feuer in der WohnungPatrick Schwemling,Sebastian Radermacher,Doris ChristophMinden. Am Morgen danach liegt noch immer Brandgeruch in der Luft. In der ersten Etage des Mehrfamilienhauses zieht sich Ruß am roten Klinkerstein empor, in einem Gebüsch und auf dem Boden vor dem Gebäude liegt heruntergeworfene Kleidung – das Feuer der vergangenen Nacht hat Spuren hinterlassen. „Es stinkt erbärmlich", sagt einer der Bewohner des Hauses Königstraße 24 in der Altstadt. Es war am Dienstag kurz vor Mitternacht, als der Mann das Piepen des Rauchmelders aus der Nachbarwohnung hörte – und zunächst nicht einordnen konnte. Erst als eine Nachbarin an der Tür klopfte, war ihm klar: Es brennt. Er konnte das Gebäude rechtzeitig verlassen. In dem Brandhaus gibt es zwölf Singlewohnungen mit jeweils circa 50 Quadratmetern. Insgesamt brachte die Feuerwehr aber 36 Menschen in Sicherheit – sie evakuierte nämlich auch das Nachbargebäude. Der Mann konnte zwar nach ein paar Stunden zurückkehren, aber erst am Mittwochmorgen bei Tageslicht wird das Ausmaß des Schadens deutlich. Seine Wohnung hat zum Glück nicht viel abbekommen, der Rauch wird ihn aber noch lange an das schreckliche Ereignis erinnern. Bei einem anderen Nachbarn sind die Fenster geborsten. Die Wohnung, in der das Feuer ausbrach, ist nicht mehr bewohnbar. Deren Bewohnerin sitzt nun in der Simeonsherberge, ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt vom Brandort, und versucht sich von dem Schrecken zu erholen. Hier kamen die Bewohner während des Feuerwehreinsatzes unter. Die 58-Jährige war erst am späten Dienstagabend aus dem Urlaub zurückgekommen, erzählt sie. Plötzlich habe sie die Flammen bemerkt. Sie habe sie ersticken wollen, griff nach irgendetwas, warf es auf die Flammen, doch das habe das Feuer anscheinend noch mehr angestachelt. „Ich bin dann raus zu meiner Nachbarin, habe ihr gesagt, sie solle die Feuerwehr rufen." Denn ihr Handy war noch im Koffer. Dann fiel die Wohnungstür zu. „Sonst wäre es bestimmt nicht so schlimm gekommen", überlegt sie. Der Alarm geht am Dienstag gegen 23.30 Uhr bei der Feuerwehr-Leitstelle ein. Als die Einsatzkräfte vor Ort eintreffen, ist aus der Wohnung weißer Rauch zu sehen. Kurz bevor der erste Angriffstrupp mit dem Löschen beginnt, steht die Wohnung im Vollbrand. „Die Flammen schlugen massiv aus den Fenstern. Eine kritische Situation", sagt Heino Nordmeyer, Einsatzleiter der Mindener Feuerwehr. Denn das Feuer droht auf das Nachbarhaus überzugreifen. Die Gebäude, die der Genossenschaft für Siedlungsbau und Wohnen Minden (GSW) gehören, haben separate Eingänge, sind aber aneinander gebaut. In Abstimmung mit der Polizei entscheidet die Feuerwehr, beide Häuser kurzfristig zu räumen. „Es gab zum Glück keine Verletzten", sagt Nordmeyer. Die Evakuierung ist nicht unkompliziert, denn es müssen zum Beispiel auch fünf kleine Kinder und eine ältere Frau, deren Mobilität eingeschränkt ist, in Sicherheit gebracht werden. Auch Bernhard Speller, Pfarrer der benachbarten Petrigemeinde, und Jürgen Tiemann, Superintendent des Kirchenkreises Minden, haben den Brand bemerkt. Beide wohnen nahe des Einsatzortes. Als sie die Bewohner, teilweise nur mit Schlafanzügen bekleidet oder in Decken gehüllt, bei Temperaturen um Null Grad auf der Straße stehen oder in den Polizeibullis sitzen sehen, wollen sie helfen. Sie überlegen, wo sie die Menschen unterbringen könnten. „Im Gemeindehaus wäre es nicht so warm gewesen", sagt Speller. Bald kommen sie auf die Simeonsherberge. „Das hat hervorragend funktioniert", berichtet Einsatzleiter Nordmeyer und lobt die Hilfsbereitschaft. In der Herberge mit 18 Betten, in der normalerweise Pilger, Gruppen und Urlauber Unterschlupf finden, werden die Bewohner im Alter zwischen drei und über 80 Jahren mit Tee, Kaffee und Essen versorgt. Außerdem richten die Helfer zusammen mit Herbergsvater Jonathan Löchelt Betten her. Ein Notarzt und der Rettungsdienst kümmern sich um die Zufluchtsuchenden. Unterdessen bekämpfen sechs Zweier-Trupps der Feuerwehr den Brand in der Wohnung von außen über den Balkon. Zudem verschaffen sie sich durch die Wohnungstür Zutritt. Die Feuerwehrleute können den Brand recht schnell löschen und ein Übergreifen auf das Nachbarhaus verhindern. Sie müssen anschließend die Wohnungen gründlich lüften und kontrollieren, ob noch eine Brandgefahr besteht. 85 Kräfte sind in der Nacht im Einsatz. Gegen 2.30 Uhr ist der Einsatz beendet – die Feuerwehr rückt ab, und die meisten Bewohner können zurück in ihr Zuhause. Die Brandwohnung sowie die darüber und darunter liegenden Unterkünfte sind zunächst nicht zugänglich. Sechs Menschen übernachten in der Herberge, darunter eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Eine Frau mit Gehbeeinträchtigung wird in ein Hotel gebracht. Die Polizei kann die Ermittlungen zur Brandursache am Mittwoch schnell abschließen: Die dort allein lebende Bewohnerin „hatte mutmaßlich durch den unsachgemäßen Umgang mit Kerzen den Brand ausgelöst", heißt es am Nachmittag in einer offiziellen Mitteilung. Die Experten der Kripo schätzen den Schaden auf rund 100.000 Euro. Laut Auskunft von Bernd Hausmann vom GSW-Vorstand werde sich nun die Gebäudeversicherung um die Abwicklung des Schadens kümmern. Er bestätigt MT-Informationen, nach denen es in der Vergangenheit in der Wohnung der Frau bereits zweimal gebrannt habe: „Vor elf und 13 Jahren." Der jeweilige Schaden sei damals aber nicht so hoch gewesen. Ob es noch kleinere Brände gegeben hat, die der GSW nicht gemeldet wurden, dazu konnte er nichts sagen. Auch Heino Nordmeyer von der Feuerwehr bestätigte, dass es in der Vergangenheit mehrere Einsätze in dem Wohnhaus gegeben habe. Das Ordnungsamt der Stadt Minden hilft obdachlosen Menschen nach einem Brandfall. Der Mitarbeiter – nachts gibt es einen Bereitschaftsdienst – wird über den Einsatzleiter der Feuerwehr kontaktiert. Vor Ort werde dann zum Beispiel abgefragt, wer eine Hausratversicherung abgeschlossen hat. „Je nach Vertragslage übernimmt die Versicherung für einen bestimmen Zeitraum die Kosten für ein Hotel beziehungsweise eine Pension", erklärt Stadtsprecherin Katharina Heß. Der Vermieter soll außerdem prüfen, ob er Ersatzwohnungen stellen kann. Personen, die nicht versorgt werden können, würden in einer Notunterkunft der Stadt untergebracht. „Sollten die freien Kapazitäten nicht ausreichen, kann die Stadt auch Hotel- oder Pensionszimmer anmieten", sagt Heß. Für ältere oder hilfsbedürftige Personen werde die Möglichkeit der Unterbringung in einer Kurzzeitpflege geprüft. Die 58-jährige Bewohnerin hat bei dem Brand an der Königstraße ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Eine Hausratversicherung habe sie nicht. Eine Nachbarin hat ihr Kleidung geliehen. „Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht." Laut Polizei ist sie bei Bekannten untergekommen. Die Autoren sind zu erreichen unter Patrick.Schwemling@MT.de, Sebastian.Radermacher@MT.de, Doris.Christoph@MT.de,Telefon (0571) 882 73